Geblättert: „Schreiben im Geschichtsstudium“ von Friederike Neumann (2. Auflage)

Schreiben im Geschichtsstudium

von Friederike Neumann

 

Über das Buch

Was ist eine Hausarbeit im Geschichtsstudium? Und wie können Studierende den Arbeitsprozess so gestalten, dass sie zu einem guten Ergebnis gelangen? Auf diese Fragen gibt Friederike Neumann gut verständliche Antworten, die auf ihrer langjährigen Erfahrung als Schreibdidaktikerin beruhen. Die promovierte Historikerin präsentiert Erklärungen, Beispiele und Übungen, die in Werkstätten zum Lesen und Schreiben im Geschichtsstudium vielfach erprobt sind. Leser*innen bietet sich die Chance, Prinzipien des geschichtswissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens zu verstehen und auf ihr eigenes Projekt anzuwenden.
Die gründlich überarbeitete zweite Auflage enthält eine zusätzliche Übung zur Entwicklung eines Hausarbeitskonzepts.

Leseprobe: S. 15-22

 

4) Was ist eine Hausarbeit im Geschichtsstudium?

Was ist eigentlich das Ziel? Was soll Ihr „Produkt“ Hausarbeit im Ge­schichtsstudium leisten? Welche Kriterien sollte es erfüllen? Dazu folgen hier eine zweigeteilte Definition und die Erläuterung der ein­zelnen Elemente. Der erste Teil bezieht sich auf die formale Seite von Hausarbeiten, der zweite beschreibt, was eine Hausarbeit auf der inhaltlich-qualitativen Ebene ausmacht.

Wo erfahren Sie, wie diese Dinge im Einzelnen aussehen sollen? Zur Frage, was alles in eine Einleitung gehört, lesen Sie bitte unten das Kapitel „Die Einleitung“. Zu den anderen formalen Fragen werden Sie in den Einführungsveranstaltungen ins Geschichtsstudium ent­sprechende Hinweise erhalten. Wahrscheinlich stellen Lehrende oder Tutor*innen Merkzettel, Anleitungen oder Beispiele zur Ver­fügung. Das meiste davon ist nicht als Gesetz, sondern als Orientie­rung zu verstehen.

Eine Hausarbeit im Geschichtsstudium ist formal betrachtet

ein Text

  • mit Fußnoten,
  • ordentlich formatiert,
  • bestehend aus
    • Deckblatt
    • Inhaltsverzeichnis
    • Einleitung
    • mehreren Kapiteln und Unterkapiteln
    • Schluss
    • Quellen- und Literaturverzeichnis.

Entsprechende Materialien finden Sie auch an verschiedenen Stellen im Netz: Um sich etwa über den Sinn, die Gestaltung und den Gebrauch von Fußnoten zu informieren, empfehle ich die On­line-Hilfe auf den Seiten der Abteilung Geschichtswissenschaft in der Universität Bielefeld. Dort finden Sie auch ein Modell dafür, wie Sie Quellen- und Literaturverzeichnisse gestalten können.

Bei allen formalen Fragen sollten Sie sich klar machen, dass Vor­gaben nicht zum Ziel haben, Studierende zu quälen. Es geht auch nicht wirklich um richtig oder falsch. Vielmehr erfüllt die formale Gestaltung einen bestimmten Zweck: Informationen, die Ihre Le­ser*innen, also zunächst Ihre Dozent*innen, suchen und brauchen, sind ihnen gut zugänglich, wenn Sie Ihre Hausarbeit so gestalten, wie es in Ihrem Fach üblich ist. Lehrende erkennen dann leicht,

  • wer die Arbeit wann eingereicht hat,
  • zu welcher Lehrveranstaltung sie gehört,
  • welche Literatur und welche Quellen beim Schreiben verwendet wurden,
  • und an welchen Stellen des Textes Sie auf welche dieser Materi­alien zurückgegriffen haben.

Stehen diese Informationen Ihren Leser*innen in gewohnter und übersichtlicher Form zur Verfügung, können sie sich entspannen und auf den Inhalt Ihres Textes konzentrieren.

Wenn Sie Ihre Hausarbeiten formal korrekt gestalten, lernen Sie zugleich etwas darüber, wie geschichtswissenschaftliche Texte gemacht werden. Es wird Ihnen leichter fallen, wissenschaftliche Texte zu entschlüsseln, zu kritisieren und für Ihre eigenen Zwecke auszuwerten.

