Geblättert: „Digitale Lehre an der Hochschule“ von Anja Wipper und Alexandra Schulz

Digitale Lehre an der Hochschule. Vom Einsatz digitaler Tools bis zum Blended-Learning-Konzept

von Anja Wipper und Alexandra Schulz

 

Über das Buch

Digitale Medien können die Hochschullehre auf vielfältige Art und Weise bereichern. Ob in reinen Präsenzveranstaltungen, Onlinephasen oder einer Mischung aus beidem: Dieser Band beschäftigt sich neben didaktischen und motivationalen Grundlagen mit den verschiedenen Möglichkeiten, digitale Medien in die eigene Lehre zu integrieren. Anhand von Beispielszenarien werden zudem praktische Anleitungen und Tipps für eine erfolgreiche Umsetzung gegeben.

Leseprobe: S. 15-19

 

2 Didaktisches und motivationales Design

Für die Entwicklung eines erfolgreichen Lehrkonzeptes ist es unabdingbar, einige grundlegende Regeln des didaktischen und motivationalen Designs zu kennen. Außerdem sollten wichtige Gestaltungsprinzipien für das Lernsetting berücksichtigt werden. Speziell für Blended-Learning-Szenarien betrifft dies zum einen die Kombination und Gewichtung der verschiedenen didaktischen Elemente im Gesamtarrangement. Zudem muss auch die konkrete Ausgestaltung der Online- und Präsenzphasen und deren sorgfältige Abstimmung aufeinander im Veranstaltungsverlauf sorgfältig geplant werden.

Bevor wir näher auf die wesentlichen Aspekte des didaktischen und motivationalen Designs eingehen, möchten wir Ihnen daher zunächst drei Konzepte vorstellen, die eine mögliche Einbindung digitaler Medien in der Lehre beschreiben und auf die wir im Weiteren jeweils Bezug nehmen werden. Anschließend folgt zuerst eine kurze Darstellung der Grundlagen des didaktischen Designs allgemein sowie im Kontext von Blended Learning im Besonderen. Danach werden wir verschiedene Ansätze des motivationalen Designs näher beleuchten. Hieraus ergeben sich wichtige Konsequenzen für die Gestaltung von Lernumgebungen, insbesondere auch bei der Integration von Onlinephasen.

 

2.1 Szenarien für den Einsatz digitaler Medien in der Lehre

Betrachtet man die Möglichkeiten, digitale Medien in Lehrszenarien zu integrieren, sind grundsätzlich drei Ansätze in der Konzeption von Lehr-Lern-Arrangements vorstellbar. Diese können auch teilweise miteinander kombiniert werden: das Anreicherungskonzept, das integrative Konzept und das virtuelle Konzept. Diese auf einem Vorschlag von Schulmeister (2001) basierende Unterscheidung findet sich erstmals bei Bachmann et al. (2002) in den so genannten Basler E-Learning-Szenarien. Seitdem hat sie sich in der Literatur als Modell für die Betrachtung onlineunterstützer Lernarrangements etabliert (vgl. Bremer, 2004; Wannemacher et al., 2016). Sie bietet eine gute Basis für die Betrachtung von Lehrszenarien und deren Ausgestaltung bei der Integration digitaler Medien in die Hochschullehre, weshalb wir im vorliegenden Buch dieser Struktur folgen.

Das Anreicherungskonzept

Das Anreicherungskonzept konzentriert sich auf die Gestaltung von Präsenzveranstaltungen. Hierbei steht die direkte Integration von digitalen Medien in Lehrveranstaltungen im herkömmlichen Präsenzformat im Vordergrund. So können beispielsweise Videos, Animationen oder auch Simulationen unterstützend zur Visualisierung von Lerninhalten genutzt werden, um das Verständnis zu erleichtern. Auch der Einsatz von Abstimmungssystemen, durch die ein Feedback der Studierenden eingeholt werden kann, ist hier denkbar, Dadurch kann beispielsweise der Lernstand überprüft, auf Wünsche des Auditoriums hinsichtlich der Vertiefung bestimmter Lerninhalte eingegangen oder auch die Veranstaltung evaluiert werden. In kleineren Veranstaltungen wie Seminaren können überdies unterschiedliche digitale Tools zur Unterstützung verschiedener kreativer Gruppenarbeitsprozesse wie beispielsweise Brainstorming oder Mindmapping eingesetzt werden.

