Geblättert: „Intersektionalität: Geschichte, Theorie und Praxis“ von Kerstin Bronner und Stefan Paulus (2. Auflage)

Feuerkreise © Pixabay 2021 / Foto: Free-Photos

Intersektionalität: Geschichte, Theorie und Praxis. Eine Einführung für das Studium der Sozialen Arbeit und der Erziehungswissenschaft (2. Auflage)

von Kerstin Bronner und Stefan Paulus

 

Über das Buch

Was ist Intersektionalität und wofür ist sie gut? Dieses Lehrbuch bietet eine fundierte und verständliche Einführung in das Thema samt Praxis- und Forschungsbezug – von der historischen Entwicklung des Konzepts im deutschsprachigen Raum bis hin zu seinem Nutzen zur Analyse sozialer Ungleichheit. Mithilfe praxisbezogener Umsetzungsbeispiele erörtern die Autor*innen außerdem, welche Chancen und Herausforderungen ein intersektioneller Analyseblick sowohl für die Forschung als auch für die Praxis bereithält.

Leseprobe: S. 105-110

 

5 Nutzen, Anforderungen und Herausforderungen eines intersektionalen Analyseblicks in Praxis und Forschung

Historisch betrachtet, sind soziale Ungleichheiten und deren Konsequen­zen für Individuen seit den Anfängen Sozialer Arbeit ein zentrales Thema der Profession. So standen Armut, Devianz und abweichendes Verhalten schon zu Beginn der Profession im Zentrum mit dem Ziel, Individuen mehr soziale Teilhabe zu ermöglichen und deren Handlungsmöglichkeiten zu er­weitern (vgl. z.B. Maurer 2001; Hauss 1995; Matter 2011). Soziale Katego­rien spielen also von jeher eine Rolle in der Sozialen Arbeit und damit eben auch Prozesse des Unterscheidens und Normierens. Wie bereits dargelegt, stellt sich prinzipiell die Frage, ob Soziale Arbeit überhaupt ohne Prozesse des Kategorisierens auskommt. Anders gefragt: Können Zielgruppen und Probleme überhaupt benannt, analysiert, bearbeitet werden, ohne zu un­terscheiden und zu kategorisieren? Und kann innerhalb der Sozialen Arbeit differenziert und kategorisiert werden, ohne zu normieren – womit immer die Gefahr des Ein- und Ausgrenzens einhergeht? Wir behaupten: nein.

Allerdings kann das Intersektionalitätskonzept dazu beitragen, die Verstrickung Sozialer Arbeit in auf Ungleichheit bezogene Prozesse des Problembeschreibens, -analysierens, -handelns usw. zu erkennen und zu minimieren. Wie bereits erläutert, liegt der Nutzen im intersektionalen Analysekonzept darin, Diskriminierungen zu verstehen und soziale Un­gleichheiten differenziert zu analysieren. Damit besteht auch die Möglich­keit, Konstruktionsprozesse von diskriminierenden Kategorien in Praxis und Forschung erkennen und widerlegen zu können. Hierbei erschließt sich ein weiterer Nutzen in Praxis und Forschung: Das Erkennen von paterna­listischen und ungleichen Beziehungen in der Analyse und Anamnese von sozialen Problemen und Lebensrealitäten. Wir möchten daher im Folgen­den die Chance ergreifen, Nutzen, Anforderungen und Herausforderungen eines intersektionalen Analyseblicks in Forschung und Praxis dahingehend kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Ausgehend von Rahmenbedingungen, Aufgaben und Zielen Sozia­ler Arbeit wird zunächst dargestellt, wie soziale Ungleichheit und sozia­le Kategorie(sierung)en in der Sozialer Arbeit auf verschiedenen Ebenen miteinander verbunden sind. Daran anschließend wird diskutiert, wie In­tersektionalität dazu beitragen kann, Ungleichheit generierende Prozesse innerhalb Sozialer und wissenschaftlicher Arbeit zu erkennen. Dabei ste­hen auch methodologische Möglichkeiten im Umgang mit intersektionalen Denkweisen im Fokus. Hierbei werfen wir vor allem ein (selbst)kritisches Schlaglicht auf eine Leerstelle bzw. auf die Konsequenz des Arbeitens mit dem Ansatz der Intersektionalität: auf die Hierarchien zwischen Anbie­ter_innen sozialer Hilfeleistungen und Bezieher_innen ebensolcher bzw. auf den Gap zwischen Forschenden und Beforschten. Dieses Schlaglicht beinhaltet die Notwendigkeit Intersektionalität als eingreifende Sozialfor­schung bzw. als partizipative Gestaltung von Hilfeleistungen zu denken. Um diese Notwendigkeit herzuleiten, möchten wir die bisherigen Aspekte der Intersektionalität um folgende Punkte erweitern: die eigene Verstri­ckung und Kollaboration mit sozialer Ungleichheit, die Selbstreflexion bzw. die eigene Standortbestimmung und konkrete Handlungsperspektive.

