Geblättert: „Berufliches Crossover zwischen ökonomischer und soziokultureller Fachwelt“ von Franziska König

Mann © Pixabay 2021 / Foto: ambroo

Berufliches Crossover zwischen ökonomischer und soziokultureller Fachwelt. Eine biografieanalytische Untersuchung

von Franziska König

 

Über das Buch

Der Wechsel in eine andere berufliche Fachwelt stellt Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vor neue Aufgaben und Herausforderungen. Welche individuellen Voraussetzungen müssen erfüllt und welche institutionellen Rahmenbedingungen sollten gegeben sein, damit ein erfolgreiches berufliches Crossover gelingt? Die Studie von Franziska König zeigt, dass das Crossover zwischen den Fachwelten ein gesamtbiografischer Prozess ist, der sich in den Biografien der Befragten nicht erst im Berufsleben abzeichnet. Erfolgreiche Fachweltwechsel werden von den hybriden Kompetenzen des Einzelnen bedingt und nur selten durch institutionelle und soziale Unterstützungsangebote begleitet.

Leseprobe: S. 142-146

 

4.2 Kurzporträts

4.2.1 Der Fall Roland Vogel: vom Manager zur Jugendarbeit

Roland Vogel ist im Ruhrgebiet als ältester Sohn einer Akademikerfamilie aufgewachsen. Seine Mutter ist pensionierte Lehrerin. Als Rentnerin ist sie noch immer an einer Bildungseinrichtung beschäftigt, wo sie als Lehrbeauftragte insbesondere Fragen zur Optimierung der Kommunikation in Arbeits143 gruppen, zur Teamentwicklung oder zur Mitarbeiterführung beantwortet. Der Vater von Roland Vogel war Hochschullehrer und bis zu seinem Tod am Institut für Soziologie einer Universität im Ruhrgebiet beschäftigt. Roland Vogels einundeinhalb Jahre jüngerer Bruder ist Besitzer einer Tanzschule und dort als Tanzlehrer aktiv. Durch seinen Großvater väterlicherseits, ein Schweizer und Besitzer einer Baufirma, lernt Roland Vogel auch die rationale und ökonomisch orientierte Denkweise eines Unternehmers kennen. Infolge der durch den Großvater ermöglichten Sozialisationserfahrungen werden von Roland Vogel traditionelle Tugenden wie Ordnung, Disziplin und Gehorsam als Voraussetzungen für unternehmerischen Erfolg verinnerlicht. Durch die unterschiedliche fachliche Zugehörigkeit seiner Eltern und Großeltern lernt er während seiner primären Sozialisation die verschiedenen Handlungs- und Denkweisen der Fachwelten Soziologie, Psychologie, Pädagogik und Wirtschaft kennen. Die ihm infolgedessen aufgezeigten unterschiedlichen beruflichen Handlungsschemata beeinflussen wiederum Herrn Vogels schulisches Lernverhalten und die Suche nach einem eigenen berufsbiografischen Entwurf.

Roland Vogels Biografie zeichnet sich durch eine negative Verlaufskurvenstruktur76 aus. Auslöser für diese Verlaufskurve sind die Trennung seiner Eltern in seiner Kindheit und die damit verbundenen Schwierigkeiten, Realitätskonflikten und Verlassenheitsgefühlen mit umsichtigen Bearbeitungsstrategien zu begegnen. Diese Erfahrungen setzen sich als sekundäre Verlaufskurve während seiner Schulzeit fort. Herr Vogel wächst gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder bei seiner Mutter auf. Aufgrund häufiger Umzüge und der damit verbundenen regionalen und sozialen Veränderungen wird er ein Jahr später als seine Mitschüler/innen eingeschult. Er erfährt angesichts bestehender Lernschwierigkeiten, insbesondere in Gestalt einer Lese-Rechtschreib-Schwäche, Stigmatisierung durch seine Mitschüler/innen und Lehrer/innen. Diese Lernschwierigkeiten werden von ihm als „psychische Störung“ und – wenn auch nicht diagnostiziert – als Legasthenie verinnerlicht. Verstärkt wird seine Situation durch die familieninterne soziale Kontrolle der Mutter und des Vaters als Lehrkräfte an Bildungsinstitutionen und die damit verbundenen zusätzlichen Erwartungen an seine Schulleistungen.

Die sekundäre Schulverlaufskurve mündet in eine berufliche Such- und Orientierungsphase ein. Roland Vogel nimmt durch die als „Legastheniker“ erfahrene Stigmatisierung in seiner Kindheit eine Kategorisierung zwischen geistiger und praktischer Arbeit vor. Da er vermehrt Anerkennung für erbrachte praktische Arbeit durch sein soziales Umfeld erhält, stellt er an sich weniger Anforderungen bezüglich der zu erbringenden Kopfarbeit wie beispielsweise des Schreibens. Da er der praktischen Arbeit mehr Bedeutung zukommen lässt, muss sich Roland Vogel nicht mehr mit seiner Rolle als Legastheniker auseinandersetzen; er muss nicht mehr Ursachen bzw. Lösungen für seine Schwierigkeiten beim Erbringen von Kopfarbeit finden. Die Stigmatisierung in seiner Kindheit und die vorgenommene Kategorisierung zwischen geistiger und praktischer Arbeit begründen schließlich die Berufswahl des Tischlers. Dieser berufsbiografische Entwurf und die damit veränderte Erwartungshaltung seines sozialen Umfeldes verringern die Wirksamkeit der negativen Verlaufskurve. Jedoch befindet sich Herr Vogel aufgrund zunehmend zu erbringender Routinehandlungen als Tischler weiterhin in einer beruflichen Such- und Orientierungsphase.

