Geblättert: „Gefühlte Wahrheiten – Orientierung in Zeiten postfaktischer Verunsicherung“ von Ortwin Renn

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Gefühlte Wahrheiten – Orientierung in Zeiten postfaktischer Verunsicherung

von Ortwin Renn

 

Über das Buch

Populistische Strömungen gewinnen weltweit an Resonanz, gleichzeitig beobachten wir ein tiefes Misstrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Politik, in die Fairness der Wirtschaft und die Unabhängigkeit der Wissenschaft. Der Soziologe und Risikoforscher Ortwin Renn führt diese Tendenzen auf gesellschaftliche Verunsicherung angesichts gesellschaftlicher Veränderung und Komplexität zurück. In seinem Buch untersucht er die aktuellen gesellschaftlichen Ängste, ihre Ursachen und Folgen. Aufklärend zielt Renn darauf, Verunsicherung abzubauen. Zudem will Renn mit diesem Buch mehr Zuversicht in die Leistungskraft der zentralen gesellschaftlichen Institutionen, aber auch mehr Zutrauen in die eigene Gestaltungskraft wecken.

Leseprobe: S. 193-197

 

Ein 10-Punkte-Programm zum persönlichen Umgang mit der Post-X-Gesellschaft

Zum Schluss meiner Ausführungen komme ich wieder auf Sie, die Leserin bzw. den Leser zurück. Vor allem im zweiten Teil und dritten Teil dieses Buches habe ich die psychologischen und sozialen Mechanismen beschrieben, die es den Manipulatoren in einem postfaktischen und postethischen Klima leicht machen, sich mit ihren Interessen und Vorstellungen durchzusetzen und politisches Gewicht zu gewinnen. Insbesondere die Populisten und politischen Rattenfänger verstehen sich darauf, die Irrungen und Wirrungen der Post-X Gesellschaft zu nutzen, ihr meist trübes Süppchen aus Nationalismus, Fremdenhass, Anti-Globalisierung und dem Wiederbeleben überkommener Traditionen und Strukturen an die verunsicherten Menschen zu servieren. Oft ist es schwer, zwischen populären und auf Aufklärung bedachten Kommunikationsversuchen und den demagogischen Populismen der Vereinfachung und Ausgrenzung zu unterscheiden. Es ist das Anliegen dieses Buches, Ihnen dabei zu helfen, diese Unterscheidung vorzunehmen und aktiv an einer Abwendung vieler der Post-X-Tendenzen mitzuwirken.

Bei der Behandlung von post-Vertrauens- und post-Erfahrungs-Tendenzen habe ich bereits einige der zentralen Lehren aufgeführt, die dazu beitragen können, uns vor Fehlurteilen und Fehleinschätzungen zu schützen. In diesem letzten Kapitel möchte ich in Form von 10 Thesen die wichtigsten Schlussfolgerungen und Lehren für den persönlichen Umgang mit den Post-X-Tendenzen zusammenfassen.

 

1) Lassen Sie sich nicht einreden, dass es keine objektive Wahrheit gäbe und alles nur relativ zum Zeitgeist, zur Macht oder zum gerade modischen Diskurs gesehen werden könne.

Es gibt viel belastbares Wissen, das sich in tausenden Kontexten bewährt und als zutreffend erwiesen hat. Dazu gehören nicht nur wissenschaftliche Kenntnisse, sondern auch praktisches Wissen, wie man etwa einen Schuh repariert. In jedem Falle gibt es schlichtweg falsches Wissen oder Irrtümer, die hohe Folgekosten nach sich ziehen, wenn man sie nicht frühzeitig erkennt. Von daher ist es essentiell für Gesellschaften, Systeme zu entwickeln, die Wahrheitsansprüche aufstellen, bewerten und überprüfen. In unserer Gesellschaft ist dafür das Wissenschaftssystem vordringlich verantwortlich. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, tut dieses System auch seine Pflicht und sorgt für neues und zur Lösung von Problemen angemessenes Wissen. Allerdings hat sich der Charakter des Wissens verändert: Stand früher die Entdeckung unverrückbarer Naturgesetze und deren Implikationen im Vordergrund des Interesses, so hat sich die Wissenschaft zunehmend auf die Analyse von komplexen Phänomenen und deren Beziehungen untereinander konzentriert.

