Geblättert: „FAQ Methoden der empirischen Sozialforschung für die Soziale Arbeit und andere Sozialberufe“ von Jochem Kotthaus (Hrsg.)

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FAQ Methoden der empirischen Sozialforschung für die Soziale Arbeit und andere Sozialberufe

von Jochem Kotthaus (Hrsg.)

 

Über das Buch

Methoden empirischer Sozialforschung nehmen eine Sonderstellung in der Sozialen Arbeit und den Sozialberufen ein: Sie sind wesentlich für die Generierung neuen Wissens, erklären sich jedoch nicht aus der Logik des Alltags oder der Arbeitspraxis. Mit diesem FAQ-Band von Jochem Kotthaus, der typische Fragen wie “Was für Methoden gibt es?” und “Wofür brauche ich das?” beantwortet, soll Erstsemestern den Einstieg in das empirische Denken und Forschen erleichtert werden.

 Leseprobe: S. 17-22

 

Wozu braucht es empirische Sozialforschung in der Sozialen Arbeit?

Unsere Erfahrung als Lehrende in Studiengängen der Sozialen Arbeit zeigt, dass viele junge Kolleginnen und Kollegen eine wichtige Frage stellen: Was soll empirische Sozialforschung in einem Studium der Sozialen Arbeit? Dabei soll gar nicht so sehr verleugnet werden, dass Sozialforschung eine tolle Sache sei – und sehr gut in den Politikwissenschaften, der Soziologie oder der Psychologie aufgehoben ist. Aber in der Sozialen Arbeit? Wundern dürfen wir als Lehrende und Forschende uns über solche Annahmen von Ihnen als Studentinnen und Studenten nicht.

Zum Ersten ist die etwas undurchsichtige Rede von den Bezugswissenschaften, die Lehrende ja selbst oft vertreten, im Grunde unglücklich. Der Aufbau vieler Studiengänge, welche die jeweiligen Bezugswissenschaften wie etwa die Soziologie oder die Erziehungswissenschaft nicht unter dem disziplinären Dach der Sozialen Arbeit versammeln, legt nahe, dass hier eine kategoriale Trennung herrscht: Auf der einen Seite findet sich der klassisch-akademische Zulieferbetrieb, also diese ominösen Bezugswissenschaften, und auf der anderen ein praktisch orientiertes Ausbildungsstudium, in dem es um Handlungstheorien und Methoden für die Praxis geht. Dies korrespondiert durchaus mit dem Wunsch vieler – aber nicht aller – Studentinnen und Studenten, praktisch und gerade nicht akademisch im Wissenschaftsbetrieb tätig zu sein.

Zum Zweiten führt die mangelnde Promotionsmöglichkeit in der Sozialen Arbeit als Disziplin zu einem Import von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern. Selbst wenn es sich um ehemalige Professionelle aus der Sozialen Arbeit handelt – promoviert haben sie in einer der Bezugswissenschaften, und verstärken damit den Eindruck der Trennung zur Wissenschaft.

Zum Dritten nehmen wir an, dass auch die geradezu überall vorfindliche Selbstbezeichnung als Profession die Unterscheidung in akademische Sphäre und Praxis befördert. Die Profession legt eine Berufstätigkeit nah, die sich außerhalb der Wissenschaft abzuspielen scheint. Wenn nun sogar von einer Menschenrechtsprofession gesprochen wird, einer Institution, die sich selbst als Kontrollinstanz gesellschaftlichen Fehlverhaltens versteht, ist die Trennung zum akademischen Bereich endgültig vollzogen. Auch wenn die Ausführungen zur Menschenrechtsprofession einen wissenschaftlichen und forschenden Anteil beinhalten, bleibt dieser unserer Erfahrung nach in Lehre und Rede oft verkürzt.

Man kann also durchaus sagen, dass die Zweifel an der Sinnhaftigkeit empirischer Sozialforschung als originärer Aufgabe der Sozialen Arbeit berechtigt und in gewisser Weise sogar durch das Studium und seinen Aufbau bzw. seine Inhalte selbst gemacht sind. Wir präsentieren Ihnen jedoch zwei Argumentationsstränge, einen didaktischen und einen disziplintheoretischen, um zu begründen, warum Sozialforschung von Bedeutung ist. Möglicherweise wird keiner unserer Gründe Sie überzeugen. Das wäre natürlich sehr schade, weil wir unser Bestes versucht haben. Sollten Sie jedoch noch immer in der örtlichen Buchhandlung stehen oder eine Vorschau auf der Webseite jenes Online-Kaufhauses lesen, das als Buchversand begann und über welches Sie heute von Socken bis hin zu Autoreifen praktisch alles erwerben können; sollten Sie also noch immer darüber nachdenken, ob dieses Buch es jetzt wert ist, erworben zu werden, dann hier ein abschließendes (Kauf-)Argument: In letzter Konsequenz können Sie es sich nicht aussuchen und müssen sich mit empirischer Sozialforschung auseinandersetzen. Ihre Lehrenden werden sich nicht davon abbringen lassen, dass die Empirie dem Kanon der Sozialen Arbeit zugehörig ist. Und die nächste Prüfung kommt bestimmt. Man kann so argumentieren, aber wir fänden es natürlich deutlich charmanter, wenn Sie unsere beiden anderen Argumentationsstränge nachvollziehen könnten.