 

5.1 Soziale Arbeit und ihre „Verstrickung“ mit sozialer Ungleichheit

Internationale und nationale ethische Standards und Richtlinien der Sozia­len Arbeit fordern Sozialarbeiter_innen dazu auf, Social Justice umzusetzen, Diskriminierung entgegenzutreten und soziale Teilhabe zu ermöglichen. Hierzu zwei Zitate aus internationalen bzw. nationalen Richtlinien:

„Social workers have a responsibility to promote social justice, in relation to society generally, and in relation to the people with whom they work. This means […] Social workers have a responsibility to challenge negative discrimination on the basis of characteristics such as ability, age, culture, gender or sex, marital status, socio-exonomic status, political opinions, skin colour, racial or other physical characteristics, sexual orientation, or spiritu­al beliefs. (International Federation of Social Workers 2004)

„Soziale Arbeit ist ein gesellschaftlicher Beitrag, insbesondere an diejeni­gen Menschen oder Gruppen, die vorübergehend oder dauernd in der Ver­wirklichung ihres Lebens illegitim eingeschränkt oder deren Zugang zu und Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen ungenügend sind.“ (Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz 2010, Art. II.5.3)

Die beiden Zitate zeigen, dass es in Ansprüchen und Zielen Sozialer Arbeit auch darum geht, einen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit zu leisten, soziale Problemlagen zu reduzieren sowie Teilhabechancen und Partizi­pationsmöglichkeiten von Adressat_innen zu erweitern. Damit rückt ein Dilemma der Sozialen Arbeit in den Vordergrund. Um gesellschaftliche Dif­ferenz- und Ungleichheitsverhältnisse zu verändern, müssen diese benannt werden. Damit entsteht die Gefahr, dass Ziel- und Anspruchsformulierun­gen Sozialer Arbeit kategoriale Diskriminierungen reproduzieren, weil Sozi­alarbeitende in ihrer konzeptionellen und praktischen Arbeit unterscheiden, normieren und differenzieren, so z.B. in der Benennung von Zielgruppen („Suchtkranke“, „Arbeitslose“), in der Ausschreibung von Angeboten („für von Gewalt betroffene Frauen“, „für Menschen mit Behinderung“), in der Bezeichnung von Einrichtungen („Jugendtreff“, „Beratungsstelle für Migrant_innen“) usw. Innerhalb Sozialer Arbeit wird folglich in bzw. mit sozialen Kategorien gesprochen und gearbeitet. Das heißt, indem definiert wird, wer (und aus welchen) Gründen Anspruch auf und Zugang zu spezi­fischen Angeboten hat, wird normiert und differenziert. Grundsätzlich ist dabei festzuhalten, dass Sozialarbeitende auch innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse, Dynamiken und Strukturen agieren. Wenngleich von Seiten Sozialer Arbeit oftmals Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen geübt und Veränderungen angestrebt werden, so agieren Sozialarbeitende doch nie „außerhalb“ gesellschaftlicher Verhältnisse. Folglich werden Rahmen­bedingungen sowie Aufgaben und Handlungsfelder Sozialer Arbeit durch diverse Ungleichheits-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse strukturiert. Das bedeutet wiederum, Soziale Arbeit kann sich diesen nicht entziehen, und Sozialarbeitende sind vielmehr Teil davon bzw. laufen Gefahr, selbst gesellschaftliche Ungleichheitsprozesse zu reproduzieren (vgl. Kessl 2006). Sozialarbeitende sind Teil dieser Verhältnisse, stellen diese her, reprodu­zieren diese und profitieren vielleicht sogar davon.