Der Fokus liegt hierbei auf Phänomenen, die keine eindeutige, an Naturgesetze angelehnte Erfassung zulassen, sondern vielmehr unterschiedliche Perspektiven und durch Wahrscheinlichkeiten charakterisierte Wechselwirkungen aufweisen. Damit werden die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Komplexität der Realität zwar mehr gerecht als früher, dies geht jedoch auf Kosten der Eindeutigkeit und der Klarheit der Ergebnisse. Mehrdeutigkeiten, Unsicherheiten und Transparenz über Wissensgrenzen sind keine Belege für mangelnde Qualität wissenschaftlicher Forschung, sondern im Gegenteil Ausdruck ihrer Nähe zu den Phänomenen, die sie untersucht. Wer wissenschaftliche Qualität danach beurteilt, wie eindeutig und sicher das bereit gestellte Wissen ist, verkennt die besondere Leistung moderner Forschung, nämlich komplexe und vernetzte Beziehungen in ihren Wechselwirkungen zu erfassen und zu verstehen.

 

2) Seien Sie sich bewusst, dass Wissen über komplexe Zusammenhänge intuitiv häufig wenig plausibel erscheint und oft unserem gesunden Menschenverstand widerspricht.

Bei komplexen Sachverhalten sind die Ursache-Wirkungsmechanismen stark verschachtelt und es gibt viele Rückkopplungen, durch die auch winzige Ereignisketten große Wirkungen hervorrufen können. Zudem sind Ursache und Wirkung oft zeitlich und örtlich weit voneinander getrennt. All das erscheint uns wenig plausibel. Doch Plausibilität ist ein trügerischer Ratgeber: Eine Reihe von Faustregeln, die sich im Alltag bewährt haben, führen bei komplexen Sachverhalten in die falsche Richtung. Wahrheitsansprüche, die auf den ersten Blick besonders plausibel erscheinen, erweisen sich bei näherem Hinsehen als falsch. Allerdings muss man auch näher hinsehen: Es lohnt sich den Wahrheitsgehalt von allzu plausibel erscheinenden Aussagen zu überprüfen. Wie man dazu seriöse Quellen findet, können Sie unter Punkt 4 nachlesen.

 

3) Seien Sie besonders kritisch bei Informationen, die all das zu bestätigen scheinen, was Sie ohnehin schon glauben oder für richtig halten.

Der Mechanismus der kognitiven Dissonanzreduktion ist ein mächtiger Vereinfacher der Wirklichkeit. Er sorgt dafür, dass alles, was ich an Informationen aufnehme, erst einmal danach gefiltert wird, ob ich diese Informationen für wünschenswert halte oder nicht. Hege ich z. B. einen Groll gegen Flüchtlinge, so suche ich bewusst nach Informationen über Fehlverhalten von Asylbewerbern und wehre Informationen ab, die positive Verhaltensweisen von Flüchtlingen beschreiben. Umgekehrt kann ich als Anhänger einer ausgeprägten Willkommenskultur nur die Informationen herausfiltern, die Flüchtlinge als bemitleidenswerte Opfer mit hohem Integrationswunsch und lauter hehren Absichten herausstellen.

