Geblättert: „Lesen im Geschichtsstudium“ von Sarah Thieme und Jana Weiß

Geschichtsbuch © Pixabay 2020 Foto: Tumisu

Lesen im Geschichtsstudium

von Sarah Thieme und Jana Weiß

 

Über das Buch

Lesen ist eine Kernkompetenz des Historischen Arbeitens, die beim Studienbeginn zunächst oft überfordert. Der Band liefert Studierenden einen verständlichen, systematischen und praktischen Leitfaden für das Historische Lesen von Fachliteratur der Geschichtswissenschaft. Er unterstützt Studierende darin zu entscheiden, was sie wann und wie lesen, Texte zielgerichtet und fragengeleitet zu erschließen sowie das Gelesene nachzubereiten.

Leseprobe: S. 30-34

 

Kapitel 4: Am Anfang – Was lese ich wie zuerst?

Fragen, auf die Sie Antworten bekommen:

    • In welchen Situationen lese ich welche Art von Fachlitera­tur?
    • Mit welcher Fachliteratur beginne ich, wenn ich mich selb­ständig in ein Thema einlesen möchte?
    • Was sind die ersten Schritte, wenn ich beginne, ein ge­schichtswissenschaftliches Buch zu lesen?
    • Wann höre ich auf zu lesen, wann lege ich ein Buch zur Seite?
    • Wann entscheide ich mich, Literatur vertiefend zu lesen?

Im Folgenden erläutern wir das erste Einlesen Schritt für Schritt. Möglicherweise wenden Sie einige der Schritte bereits an. Vielleicht unterscheidet sich Ihr bisheriges Einlesen in ein Thema jedoch auch gravierend von den vorgestellten Abläufen – das ist am Studienan­fang völlig normal!

Wir möchten Ihnen unsere Leseprozesse offenlegen und Sie er­mutigen, diese auszuprobieren und in Ihren eigenen Lesealltag zu integrieren. Die einzelnen mentalen Schritte des Einlesens können Sie in jeder Lesesituation anwenden.

 

Das orientierende Einlesen

Um sich einen ersten Einblick zu verschaffen, beginnen Sie bei den Nachschlagewerken (siehe Kapitel 3). Wie bereits erwähnt, erhalten Sie hier einen groben Überblick über ein Thema, den Forschungs­stand, gegenwärtige Forschungsfragen oder auch Desiderate der Forschung sowie Hinweise für weiterführende Literatur. Auch kön­nen Sie in dieser ersten Phase möglicherweise an bereits bespro­chene Fachliteratur aus Ihrem Seminarkontext anknüpfen. Erst in einem zweiten Schritt sollten Sie sich in die Spezialliteratur zu Ihrem Thema einlesen.

Dabei hängt die Anzahl der benötigten Fachliteratur von vielen Faktoren ab (Vorgaben der Dozent*innen, Eingrenzung des Themas, wie viel wurde schon dazu geforscht etc.), als dass wir diese verall­gemeinert festsetzen könnten. Allerdings genügen in der Praxis oft schon eine Handvoll einschlägiger Titel, um sich einzulesen. Ein In­diz für einen „einschlägigen“ Titel ist es, wenn dieser wiederholt zi­tiert wird bzw. öfter auftaucht. Jedoch sollten Sie hier auf zwei Dinge achten: erstens, dass die viel zitierten Werke auch wirklich zu Ihrem Thema passen (sonst wirkt es schnell wie ein inhaltsloses name dropping); zweitens, dass Sie die neuere Forschung (die eben noch nicht so häufig zitiert wurde) miteinbeziehen. Auch bei sogenann­ten „Standardwerken“ sollten Sie immer kritisch bleiben, da diese zum Teil unreflektiert übernommen wurden, weil „alle anderen dies auch gemacht haben“ oder weil sich bestimmte Autor*innen gerne gegenseitig zitieren (Zitierzirkel).

„Lesen“ meint in dieser Anfangsphase zunächst nicht Wort für Wort lesen, sondern vielmehr eine erste Annäherung an die Litera­tur, das heißt ein sichtendes, überfliegendes Lesen. Lösen Sie sich dabei von Ihren Erfahrungen aus der Schulzeit: Während in der Schule vermittelt wurde, dass man Texte von vorne bis hinten zu 100 Prozent lesen und verstehen muss, folgt die Geschichtswissen­schaft einer anderen Logik. Wissenschaftliche Texte orientieren sich nicht an der Lernprogression ihrer Leser*innen, sondern widmen sich in erster Linie dem Thema und ihrem eigenen Beitrag zur For­schungsdebatte. Sie müssen also weder den kompletten Text lesen, noch alles auf Anhieb verstehen.

Das Einlesen ist eher ein Durchblättern und Überfliegen als tat­sächliches Lesen. Suchen Sie gezielt nach zentralen Schlagwörtern für Ihr Thema oder Ihren Untersuchungsgegenstand. Haben Sie auch den Mut, Abschnitte zu überspringen, die Ihrem Erkenntnis­interesse nicht entsprechen. Fangen Sie mit zentralen Begriffen an, die den Kontext Ihrer Fragestellung oder These so präzise wie mög­lich widerspiegeln; je mehr Sie sich einlesen, desto deutlicher bilden sich Schlüsselwörter heraus.

