Engagement im Portrait: der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt e.V. (bff)

Engagement im Portrait

In der Rubrik „Engagement im Portrait“ rücken wir gemeinnützige Organisationen, Stiftungen und Aktionen ins Licht, mit denen wir uns verbunden fühlen und die mit ihrer Arbeit die Welt ein Stückchen besser machen.

Heute: Katja Grieger, Geschäftsführerin des „Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt e.V. (bff)“, im Interview.

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1) Liebe Katja Grieger, bitte stellen Sie sich unseren Leser*innen vor.

Ich bedanke mich zunächst herzlich für Ihre Idee, mich und den bff an dieser Stelle vorzustellen. Ich bin Diplom-Psychologin und arbeite bereits seit fast 20 Jahren zum Thema Gewalt gegen Frauen. Vor meiner Tätigkeit beim bff war ich an einem Forschungsprojekt zum Thema häusliche Gewalt beteiligt.

 

2) Was hat Sie 2004 dazu bewegt, den Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt e.V. (bff) ins Leben zu rufen? Was war Ihre Vision?

Zu behaupten, ich hätte den bff ins Leben gerufen, wäre ein Schmücken mit fremden Federn. Der bff wurde von engagierten Mitarbeiterinnen aus Frauenberatungsstellen und Frauennotrufen ins Leben gerufen. Ihnen war bewusst, dass man mehr erreichen und durchsetzen kann, wenn man sich zusammenschließt und auf Bundesebene mit einer Stimme gegen Gewalt gegen Frauen spricht.

Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und die erste hauptamtliche Mitarbeiterin zu werden. Meine Vision war von Beginn an, dass der bff ein Verband wird, an dem weder Politik noch Öffentlichkeit vorbeikommen, wenn es um Fragen von Gewalt gegen Frauen geht. Und dass wir wirklich etwas verändern können, einen feministischen Unterschied machen können. Rückblickend kann ich nicht ohne Stolz sagen: Das ist uns gelungen. Wie alles im bff ist das aber keinesfalls einzig mein Erfolg. Der bff ist ein Zusammenschluss vieler engagierter Beratungsstellen. Er lebt vom Zusammenwirken und der breiten Beteiligung seiner Mitglieder, Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen und deren feministischen Visionen.

 

3) Was sieht die Arbeit des bff heute aus?

Der bff ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen und es ist uns gelungen, neben unseren Kernaufgaben wie die Information der Öffentlichkeit z.B. durch Kampagnen, Politikberatung und die Interessenvertretung der Beratungsstellen, uns auch in spezialisierten Projekten mit Themen wie digitale Gewalt, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz oder Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit Behinderungen zu beschäftigen. Wir konnten in den vergangenen Jahren zahlreiche Informationsmaterialien zu diesen Themen entwickeln, haben Fachtagungen und Fortbildungen durchgeführt und wichtige Akteur*innen miteinander vernetzt.

Aktuell beschäftigen uns natürlich auch die Auswirkungen der COVID19-Pandemie. Die Folgen und Einschränkungen von Kontaktbeschränkungen stellen nicht nur gewaltbetroffene Frauen vor große Herausforderungen, wenn z.B. durch Homeoffice und soziale Isolation mögliche Unterstützungspersonen im Freundes- oder Kolleg*innenkreis nicht mehr ansprechbar sind. Auch die Beratungsstellen vor Ort stehen vor der großen Herausforderung, die Beratungsangebote aufrecht zu erhalten und gleichzeitig an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Wir waren daher in den vergangenen Monaten viel damit beschäftigt, den Beratungsstellen unterstützend zur Seite zu stehen was die Einrichtung von Online-Beratung betrifft, datenschutzrechtliche Fragen zu klären oder über mögliche Fördermöglichkeiten zu informieren. Denn auch die Beratungsstellen sind durch COVID19 in eine finanzielle Schieflage geraten, weil Einnahmen durch Veranstaltungen oder Fortbildungen weggefallen sind und gleichzeitig Investitionen für technische Ausstattung getätigt werden mussten.

Für die Zukunft hoffen wir, dass wir bald wieder Konferenzen und Fortbildungen vor Ort anbieten können. 2021 jährt sich die Reform des Sexualstrafrechts zum 5. Mal, hier würden wir gerne mit den Fachfrauen aus der Praxis gemeinsam diskutieren, was sich für die Betroffenen verändert hat und ob es weiterer Maßnahmen braucht, um Frauen und Mädchen besser vor sexualisierter Gewalt zu schützen.

 

4) Was waren die schönsten Momente im Rahmen Ihres bisherigen Engagements beim bff?

