Geblättert: Leseprobe aus „Arbeit im ökologischen Wandel“

Arbeit im ökologischen Wandel. Einführung in sozioökonomische Perspektiven und Alternativen

 

von Barbara Haas

 

Über das Buch

In Zeiten aktueller Krisen verändert sich nicht nur das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt aufs Neue, sondern auch wie wir leben und arbeiten. Mit dem Ziel, einen Überblick über den aktuellen Wissensstand zur Arbeit im ökologischen Wandel zu liefern, spannt die Autorin einen weiten Bogen. Prekäre Tendenzen bei den Arbeitszeiten und Verträgen stehen ebenso zur Diskussion wie der Anstieg sozialer Ungleichheit. Wie hängen Umweltgerechtigkeit und aktuelle Trends in der Arbeitswelt zusammen? Beispiele und Fakten für Deutschland und Österreich sollen die Dringlichkeit neuer Perspektiven verdeutlichen. Wie kann Arbeit nachhaltig gestaltet werden? Aktuelle Theorien, Entwicklungen und Alternativen werden leicht verständlich und praxisnah erklärt.

Leseprobe aus den Seiten 41 – 44

 

Thesen: Drei Perspektiven zum Wandel

Geschichte lässt sich nie in Stein meißeln. Als Kinder unserer Zeit beurteilen wir das aktuelle Zeitgeschehen heute mit Sicherheit anders als in kommenden Jahrzehnten. Im Nachhinein müssten wir eigentlich immer gescheitert sein – zumindest theoretisch.

Wie und warum sich Arbeit verändert, wird heute und morgen kontrovers disktuiert. In der Debatte gewinnen genaue Quellenverweise zu nachprüfbaren, zuverlässigen Fakten an Bedeutung. Zahlen sprechen jedoch nicht für sich. Ein und derselbe Befund kann sehr unterschiedlich interpretiert werden. Gerade in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften spielt der ideologische Standpunkt eine nicht unerhebliche Rolle. Sich der Objektivität und Wertfreiheit verpflichtet fühlen, ist wichtig, um Sachlagen möglichst wertfrei „nur“ zu analysieren. Ein simpler Grund für die dennoch häufige Parteilichkeit ist, dass wir als Menschen Teil des Untersuchungsgegenstands sind. Laufend schaffen wir soziale Wirklichkeit. Auch Nicht-Handeln impliziert Handeln, so wie ein apolitisches Leben politische Folgen zeitigt: „Unpolitisch sein, heißt politisch sein, ohne es zu merken“ (Rosa Luxemburg).

Handlungen sind abhängig von den Perspektiven, dem jeweiligen Wissensstand bzw. von der vermuteten Glaubwürdigkeit einer Informationsquelle. Allein die Formulierungen von Forschungsfragen spiegeln unsere vom Alltag geprägten Interessen wider, woran der Verweis auf systematisch wissenschaftliches und daher „objektives“ Vorgehen wenig ändert. Fest steht, ein und dasselbe Faktum wird je nach theoretischer Brille unterschiedlich eingeschätzt. Was manche als Problemstellung aufwerfen, ist für andere kein Thema bzw. selbstverständlich. Während sich die einen über eine Erholung der Konjunktur und steigende Konsum- und Wachstumsraten freuen, verteufeln andere Wirtschaftswachstum, solange es nicht gelingt, den Ressourcenverbrauch und die Treibhausgasemissionen drastisch zu drosseln.

Mit welchen Brillen können wir gesellschaftliche Probleme betrachten? Die hier gewählten Ansätze sind alles andere als vollständig. Das Spektrum bewegt sich ähnlich wie in politisch-ideologischen Debatten mehr oder weniger auf dem Kontinuum zwischen rechts und links. Wenn im Folgenden die als „links“ eingestuften Ideen von der „Sozialisierung der Produktion“ umrissen werden, bleibt die Frage bewusst ausgeklammert, ob und wie diese umzusetzen wären. Im Fokus steht das Verständnis von Freiheit und Gerechtigkeit aus dieser theoretischen Perspektive. Auf dem entgegengesetzten Pol liegen Vorstellungen vom „Wirtschaftsliberalismus“, die in aktuellen Debatten vielfach als „Neoliberalismus“ kritisiert werden. Irgendwo in der Mitte finden sich pragmatische Zugänge, die von der „Einbettung der Gesellschaft in die Wirtschaft“ (Polanyi 1973 [1944]) ausgehen und mit Thesen zum „Neuen Geist des Kapitalismus“ (Boltanski/Chiapello 2003 [1999]) weitergeführt werden.

