Geblättert: „Einführung in die interkulturelle Pädagogik“ von Ingrid Gogolin und Marianne Krüger-Potratz

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Einführung in die Interkulturelle Pädagogik. Geschichte, Theorie und Diskurse, Forschung und Studium (3. Auflage)

von Ingrid Gogolin und Marianne Krüger-Potratz

 

Über das Buch

Kulturelle und sprachliche Vielfalt ist der „Normalfall“ in Deutschland. Migration ist einer der Gründe dafür. Welche Herausforderungen stellt dies an die Pädagogik in Forschung und Praxis? In dritter Auflage bietet diese bewährte Einführung einen Überblick über das Aufgabengebiet der Interkulturellen Pädagogik – also der erziehungswissenschaftlichen Fachrichtung, die sich mit den Konsequenzen sprachlicher und kultureller Vielfalt für Erziehung und Bildung befasst. Vorgestellt werden aktuelle Entwicklungen, aber auch die Geschichte des pädagogischen Umgangs mit sprachlicher und kultureller Vielfalt, die theoretischen Diskurse in der Interkulturellen Pädagogik und in Nachbarwissenschaften, zentrale Forschungsfelder und Forschungsergebnisse sowie die wichtigsten wissenschaftlichen Hilfsmittel für Studium, Lehre und Forschung.

Leseprobe: S. 15-18

Kapitel 1

Die Herausforderungen der Pädagogik durch gesellschaftliche Heterogenität – Einführung in das Buch

In der Bundesrepublik Deutschland vollzieht sich ein tiefgreifender sozialer und kultureller Wandel, der für das Aufwachsen, die Entwicklung und die Bildung von Kindern und Jugendlichen von größter Bedeutung ist. Es verändern sich die Formen des Zusammenlebens. Eine zunehmende Zahl von Kindern wächst nicht mehr in Lebensformen auf, die den traditionellen Vorstellungen von ‚Familie‘ entsprechen. Ebenso verändern sich die alltäglichen kulturellen und sprachlichen Praktiken, an denen Heranwachsende Anteil haben. Vom ersten Lebenstag an sind Kinder einbezogen in die Entwicklungen der Technik und der Medienwelt, die zum selbstverständlichen Teil des Alltags geworden sind. Die Fülle der Neuerungen, die hier angedeutet ist, nimmt auf die Sozialisation, Erziehung und Bildung, auf die Einmündung in den Beruf und die Berufsausübung, auf das Erwachsenenleben immer mehr Einfluss. Für die Heranwachsenden stellt sich einerseits das Problem, dass sie sich in komplizierter werdenden Verhältnissen orientieren und handlungsfähig sein müssen. Andererseits aber bieten sich ihnen reichere Möglichkeiten der Information und Kommunikation, der Mobilität und der aktiven Gestaltung ihrer eigenen Welt als den Generationen vor ihnen.

Dass jede Generation mit Veränderungen der Welt um sie herum konfrontiert ist und ihre eigene Orientierung darin finden muss, ist nicht neu. Neu sind Vielzahl und Tempo der gleichzeitig stattfindenden Entwicklungen mit einander überlappenden, überlagernden Einflüssen auf Lebensbedingungen und die Fülle der damit verbundenen Wahlmöglichkeiten. Am Beispiel der Differenzlinien, die sich als Folgen von Migration für die ‚Textur‘ von Gesellschaften ergeben, hat der Kultursoziologe Steven Vertovec diese Entwicklung beschrieben. Seine Beobachtungen der Migration nach London führte ihn zu der Feststellung, dass ein „level and kind of complexity“ erreicht sei – „surpassing anything the country has previously experienced. Such a condition is distinguished by a dynamic of interplay of variables among an increased number of new, small and scattered, multiple-origin, transnationally connected, socio-economically differentiated and legally stratified immigrants“ (Vertovec 2006, S. 5). Ein gesteigertes Maß an Diversität ist es also, mit dem die Menschen zurechtkommen und in dem Heranwachsende ihren eigenen Weg finden müssen.