 

Methodische/didaktische Begründung: Warum wie intervenieren?

Johannes Schilling hat ein wunderbares Buch über die Bedeutung einer soliden Didaktik und Methodik in der Sozialen Arbeit geschrieben. Didaktik und Methodik sind wichtige und übliche Elemente der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern und haben im Wesentlichen das Ziel, eine Theorie der Praxis des pädagogischen Vorgehens in Unterrichtssituationen zu entwerfen. Die Didaktik bestimmt u.a. Inhalte, Zielgruppen, Vorgehensweisen, Bedingungen, Begründungen, Ziele im Unterricht. Die Methodik wäre eher als Kunstlehre des tatsächlichen Prozesses zu bezeichnen. Beide Aspekte gehören offensichtlich eng zusammen und ergeben nur als zwei Seiten einer Medaille einen vollständigen Gegenstand. In der Lehramtsausbildung gehört das Schreiben von Unterrichtsentwürfen als kondensierte Form methodisch- didaktischer Überlegungen zum Alltagsgeschäft.

Schillings Grundthese ist es nun, dass die Didaktik als Lehre der Kunst der sozialarbeiterischen Intervention immer eines Zieles bedarf. Man interveniert nicht so vor sich hin, sondern will etwas Bestimmtes aus einem bestimmten Grund verändern. Dieses Ziel ist für Schilling das Ergebnis eines Bedingungsanalyse genannten Prozesses des Verstehens der individuellen sowie der sozialen und institutionellen Rahmen. Anders ausgedrückt: Nur, wenn Sie als Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter über die Bedarfe und damit die Konstitution der Klientel selbst detaillierte Kenntnis besitzen, rechtfertigt sich eine sozialarbeiterische Intervention (vgl. Schilling 2008). Das gleiche Prinzip gilt auch für den praktischen Vollzug selbst, welcher über die Lebenswirklichkeit der Klientinnen und Klienten festzulegen ist. Dies macht ein bestimmtes, in der Sozialen Arbeit übliches Vorgehen zweifelhaft. Viel zu oft, so scheint es uns, ist die Antwort auf Probleme der Klientinnen und Klienten mit der jeweiligen Lieblingsmethode oder dem Thema der letzten Fortbildung identisch. Sie heißt dann durchgängig „systemische Beratung“ oder „klientenzentrierte Intervention“. Ob die Probleme der Klientinnen und Klienten jedoch mit genau dieser Methode zu bearbeiten sind, um welche Methode es sich handelt, ob die Probleme nur deshalb aufscheinen, weil jemand in einer bestimmten Art auf die Dinge schaut, bleibt fraglich. Was sind nun aber die Möglichkeiten, individuelle Bedarfe überhaupt festzustellen? Auf welcher Grundlage sollen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter entscheiden, welche Intervention das Richtige sein mag?

 

Begründungen sozialarbeiterischer Intervention

Es wäre so wunderbar, behaupten zu können, dass die Ergebnisse empirischer Sozialforschung hier Abhilfe schaffen würden. Was wäre dies für eine überzeugende Argumentation: Das, was empirische Sozialforschung bei den Klientinnen und Klienten feststellt, behandelt die Soziale Arbeit pädagogisch. Leider stimmt das in dieser Einfachheit nicht. Es wäre schon nicht richtig zu behaupten, dass die Methoden der empirischen Sozialforschung in der Art und Weise, wie sie in der Wissenschaft anzuwenden sind, bruchlos auf die Soziale Arbeit übertragbar seien. Alleine ein Blick auf die Dauer und Gestaltung des Forschungsprozesses macht deutlich, dass hier Unvereinbarkeiten am Werke sind. Die Praxis der Sozialen Arbeit ist gekennzeichnet von hoher Arbeitsverdichtung und der Notwendigkeit, oft schnelle Entscheidungen zu treffen. Methoden der empirischen Sozialforschung zeichnen sich hingegen durch eine bewusste, manchmal quälende Langsamkeit sowie die Aussetzung des Drucks der praktischen Anwendung, durch eine Trennung von Datengenerierung und Datenanalyse sowie deren permanente Validierung aus (vgl. bspw. Schweppe et al. 2018). All dies ist im Regelfall nicht in der Sozialen Arbeit anwendbar.

