Femina Politica: Queerfeministische politische Theorie

Perspektiven queerfeministischer politischer Theorie

Bausteine einer queerfeministischen politischen Theorie. Eine Einleitung

von Brigitte Bargetz, Gundula Ludwig

erschienen in: Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, Heft 1/2015

Vor 25 Jahren erschien Judith Butlers „Gender Trouble “ (1990), jenes Buch, das für die Gender Studies geschlechtertheoretisch herausfordernd und für die Etablierung der Queer Studies zentral werden sollte. Doch nicht nur dieses symbolische Datum, sondern auch den ebenso symbolträchtigen Umstand, dass vor zehn Jahren das erste Heft der Femina Politica zu queeren Politiken erschien, nimmt das vorliegende Heft zu seinem Ausgangspunkt. Beide Daten verstehen wir als Einladung, um eine Reflexion vergangener queerfeministischer Debattenverläufe vorzunehmen und von diesen lernend queerfeministische politische Theorie weiter zu treiben.

Was macht aber politische Theorie zu einer queerfeministischen politischen Theorie? Wenngleich wir diese Frage freilich keineswegs abschließend beantworten können oder wollen, möchten wir im Folgenden einige Bausteine einer queerfeministischen Theorie zur Diskussion stellen. Leitend ist dabei unsere Annahme, dass Theorien Instrumente darstellen, um Gesellschaften begreifen, kritisieren und letztlich auch verändern zu können. Queerfeministische politische Theorie soll demzufolge dazu beitragen können, die Analyse von Gesellschaft(en), Staat(lichkeit), Macht- und Herrschaftsverhältnissen, Ein- und Ausschlüssen, Widersprüchen und Paradoxien zu schärfen und das Nachdenken über das Politische, Kritik und Utopien weiter anzuregen.

Da wir Theorien als Ausdruck und Ergebnis von Kämpfen begreifen, wollen wir für eine aktuelle queerfeministische politische Theorie zunächst nach ihren Wissensbeständen fragen, diese auf Verworfenes und Verlorenes durchforsten und an diesen Spuren weiterdenken. Davon ausgehend beschäftigen wir uns mit zentralen Konzepten queerfeministischer politischer Theorie, indem wir uns zunächst mit Heteronormativität und daran anschließend mit queeren Perspektiven auf

(National-)Staatlichkeit auseinandersetzen. Wir schließen mit einem Blick auf die Frage, wie queertheoretische Überlegungen nicht nur die Gegenstände, sondern auch den Modus der Kritik in der politischen Theorie verschieben.

Queere Archive – Räume des Wissens erweitern

In der Einleitung zur Femina Politica „Queere Politik. Analysen, Kritik, Perspektiven“ werfen Antke Engel, Nina Schultz und Juliette Wedl die Frage auf, „wie sich queere Theorie präsentieren (lässt), ohne dass Judith, Sex, Gender und Begehren sich die erste Zeile teilen“ (Engel/Schulz/Wedl 2005, 9). Damit verweisen sie auf die Herausforderung, dass Queer Theorie ihren eigenen Ansprüchen nur dann genügen kann, wenn auch ihre Entstehungsgeschichten offen, nicht-linear und vielfältig geschrieben werden. Dass dieses Vorhaben jedoch nicht immer umgesetzt, sondern die Genealogie der Queer Theorie vielfach vereindeutigt und als lineare Narration dargestellt wurde – nicht zuletzt entlang von hegemonialen Macht-Wissens-Formationen innerhalb der akademischen Wissensproduktion –, zählt zu einer der konstantesten Kritiken innerhalb der Queer Theorie. Einige derartige Tendenzen der Vereindeutigung und mithin Verengung des queerfeministischen Archivs, die uns aus politiktheoretischer Perspektive zentral erscheinen, wollen wir im Folgenden benennen. Sie referieren erstens auf die gesellschaftliche und geografische Situiertheit queeren Wissens, zweitens auf die konzeptionellen Ausgangspunkte für kritische queerfeministische Forschungen und drittens auf die politiktheoretischen Kontexte queerer Wissensproduktion.