Die Interkulturelle Pädagogik ist die Fachrichtung bzw. Subdisziplin1 der Erziehungswissenschaft, die sich mit der Frage beschäftigt, welche Konsequenzen es für das Aufwachsen, die Sozialisation und die Prozesse der Erziehung und der Bildung mit sich bringt, dass sie in einer sprachlich, sozial und kulturell immer komplexer werdenden Lage geschehen. Die Antworten auf diese Frage werden vor allem gewonnen

  • durch historische und international vergleichende Analysen,
  • durch empirische Beobachtungen der individuellen Entwicklung unter den Bedingungen von wachsender sprachlicher, kultureller und sozialer Vielfalt sowie
  • durch Untersuchungen des Geschehens in Erziehungs- und Bildungsinstitutionen, mit dem auf die Herausforderungen durch soziale, kulturelle und sprachliche Vielfalt reagiert wird.

Dieses Buch soll dazu beitragen, dass das angedeutete Aufgabengebiet der Interkulturellen Pädagogik sich Schritt für Schritt vor den Leserinnen und Lesern entfaltet. In den Kapiteln des Buches werden folgende Bereiche differenziert vorgestellt:

  • die Geschichte der Migration, illustriert am Beispiel Deutschlands (in der jeweiligen historischen Form) (Kapitel 2),
  • die Genese der Interkulturellen Pädagogik: ihr Platz in der Erziehungswissenschaft und ein Ausblick auf ihre Weiterentwicklung (Kapitel 3),
  • die zentralen theoretischen und begrifflichen Ansprüche, Diskurse und Übereinkünfte, die sich um die Leitkategorie „Kultur“ drehen (Kapitel 4),
  • der Forschungsstand zum Thema sprachliche Heterogenität – einem Kernthema der Interkulturellen Pädagogik (Kapitel 5) und
  • der Stand in weiteren Forschungsgebieten, an deren Bearbeitung sich die Analyseweisen und zentralen Ergebnisse interkulturell pädagogischer Forschung illustrieren lassen (Kapitel 6).

In Kapitel 7 werden Arbeitshilfen für die wissenschaftliche Beschäftigung mit interkulturell-pädagogischen Fragen vorgestellt. Das einleitende Kapitel soll einen ersten Zugang zum Thema eröffnen.

Es enthält eine knappe Beschreibung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Lage und Annahmen zu ihrer wahrscheinlichen Entwicklung. Der zweite Teil des Kapitels konzentriert sich auf internationale Migration, die das Anwachsen der sozialen, kulturellen und sprachlichen Heterogenität innerhalb von Gesellschaften in besonderem Maße fördert.

 

1.1 Heterogenität als Lebens- und Bildungsbedingung

Heterogenität ist im Verständnis Interkultureller Pädagogik2 ein Begriff, mit dem auf die Unterschiedlichkeit von Lebenslagen Bezug genommen wird. Diese Unterschiede können sozial oder ökonomisch bedingt sein; sie können von individuellen Merkmalen abhängig sein wie dem Geschlecht eines Menschen oder seiner gesundheitlichen Konstitution; sie können auf kulturelle Zusammenhänge zurückzuführen sein wie auf die Sprache(n), in der oder denen ein Mensch lebt. Merkmale der Lebenslage besitzen starken Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes. Sie sind für seine Bildungs- und Lebenschancen relevant, ebenso wie angeborene Dispositionen und Möglichkeiten. Ob ein Kind die ihm in die Wiege gelegten ‚Begabungen‘ tatsächlich entfalten kann, hängt entscheidend davon ab, wie diese von seiner Umwelt gewürdigt, aufgegriffen und gefördert werden. Dies wiederum ist abhängig von den sozialen und ökonomischen, kulturellen und sprachlichen Möglichkeiten der Umgebung, in die es hineingeboren wird – also zunächst der Familie, wie auch immer diese zusammengesetzt sein mag.

Die Interkulturelle Pädagogik im hier eingenommenen Verständnis richtet ihr Augenmerk auf die unterschiedlichen Folgeerscheinungen von gesellschaftlicher Heterogenität für die individuellen Bildungsmöglichkeiten und Bildungschancen. Leitende normative Prämisse der wissenschaftlichen und pädagogisch-praktischen Arbeit in diesem Bereich ist es, dass die Lebens- und Bildungschancen der Heranwachsenden so weit wie möglich von den Zufällen ihrer Herkunft unabhängig sein sollten. Dazu beizutragen, ist Kern der Aufgabe von Erziehungs- und Bildungseinrichtungen in öffentlicher Verantwortung.