Was jedoch die Soziale Arbeit in den Kanon ihres Wissens aufnehmen kann, sind die Prinzipien der Methodologie empirischer Sozialforschung sowie die erkenntnistheoretischen Grundlagen dieser Prinzipien. Es geht hier also darum, die den Methoden der Datenaufnahme und der -analyse sowie der Gestaltung von Theorie unterliegenden Gedanken in der Sozialen Arbeit Raum zu geben. Dies ließe sich tatsächlich leichter umsetzen als der Versuch, die reinen Methoden in die praktische Arbeit zu übernehmen. Es würde zunächst bedeuteten, dass Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter den ersten Eindruck, die Wahrnehmung der Person, der Lebensumstände und der Gesprächsinhalte mit der Logik der Empirie reflektieren, d.h. je nach Ausrichtung mit einem systematischen Zweifel oder der Notwendigkeit der ebenso systematischen Testung der eigenen Hypothesen betrachten. Pädagogische Intervention begründet sich dann nicht mehr in der Alltagslogik der Professionellen oder einem unkontrollierten Anwenden von Theorien. Wollten Sie im Gegenteil sozialarbeiterische Intervention aus den Bedarfen oder genauer der Lebenswirklichkeit der Betroffenen begründen, so muss ein Weg gefunden werden, diese nachvollziehen zu können. Genau hier setzt die didaktische oder handlungstheoretische Begründung der Notwendigkeit an, dass die Soziale Arbeit auch auf einer praktischen Ebene sich permanent mit den Methoden und Praktiken der empirischen Sozialforschung beschäftigt. Würde man diese pragmatische Denklinie fortsetzen wollen, wäre also plausibel zu begründen, dass die empirische Sozialforschung einen Nutzen für die Praxis Sozialer Arbeit entwickeln kann.

Diese Begründungen sind geliefert: Thaler und Birgmeier (2011, S. 191) führen aus, dass der Gegenstandsbereich der Sozialen Arbeit mit dem der empirischen Sozialforschung identisch sei: die soziale Welt. Der Unterschied liegt in der Blickrichtung begründet. Die empirische Sozialforschung beschreibt und konzeptualisiert die soziale Welt und macht sie theoretisch fassbar – die Soziale Arbeit verändert sie zudem. Man könnte also etwas vergröbernd sagen: Die Sozialforschung erforscht den Alltag, die Soziale Arbeit gestaltet ihn zusätzlich. Schon diesen Zusammenhang systematisch in den Blick zu bekommen, wäre für die Soziale Arbeit eine deutliche Notwendigkeit. Hierzu sind jedoch die methodologischen Aspekte der Sozialforschung erforderlich.

Zu nennen ist weiterhin sicherlich die „rekonstruktive Sozialpädagogik“ von Jakob und Wensierski (1997). Angesprochen ist das Bemühen um „das Verstehen und die Interpretation der Wirklichkeit als einer von handelnden Subjekten sinnhaft konstruierten und intersubjektiv vermittelten Wirklichkeit“ (Wensierski und Jakob 1997, S. 9). Was Wensierski und Jakob meinen, ist der Umstand, dass das Subjekt, also der eigenwillige, identifizierbare und handlungsfähige Mensch, eigene Handlungspläne auf Grundlage bestimmter eigenwilliger und einzigartiger Lebenswirklichkeiten im Angesicht einer gesellschaftlichen Wirklichkeit entwirft.

Um die Praxis der Sozialen Arbeit fruchtbar mit den Methoden empirischer Forschung verbinden zu können, wird von einer „Wahlverwandtschaft“, d.h. einer Ähnlichkeit in Form und Absicht des Deutungs- und Interpretationsprozesses ausgegangen (vgl. Lüders 1999, S. 210). Die Offenheit der Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen entspricht den empirisch Forschenden, so ist bspw. die Ethnografie als Methode des Vertrautmachens des kulturell Fremden geradezu urtypisch für ein verantwortungsvolles sozialarbeiterisches Vorgehen. Kubisch (2014) verweist auf die Ähnlichkeit der Haltung und des besonderen Nutzens einer rekonstruktiven Sozialforschung in einer praxisangewandten Version, z.B. in Bezug auf Datenaufnahme sowie die Einstellung der Professionellen. Auf den Unterschied beider Zugangsweisen zur sozialen Welt haben wir bereits hingewiesen.

 

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