Geblättert: „Alfred Lorenzer zur Einführung“ von Hans-Dieter König, Julia König, Jan Lohl und Sebastian Winter

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Alfred Lorenzer zur Einführung. Psychoanalyse, Sozialisationstheorie und Tiefenhermeneutik

von Hans-Dieter König, Julia König, Jan Lohl, Sebastian Winter

 

Über das Buch

Zu Zeiten des affective turn gewinnt Alfred Lorenzers kritische Theorie des Subjekts an Aufmerksamkeit. Das Buch führt in Lorenzers Werk ein, der auf sozialwissenschaftlicher Basis Theorien der Psychoanalyse neuformulierte und darauf basierend die Tiefenhermeneutik entwickelte. Diese systematische Einführung eignet sich durch Lorenzers interdisziplinären Ansatz sowohl für Studierende, Lehrende und Forschende der Sozial- und Kulturwissenschaften, als auch der Psychologie und Psychoanalyse.

Leseprobe: S. 11-17

 

1) Psychoanalyse als kritischhermeneutische Erfahrungswissenschaft

Die methodologische Frage, auf welche Wahrheit die psychoanalytische Erkenntnis zielt, hat Alfred Lorenzer durch die Untersuchung der wissenschaftstheoretischen Frage nach dem logischen Status der Psychoanalyse bearbeitet.

Im folgenden Kapitel wird zunächst umrissen, inwiefern Freud die Psychoanalyse als eine Naturwissenschaft verstand, und wie er zugleich über die literarische Qualität seiner Krankengeschichten irritiert war. In Anschluss daran werden pointiert die zentralen Positionen in dem wissenschaftstheoretischen Streit um den logischen Status der Psychoanalyse nach Freud und die Debatte der 1970er Jahre umrissen, die sich darum drehten, ob die Psychoanalyse nun als Naturwissenschaft oder als Geisteswissenschaft zu verstehen sei. Schließlich wird nachgezeichnet, wie Lorenzer in diese Diskussion um den logischen Status der Psychoanalyse eingriff und die Psychoanalyse als eine kritisch-hermeneutische Erfahrungswissenschaft rekonstruierte, die als Theorie der subjektiven Strukturen das Gegenstück zur kritischen Gesellschaftstheorie darstellt.

 

1.1) Freuds Erstaunen über die literarische Qualität seiner Krankengeschichten. Zur Vorgeschichte des Streits um den logischen Status der Psychoanalyse

Zweifellos geht das Verständnis der Psychoanalyse als Naturwissenschaft auf Freud selbst zurück. So bemühte sich Freud, die durch seine klinische Arbeit gewonnenen Einsichten in das unbewusste Seelenleben seiner neurotischen Patient_innen trotz ihres lebensgeschichtlich dramatischen Inhalts in einer naturwissenschaftlichen Begrifflichkeit zu formulieren, die seiner medizinischen Ausbildung und seiner beruflichen Tätigkeit als Arzt entsprach. Seine strenge Orientierung an einer naturwissenschaftlichen Sprache zeugt zudem von seinem Kampf um die Anerkennung durch die zeitgenössische ›scientific community‹, die dem szientistischen Wissenschaftsverständnis des 19. Jahrhunderts verpflichtet war. Wie sehr Freud in diesem Kontext gegen erbitterte Widerstände zu kämpfen hatte,1 illustriert auch die Kritik, die ihm im April 1896 nach einem Vortrag im Verein für Psychiatrie und Neurologie entgegenschlug. Zutiefst gekränkt berichtete Freud in einem auf den 24.4.1886 datierten Brief an seinen Freund Wilhelm Fließ, sein Vortrag habe »bei den Eseln eine eisige Aufnahme [gefunden] und von [Richard von] Krafft- Ebing die seltsame Beurteilung: ›Es klingt wie ein wissenschaftliches Märchen‹« (Freud 1986, S. 193). Freuds Selbsteinschätzung, der Grund für die eisige Ablehnung sei in seinen Thesen über das Sexuelle am Grunde der Hysterie und über die kindliche Sexualität zu suchen, die ein so großer Tabubruch gewesen seien, geht jedoch am Kern der Sache vorbei. Denn zu eben diesen Themen forschten schon andere Sexualwissenschaftler wie etwa Albert Moll oder auch der erwähnte Vorsitzende des Vereins, Richard von Krafft-Ebing selbst (vgl. Sigusch 2008, S. 265 f.; König 2020, S. 430 ff.). Wie unübersehbar Krafft-Ebings feindselige Ablehnung auch war, bemerkenswert ist doch seine inhaltliche Begründung, mit einem »wissenschaftlichen Märchen « konfrontiert worden zu sein.