Beginnend mit sozialistischen Vorstellungen wandern wir nach rechts zum Wirtschaftsliberalismus, um abschließend die in diesem Buch favorisierten Perspektiven zur Sozial- und Künstlerkritik zu erörtern.

 

Sozialistische Vorstellungen: Freiheit und Gerechtigkeit

Zeitzeugen des 18. Jhs. sowie spätere Theoretiker*innen sahen im Übergang zum Kapitalismus – vor allem in der Industrialisierung – einen fundamentalen Wandel im Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft. Einigkeit bestand darin, dass die „Ökonomisierung“ vieler Bereiche eingeläutet wurde und zweckrationales Nutzenkalkül seither unser Leben bestimmt. In Politik und Gesellschaft sowie in privaten Beziehungen wird nüchtern abgewogen, ob sich der Aufwand lohnt. Welches Handeln ist noch frei von rationalen Überlegungen? Gefühlsmäßige und unterbewusste Beweggründe für Entscheidungen spielen zwar eine Rolle, scheinen aber beherrschbar und zweitrangig im Vergleich zur Frage: Was kostet es, was bringt es?

Daraus resultiert die Frage, ob und inwiefern diese Dominanz der Zweckrationalität zum Problem wird. Bereits nach der Französischen Revolution (1789) warnten frühsozialistische Denker*innen vor den Gefahren der Verelendung der Fabrikarbeiter*innen und forderten die Rückkehr zum ständischen Handwerk. Die historischen Ausführungen (in diesem Kapitel) haben gezeigt, wie verklärt Vorstellung von der „guten alten Zeit des Handwerks“ sind, denn auch damals existierten Abhängigkeiten, Armut und Verelendung im krassen Gegensatz zu Reichtum, Macht und Einfluss der Herrschenden. Als bahnbrechende Alternative gilt das Plädoyer von Karl Marx (1818–1883) und seiner Anhängerschaft für eine fundamentale Neugestaltung der Eigentumsverhältnisse. Die Vergesellschaftung der Produktion in einer freien, sozialistischen Gesellschaft sollte Ausbeutung und Entfremdung überwinden (Komlosy 2014: 17). Diese Vision fußt auf einer scharfsinnigen Analyse der starken Klassengegensätze im Industriezeitalter. Fabrikarbeit*innen waren ausgebeutet, persönlich abhängig und entmenschlicht. Neben materiellen und physischen Entbehrungen fehlte ihnen der Bezug zum Endprodukt. Der Mensch entfremdete sich vom Tun. Menschliches Dasein reduzierte sich auf prinzipiell zwei Möglichkeiten: Entweder stand jemand auf der Seite von Arbeit oder auf jener des Kapitals. Kurz: die Klasse der Arbeiter*innen wird in und durch Arbeit entfremdet, während die Klasse der Kapitalist*innen den Mehrwert abschöpft. Diese augenscheinliche soziale Kluft erklärt auch, warum nur wenige zeitgenössische Beobachter*innen in der heraufdämmernden Zeit von Technik und Fortschritt eine Gefahr für die Natur erkannten. Zwar hat Karl Marx die Ausbeutung natürlicher Ressourcen thematisiert, aber bei weitem nicht in der Ausführlichkeit wie die „soziale Frage“ (Berger 2018, Welskopp 2018).