Nach dem Tod seines Vaters infolge eines Autounfalls wird Roland Vogel, wie bereits bei der Wahl der Berufsausbildung zum Tischler, durch sein soziales Umfeld eine mögliche berufsbiografische Linie aufgezeigt. Als Verwalter des Nachlasses seines Vaters erhält er erstmalig nicht nur für geleistete praktische Arbeit, sondern auch für erbrachte Kopfarbeit soziale Anerkennung. Dabei gehört insbesondere die Beantwortung bürokratischer, finanzieller und rechtlicher Fragen bezüglich des durch den Vater kurz vor seinem Tod in Auftrag gegebenen Baus eines Eigenheims zu seinen Aufgaben. Indem er sich darüber bewusst wird, dass er ökonomische Zusammenhänge und Fragestellungen bearbeiten kann, beschließt Roland Vogel, Betriebswirtschaftslehre an einer Universität in der Nähe seines Heimatortes zu studieren. Während dieses Studiums setzt er sich zum zweiten Mal erfolgreich mit der bei ihm bestehenden Lese-Rechtschreib-Schwäche auseinander. Er erhält soziale Anerkennung für erbrachte Kopfarbeit. Insbesondere seine als wissenschaftliche Hilfskraft für einen Hochschulprofessor erbrachten Korrektur- und Schreibarbeiten bewirken das kurzzeitige Unterbrechen der bis dahin wirksamen negativen Verlaufskurve. Roland Vogel wird das Unbegründetsein seiner Ängste beim Umgang mit der Schreib- bzw. Kopfarbeit bewusst gemacht. Jedoch kann er aus diesen Erfahrungen keine schlüssige berufsbiografische Orientierung entwickeln. Insbesondere das Fehlen einer Vertiefung seines Fachwissens in einem wichtigen Bereich seines Studiums wie Marketing, Vertrieb, Organisation und Finanzen begründet die Reaktivierung der negativen Verlaufskurve infolge einer anhaltenden beruflichen Such- und Orientierungsphase.

Die Wirksamkeit dieser negativen Verlaufskurve wird anhand verschiedener Indikatoren in der Biografie nachvollziehbar. Ein Hinweis für vorhandene Verlaufskurvenerfahrungen ist beispielsweise das von Roland Vogel innerhalb eines Kommentars eingebrachte Bedauern, nicht wie seine Mitschüler/ innen mit Freude auf seine Schulzeit zurückblicken zu können. Auch die besonders lange Aushandlungsphase zu Beginn des Interviews, in der er seine Bedenken äußert, über seine Lebensgeschichte zu sprechen, und auch die Irritation über die implizierten notwendigen Verrichtungen dieses Vorhabens sind solche Indikatoren. Weiterhin ist die von ihm angenommene und aufgezeigte zeitliche Begrenzung seiner Kindheit auf die Phase, in der seine Eltern noch zusammengelebt haben, ein Hinweis auf eine Verlaufskurvenerfahrung. Schließlich verweisen die von Roland Vogel verwendeten Markierer wie beispielsweise das höhere Prädikat, „völlig beruflich desorientiert“ (02/22) zu sein, auf eine anhaltende Wirksamkeit der negativen Verlaufskurve.

Langanhaltende Orientierungsphasen sind besonders auffällig in der Biografie Roland Vogels. Daneben sind seine Bemühungen, seine Biografie an dem institutionalisierten Ablaufsmuster einer Normalbiografie auszurichten, ein Hinweis auf die bei ihm vorhandene Unsicherheit bezüglich beruflicher Vorstellungen, vorhandener Fähigkeiten sowie persönlicher Interessen. Insbesondere die Phasen nach Beendigung eines Lebensabschnittes wie der Schulzeit oder der Studienzeit sind gekennzeichnet durch persönliche und berufliche Suchprozesse und biografisch begründete Orientierungslosigkeit. Diese biografischen Schwierigkeiten werden insbesondere manifestiert – und natürlich auch noch verschärft – durch das Fehlen signifikanter Anderer, die Herrn Vogel als biografische Berater durch das Aufzeigen seiner Fähigkeiten beim Entwickeln eines eigenen berufsbiografischen Entwurfes hätten unterstützen können. Stattdessen wird er durch die Eltern angehalten, seine Biografie an den sozialen Erwartungen des institutionalisierten Ablaufsmusters einer Akademiker-Normalbiografie auszurichten. Demzufolge entscheidet er sich nach seinem Wirtschaftsstudium, als Assistent der Geschäftsleitung eines Unternehmensberaters tätig zu sein. Die Verlaufskurvenstruktur der Biografie Roland Vogels zeigt sich jedoch auch während dieser beruflichen Tätigkeit in Form einer Fallensituation, da er vorrangig einfache administrative Aufgaben zu lösen hat. Aber auch die Beziehungen unter den Kollegen, die von ihm als sehr förmlich und eher kalt wahrgenommen wurden, begründeten schließlich seine Entscheidung, das Unternehmen zu verlassen.