Der Hang zur kognitiven Dissonanzreduktion wird noch durch die Suchmaschinen im Internet unterstützt. Nicht nur, dass sich für alle meine noch so abstrusen Ideen eine Eintragung findet, die diese stützen, die Suchmaschinen sind in der Regel auch so programmiert, dass sie meine Vorlieben erkennen und nach und nach nur solche Ergebnisse liefern, die meinen Präferenzen aus früheren Suchverläufen entsprechen. Dadurch erhalte ich auf Dauer nur Bestätigungen von dem, was ich ohnehin glaube. Ich bin zwar der Überzeugung, immer mehr zu lernen, bleibe aber in Wirklichkeit auf derselben Stelle stehen.

Machen Sie sich stattdessen zur Gewohnheit, bewusst Informationen zu suchen, die Ihrer eigenen Grundeinstellung widersprechen oder Ihre Überzeugungen in Frage stellen. Schalten Sie bei der Nutzung von Suchmaschinen den Mechanismus der automatischen Anpassung an Ihre bisherigen Präferenzen aus (das geht bei fast allen Suchmaschinen, auch bei Google). Dann erhalten Sie die Reihenfolge der Informationen, wie sie von allen Nutzern im Schnitt am häufigsten abgerufen werden. Da die Vielzahl der Nutzer ein breite Palette von Einstellungen aufweist, ist die Gefahr gering, dass Sie unter den ersten fünf Einträgen nur Bestätigungen Ihrer eigenen Meinung erhalten. Und wenn doch, ist das schon ein guter Hinweis, dass Sie nicht ganz so falsch liegen können.

 

4. Seien Sie kritisch gegenüber Aussagen, die pauschale Urteile enthalten, bestimmte Gruppen von vornherein ausschließen oder Sie als Mitglied einer besonders wichtigen Volksgruppe identifizieren.

Mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ haben vor allem die neuen rechten Bewegungen in Deutschland erfolgreich Anhängerinnen und Anhänger rekrutieren können. Dieser Satz verletzt aber geradezu alle drei Bedingungen für den Wahrheitsgehalt und die moralische Integrität von Aussagen: Er pauschalisiert (wer zum Volk gehört ist gut, der Rest ist schlecht), er grenzt aus (Flüchtlinge und Ausländer gehören natürlich nicht zum Volk), und er suggeriert Identität durch die Mitgliedschaft in dieser politisch wichtigen Gruppierung (auch ich gehöre zum Volk, bin also eine bzw. einer der Auserwählten).

Dabei spielt natürlich auch der Kontext, in dem der Satz ausgesprochen wird, eine zentrale Rolle. Bei den Protesten der ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger gegen das DDR-Regime war dieser Satz ein authentischer Ruf nach Freiheit und Souveränität. Im Kontext der Einwanderung steht der gleiche Satz jetzt für Ausgrenzung und Repression gegen Andersdenkende. Von daher ist es nicht nur der Wortlaut, der Wirkung auslöst, sondern auch und gerade der Kontext, in dem diese Aussage gemacht wird. Das erschwert die Prüfung von Aussagen auf sachliche Richtigkeit und moralische Integrität.

Was soll man also tun? Zum einen hilft es, ganz bewusst Informationen einzuholen, die bekanntermaßen kritisch zu den Äußerungen bzw. zu den sie vertretenden Personen stehen. Bei einer Behauptung aus konservativen Kreisen sollte man sich die Kommentare einiger linker Zeitschriften oder Blogs ansehen und umgekehrt bei Aussagen von linken Meinungsmachern die entsprechenden Kommentare bei eher konservativen Medien. Inzwischen gibt es auch eigene Internet-Foren, die sich ganz bewusst den unterschiedlichen Bewertungen von Sachverhalten widmen, also eine faktisch geprüfte Vielfalt von Meinungen und Ansichten weitergeben.*1

