„Als Sozialforscher ist er einer, der nicht bei den Zahlen stehen bleibt.“ Edmund Budrich über die Arbeiten von Zukunftsforscher Horst Opaschowski

Bücher © Pixabay 2020 / Foto: ThorstenF

Portrait Edmund Budrich

 

ein Gastbeitrag von Edmund Budrich

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„Deutschland, wie geht’s?“ Das fragt Horst Opaschowski in all seinen Werken, es ist sein Leitmotiv. Er fragt nach der Lebenssituation von Menschen, nach ihren Wünschen, Vorlieben, Plänen, nach ihren Zukünften.

Als Sozialforscher ist er einer, der nicht bei den Zahlen stehen bleibt. Was er herausfindet, sind Aspekte der Gesellschaft, Probleme, Hilfebedarf.

 

Das erste Buch bei Leske + Budrich

In seinem ersten Buch in meinem Verlag 1976 ging es gerade darum, um Hilfe nämlich für arbeitslose Jugendliche[1]. Gehen wir einmal ins Detail:

Der Strukturwandel im Ruhrgebiet seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte Massenarbeitslosigkeit für Jahrzehnte hervorgerufen. Die traditionellen Industriesektoren mussten aufgrund der Krise zahlreiche Arbeiter entlassen. Sowohl der Kohlebergbau als auch der Bereich für Eisen und Stahl verzeichnen zwischen 1976 und 1998 jeweils Rückgänge der Beschäftigten um weit über 60%.

Duisburg-Hamborn mit dem Ortsteil Marxloh war ein Arbeitslosen-Hotspot. Besonders von Arbeitslosigkeit betroffen waren Jugendliche, erst recht, wenn sie keine Ausbildung hatten, und auch Ausbildungsplätze waren dünn gesät. Wie ihnen helfen?

Horst Opaschowski initiierte ein Streetworker-Programm, das er wie folgt begründete:

„Hauptursache für die bisher fehlenden Untersuchungen über die Lebenssituation arbeitsloser Jugendlicher, ihre persönliche Situation in Familie und Freizeit, ihre Berufsperspektive … ist die Schwierigkeit, [sie] in ihren sozialen Bezügen ,vor Ort‘ zu erreichen.“

Diese Schwierigkeit zu überwinden, versuchten dann fünf junge Sozialarbeiter, unter ihnen Opaschowski, indem sie wochenlang tags und auch nachts durch die Straßen und Kneipen zogen, zu den Familien gingen und fragten und Ratschläge gaben.

 

1970: Die Bedeutung von Freizeit

Zur Arbeit, wenn man sie hat, gehört die Freizeit. Schon in seiner 1970 erschienenen Dissertation reflektiert er ihre Bedeutung. Und nachdem zu Ende der 70er Jahre die Massenarbeitslosigkeit ein drohendes Ausmaß erreicht hat, analysiert Opaschowski im 1983 bei mir erschienenen Werk die Lage der Menschen: „Arbeit. Freizeit. Lebenssinn?“ und denkt nach über „Orientierungen für eine Zukunft, die längst begonnen hat.“

Arbeit und Freizeit als Gespann der Lebensgestaltung bleiben sein Thema. 1990 beginnt mit Pädagogik und Didaktik der Freizeit eine fünfbändige Buchreihe, deren Programmatik er so darstellt:

„Kein Freizeitberuf kommt künftig ohne pädagogische Qualifikationen aus. … Die Begründung liegt auf der Hand: Mit der expansiven Freizeitentwicklung unmittelbar verbunden ist eine wachsende Kommerzialisierung und Vermarktung der Freizeit, von der einerseits finanziell schwache Gruppen weitgehend ausgeschlossen werden und andererseits sozial orientierte Freizeitinhalte einschließlich Kulturarbeit, Weiterbildung und politischer Bildung auf der Strecke zu bleiben drohen.“

Da haben wir wieder den Grundton des Opaschowskischen Denkens: Wir leben in einer Gesellschaft, für die wir verantwortlich sind. Freizeit darf nicht dumpfes Konsumieren sein, dann wären wir Kaninchen.

Die Buchreihe hatte noch eine Besonderheit, die den Verleger zusätzlich zu allen Anforderungen, die ein guter Autor stellt und stellen darf, beschäftigte: das Titeldesign. Ich habe selten eine so schöne und fröhliche und zugleich für die gesamte Reihe in Stileinheit gestaltete Coverserie veröffentlichen dürfen. Den Kontakt zu den Designern hatte der Autor hergestellt, der Verlag hatte sich darum zu kümmern, dass die Vereinbarung funktionierte und die technische Realisierung gelang. Aber wir fanden das völlig in Ordnung, weil die Sache stimmte.

Wiedervereinigung und ständige Rationalisierung hatten zu einem erneuten Anstieg der Arbeitslosigkeit insbesondere in den neuen Ländern geführt. Dabei zeigten sich Strukturen am Horizont, die die Frage aufwarfen, ob künftig überhaupt noch genügend viel Arbeit für alle Arbeitswilligen vorhanden sein würde.

 

1998: Ansteig der Arbeitslosigkeit und „Feierabend“

1998 erschien Feierabend – Von der Zukunft ohne Arbeit zur Arbeit mit Zukunft. Darin schrieb Opaschowski:

„Man stelle sich einmal folgende Zukunftsperspektive vor: Die technologische Entwicklung ermöglichte nur mehr 40% der Bevölkerung eine bezahlte Tätigkeit am Arbeitsplatz. Diese gingen regelmäßig ihrer Alltagspflicht nach, um die übrigen 60% mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen …“

Auch vor dieser bedrohlichen Kulisse entwickelt der ewige Optimist Opaschowski Perspektiven, die sich in Kapitelüberschriften etwa wie folgt darstellen: Sinnwelt Arbeit – Sinnwelt Freizeit: Von der Alternative zur Symbiose. Die Tätigkeitsgesellschaft als visionäre Zukunft.

 

Der Blick in die Zukunft

Der visionären Zukunft wendete sich Opaschowski nun immer intensiver zu. Unsere letzte Co-Produktion war Deutschland 2020. Wie wir morgen leben – Prognosen der Wissenschaft. Das Werk erschien dann schon im Verlag für Sozialwissenschaften, der aus dem Westdeutschen Verlag und Leske + Budrich entstanden war.

Mir ist es ein besonderes Vergnügen zu sehen, dass die 44jährige Beziehung zwischen Autor und Ex-Verleger zu einem neuen Produkt im Verlag Barbara Budrich geführt hat. Opaschowski findet, wie er mir sagte, das „Budrich-Gen“ durchaus erfolgversprechend.

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[1] Horst W. Opaschowski, Soziale Arbeit mit arbeitslosen Jugendlichen. Streetwork und Aktionsforschung im Wohnbereich. Opladen 1976. Leske + Budrich.

 

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