Die Interkulturelle Pädagogik soll daran mitwirken, dass die Erziehungs- und Bildungseinrichtungen diese Aufgabe bestmöglich erfüllen können. Die aus theoretischen Erwägungen gewonnenen Antworten auf die Frage, wie das gelingen kann, sollten deshalb nicht nur empirisch überprüft sein, sondern auch in konstruktive Ansätze interkultureller Bildung, interkulturellen Lernens und interkultureller Kommunikation einmünden. Diese wiederum haben sich in der Erziehungs- und Bildungspraxis zu bewähren. Die Konzepte sollen für die Anwendung in den Institutionen der Erziehung und Bildung tauglich sein, die sie ihrerseits adaptieren und auf ihre Handlungsbedingungen zuschneiden.

Zu diesen Institutionen zählt die Familie ebenso wie Kindergärten oder Schulen, Ausbildungswerkstätten, Begegnungsstätten oder andere Einrichtungen des außerschulischen Bereiches, und nicht zuletzt: Universitäten, Hochschulen, Weiterbildungseinrichtungen. Es ist Aufgabe der Familien in Zusammenarbeit mit den anderen Institutionen der Erziehung und Bildung, zu ermöglichen, dass die Heranwachsenden mit ihrer Unterstützung jene Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben können, die sie zur Bewältigung ihres Lebens in der sozial, kulturell und sprachlich heterogenen Gesellschaft benötigen.

Auch dies beruht auf einer normativen Prämisse. Sie besagt, dass jeder einzelne Mensch in dieser Gesellschaft über die Kompetenzen verfügen sollte, die gebraucht werden, um selbstbestimmt und zugleich verantwortlich für die anderen, um friedlich und demokratisch in der durch Heterogenität bestimmten Lage handeln zu können. Die Institutionen der Erziehung und Bildung werden aus interkulturell pädagogischer Perspektive mit der leitenden Frage untersucht, ob und wie sie dazu beitragen, dass Heranwachsende diese gewünschten Ziele erreichen können.

Die Interkulturelle Pädagogik richtet also ihr Augenmerk auf die gesellschaftlichen und individuellen Folgen von unterschiedlichen Lebenslagen, soweit sie Institutionen oder Prozesse der Sozialisation, der Erziehung und Bildung beeinflussen. Dabei konzentriert sie sich nicht auf eine bestimmte Zielgruppe als ‚Verursacher‘, ‚Betroffene‘ oder ‚Opfer‘ von Heterogenität – beispielsweise auf die Gruppe der Zugewanderten. Vielmehr werden unterschiedliche Facetten von Verschiedenheit in ihren Entstehungszusammenhängen und in den Wirkungen betrachtet, die sie auf Erziehung und Bildung haben.

Zu den Folgen gesellschaftlicher Heterogenität gehört es, dass die alltäglichen sprachlichen und kulturellen Praktiken der Mitglieder der Gesellschaft, an denen Kinder und Jugendliche Anteil haben, sich verändern. Dieser Wandel geschieht heute vielleicht rascher als je zuvor in der Geschichte. Dazu trägt Migration bei – aber auch die rasante Entwicklung der Medienwelt und der Technik, insbesondere der Möglichkeiten elektronischer Information und Kommunikation. Deren Auswirkungen sind ambivalent zu beurteilen: Den Kindern und Jugendlichen erwachsen hieraus Chancen ebenso wie Schwierigkeiten, wenn nicht gar Gefährdungen. Aus interkulturell-pädagogischer Sicht ist besonders bedeutsam, dass die Technik- und Medienentwicklung die Begegnung mit Fremdheit oder Verschiedenheit alltäglich macht. Sie ist nicht an die Voraussetzung individueller Mobilität gebunden, wie dies in der Vergangenheit als ‚Normalfall‘ angesehen wurde.