Spannender als das Formale ist, was eine Hausarbeit im Geschichts­studium inhaltlich und qualitativ leisten sollte. In diesem Buch geht es um die üblichste Form der Hausarbeit: die Hausarbeit mit einer eigenen Fragestellung. Sie ist der Klassiker unter den Hausarbeitstypen im Geschichtsstudium. Der Vorteil dieser Art von Hausarbeit ist, dass Sie selbst bereits geschichtswissenschaftlich arbeiten, wenn Sie sie schreiben. Das Schreiben einer solchen Haus­arbeit ist also zugleich auch eine Entdeckungsreise. Sie selbst und später auch Ihre Leser*innen werden Neues über das Thema erfah­ren, das Sie behandeln.

Eine Hausarbeit im Geschichtsstudium ist qualitativ gesehen eine kleine Untersuchung – ein Text, in dem Studierende

  • für ein historisches Thema eine Problemstellung aufzeigen,
  • die sie ausgehend von einer dazu passenden Fragestellung
  • über die Analyse/Auswertung bestimmten Materials (Quel­len, Literatur) bearbeiten.
  • Auf diese Weise kommen sie zu Ergebnissen, die die Form von Aussagen (Thesen) haben. Diese sollten – wenigstens ansatzweise – neu und außerdem plausibel (überzeugend) sein. Das Neue entsteht zum Beispiel, indem neue Fragen gestellt, neue Quellen oder neue Literatur verwendet werden, oder auch dadurch, dass bereits bekannte Fragen, Quellen, Literatur und Methoden neu kombiniert oder auf einen neuen Untersuchungsgegenstand angewendet werden.
  • Das Thema der Haus wird an einem gut eingegrenzten Untersuchungsgegenstand bearbeitet.
  • Die einzelnen Kapitel bearbeiten Aspekte des Themas und liefern entsprechende Teilergebnisse.
  • Aussagen und Informationen sind intersubjektiv überprüf­bar.
  • Die Arbeit ist in sachlicher, präziser und korrekter Sprache geschrieben.

Was heißt das im Einzelnen?

Eine kleine Untersuchung …

Das bedeutet, dass Sie tatsächlich etwas herausfinden wollen, wenn Sie an Ihrer Hausarbeit arbeiten. Schließlich geht es in der Wissen­schaft darum Erkenntnis zu gewinnen, diese Erkenntnis Leser*in­nen zugänglich zu machen und so zur Diskussion zu stellen. Anders formuliert geht es darum, etwas zu zeigen oder nachzuweisen, das bisher unbekannt oder ungeklärt ist.

Als Studiernde*r, der oder die eine Hausarbeit im Geschichts­studium schreibt, führen Sie also tatsächlich schon ein kleines For­schungsprojekt durch. Das soll Ihnen keine Angst machen – die Erwartung, dass Sie bahnbrechend Neues erforschen, haben Leh­rende nicht. Allerdings können Sie z.B. an einem überschaubaren Beispiel eine eigene Fragestellung bearbeiten oder eine Position, die Sie in der Literatur gefunden haben, vorstellen, kritisch reflektieren und an konkretem Material zu überprüfen versuchen.

für ein historisches Thema eine Problemstellung aufzeigen …

Was ist ein historisches Thema? Und was ist es nicht? Das Kleinklein von Informationen über Lebensdaten und Ereignisabfolgen ist kein historisches Thema. Ein historisches Thema ist etwas Übergeord­netes und Spannungsgeladenes. Und es hat, von heute aus gesehen, eine gewisse Relevanz. Relevant ist ein Thema, wenn es grundsätz­liche menschliche oder gesellschaftliche Fragen berührt (so etwas wie soziale Ungleichheit, Herrschaft, gesellschaftlicher Wandel, seine Ursachen, Begleiterscheinungen und Folgen, Geschlechter­verhältnisse, Fremdenfeindlichkeit, Entstehung und Beilegung von Kriegen, Umgang mit Krisen …). Relevanz kann sich auch aus dem Forschungsstand herleiten, wenn bisherige Darstellungen und Forschungsergebnisse überprüfungsbedürftig oder unvollständig erscheinen. Auch inhaltliche Neugier oder Irritation sind legitime Ausgangspunkte für ein Hausarbeitsprojekt. Die Problemstellung im gewählten Thema zu entdecken und zu formulieren ist wichtig und kann anspruchsvoll sein.