Schließlich kann man gezielt nach Worten suchen, die bei populistischen Demagogen immer hoch im Kurs stehen. Dazu gehört der Gegensatz von „wir“ und „die anderen“ oder „das Establishment“ sowie der häufige Gebrauch der Wörter oder Wortwendungen, wie „immer“, „niemals“, „wir sind uns alle einig, dass…“, „keiner kann leugnen, dass“, „es gibt keinen Zweifel daran, dass…“, „wer etwas Anderes sagt, der lügt“ und anderes mehr Je differenzierter und vorsichtiger Aussagen formuliert sind, desto eher entsprechen sie der Wahrheit. Natürlich müssen Politiker und Politikerinnen mit einfachen Worten überzeugen; aber einfache Worte schließen differenzierte Urteile nicht aus. Kurzum, seien Sie besonders vorsichtig bei Aussagen, die aalglatt erscheinen und alles in einer einzigen Farbe beleuchten, in dem Fall können Sie sicher sein: Entweder will man Ihnen einen Ladenhüter andrehen oder Sie für eine obskure Sache politisch oder weltanschaulich vereinnahmen.

 

5. Nutzen Sie die Ressourcen des Internet als eine wichtige Informations- und Kommunikationsquelle, seien Sie sich aber stets der Risiken und der Verzerrungen durch die virtuellen Kommunikationskanäle bewusst.

Auch wenn sich die Deutschen ständig über die Macht von Google, Facebook und Co aufregen, so nutzen sie diese Dienste doch mit großer Inbrunst und Intensität. Das hat auch seinen guten Grund: Nie war es so einfach, auch an schwer erreichbare und komplizierte Informationen heranzukommen oder mit Personen aus fernen Ländern zu kommunizieren. Aber Vorsicht: Diese neuen Medien bieten immense Möglichkeiten und Chancen, aber dies nicht ohne einen Preis. Die Nutzung dieser Dienste mag kostenlos sein, sie ist aber nicht umsonst. Den Preis für die kostenlose Nutzung all der Online-Plattformen und Suchmaschinen zahlen Sie mit Ihren persönlichen Daten. Diese werden gegen Geld an Werbekunden verkauft, die Ihnen dann auf Basis ihrer Suchanfragen und „Gefällt-mir“- Angaben persönlich zugeschnittene Werbeangebote unterbreiten. Je häufiger Sie solche Werbeangebote anklicken, desto mehr Geld landet in den Taschen der Online Dienstleister. Von daher seien Sie vorsichtig, welche Daten Sie preisgeben und welche nicht. Auch hier können Sie bei den meisten Anbietern von Suchmaschinen, Kommunikationsdiensten oder Apps die voreingestellten Datenerfassungsprogramme Ihren Sicherheitsbedürfnissen anpassen. Sie können beispielsweise veranlassen, dass Ihre Internetsuche nicht gespeichert wird oder dass persönliche Daten, wie etwa Ihr Standort oder Ihre vergangenen Suchanfragen, nicht weitergegeben werden. Prüfen Sie auch, ob Sie allen ihren echten und vermeintlichen Freunden und Freundinnen auf Facebook oder Instagram den Zugang zu allen Ihren Eintragungen ermöglichen. Mit Softwarepaketen, die ein sog. Semantic Data Mining erlauben, kann man automatisch allein über Einträge in Facebook oder anderen sozialen Netzwerken ein sehr genaues Profil Ihrer persönlichen Lebensumstände und Einstellungen erstellen. Natürlich kann die Methode des Data Mining auch für wichtige gemeinwohlorientierte Aufgaben und Dienstleistungen eingesetzt werden, etwa zur Erkennung von neuen Epidemien oder zur Vorbereitung von Vorsorgemaßnahmen gegen natürliche oder technische Gefahren. Insofern ist es nicht die Methode, die hier fragwürdig ist, sondern deren Einsatz für fragwürde Zwecke, wie die Überwachung von Personen oder die ungewollte kommerzielle Nutzung persönlicher Daten. Ein weiteres Risiko der virtuellen Welt liegt in den veränderten Bedingungen für die Wahrnehmung der realen Welt. Was tagtäglich im Internet über die Welt berichtet wird, ist keinesfalls repräsentativ für das Weltgeschehen. Die Dominanz der Bilder suggeriert ein Abbild der Realität, jedoch ist die Auswahl von Bildern genauso selektiv wie die Auswahl von Worten. In der virtuellen Welt werden wir laufend mit Katastrophen, Verschwörungen, Unfällen, traumatischen Unglücksfällen und krassem Fehlverhalten von Entscheidungsträgern konfrontiert. Bei über 7 Milliarden Menschen auf der Welt ist auch zu erwarten, dass solche negativen Ereignisse tagtäglich stattfinden. Nur wird selten über die Kehrseite berichtet. Dass die meisten Menschen friedlich miteinander auskommen, dass viele Länder enorme Fortschritte in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung machen, dass sich die Zahl der Hungerleidenden in der Welt in den letzten beiden Jahrzehnten halbiert hat – all diese positiven Entwicklungen bleiben meist ausgespart.*2 Die Menschen in Deutschland sind zu mehr als zwei Drittel davon überzeugt, dass das Leben immer riskanter und gefährlicher wird. In Wirklichkeit steigt in 172 von 193 Ländern dieser Welt die Lebenserwartung kontinuierlich an.*3 So schlecht, wie es uns das Internet suggeriert, kann es also gar nicht sein. Von daher denken Sie immer daran: Die Medien, vor allem die Online- Dienste sind auf die negativen Ereignisse und Entwicklungen fixiert (das wollen die Nutzer auch überwiegend hören und sehen), das bedeutet aber nicht, dass sie für das Geschehen insgesamt ein realitätsnahes Bild zeichnen.