Wie reich und zugleich einschneidend ihr Alltag durch unterschiedliche kulturelle Einflüsse geprägt ist, ist unter anderem an der Fülle und dem raschen Wechsel kinder- und jugendkultureller Stile bemerkbar, die zu durchschauen und nachzuvollziehen manchen Erwachsenen durchaus überfordert. Kinder und Jugendliche leben heute in einer Welt, die ihnen eine große Auswahl an rasch wechselnden Ausdrucksformen und Lebensweisen offeriert: von Musikstilen und anderen künstlerischen Praktiken über modische Outfits bis zu neuen Formen der Bewegung und des Sports, von verschiedenen Sprachen, Sprechstilen und kulturellen Traditionen bis zur Vielfalt der Glaubensüberzeugungen und religiösen Praktiken.

Viele dieser Ausdrucksformen sind durch Grenzüberschreitung beeinflusst: nicht nur durch den physischen Akt, dass Menschen, Botschaften, Bilder, Waren sich über die Grenzen von Staaten oder Kontinenten hinwegbewegen, sondern auch durch Provokation, künstlerische Inszenierung, Selbststilisierung – also die Überschreitung symbolischer Grenzen. Das üppige, aber auch irritierende Angebot wird von den Heranwachsenden konsumierend aufgegriffen, und es wird zugleich von ihnen selbst erweitert und kreativ mitgestaltet. Kinder und Jugendliche beeinflussen den ‚öffentlichen Geschmack‘, sie reproduzieren ihn nicht bloß. Nicht selten gehen ‚neue Moden‘ auf jugendkulturelle Eigenschöpfungen zurück, die öffentlich wahrgenommen und ‚verallgemeinert‘ werden. Auf der Kehrseite der Medaille finden sich Überfülle und Verführungen, die hohe Anforderungen an die Fähigkeiten zu Auswahl und Selbstbeschränkung stellen. – Die Lage enthält also Gutes und wenig Gutes zugleich: Die von Kindern und Jugendlichen erlebten und erschaffenen Lebensstile und kulturellen Praktiken eröffnen ihnen einerseits neue Wege der Identitätsbildung; sie bringen jedoch zugleich Herausforderungen, Schwierigkeiten und Gefahren für die persönliche Entwicklung mit sich.

Interkulturelle Pädagogik befasst sich mit dieser Gemengelage und den Ambivalenzen: mit den Chancen, aber ebenso mit den Risiken für die Gesellschaft und den einzelnen Heranwachsenden, die diese Lage bereithält. Selbstverständlich sind die geschilderten Phänomene keineswegs neu. Die Fähigkeit zur technischen und kulturellen Entwicklung macht ja gleichsam den Inbegriff der menschlichen Möglichkeiten aus. Geändert haben sich aber infolge der neuen technischen Erfindungen die Voraussetzungen dafür, persönlich mobil zu sein, und auch ohne solche Mobilität – weltweit virtuell – zu kommunizieren. Dies hat die Geschwindigkeit erhöht, mit der neue Ausdrucksformen, neue Stile, neue Herausforderungen entstehen, sich ausbreiten und wieder vergehen.

Zahlreiche Entwicklungen wirken in diesem Geschehen zusammen – von der Veränderung des Arbeitsmarktes, der Sozialsysteme und der Ökonomien bis zu den noch vor kurzem unvorstellbaren Möglichkeiten, Strecken und Zeitgrenzen rasch zu überwinden oder sogar jederzeit ohne Ortswechsel mit weit entfernten Menschen zu kommunizieren. Die zunehmende individuelle Mobilität und die grenzüberschreitende Migration gehören zu den Entwicklungen, die unmittelbarer Einfluss auf die Lebenslage von Kindern und Jugendlichen ausüben. Die Beobachtung dieses spezifischen Geschehens und seiner Auswirkungen auf Bildung und Erziehung stand am Anfang der Herausbildung der Interkulturellen Pädagogik (vgl. Kapitel 3) und gehört nach wie vor zu den Spezialaufgaben, die die Subdisziplin für die Erziehungswissenschaft als Ganze bearbeitet.

 

1.2 Internationale Migrationen als Motor für die Zunahme gesellschaftlicher Heterogenität

In Deutschland gab es, wie in den meisten Staaten der Welt, stetig Zu- und Abwanderungen. Es war in seiner wechselvollen Geschichte oft Anziehungspunkt für Migranten, aber kaum minder häufig Auswanderungsland oder Durchgangsstation für Weiterwanderungen. Über diese historischen Migrationen gibt Kapitel 2 dieses Bandes einen Überblick. Darin wird herausgearbeitet, dass Multikulturalität, Multiethnizität und Mehrsprachigkeit keine neuen Erscheinungen sind, sondern stetige Momente der Geschichte – wenn sie auch zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Ausprägungen besitzen und unterschiedliche Bewertungen erfahren.