Ich nenne drei Beispiele für Themen aus dem Kontext von Hausarbeiten, die Kolleg*innen oder ich selbst im Studium geschrie­ben haben, und zeige jeweils übergeordnete Fragen bzw. Problem­stellungen auf, die in diesen Themen enthalten sind:

  1. die Krise des Rittertums im Spätmittelalter: Die gesellschaftliche Position von Niederadligen geriet seit dem 13. Jahrhundert unter Druck. Hintergrund waren große Veränderungsprozesse wie die Entfaltung des Städtewesens, die Ausbreitung der Geldwirtschaft und neue militärische Organisationsformen. Die ältere Forschung hat in diesem Zusammenhang die These von den Raubrittern for­muliert – Rittern, die durchziehenden Kaufleuten hohe Abgaben abzwangen. Die jüngere Forschung spricht hingegen von flexib­len Anpassungsleistungen von Niederadligen an veränderte ge­sellschaftliche Verhältnisse. Es stellt sich also die Frage, welche dieser beiden Erklärungen überzeugender ist. Als übergeordnete Frage oder Problemstellung schwingt in diesem Thema mit, wie der langfristige Wandel sozio-ökonomischer Verhältnisse die Le­benschancen und Lebensweise sozialer Gruppen beeinflusst und welche Strategien der Anpassung und Bewältigung ihre Angehö­rigen entwickeln und nutzen.
  2. Oligarchische Strukturen in frühneuzeitlichen Städten: nur ein kleiner Kreis besonders wohlhabender Bürger besetzte das Amt des Bürgermeisters und den Stadtrat und dies, obwohl es in vielen Städten Wahlverfahren gab, die theoretisch auch andere Bürger in diese Positionen hätten bringen können. Übergeordnet schwingt in diesem Thema die Frage mit, warum und auf welche Weise Reichtum mit politischem Einfluss einhergeht und wie die­se Machtverteilung jeweils gerechtfertigt wird.
  3. Deutscher Kolonialismus und protestantische Kirche im späten 19. Jahrhundert. Zu diesem Thema wurde konkret untersucht, wie zeitgenössische protestantische Theologen den Begriff der „Weltherrschaft“ in einer Zeit propagierten, in der die Ausbildung eines deutschen Kolonialreichs politisch und wirtschaftlich vor­angetrieben wurde. Aus übergeordneter Warte betrachtet geht es bei diesem Thema also um das Verhältnis von Kirche und Theolo­gie einerseits, Staat, Politik und Wirtschaft andererseits, um die legitimatorische Funktion, die Theologie für politische und wirt­schaftliche Fragen haben kann, sowie um die Macht des Diskur­ses, in diesem Fall das Reden von der „Weltherrschaft“.

… Problemstellung, die Sie ausgehend von einer dazu passenden Fragestellung bearbeiten

Für Ihr Thema und die darin enthaltene Problemstellung entwi­ckeln Sie eine Fragestellung, die darauf abzielt, etwas in Erfahrung zu bringen, zu prüfen, nachzuweisen oder zu erklären. Es sollte sich um etwas handeln, das Sie nicht einfach bei Wikipedia, in einem Lexikon oder Handbuch nachschlagen können. Fragen zu stellen ist von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, etwas herauszufin­den. Erst wenn man eine Frage hat und sie auch formulieren kann, weiß man, was man eigentlich wissen will, und kann gezielt darauf hinarbeiten, sie zu beantworten. Für das geschichtswissenschaftli­che Arbeiten ist das Formulieren einer Fragestellung unabdingbar. Eine erfolgversprechende Fragestellung zu entwickeln ist zugleich ein anspruchsvoller Teil geschichtswissenschaftlichen Arbeitens. Historiker*innen entwickeln ihre Fragestellungen in einem länge­ren Prozess, ausgehend von ersten Ideen und Annahmen, in der Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur und historischen Quellen. Wie Sie schrittweise eine geeignete Fragestellung zu Ihrem Thema entwickeln können, wird im Kapitel „Auf dem Weg zur Fra­gestellung“ ausführlicher beschrieben.

Analyse/Auswertung bestimmten Materials (Quellen, Literatur)

Um beim geschichtswissenschaftlichen Arbeiten zu Ergebnissen zu kommen, brauchen Sie etwas, das Sie konkret auswerten können. Dazu gehört wissenschaftliche Literatur (Aufsätze, Artikel und Bücher von Historiker*innen und gegebenenfalls auch von For­scher*innen anderer Disziplinen), die zu Ihrem Thema erschienen ist. Sie sollten diese Literatur unter anderem daraufhin durchsehen, unter welchen Fragestellungen andere Historiker*innen das Thema bearbeitet haben und zu welchen Ergebnissen sie gekommen sind. Zu Beginn Ihres Studiums werden es wenige Texte sein, die Sie unter dieser Perspektive auswerten. In höheren Semestern verwenden Sie dann schon mehr Literatur, um sich so etwas wie einen Forschungs­stand zu erarbeiten. Wissenschaftliche Literatur dient allerdings nicht nur dazu, den Forschungsstand wahrzunehmen, sie bietet Ih­nen zugleich viele Einzelinformationen, die Sie für die Bearbeitung Ihrer Fragestellung verwenden können. Zur Literaturrecherche le­sen Sie bitte das Kapitel „Literatur finden“. Das Kapitel „Literatur auswerten“ gibt Hinweise zu sinnvollen Strategien beim Lesen und Auswerten von geschichtswissenschaftlicher Literatur. Das Kapitel „Gelesenes im eigenen Text wiedergeben – drei Wege“ beantwortet die Frage, wie Sie die Ergebnisse Ihrer Lektüre im eigenen Text zur Sprache bringen können.