 6. Seien Sie behutsam und vorsichtig, wem Sie Glauben schenken, wenn es um Themen geht, zu deren tieferem Verständnis Fachexpertise benötigt wird.

Viele Themen, die in der Öffentlichkeit kontrovers behandelt werden, sind unserer eigenen sinnlichen Wahrnehmung entzogen. Oft haben wir auch keine Erfahrungswerte, aus denen wir ablesen könnten, welche der Argumente in der Debatte stimmen und welche nicht. Wie gefährlich beispielsweise Rückstände des Pflanzenschutzmittels Atrazin in Getränken für unsere Gesundheit ist, können wir aus eigenen Stücken nicht beurteilen.*4 Wir sind also auf die Expertisen anderer angewiesen. Da wir deren Argumente nicht inhaltlich überprüfen können, verteilen wir Glaubwürdigkeit nach inhaltsfernen, peripheren Merkmalen. Diese reichen vom äußeren Erscheinungsbild bis hin zur vermuteten Interessenabhängigkeit der jeweiligen Informanten. Vertrauen und Glaubwürdigkeit nach peripheren Merkmalen zu beurteilen, ist aber wenig zuverlässig. Vor allem nutzen Demagogen und Populisten die von Fachleuten der Psychologie und der Kommunikationswissenschaften als besonders wirksam identifizierten peripheren Merkmale, um ihre zum Teil abstrusen Botschaften so zu gestalten, dass sie auf den ersten Blick höchst glaubwürdig erscheinen. Dazu gehören ein seriöses Auftreten, die Nut zung von akademischen oder anderen Titeln, die Appelle an den gesunden Menschenverstand und die Plausibilität (siehe Punkt Zwei) sowie die Schaffung einer identitätsfördernden „Wir sind alle in einem Boot“ Stimmung. Ebenso häufig finden sich im Arsenal der Populisten klischierte Feindbilder, die eine schnelle Zuordnung von „Wir – die Guten“ und „Ihr – Die bösen anderen“ ermöglichen. Von daher sollte man sich von der Suggestivkraft peripherer Merkmale möglichst freimachen. Wenn man, wie bei vielen Sachthemen, nicht selber beurteilen kann, welche Position und welches Argument stimmen kann, dann kann man sich an Institutionen wenden, die eine ausgewogene und neutrale Berichterstattung über dieses Thema versprechen. Dazu gehören beispielsweise die Onlinedienste der seriösen Zeitungen, die Portale der zuständigen Behörden und Forschungseinrichtungen, die Kommunikationsabteilungen der wissenschaftlichen Vereinigungen (etwa Helmholtz, Leibniz, Fraunhofer, Deutsche Forschungsgemeinschaft) und Akademien (wie etwa die Leopoldina, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften und andere regionale Akademien) oder die inzwischen auch in Deutschland arbeitenden Wissenschaftsdienste, die sich bewusst als neutrale Vermittler von Sachinformationen und als unparteiischen Übermittler der damit verbundenen Interpretationen verstehen.5 Alternativ dazu kann man auch die Webseiten der jeweiligen Kontrahenten besuchen, um sich zumindest ein Bild von den Argumentationssträngen der einen oder anderen Seite zu machen. Ähnlich wie bei der Beurteilung von Internet-Mitteilungen gilt auch hier: Je mehr Institutionen und Personen bewusst periphere Merkmale der Glaubwürdigkeit in ihre Präsentationen einbauen, umso vorsichtiger sollte man mit dem damit verbundenen Wahrheitsanspruch sein.