Tipp: Wenn Sie bereits wissen, wonach Sie konkret suchen, kön­nen Sie bei elektronischen Texten hierfür die Suchfunktion nutzen. Eine weitere Möglichkeit des systematischeren Überfliegens ist es, für die erste Orientierung je die ersten beiden Sätze eines neuen Ab­satzes bzw. Kapitels „anzulesen“, um einen Eindruck vom Inhalt zu erhalten.

Ziel des Einlesens ist es, zu erkennen, ob der vorliegende Text grundsätzlich zu Ihrem Thema und Leseziel passt. Entspricht der Text meinem Wissensstand? Entspricht er meinem Erkenntnisinte­resse? Sind die Kerngedanken relevant für meine Forschung?

Die Entscheidung, ein Werk zur Seite zu legen, weil es nicht zu Ihrem Thema passt, wird Ihnen leichter fallen, je mehr (Lese-)Rou­tine und Erfahrung Sie gesammelt haben (dazu mehr im nächsten Abschnitt „Die ersten 20 Minuten mit einer Monographie“). Auch uns ist es am Anfang unseres Studiums nicht leichtgefallen, einen Text „auszusortieren“. Es ergibt aber mehr Sinn und spart Zeit, nach einem neuen und geeigneteren Text zu suchen, anstatt einen unge­eigneten weiter zu lesen, den wir am Ende doch nicht verwenden können.

Darüber hinaus dient das Einlesen der ersten Annäherung an den Forschungsdiskurs: Welche Forscher*innen haben bereits wie viel zu dem Thema geforscht und publiziert? Gab es hierzu Ko­operationen unter ihnen oder haben sich Forschungsverbünde (Sonderforschungsbereiche, Exzellenzcluster etc.) vertiefend mit einem Thema beschäftigt? Welche Ansätze/Schulen werden in der Forschung vertreten? Gibt es Kontroversen und erkennen Sie gegen­sätzliche Positionen? Zu welchem Zeitpunkt sind besonders viele Publikationen zum Thema erschienen, war das Thema also beson­ders aktuell?

 

Beispiel: Die ersten 20 Minuten mit einer Monographie

Wie bereits erwähnt, lesen Historiker*innen nur sehr selten ganze Bücher. Vielmehr nähern wir uns einer Monographie systematisch, das heißt in bestimmten Schritten, an. Erst währenddessen bzw. da­nach entscheiden wir, ob das Buch überhaupt in Frage kommt bzw. welche Abschnitte wir darin vertiefend lesen werden. Im Folgenden möchten wir Ihnen „unsere“ Schritte (die wir mit jeder Monogra­phie anwenden) offenlegen und Sie ermutigen, dies mit einer Mono­graphie aus Ihrem Studienalltag selbst auszuprobieren.

Die Idee, unsere mentalen Prozesse bei der Buchannäherung offenzulegen, geht zurück auf die Kolleg*innen an der Universität Bielefeld (insbesondere Friederike Neumann), die hierzu auch ein YouTube-Video veröffentlicht haben (https://www.youtube.com/watch?v=gYYC72R55XE [Zugriff: 30.07.2019]), sowie auf die Arbei­ten von David Pace und Joan Middendorf (2004).

Bevor Sie ein Buch überhaupt aufschlagen, überprüfen Sie fol­gende Kriterien (die sich unter anderem mit den Grundfragen an Texte aus Kapitel 2 decken):

Autor*in: Ist die*der Autor*in bekannt (vielleicht aus dem Semi­narkontext) bzw. ist sie*er eine Expert*in zu diesem Thema? Aus welcher „Schule“ oder aus welchem Forschungsverbund kommt die*der Autor*in? Was qualifiziert sie*ihn für das Thema? Ist sie*er in Fachkreisen bekannt? Welcher Institution gehört sie*er an? Wo liegen ihre*seine Forschungsschwerpunkte? Hat sie*er bereits zu dem Thema publiziert?

Wissenschaftliche Literatur ist zeitgebunden. Geschichtsschrei­bung bedeutet immer eine Auswahl und bestimmte Perspektive auf Vergangenes. Sollte Ihnen die*der Autor*in unbekannt sein, stehen häufig Hinweise zu der*dem Autor*in und ihrer*seiner „Schule“ im Klappentext oder in der Danksagung; auch Google kann Ihnen hier vielleicht weiterhelfen (siehe Kapitel 9). Verzweifeln Sie nicht; es ist ganz normal, dass Sie zu Beginn ihres Studiums noch keinen Namen wiedererkennen. Dies ändert sich mit der Zeit und wachsender Er­fahrung.

Ein Beispiel: Vor uns liegt das Buch Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918 von Hans-Ulrich Wehler (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1997). Mit dem Autor verbinden wir die soge­nannte „Bielefelder Schule“ und die Sozialgeschichte. Diese Infor­mation wiederum prägt unsere Erwartungshaltung an das Buch: So haben sich Sozialhistoriker*innen seit Ende der 1950er Jahre gegen die Personen- und Ereignisgeschichte des Historismus gestellt und entsprechend nicht die Rolle und Handlungen von Einzelpersonen, sondern vielmehr die gesellschaftlichen Strukturen in den Blick ge­nommen. Aus diesem aktivierten Vorwissen erwächst unsere Er­wartung an das Buch: Wir erwarten von dem Band weniger eine Abhandlung über politische Akteure wie Kaiser Wilhelm II. oder Reichskanzler Otto von Bismarck, als vielmehr eine Analyse der in dieser Zeit stattfindenden sozioökonomischen Prozesse.

 

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© Pixabay 2020 / Foto: Tumisu