Zum Material, das Historiker*innen verwenden, gehören außer­dem historische Quellen. Der Begriff „Quelle“ ist in der Geschichts­wissenschaft sehr wichtig und er wird anders verwendet als in manchen anderen Wissenschaften. Historiker*innen verstehen unter Quellen Material, das möglichst der Zeit entstammt, die sie untersuchen wollen beziehungsweise möglichst unmittelbar über sie Auskunft gibt. Dazu können Texte unterschiedlicher Art gehören (Tagebucheintragungen, Zeitungsartikel, Urkunden, Gesetzestexte, Chroniken und vieles mehr), aber auch andere Überreste aus der Vergangenheit (Gegenstände, Gebäude, Bilder). Unter Umständen können auch ältere wissenschaftliche Texte zu Quellen werden. Das ist allerdings ein Sonderfall, der zum Beispiel eintritt, wenn wissen­schaftsgeschichtliche Themen behandelt werden. Informationen darüber, wie Sie geeignete Quellen für Ihre Arbeit finden können, bietet das Kapitel „Quellen finden“. Zur fachgerechten Arbeit mit his­torischen Quellen und zur Frage, wie Sie die Auswertung von Quel­len in Ihren Text einbringen können, lesen Sie bitte das Kapitel „Mit Quellen arbeiten und darüber schreiben“.

Auf diese Weise kommen Sie zu Ergebnissen, die die Form von Aussagen (Thesen) haben.

Das Ziel wissenschaftlicher Arbeit ist es, zu Ergebnissen zu gelan­gen. Die Ergebnisse sind sozusagen die Antwort auf die Fragen, die in der Einleitung eines wissenschaftlichen Textes gestellt werden. Wissenschaftliche Arbeiten sollen etwas zeigen oder nachweisen, das bisher unbekannt oder ungeklärt ist. Dazu kann auch gehören, die Positionen und Ergebnisse älterer Forschung kritisch nachzu­vollziehen und sie an konkretem Material zu überprüfen.

Die Ergebnisse, die Autor*innen im Schluss oder Fazit ihrer Texte präsentieren, werden oft als Thesen bezeichnet. Sie haben zwangsläufig eine sprachliche Form. Es handelt sich um Aussagen über das Thema. Die Untersuchung, die in den vorangehenden Ka­piteln geschildert bzw. durchgeführt wurde, sollte diese Aussagen überzeugend und plausibel machen. Auf der Grundlage des ge­samten Textes und seiner Zusammenfassung im Schlussteil kön­nen Leser*innen nachvollziehen, was für diese Aussagen spricht. Sie können erkennen, welches Material ausgewertet wurde, unter welchen Fragen dies geschah, zu welchen Teilergebnissen der/die Autor*in bei der Untersuchung gelangt ist und wie diese Teilergeb­nisse zu einer Argumentation verbunden wurden. Damit sind diese Aussagen mehr als nur Behauptungen.

Thesen sind auch etwas anderes als Aussagesätze, die Infor­mationen übermitteln. Zum Beispiel der Satz „Die Bundesrepublik Deutschland wurde im Jahr 1949 gegründet.“ ist keine These, denn diese Aussage ist völlig unumstritten. Die Aussage „Frühneuzeitliche Obrigkeiten inszenierten sich als Väter ihrer Untertanen, um ihre Position zu legitimieren.“ ist eine These. Diese Behauptung wird erst sinnvoll und überzeugend, wenn an konkretem historischem Mate­rial gezeigt wird, warum sie plausibel ist. Eine Aussage, die durch zugängliches Material oder sinnvolle Gedankenführung widerlegt werden kann, ist nicht plausibel.

Geschichtswissenschaftliche Thesen sind also keine beliebigen Aussagen, sondern solche, die geeignet sind, Leser*innen zu über­zeugen. Das gilt auch für Ihre Hausarbeiten. Die Ergebnisse, die Sie im Schluss Ihres Textes präsentieren, sollten auf der reflektierten Auswertung von Quellen und Forschungsliteratur beruhen. Ihre Leser*innen sollten durch die Lektüre Ihrer Arbeit nachvollziehen können, was für Ihre Ergebnisse spricht.

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Friederike Neumann: Schreiben im Geschichtsstudium

2., überarbeitete Auflage

aus der Reihe Schreiben im Studium

 

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