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Den kompletten 10-Punkte-Plan finden Sie im Buch:

Renn_Cover_3D BuchOrtwin Renn: Gefühlte Wahrheiten – Orientierung in Zeiten postfaktischer Verunsicherung

 

 

© Pixabay 2020 / Foto: Lars_Nissen

 

Quellen/Hinweise:

*1 In Deutschland vor allem: http://meedia.de/tag/zdfcheck17/; http://meedia.de/tag/br-verifikation/; http://meedia. de/tag/faktenfinder/; spezielle für Wissenschaft: http://www.wissenschaftskommunikation.de/

*2 Das Ziel der Halbierung der Armut wurde bereits im Jahr 2010 erreicht: Der Anteil der Menschen, die mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen, sank von 47 % im Jahr 1990 auf 22 % im Jahr 2010. 2010 lebten also bereits 700 Millionen Menschen weniger in Armut als noch 1990. Gleichzeitig sank die absolute Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen von 1,9 Milliarden im Jahr 1990 auf 1,2 Milliarden im Jahr 2010. Aus: https://www.sos-kinderdoerfer.de/unsere-arbeit/fokus/entwicklungshilfe/millenniumsziele-umsetzung (abgerufen am 15.8.2018). Viele weitere Belege für positive Entwicklungen finden sich in dem populärwissenschaftlichen Buch. Rosling, H. (2018): Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ullstein: Berlin.

*3 Renn (2014), a. a. O., S. 51.

*4 Hier ein paar Informationen zu Atrazin: Im Trinkwasser wurde für Pflanzenbehandlungsmittel unabhängig von deren Giftigkeit ein einheitlicher Grenzwert von 0,1 μg/l festgelegt; er trat zum 1.10.1989 in Kraft. Seit März 1991 ist zum Schutz des Grundwassers die Anwendung von Atrazin und sechs weiteren Wirkstoffen verboten. Bei Grenzwertüberschreitungen im Trinkwasser ist eine zeitlich befristete Ausnahmegenehmigung möglich. Voraussetzung ist ein erfolgversprechender Sanierungsplan und Einhaltung des Ausnahmegrenzwertes von 3 μg/l für Atrazin. Aus: http://www.wasser-wissen.de/abwasserlexikon/a/atrazin.htm (abgerufen am 13.8.2018).

*5 Siehe dazu die Portale der genannten Wissenschaftsgesellschaften sowie: https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/; https://www.wissenschaft-im-dialog.de/; http://www.wissenschaft-kontrovers.de/; https://www.destatis.de/DE/Startseite.html; https://www.tatsachen-ueber-deutschland.de/de (abgerufen am 13.8.2018).