Darüber hinaus umfasst das Anreicherungskonzept auch die Begleitung von Präsenzveranstaltungen durch die Bereitstellung verschiedener Lern- und Übungsmaterialien. Das können neben Vorlesungsskripten, Präsentationsdateien und weiterführenden Link- und Literaturlisten beispielsweise auch interaktive Übungen oder Selbsttests sein. In der Regel werden diese Materialien über eine Lernplattform verfügbar gemacht. Diese kann darüber hinaus für organisatorische Aufgaben wie die Bekanntgabe von Terminen, die Verteilung von Referatsthemen oder Praktikumsterminen oder auch die Abgabe und Bewertung von Hausaufgaben genutzt werden. Auf die vielfältigen Möglichkeiten, mit entsprechenden Methoden und geeigneten digitalen Tools Präsenzveranstaltungen anzureichern, gehen wir in Kapitel 4 (Präsenzveranstaltungen anreichern – digitale Helferlein in Vorlesung und Seminar) ausführlich ein.

Das integrative Konzept (Blended Learning)

Beim Anreicherungskonzept werden mögliche Online-Angebote parallel zur eigentlichen Präsenzveranstaltung als oftmals mehr oder weniger optionales Angebot konzipiert. Beim integrativen Konzept hingegen steht die sinnvolle Verzahnung von Präsenzterminen und Onlinephasen im Vordergrund. Dieses Konzept wird auch als Blended Learning bezeichnet, da es hierbei, ähnlich wie beim „Blending“ in der Herstellung von Kaffee, Tabak oder Whiskey, um einen guten „Verschnitt“, also eine ausgewogene Mischung der „Zutaten“ geht. Um ein stimmiges Gesamtkonzept eines solchen Arrangements zu erreichen, müssen die Übergänge zwischen Präsenz und Online sorgfältig geplant werden. Insbesondere ist darauf zu achten, die Onlinephasen sinnvoll zu strukturieren. Erst so kann ein „roter Faden“ durch das Lernangebot entstehen, und beide Elemente können didaktisch sinnvoll integriert werden. Die Onlinephasen sind in diesem Konzept nicht mehr optionaler, sondern gleichwertiger Bestandteil des Lernangebots.

Hinweise zur Konzeption von Onlinephasen finden Sie insbesondere in Kapitel 3 (Onlinephasen gestalten). Auf die verschiedenen Varianten von Blended-Learning-Szenarien und deren Ausgestaltungsmöglichkeiten kommen wir dann im Kapitel 5 (Blended-Learning-Szenarien umsetzen) zurück. Auch wenn das integrative Konzept auf die Verzahnung von Online- und Präsenzanteilen fokussiert, lassen sich auch hier digitale Medien, wie im Anreicherungskonzept dargestellt, in die Präsenzveranstaltungen einbinden.

Das virtuelle Konzept

Virtuelle Konzepte schließlich konzentrieren sich auf die Umsetzung rein online-basierter Lernangebote. Sinnvoll ist dies vor allem bei einer geografisch weit verteilten Zielgruppe und sehr speziellen Themenbereichen. In den letzten Jahren haben hierbei die so genannten MOOCs (Massive Open Online Courses) hohe Popularität erlangt. Hierzu trugen maßgeblich die Initiativen großer amerikanischer Universitäten wie der Stanford University und der Harvard University bei, die die Plattformen Udacity, Coursera und edX ins Leben gerufen haben. Inzwischen finden sich auf ihnen zahlreiche Onlinekurse zu einer Vielzahl von Themen. Sie bestehen in der Regel aus Videos und begleitenden Online- Quizzen sowie teilweise aus weiteren Elementen wie Diskussionsforen zum Austausch zwischen den Studierenden. Eine persönliche tutorielle Betreuung sowie eine aktive Unterstützung der Vernetzung der Lernenden untereinander fehlt jedoch immer noch in vielen Fällen. Dies wird allgemein als größtes Manko dieses Kursformats kritisiert und als Grund für die überwiegend hohen Drop-Out-Quoten angesehen.