Diese Einschätzung korrespondiert nämlich mit einer Beobachtung Freuds, der angesichts seines medizinischen Verständnisses der Psychoanalyse über den Charakter seiner Fallanalysen irritiert war, was er etwa im Kontext der Epikrise zur Krankengeschichte der Elisabeth von R. folgendermaßen formulierte:

Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, sondern bin bei Lokaldiagnosen und Elektroprognostik erzogen worden wie andere Neuropathologen, und es berührt mich selbst noch eigentümlich, daß die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren. (Freud 1952 [1895], S. 227)

Eigentümlich berührt zeigte sich der Begründer der »Naturwissenschaft vom Seelischen« vom literarischen Charakter seiner Abhandlungen, die sich lesen, »wie man sie vom Dichter zu erhalten gewohnt ist« (ebd.). Diese Krankengeschichten befremdeten Freud, widersprachen sie doch dem strengen naturwissenschaftlichen Wissenschaftsideal, das er als Arzt und als Wissenschaftler in seiner Arbeit einzulösen suchte. Gleichzeitig fiel ihm aber auf, dass die Rekonstruktion der Leidenswege seiner Patient_innen als Lebensgeschichten etwas zum Vorschein brachte, was sich sonst dem (natur-)wissenschaftlichen Blick entzog: »Ich muss mich damit trösten, dass für dieses Ergebnis die Natur des Gegenstandes offenbar eher verantwortlich zu machen ist als meine Vorliebe« (ebd.).

Freuds verwunderte Bemerkung, dass seine Krankengeschichten wie Novellen zu lesen seien, ähnelt nun in der Tat der inhaltlichen Aussage von Krafft-Ebings Kritik, dass Freud Märchen erzähle: In Märchen wie in Novellen werden soziale Konflikte und das Leiden von Individuen unter sozialen Verhältnissen in eine literarische Sprache gefasst. Lorenzer spricht ganz in diesem Sinne davon, dass sich Freuds szenischer Blick (vgl. Kapitel 3) auf die in der ärztlichen Praxis erzählten Probleme seiner Patient_innen in seinen schriftlichen Arbeiten niedergeschlagen habe: So präsentierte Freud in seinen Krankengeschichten intime Konflikte als szenisch entfaltete Arrangements, in denen – tatsächlich wie in einer Novelle oder einem Märchen – »die innige Beziehung zwischen Leidensgeschichte und Krankheitssymptomen « (Freud 1952 [1895], S. 227) verdichtet dargestellt wurde. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, den Lorenzer (1984b) herausarbeitet: Nicht nur Freuds Wahrnehmung der Leidensgeschichten seiner Patient_innen unterscheide sich von den bis dato üblichen (seelen-)ärztlichen Gepflogenheiten, wie sie etwa seine Vorgänger Auguste Ambroise Liébault, Hippolyte Bernheim, Jean Martin Charcot oder Pierre Janet praktiziert hatten.