Die bisherigen Ausführungen verweisen auf ein grundsätzliches Span­nungsfeld, in dem sich Soziale Arbeit permanent befindet und welches aus intersektionaler Perspektive besonders interessant ist. Vor dem Hinter­grund ihrer Ansprüche und Ziele will Soziale Arbeit einerseits aufmerksam machen auf und sensibel sein für Differenzen von Menschen sowie damit einhergehende Ungleichheitsprozesse. Andererseits arbeitet die Soziale Ar­beit mit gesellschaftlichen Diskursen, Bildern und Zuschreibungen. Wenn z.B. „die“ Flüchtlinge oder „die“ HIV-Positiven benannt werden, um deren Anliegen sichtbar zu machen, dann liegen diesen Begriffen Normierungen und soziale Differenzierungen zugrunde, welche wiederum mit Macht- und Ungleichheitsprozessen zusammenhängen. Intersektionale Analyse- und Anamnesekompetenzen lassen einen professionellen Umgang mit diesem Spannungsfeld differenzierter, breiter und sensibler werden. Das heißt, Maßnahmen, Angebote oder Handlungskonzepte etc. der Sozialen Arbeit können mit einem intersektionalen Analyseblick dahingehend reflektiert werden, inwieweit sie der Vielschichtigkeit ihrer Adressat_innen gerecht werden. Religion, soziale Klasse, Gender, sexuelle Orientierung, kultu­relle Herkunft, Migration, Alter, Stadt/Land, Hautfarbe, „Behinderung“/ Nicht“Behinderung“ etc. – es ist nie im Voraus klar, welche Kategorien re­levant sind und wie sie miteinander zusammenhängen. Der Nutzen einer intersektionalen Perspektive liegt darin, der Vielschichtigkeit ihrer Adres­sat_innen, ihren Problemen und konkreten Lebenssituationen gerechter zu werden, weil intersektionale Analysekompetenzen Macht- und Ungleich­heitsprozesse innerhalb einer Kategorie identifizieren. Ebenso werden Ver­wobenheiten und Zusammenhänge mehrerer Kategorien fokussiert, und es kann erkannt werden, wann welche Kategorie(n) relevant sind und warum diese in den Vorder- oder Hintergrund rücken (vgl. Kapitel 4).

An dieser Stelle möchten wir den Nutzen und die Anforderungen eines intersektionalen Analyseblicks auf die konkrete Fallpraxis hin beschreiben. In jedem einzelnen Fall geht es zunächst um eine intersektionale Wahr­nehmung der Lebenslagen und Handlungsgründe von Adressat_innen (vgl. Riegel 2012: 54). Dies verhindert eine Vereinheitlichung von sozialen Grup­pen: Adressat_innen werden als Subjekte wahrgenommen anstatt als An­gehörige einer sozialen Gruppe, z.B. „die Frauen“, „die Behinderten“, „die Flüchtlinge“, „die Jugendlichen“ usw. Dieser Analyseblick ermöglicht einen Umgang mit dem beschriebenen Dilemma – der Benennung und dadurch der Reproduktion von Identifikationen mit sozialen Kategorien –, weil sich aufgrund der Vielschichtigkeit und Verwobenheit individuelle Problemur­sachen und Handlungskonsequenzen ergeben. So erlebt beispielsweise eine Person mit „Behinderung“ in der Beratung nicht nur wegen ihrer körperli­chen Einschränkung Ausgrenzungserfahrungen, sondern womöglich auch aufgrund von Klassismus, Heterosexismus oder Rassismus usw. Am Bei­spiel von Jugendlichen in einer Jugendhilfemaßnahme lässt sich dies ge­nauer nachvollziehen:

Jugendliche in der Jugendhilfe haben in der Regel einen mehr oder weniger langen Weg hinter sich, welcher zur aktuellen „Maßnahme“ führ­te. Die Jugendlichen machten in der Regel Erfahrungen, in irgendeiner Form nicht zu „funktionieren“ und von spezifischen Normalitätserwartun­gen „abzuweichen“. Dadurch erleben Jugendliche die Jugendhilfe zunächst nicht als einen Ort, an dem sie Anerkennung erfahren für das, was sie sind. Vielmehr verdeutlicht die „Platzierung“ in der Jugendhilfemaßnahme zu­nächst einmal ein Abweichen von der Norm. Mit einem intersektionalen Analyseblick können professionelle Jugendarbeiter_innen ihre eigenen In­terpretationen (der spezifischen Biografie oder Lebenssituation) sowie die der Jugendlichen sensibilisieren und vertiefen. Beim gemeinsamen Arbei­ten mit dem intersektionalen Frageraster (vgl. Kapitel 4) kann aufgedeckt werden, wie das individuelle Verhalten, die individuelle Lebenssituation mit der Wirksamkeit verschiedener sozialer Kategorisierungen und Ebe­nen zusammenhängt. So kann beispielsweise gefragt werden, wo der_die Jugendliche in seinen_ihren Lebenspraxen auf Ungleichheit bewirken­de, begünstigende und/oder beschränkende Strukturen stößt oder gesell­schaftliche Normierungen erfährt. Dies ermöglicht auch, die Wirksamkeit mehrerer sozialer Kategorien zu analysieren, anstatt Jugendliche allein als Ausländer_innen, Schulverweigerer_innen, sozial Benachteiligte, Ho­mosexuelle oder Verhaltensauffällige etc. zu sehen. Sozialarbeitende kön­nen hier eine wichtige „Aufdeckungsarbeit“ leisten: mit den Jugendlichen Widersprüche aufspüren und diese ent-individualisieren, d.h. mit Jugend­lichen gemeinsam zu erarbeiten, dass z.B. Gefühle der Überforderung, Erfahrungen des Ausschlusses, der Diskriminierung oder des Scheiterns in hohem Maße mit (intersektional wirksamen) Ungleichheitskategorien zusammenhängen und kein individuelles Versagen sind. Intersektional zu denken, bedeutet dabei immer auch stets, die zu den Ungleichheitskatego­rien gehörenden Herrschaftsverhältnisse in den Blick zu nehmen und zu überlegen, wie man sich dazu verhalten könnte.