Gerade reine Onlinekurse ohne die Möglichkeit zu persönlichen Vor-Ort-Treffen erfordern eine intensive Konzentration auf die Schaffung sozialer Verbundenheit, um einen kontinuierlichen Lernprozess zu gewährleisten. Dazu kann neben einer engen Betreuung und regelmäßigen Webmeetings besonders auch die Anregung der Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Studierenden beitragen. Mit diesen und weiteren Aspekten der Begleitung von Onlinephasen befassen wir uns speziell in Kapitel 3 (Onlinephasen gestalten).

Auch wenn vermutlich die Konzeption reiner Online-Szenarien für einige von Ihnen durch die Herausforderungen in den Digitalsemestern 2020/21 viel Raum eingenommen hat, werden wir in diesem Band nicht vertiefend auf die Konzeption solcher reinen Online-Arrangements eingehen. Lehre an Präsenzhochschulen wird auch in naher Zukunft überwiegend auf Konzepten aufbauen, bei denen es um eine sinnvolle Mischung von Präsenzveranstaltungen und Onlinephasen geht. Nichtsdestotrotz können die in diesem Buch dargestellten Szenarien, die auf dem Anreicherungs- und Integrationskonzept basieren, auch in reine Onlineformate überführt werden (vgl. dazu Kap. 4 und 5). Hierbei ist jedoch besonderes Augenmerk auf die Ausgestaltung von Onlinetreffen zu richten. Diese können nicht in der gleichen Art und Weise und im selben Umfang wie die Präsenzveranstaltungen, die sie ersetzen müssen, durchgeführt werden.

 

2.2 Didaktisches Design von Lehr-Lern-Arrangements

Als allgemeine Herangehensweise für das didaktische Design von Lehr-Lern-Arrangements schlägt Reinmann (2013, 2015) eine didaktische Grundfigur vor, die drei Gestaltungsebenen beinhaltet: die Vermittlung, die Aktivierung und die Betreuung (Abbildung 1).

Die Vermittlungskomponente umfasst dabei den Einsatz und die Gestaltung des Lernmaterials. Reinmann bezeichnet diesen Teil als die materiale Seite des didaktischen Szenarios. Hier sind also Entscheidungen darüber zu treffen, in welchen Formaten die Lerninhalte dargeboten werden, ob als Text oder Bild, als Video, Podcast oder auch als Animation oder interaktive Simulation. Weiterhin ist zu überlegen, wie die verschiedenen Formate miteinander kombiniert und in welchem Umfang sie bereitgestellt werden sollen.

Mit der prozessualen Seite beschäftigt sich die Aktivierungskomponente, bei der es um die Gestaltung von Aufgaben für das Lehr-Lern-Arrangement geht. Dadurch sollen die Lernenden zu einer aktiven Auseinandersetzung mit den Lerninhalten angeregt werden. Bei der Aufgabengestaltung muss also berücksichtigt werden, inwieweit und mit welchem Fokus die Studierenden während des Lernprozesses direkt angeleitet oder auch indirekt aktiviert werden sollen. Die Spannbreite möglicher Aufgaben reicht von solchen zur Wissenseinübung über Aufgaben zur Anwendung und zum Transfer von Wissen bis hin zu Arbeiten, bei denen neues Wissen selbständig konstruiert wird.

Die Betreuungskomponente beschreibt schließlich die soziale Seite des didaktischen Szenarios. Dabei werden Art und Umfang der tutoriellen Betreuung und Begleitung der Lernenden festgelegt, beispielsweise bei der Gestaltung von Feedback und dem Angebot von Konsultationsmöglichkeiten. Außerdem fällt hierunter die Schaffung sozialer Räume und Angebote für den Austausch zwischen den Lernenden. Dies kann z.B. über die Anregung von Lerntandems, die Unterstützung von Lerngemeinschaften oder die Bereitstellung von Lernräumen geschehen. Auch hier ist zu bestimmen, wie viel Raum die betreuende Komponente einnehmen soll.

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Kompetent lehren, Band 11

 

© Pixabay 2021 / Foto: Tumisu