In dem Versuch, den ›Sinn der Symptome‹ als eine subjektiv sinnvolle Konstellation innerhalb der Leidensgeschichte einer Patient_in zu verstehen, entfernte sich Freud von der Haltung des allmächtigen ›Gottes in Weiß‹. Lorenzer erkennt in dieser Dezentrierung der Verfügungsgewalt des allmächtigen Arztes, in der Aufgabe der elitären Distanz des Naturforschers eine »Umkehr des Arzt-Patient-Verhältnisses« (ebd., S. 114). Denn Freud lässt sich wesentlich auf die Intimität der Gesprächssituation zwischen Analytiker_in und Patient_in ein. Dies zeigt bereits seine Preisgabe der Hypnose, die nur von mächtigen Expert_ innen an Patient_innen gänzlich ohne Mitspracherecht im Prozess vorgenommen werden konnte, und deren Praxis der Manipulation Freud als unnötig erachtete. Zentral wurde für das psychoanalytische Verständnis stattdessen die Selbstdarstellung der Patient_in, mehr noch: die »Selbstbestimmung des Analysanden im Zusammenwirken mit dem Analytiker« (ebd., S. 135; vgl. auch Zaretsky 2006, S. 94 ff.).2 In diesem Rahmen musste sich »das Verstehen«, so Lorenzer, »dem ›szenischen‹ Charakter des Erlebens anschmiegen« (Lorenzer 1984b, S. 124). Psychoanalyse war insofern von ihrem Beginn an keine Ereignisdiagnose, sondern wesentlich Erlebnisanalyse (vgl. ebd., S. 199) und zielte darauf, Triebwünsche zu entschlüsseln, die aufgrund einer allzu weit gehenden Verdrängung neurotische Symptombildungen zur Folge hatten. Der Forschungsgegenstand der Psychoanalyse ist daher nach Auffassung von Lorenzer weder ganz den Natur- noch ganz den Sozialwissenschaften zuzuschlagen: Ihr Gegenstand liegt vielmehr zwischen der Biologie, der Soziologie und der Medizin (vgl. Lorenzer 1986, S. 13 f.).

Bevor wir nun weiter ausführen, welche weiteren wissenschaftstheoretischen Schlüsse Lorenzer aus Freuds Verständnis der Psychoanalyse als Naturwissenschaft und seiner Einsicht in die literarische Qualität seiner Krankengeschichten zieht, möchten wir skizzieren, wie sich der Streit um den logischen Status der Psychoanalyse nach Freud entwickelte.

 

1.2) Der wissenschaftstheoretische Streit um die Psychoanalyse nach Freud

Da die Psychoanalyse als Therapiemethode zur Behandlung von Neurosen in der Medizin verankert wurde, setzte sich das naturwissenschaftliche Verständnis der Psychoanalyse auch in den folgenden Generationen fort. So betrachtete Freuds Zeitgenosse Heinz Hartmann (1927), der um die Anerkennung der Psychoanalyse als Wissenschaft in der akademischen Welt der Vereinigten Staaten kämpfte, die von Freud begründete Disziplin als eine »Naturwissenschaft vom Seelischen« (S. 13): »Von Anfang an waren Erklärungen menschlichen Verhaltens durch Hypothesen über unbewusste seelische Prozesse ein wesentlicher Teil und ein charakteristisches Merkmal der Psychoanalyse« (ebd.). Auch Pieter J. van de Leeuw (1967) vertrat ganz in diesem Sinne die Auffassung, dass Freud durch seine klinische Arbeit »die Psychologie zum Range einer selbständigen Naturwissenschaft« (S. 125) erhoben habe.

Dieses Verständnis der Psychoanalyse als Naturwissenschaft wurde jedoch wiederholt angefochten und grundsätzlich bezweifelt; dabei entstand eine konkurrierende Lesart, nach der es sich bei der Psychoanalyse um eine Sozial- oder Geisteswissenschaft handele. In der selben Zeit, in der Hartmann in den USA für die Naturwissenschaftlichkeit der Psychoanalyse argumentierte, begriff Ludwig Binswanger das psychoanalytische »Deutungsverfahren« als einen »Spezialfall der Hermeneutik der Geisteswissenschaften«, weil Freud die Hermeneutik »nach ihrer psychologischen oder individuellen […] Seite hin« (Binswanger 1955 [1926], S. 69) empirisch ausgestaltet habe. Freilich konnte Freud selbst dieser Interpretation Binswangers nicht zustimmen, da dieser die Naturgrundlage des menschlichen Trieblebens ausklammerte. Gleichwohl vertrat später auch Hans A. Thorner (1963) die Auffassung, bei der Psychoanalyse handele es sich um »eine verstehende Psychologie im Sinne Diltheys« (ebd., S. 685). Thorner rekurrierte damit auf das Konzept der verstehenden Psychologie, das Dilthey (1894) prägnant mit dem Satz proklamiert hatte: »Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir« (S. 144). Während Dilthey derart das naturwissenschaftliche Erklären der Erschließung körperlicher Abläufe zuordnete, reklamierte er für die Erfassung psychischer Prozesse das geistes- oder sozialwissenschaftliche Verstehen. Daher sei die um das Verstehen von seelischen Konflikten bemühte Psychoanalyse, so Thorner, den Geistes- und Sozialwissenschaften zuzuordnen. Auch Piet C. Kuiper (1964) resümierte zeitgleich, dass der »verstehende Psychologe Freud […] sich im Bewusstsein vieler hinter dem erklärenden, konstruierenden Psychologen « verbarg (S. 27). In vergleichbarer Weise argumentierten Karl-Otto Apel (1965) und Jürgen Habermas (1968), dass die Psychoanalyse sich einer dezidiert sozialwissenschaftlichen Hermeneutik bediene.