Gloria Anzaldúa kritisierte 1991, dass weiße Mittelklasse-Lesben und -Schwule diejenigen sind, „who produce queer theory and for the most part their theories make abstractions of us colored queers. They control the production of queer knowledge in the academy and in the activist communities.“ (Anzaldúa 1991, 251) Dadurch konnte nicht nur ein Mythos eines weißen Ursprungs der Queer Theorie (vgl. u.a. Seidman 2002) hervorgebracht werden, indem nicht-weiße Akteur_innen, Kämpfe und Wissensbestände unsichtbar gemacht wurden (Haritaworn 2005). Ebenso wurden in dieser Form der Wissensproduktion Verbindungen von Rassisierungs- und Sexualisierungsprozessen geleugnet und folglich wurde ausgeblendet, wie das heteronormative Sexualitätsdispositiv konstitutiv mit kolonialisierenden und rassisierenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse verwoben ist (vgl. u.a. McClintock 1995). Entgegen einer solchen Wissenspolitik hoben Phillip Brian Harper, Anne McClintock, José Esteban Muñoz und Trish Rosen Ende der 1990er-Jahre die Bedeutung antirassistischer und postkolonialer Ansätze hervor. „(T)he theorization of divergent sexualities offered by contemporary queer critique and the interrogation of race and ethnicity undertaken within postcolonial studies and critical race theory are among the most significant recent developments in social analysis and cultural criticism. While the best work in these fields have emphasized that their objects of study cannot be understood in isolation from one another, the critical ramifications of this fact have nevertheless gone largely unexplored.“ (Harper/McClintock/Muñoz/Rosen 1997, 1) Diese Ignoranz und das Weiß-Machen der Entstehungsgeschichte der Queer Theorie interpretiert Jin Haritaworn in „Am Anfang war Audre Lorde. Weißsein und Machtvermeidung in der queeren Ursprungsgeschichte“ (2005) auch als „machtvermeidenden“ (ebd., 23) Diskurs, der den Effekt hat, dass „sich relativ dominante Personen der Verantwortung entziehen (können)“ (ebd., 33). Die epistemologische Konsequenz besteht für Haritaworn darin, dass dieser weiß gemachten Entstehungsgeschichte der Queer Theorie „ein Modernisierungsgedanke zugrunde (liegt), welcher queere Progressivität nur von einem dominanten Ursprung ausgehen lassen kann“ (ebd.).

Auf die Kontinuität der problematischen Setzung eines westlich-weißen ‚Zentrums‘ in der Queer Theorie wurde in den letzten Jahren allerdings nicht nur in Bezug auf die soziale, sondern auch in Bezug auf die geografische Positionierung verwiesen, etwa von queeren Wissenschaftler_innen, die zu sexuellen und queeren Politiken in Mittel- und Osteuropa arbeiten. So problematisieren Robert Kulpa, Joanna Mizielińska und Agata Stasińska die Universalisierung eines queertheoretischen ‚Kanons‘, der doch vor allem in den USA und in Westeuropa entstanden ist.1 Bedenklich ist dieser falsche Universalismus, da er nicht nur lokale und temporale Partikularitäten und Heterogenitäten verleugnet, sondern im Sinne einer Verzeitlichung von Differenz diese auch auf einer linearen Zeitachse anordnet, in der die USA und Westeuropa als ‚fortschrittlich‘, Mittel- und Osteuropa hingegen als davon abweichend und somit ‚rückständig‘ konstruiert werden (Kulpa/Mizielińska/ Stasińska 2012; vgl. auch Kulpa/Mizielińska 2011). Ihr Anliegen formulieren sie entgegen dieser Tendenz folgendermaßen: „As a consequence of this hegemonic Western knowledge (re-)production, we deal with the assumption that queer theory should look the same everywhere.“ (Kulpa/Mizielińska/Stasińska 2012, 126)

Neben diesen Vereinheitlichungslinien, die die geografischen sowie sozialen Positioniertheiten queerer Wissensproduktion nur ungenügend berücksichtigen, lässt sich eine weitere Verengungstendenz in der Genealogie der Queer Theorie gerade im Verhältnis von feministischer Theorie und Queer Theorie festmachen. Als Gayle Rubin 1984 in „Thinking Sex“ vorschlug, die Theoretisierung von Geschlecht und Sexualität analytisch zu trennen, um sie danach wieder zusammenzuführen, formulierte sie diese Programmatik vor dem Hintergrund lebendiger feministischer Debatten, die sich jedoch nur marginal mit Sexualität befassten: „Feminist conceptual tools were developed to detect and analyse gender-based hierarchies. To the extent that these overlap with erotic stratifications, feminist theory has some explanatory power. But as issues become less those of gender and more those of sexuality, feminist analysis becomes misleading and often irrelevant. Feminist thought simply lacks angles of vision which can fully encompass the social organization of sexuality. (…) In the long run, feminism’s critique of gender hierarchy must be incorporated into a radical theory of sex, and the critique of sexual oppression should enrich feminisms. But an autonomous theory and politics specific to sexuality must be developed.“ (Rubin 1984, 170) Drei Jahrzehnte später lässt sich konstatieren, dass zwar eine Forderung, nämlich eine radikale Theorie sexueller Politik, in vielfältigen queertheoretischen Arbeiten ihren Niederschlag gefunden hat. Der zweite Anspruch hingegen, also die Theoretisierung und Kritik von Sexualität und Geschlecht miteinander zu verbinden, wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte immer weniger aufgegriffen (vgl. kritisch auch Klapeer 2014; Wagels 2013).

1 Betonen wollen wir an dieser Stelle, dass auch der Transfer queeren Wissens zwischen den USA und Westeuropa in Bezug auf dominante und damit auch einengende bzw. ausblendende Effekte hin problematisiert werden muss, ebenso wie es gilt, lokale politische Kämpfe in ihrer jeweiligen Bedeutung für queerfeministische Theorie- und Wissensproduktion zu reflektieren.

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Sie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 1/2015 der Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft erschienen.

© pixabay 2015, Foto: StockSnap

 

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