Es gab sehr viele schöne Momente, in denen ich bemerkt habe, dass der bff auf dem richtigen Weg ist, ein großer und wichtiger Akteur zu werden. Ich erinnere mich noch daran, als der bff zum ersten Mal von einem Ministerium um Stellungnahme zu einem Gesetzentwurf gebeten wurde. Das haben wir gefeiert. Auch feiern wir jede weitere Beratungsstelle, die sich dem bff als Mitglied anschließt, mittlerweile sind es fast 200.

Die schönsten Momente verorte ich im Jahr 2016, als es uns gemeinsam mit vielen anderen gelungen ist, die Reform des Sexualstrafrechts „Nein-heißt-Nein“ durchzusetzen. Oft wird die Reform als Folge der Übergriffe in der Kölner Silvesternacht betrachtet. Das verkennt, dass wir bereits Jahre zuvor begonnen hatten, die Lücken im damaligen Recht herauszuarbeiten und für eine Reform zu kämpfen. Die Momente, als uns klar wurde, dass es eine realistische Chance auf Veränderung gibt, als immer mehr Abgeordnete und Prominente sich hinter die Idee stellten, als sich ein riesiges Bündnis von Organisationen bildete, als im Bundestag dann der einstimmige Beschluss gefällt wurde, die werde ich nie vergessen. Da haben wir wirklich gemeinsam Geschichte geschrieben. Teil dieser Geschichte ist aber leider auch, dass es uns nicht gelungen ist, der rassistischen Instrumentalisierung des Themas sexuelle Übergriffe genug entgegen zu setzen.

 

5) Auf welche Weise kann aus Ihrer Sicht jede*r einzelne von uns dazu beitragen, Frauen und Mädchen vor Gewalt zu schützen?

Am wichtigsten ist es, Gewalt an keiner Stelle zu tolerieren und sich mit den Betroffenen zu solidarisieren. Es ist leider immer noch zu häufig der Fall, dass die Betroffenen mitverantwortlich dafür gemacht werden, dass ihnen Gewalt widerfahren ist, z.B. indem sie den Täter provoziert hätten. Insbesondere bei sexualisierter Gewalt wird häufig gefragt, ob sie Alkohol getrunken hat oder schon mehrere Beziehungen mit Männern gehabt habe. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Wenn jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erfährt, dann kennen wir alle mindestens eine Betroffene. Es ist für sie von großer Bedeutung, ob ich als Freundin, Kollegin oder Bekannte in meiner ersten Reaktion z.B. sage „Das kann ich mir gar nicht vorstellen, dass der sowas gemacht hat, hast Du das vielleicht falsch interpretiert?“ oder ob ich mich gemeinsam mit ihr empöre und meine Unterstützung anbiete.

Für uns ist es wichtig zu betonen, dass die Schuld für einen Übergriff nie bei den Betroffenen liegt, sondern immer beim Täter. Daher müssen wir auch viel stärker Jungen und Männer adressieren. Ich wünsche mir, dass das Thema Gewalt gegen Frauen auch unter Männern diskutiert wird, denn es ist in allererster Linie ein Problem von Männern, um dessen Lösung sich im Moment aber hauptsächlich Frauen bemühen. Wenn mehr Männer andere Männer auf ihr Verhalten wie z.B. sexistische Witze ansprechen würden, sich verantwortlich zeigen, dann wäre schon viel gewonnen. Denn letztlich geht es um eine Veränderung des Geschlechterverhältnisses, wenn die Gewalt beendet werden soll.

In den Medien werden häufig technische Neuerungen vorgestellt, mit denen Frauen und Mädchen sich vor Gewalt schützen können, z.B. Jogginghosen mit Alarmfunktion, Armbänder, die K.O.-Tropfen im Getränk sichtbar machen oder Heimweg-Apps, die die Nutzer*innen auf dem Nachhauseweg begleiten. Dies mag zwar zu einem subjektiv höheren Sicherheitsgefühl beitragen, sendet aber die Botschaft, dass Frauen und Mädchen selbst einen hohen Aufwand betreiben müssen, um nicht Opfer zu werden. Zudem gerät hier auch leicht aus dem Blick, dass die meisten Übergriffe nicht von fremden Menschen ausgehen, sondern die Täter den Betroffenen sehr oft bekannt sind, weil es der eigene Partner, der Arbeitskollege oder ein Kumpel vom Sport ist.

Umso wichtiger ist es daher, den Betroffenen Glauben zu schenken, sie zu unterstützen und die Täter in die Verantwortung zu nehmen. Ein nachhaltiger Schutz vor Gewalt kann nur gelingen, wenn wir uns als Gesellschaft gegen jede Form der Gewaltausübung positionieren und Gewalt gegen Frauen und Mädchen ächten.

 

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© Titelbild „Engagement im Portrait“ gestaltet mit canva.com; Portrait Katja Grieger: Jörg Farys / Die.PROJEKTOREN