Als ein weiterer gewichtiger Vertreter der Psychoanalyse als Geisteswissenschaft begründete Jacques-Marie Émile Lacan in den 1950er Jahren in Paris eine an Alexandre Kojéves Hegel- Lektüre (Kojève 1975 [1947]) und Ferdinand de Saussures sprachwissenschaftlichen Strukturalismus (de Saussure 2011) anschließende strukturalistische Reformulierung der Freud’schen Triebtheorie (vgl. Lacan 1973, 1975, 1980). Lacan und Lorenzer teilen einige wesentliche Argumente und Anliegen (vgl. Heim, Modena 2016): Beide halten an der Inhaltlichkeit der Trieblehre fest, beide argumentieren, dass der Funktion der Sprache in der Psychoanalyse strukturell bislang zu wenig Bedeutung beigemessen wurde, und beide schlagen mit ihren Reformulierungen Wege vor, den von beiden kritisierten Freud’schen Biologismus zu überwinden. Die erkenntnistheoretisch entscheidende Differenz besteht jedoch darin, dass Lacan alles biologistisch Anmutende gänzlich über Bord wirft und die Triebenergie gespeist sieht aus dem Begehren nach dem immer schon verlorenen phantastischen ›Objekt a‹, welches zugleich das Begehren des anderen repräsentiert: »das Begehren des Menschen [ist immer] das Begehren des Andern« (Lacan 1973, S. 220; vgl. Lang 1986, S 203 ff.). Lorenzer hingegen besteht darauf, dass der Freudsche Biologismus »kritisch aufschließbar« (Lorenzer 2002, S. 131) sei (vgl. Kapitel 4).

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1 Erwähnen möchten wir an dieser Stelle, dass jene Widerstände nur einerseits – wie hier erörtert – mit der Konstitution und Beschaffenheit der Psychoanalyse an sich zusammenhängen. Ein zweiter Grund für die feindselige Ablehnung, gegen die Freud kämpfen musste, stellten die gesellschaftlichen Bedingungen im Wiener Fin de Siècle dar: Hier grassierte der Antisemitismus, offener noch seit dem Wahlsieg des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger im Jahr 1895, der sich im Rahmen der von ihm gegründeten Christlichsozialen Partei für ein erklärtes antisemitisches Programm stark machte. Während dies als ein »betäubender Schlag« gegen alle Wiener Träger der liberalen Kultur erlebt wurde, beeinträchtigte dieses gesellschaftliche Klima in hohem Maße die Karrieren und Lebensumstände jüdischer Bürger_innen (vgl. Schorske 1982: 172 f.). So hatten jüdische Intellektuelle und Künstler_ innen nicht erst seit der international mit Spannung verfolgten Pariser Dreyfus-Affäre mit antisemitischen Ressentiments zu rechnen; jüdischen Bürger_innen war der Weg in die Politik längst effektiv versperrt, und jüdische Wissenschaftler_innen hatten kaum Chancen auf Professuren, wie Freud später selbst in der Selbstdarstellung (Freud 1925d [1924]) reflektierte (vgl. Steinert 1989, S. 75).

2 Die recht bekannt gewordene Psychoanalyse-Kritik Michel Foucaults hat genau diesen Punkt missverstanden – so kommt Foucault dazu, die Psychoanalyse auf eine säkularisierte Form der Pastoralmacht zu reduzieren, als eine Individualisierungsmatrix des modernen Staats (vgl. Foucault 1987, S. 249). Vgl. dazu Joel Whitebooks Untersuchung der in Foucaults Psychoanalysekritik virulenten »erratischen Sprünge« (Whitebook 1998, S. 505).

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3D Cover König Alfred LorenzerHans-Dieter König, Julia König, Jan Lohl, Sebastian Winter: Alfred Lorenzer zur Einführung. Psychoanalyse, Sozialisationstheorie und Tiefenhermeneutik

 

 

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