Ein anderer blinder Fleck war das Geschlechterverhältnis (Komlosy 2014: 17). Mit der Durchsetzung industrieller Produktionsverhältnisse ging zweifelsohne eine Trennung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit einher. Tätigkeiten zum unmittelbaren Überleben in der Haus- und Subsistenzarbeit wurden einerseits entweder als „Teil der Natur betrachtet, der mit der bürgerlichen Familienideologie angeblich den Frauen als natürliche Eigenschaft auf den Leib geschrieben war; oder sie wurden andererseits als Ausnahmen und Relikte vorkapitalistischer Lebens- und Produktionsweisen angesehen, die durch Kommodifizierung (Liberale) oder Vergesellschaftung (Sozialisten) von der Natur in die Sphäre der Ökonomie übertreten würden“ (Komlosy 2014: 18).

Lohn für Hausarbeit als eine Form der Kommodifizierung (=d. h. Schaffung eines Warencharakters) wurde als Idee aufgegriffen, oft fallengelassen, lebt aber bis heute in manchen (feministischen) Kreisen weiter. So auch in der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen (kurz dazu im Kapitel 5). In sozialistischen Vorstellungen sollte die Hausarbeit in Form von gemeinwirtschaftlicher, gegenseitiger Unterstützung erfolgen (Vergesellschaftung). Indem die Bedeutung von Arbeit auf Lohnarbeit und auf die Schaffung von Kapital (Mehrwert) reduziert wird, bleibt die unbezahlte Arbeit im Privaten unsichtbar. Folglich erfährt diese Arbeit sowie jene, die sie leisten – also Frauen – wenig bis selten Anerkennung, obwohl bezahlte Arbeit unbezahlte voraussetzt und mindestens ebenso wichtig ist. Das zeigt sich im Namen Reproduktionsarbeit: Frauenarbeit sollte dazu dienen, den erwerbstätigen Mann für die Lohnarbeit zu regenerieren. Aber wer sorgte für die Frauen, die oftmals selbst Fabrikarbeit leisteten und zugleich den Haushalt schaukelten, sich um die Kinder, den Mann sowie möglicherweise andere pflegebedürftige Angehörige kümmern mussten? Stichwort: Doppel- und Dreifachbelastung erwerbstätiger Frauen (Becker-Schmidt 1987). Dies hatte eine erhebliche Benachteiligung der Frauen gegenüber den Männern zur Folge, die bis heute anhält (siehe Kapitel 2 und 3).

Die Rolle der Frau in der Arbeiterklasse blieb widersprüchlich. Zum einen setzten sich sozialdemokratische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert sehr wohl ausdrücklich für mehr Geschlechtergerechtigkeit ein. Andererseits handeln kritische Analysen zur Ersten und Zweiten Industriellen Revolution vorrangig von der offensichtlichen sozialen Kluft zwischen Arbeit und Kapital. Im Fokus standen ausgebeutete, verarmte Männer wie Frauen, die nichts als ihre Arbeitskraft anzubieten hatten, denen einzig und allein Arbeitsniederlegung und Streik als Drohpotenzial blieben. Hunger, Armut, Elend und Gewalt standen im krassen Gegensatz zu Wohlstand, Besitz und politischer Macht der vermögenden Fabriksherren, deren Frauen und Töchter ebenso profitierten. Geschlechterdiskriminierung war und ist immer zugleich eine Frage der gesellschaftlichen Stellung (Klasse). Anzumerken gilt, dass die Benachteiligung von Frauen nicht ursächlich mit der Entwicklung industriekapitalistischer Produktion zusammenhängt. Patriarchale Verhältnisse reichen bis in die Anfänge der Menschheitsgeschichte zurück (Van Schaik/Michel 2020). Zur Erinnerung: im antiken Griechenland hatten Frauen keine Bürgerrechte. Untermauert wurde dies in vielen philosophischen Strömungen der Antike, die das Weibliche nicht nur fundamental vom Männlichen unterschieden, sondern auch eine Höherbewertung der Männer festschrieben. Die feministische Forschung hat klar dokumentiert: Das Patriarchat ist älter als der Kapitalismus (Beer 1990). Die Vorherrschaft der Männer bzw. das Prinzip der „männlichen“ Dominanz, Macht- und Gewaltausübung gegenüber Frauen gehen mit der Zeit, sie verändern bloß das Antlitz.

 

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