Intersektionale Analysekompetenzen, dies wird deutlich, geben keine Anleitung für „richtiges“ professionelles Handeln. Aber im professionellen Handeln ist es, gerade mit Blick auf soziale Gerechtigkeit, hilfreich, ver­schiedene Interpretationsmöglichkeiten einzubeziehen und die eigenen, womöglich begrenzten, begrenzenden oder machtausübenden Sichtweisen zu reflektieren und/oder zurückzustellen. Intersektionale Kompetenzen tragen dazu bei, das Ineinandergreifen struktureller, symbolischer und subjektiver Ebenen von Diskriminierung zu reflektieren und unterschiedli­che Diskriminierungsformen als herrschaftssichernde Prozesse zu denken und zu verändern. Im alltagspraktischen professionellen Handeln ist eine solche Analysehaltung herausfordernd. Ein intersektionaler Analyseblick kann helfen, bisher nicht Mitgedachtes zu erkennen. Die so beschriebenen intersektionalen Analyse- und Anamnesekompetenzen sind folglich not­wendig bzw. hilfreich, um die Zusammenhänge zwischen Sozialer Arbeit und sozialer Ungleichheit zu erkennen und zu minimieren. Diese Verstri­ckungen und Kollaborationen vollziehen sich oftmals „hinter dem Rücken“ der Akteur_innen. Mit einer intersektionalen Perspektive kann allerdings gefragt werden: Wie, warum und mit welchen Konsequenzen ist Soziale Arbeit in Ungleichheit generierende Prozesse involviert?

Zusammenfassend ergeben sich folgende Hinweise auf Verstrickungen und Kollaborationen:

  • Es entstehen Ungleichheit generierende und stabilisierende Prozesse in Strukturen, Konzepten, Selbstverständnissen innerhalb von Organi­sationen und Institutionen. So gilt es z.B., danach zu fragen, inwieweit

Einstellungspraxen, Diskussionskulturen, Handlungskonzepte usw. Ungleichheit generieren.

  • Es entstehen Ungleichheit generierende und stabilisierende Prozesse in Konzipierungen konkreter Angebote sowie in der Praxis der Fallana­lyse und -bearbeitung innerhalb der Einrichtungen. Intersektionale Kompetenzen erhöhen beispielsweise die Sensibilität für mögliche Ein-und Ausschlussmechanismen bestimmter Angebote sowie konkreter Fallpraxis.
  • Es werden Ungleichheit generierende und stabilisierende Prozesse durch einzelne Sozialarbeitende hergestellt. Diese können mit einer in­tersektionalen Perspektive überprüft und minimiert werden.

Bei diesen Aspekten ist kritische (Selbst-)Reflexion unter intersektionaler Perspektive notwendig, um die sich meist sehr implizit vollziehenden Pro­zesse der Differenzierung, Normierung und Grenzziehung zu erkennen und zu minimieren. Dabei geht es mit Blick auf die beschriebenen verschiede­nen Ebenen sowohl um die Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Soziale Arbeit agiert, als auch um die Reflexion der eigenen sozialen Positionierung, d.h um Gesellschafts- und Selbstreflexion sowie Herrschafts- und Selbstkritik. Dieser Aspekt wird nun im Folgenden weiter ausgeführt.

***

Sie möchten gern weiterlesen?

 

Jetzt versandkostenfrei im Budrich-Shop bestellen

3D Cover BronnerPaulus 2AKerstin Bronner, Stefan Paulus: Intersektionalität: Geschichte, Theorie und Praxis. Eine Einführung für das Studium der Sozialen Arbeit und der Erziehungswissenschaft

2., durchgesehene Auflage

 

© Pixabay 2021 / Foto: Free-Photos