Eine wiederkehrende Begleiterscheinung von Migrationen ist, dass sie Kontroversen auslösen. Migranten sind in Zeiten des Friedens und des Wohlstands oder dann, wenn sie besondere Fähigkeiten besitzen und gerade erwünschte Leistungen erbringen, willkommen und gern gesehen. In unruhigen Zeiten aber, bei ökonomischen oder anders ausgelösten gesellschaftlichen Krisen richtet sich häufig die angesammelte Abwehr auf sie. Ihnen werden dann Merkmale und Eigenschaften zugeschrieben, die sie zumindest als Mitverursacher der jeweils beobachteten Krise erscheinen lassen, und es werden nicht selten restriktive Maßnahmen gegenüber Migranten gefordert (oder auch realisiert). Dies ist nicht zuletzt ein Ausdruck davon, dass den Grenzen und grenzüberschreitenden Menschen – also Migrantinnen und Migranten – eine besondere, das heutige Verständnis von gesellschaftlicher ‚Normalität‘ noch prägende Bedeutung zugeschrieben wird, und zwar mit dem Entstehen des Nationalstaats als neuer gesellschaftlicher und politischer Ordnungsform. Diese Entwicklung vollzieht sich seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Die Zusammenhänge werden im zweiten Kapitel (Kap. 2.1, 2.2) eingehend erläutert.

Die heute beobachtbare kulturelle und sprachliche Heterogenität verdankt sich nicht allein, aber in hohem Maße der grenzüberschreitenden Migration, die Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt. Zwar trägt auch Binnenmigration – beispielsweise der Umzug von einem Bundesland in ein anderes, von städtischem in ländliches Wohnen oder umgekehrt – zur Dynamisierung gesellschaftlicher Heterogenität bei. So kann der Wechsel von einem Dialektgebiet in ein anderes eine ähnliche Herausforderung darstellen wie der Wechsel über eine ‚echte‘ Sprachgrenze. Zum Phänomen der Binnenmigration liegen zwar demographische Rahmendaten vor, jedoch kaum Ergebnisse empirischer pädagogischer Forschung. Daher werden diese Entwicklungen hier nicht weiter einbezogen.

Nachfolgend werden der Stand des internationalen Migrationsgeschehens am Anfang des 21. Jahrhunderts und die wahrscheinliche weitere Entwicklung vorgestellt, soweit sie für Erziehung und Bildung bedeutsam sind.

1 In den Texten zur Disziplingeschichte der Erziehungswissenschaft werden diese beiden Begriffe unterschiedlich und keineswegs trennscharf benutzt. Im vorliegenden Band werden sie synonym gebraucht, um den selbständigen und institutionalisierten Forschungsund Lehr- bzw. Studienbereich zu bezeichnen, der sich interkulturell-pädagogischen Fragen zuwendet – auch wenn dies in vielen Institutionen anders benannt ist.

2 In den Selbstbezeichnungen der Disziplin finden sich beide Begriffe: ‚Pädagogik‘ und ‚Erziehungswissenschaft‘. Die Bedeutungsdifferenzen sind Gegenstand der disziplininternen Auseinandersetzung seit Jahrzehnten, ohne dass es zu einer abschließenden Einigung gekommen wäre. Geläufig ist, den Begriff der Pädagogik eher auf Zugriffsweisen anzuwenden, die geisteswissenschaftliche Wurzeln haben, und den Begriff der Erziehungswissenschaft eher auf solche, die sozialwissenschaftlich argumentieren (Horn 2014). In unserem Buch sind beide Zugriffsweisen berücksichtigt. Die Bezeichnung ‚Pädagogik‘ ist also nicht programmatisch, sondern pragmatisch begründet.

 

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Ingrid Gogolin, Marianne Krüger-Potratz: Einführung in die Interkulturelle Pädagogik. Geschichte, Theorie und Diskurse, Forschung und Studium.

Einführungstexte Erziehungswissenschaft, Band 9

3., bearbeitete Auflage

 

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