Roland Vogel gründet ein eigenes Unternehmen und setzt dabei das Prinzip des Franchising77 ein: eine Strategie zur Expansion von Unternehmen, die er während seiner Tätigkeit als Assistent der Geschäftsleitung in der Unternehmensberatung kennengelernt hat. Als Franchisenehmer führt er die Idee eines amerikanischen Unternehmens weiter, frisch gepresste Obst- und Gemüsesäfte in öffentlichen Einrichtungen in Deutschland anzubieten. Nachdem jedoch sein Antrag zur Eröffnung einer Saftbar in einem deutschen Großbahnhof abgelehnt wird, führt er auch diesen berufsbiografischen Entwurf nicht weiter.

Die anhaltende Verlaufskurve in Form einer leidvollen fachlichen Suchund Orientierungsphase wird schließlich erst durch Roland Vogels Crossover in die Welt der Sozialen Arbeit unterbrochen. Während der Durchführungsphase des biografischen Handlungsschemas des Crossovers ist Roland Vogel in einem sozialen Verein beschäftigt. Er verlässt die sozioökonomische Fachwelt und ist in einem sozialen Projekt zur Integration von Jugendlichen in die Arbeitswelt eingebunden. Ziel dieses Projektes ist es, den Jugendlichen vorhandene, jedoch bisher nicht genutzte persönliche Fähigkeiten aufzuzeigen. Dabei werden von den Teilnehmer/innen insbesondere Methoden der Theaterpädagogik wie das Durchführen von Rollenspielen sowie das Proben und Aufführen von Theaterstücken genutzt. Das dadurch gewonnene Selbstvertrauen der Jugendlichen in die eigenen Fähigkeiten kann schließlich innerhalb eines im Rahmen des Projektes vermittelten Praktikums Bestätigung finden und während der anschließenden Berufsausbildung gewinnbringend eingesetzt werden. Zu Herrn Vogels Aufgaben gehört neben der Mitgestaltung der Angebote für die Jugendlichen insbesondere die Beantwortung rechtlicher, technischer und wirtschaftlicher Fragen. Dabei kann er Strategien und Arbeitsmethoden, die er während seiner Tätigkeit in der Unternehmensberatung kennengelernt hat, in der Fachwelt der Sozialen Arbeit übernehmen. Dazu gehören beispielsweise Techniken der Visualisierung bereits verwirklichter Expansionsbestrebungen des Unternehmens anhand einer Stecktafel an seiner Bürowand sowie die Anwendung der Technik des Franchisings. Er wirbt Franchisenehmer an, die die Projektidee übernehmen und ebenfalls Jugendliche auf dem Weg in den Arbeitsmarkt begleiten. Damit fungiert Herr Vogel als Franchisegeber und kann eine Arbeitsmethode zur Anwendung bringen, die er bereits in der sozioökonomischen Fachwelt kennengelernt und erprobt hat. Die Möglichkeit, Arbeitsmethoden aus der Wirtschaft in der Fachwelt der Sozialen Arbeit anzuwenden, lässt ihn in der ersteren Fachwelt verbleiben, erschwert aber auch die Identifikation mit der Fachwelt der Sozialen Arbeit und deren Arbeitsmethoden.

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76 Nach Schütze „schränken negative Verlaufskurven – Fallkurven – […] den Möglichkeitsspielraum für Handlungsaktivitäten und Entwicklungen des Biographieträgers progressiv im Zuge besonderer Verlaufsformen der Aufschichtung ‚heteronomer’ Aktivitätsbedingungen ein, die vom Betroffenen nicht kontrolliert werden können“ (Schütze 2016d: 60).

77 Franchising ist eine Vertriebsform. Sie basiert auf Partnerschaft, indem die Franchisenehmer/ innen gegen Zahlung von Gebühren an die Franchisegeber/innen deren Konzept übernehmen und dieses umsetzen. Die Franchisenehmer/innen sind rechtlich selbstständige und eigenverantwortlich operierende Unternehmer/ innen. Die Aufgabe der Franchisegeber/innen besteht neben der Bereitstellung der Konzeptidee darin, das angebotene Franchisesystem nachhaltig weiterzuentwickeln, den Wissenstransfer zu gewährleisten und das Netzwerk mit den Partner/innen weiter auf- und auszubauen. Ziel dieser Partnerschaft ist eine Produktivitätssteigerung durch Arbeitsteilung und Spezialisierung (vgl. Deutscher Franchise-Verband e. V. 2016: 12 ff.).

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Qualitative Fall- und Prozessanalysen. Biographie – Interaktion – soziale Welten, Band 23

 

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