Hinwendung zum Dystopischen

ZPTh – Zeitschrift für Politische Theorie 1-2020: Mehr Dystopie wagen? Zukunftsperspektiven einer politiktheoretischen Zukunftsforschung

Mehr Dystopie wagen? Zukunftsperspektiven einer politiktheoretischen Zukunftsforschung

Eva Marlene Hausteiner

ZPTh – Zeitschrift für Politische Theorie, Heft 1-2020, S. 31-40

 

Schlüsselwörter: Dystopie, Utopie, Realismus, Zukunftsdenken, Politische Theorie

Abstract: Sollte sich die Politische Theorie und Ideengeschichte mehr dem dystopischen Denken zuwenden? Der Beitrag argumentiert, dass der bisherige politiktheoretische Fokus auf Utopien im Sinne einer politiktheoretischen Zukunftsforschung um Dystopien ergänzt werden sollte, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Einerseits handelt es sich bei Dystopien um einen gehaltvollen Gegenstand der ideengeschichtlichen Untersuchung und aktuellen Reflexion, der gerade aufgrund seiner handlungsmotivierenden Qualität mehr in den Fokus genommen werden sollte. Andererseits aber kann dystopisches Argumentieren und Erzählen selbst, in Form von Szenarienbildung und Gedankenexperimenten, als Modus politischen Denkens genutzt werden – wenn auch nur für manche Zwecke und unter Beachtung einiger Fallstricke.

Abstract: Should Political Theory and the History of Political Thought engage more with dystopian thought? The article argues that Political Theory’s focus on utopianism should be accompanied by a focus on dystopianism on several levels. On the one hand, dystopian narratives are a worthwhile subject of historical and contemporary analysis, no least due to their effects on political action. On the other hand, dystopian arguments and narratives can themselves constitute a useful mode of political theorizing especially in realist Political Theory for instance through the plausible design of worst-case scenarios and thought experiments – as long as their appropriate function and their pitfalls are kept in mind.

 

1. Einleitung1

In der gegenwärtigen Populärkultur führt kaum ein Weg an dystopischen Erzählungen vorbei. Romane, Filme und Serien entwerfen gesellschaftliche, politische und ökologische worst-case-Szenarien für alle Publikumssparten: Die Young-Adult-Serie The Hunger Games von Suzanne Collins imaginiert eine postapokalyptische Autokratie, Cormac McCarthys expressionistischer Roman The Road konturiert die grelle Einsamkeit einer entvölkert-kontaminierten Erde, Dave Eggers zeichnet in The Circle eine Welt freiwillig eingegangener digitaler Unfreiheit, und der Unterhaltungsroman Fever von Deon Meyer erzählt vom zivilisatorischen Wiederaufbau in Kleinstkommunen nach einem Massensterben durch ein Coronavirus – all dies mit großem kommerziellem Erfolg vor einem Millionenpublikum.2 Ursache dieser Dystopiekonjunktur ist nicht allein die Grusellust westlicher Wohlstandsgesellschaften: Aktuell herrscht dank Klimakatastrophe und Pandemie ein gesellschaftlich breites Interesse an der Beschäftigung mit unerwünschten Zukunftsaussichten – auch aus dem Wunsch heraus, derlei Szenarien gezielt zu verhindern.

Begleitet wird die populärkulturelle Dystopienkonjunktur3 von einer neuen Tonart der Dringlichkeit in der politischen Debatte, angestimmt insbesondere von Fridays for Future und Extinction Rebellion, die die Zukunft extrem krisenhaft imaginiert: als durch die Klimakatastrophe ausgelöstes Horrorszenario von Massenflucht, Infrastrukturzusammenbruch, Autoritarismus und Menschheitsauslöschung. Aus der Beschreibung als sich längst vollziehende „Katastrophe ohne Ereignis“ (Horn 2014: 111) bezieht der Klimaaktivismus seinen politischen Anspruch: Das Eintreten der Dystopie muss – und kann vielleicht gerade noch – verhindert werden.4 Fiktionale und reale Politik sind dabei diskursiv verknüpft (vgl. McCarthy 2020). Es ist in der gegenwärtigen Debatte durchaus gängig, politische Fehlentwicklungen mittels Vergleichen mit kanonischen fiktionalen worst-case-Szenarien anzuprangern: Autoritäre Tendenzen etwa evozieren 1984-Vergleiche, und Warnungen vor den Folgen von Gentechnik stützen sich schon seit längerem auf Brave New World-Referenzen.

Trotz dieser aktuellen Omnipräsenz dystopischen Denkens, Erzählens und Argumentierens in der gesellschaftlichen und politischen Debatte zeigt sich das Fach der Politischen Theorie und Ideengeschichte, mit wenigen Ausnahmen,5 eher dystopie-avers. Die Erforschung und theoretische Nutzung dystopischer Narrative und Szenarien sind wenig verbreitet. Dies ist umso erstaunlicher, weil einerseits wünschenswerte Zukunftsszenarien, also Utopien, systematisch wie ideengeschichtlich zum politiktheoretischen Kernbestand gehören6 und weil andererseits auch Figuren der Krise das Fach traditionell laufend beschäftigen. Es sind dagegen eher die Literatur- und Kulturwissenschaften und die Philosophie, die dystopisierendes Katastrophendenken systematisieren und reflektieren – dies betrifft nicht nur die Anthropozän-Debatte (vgl. u. a. Bajohr 2020), sondern auch die historische Zukunftsforschung (vgl. Seefried 2015; Hölscher 1999; 2017).

In der Frage der künftigen Horizontsetzungen und -erweiterungen unseres Faches will ich daher im Folgenden argumentieren, dass die Konzeptionalisierung von Zukunft und die Beschäftigung mit Zukunftsdenken hier zentral sein sollte – und insbesondere: dass die Politische Theorie und Ideengeschichte sich mehr mit Dystopien befassen sollte. Plädieren möchte ich dabei einerseits für die distanziert-reflektierende Analyse von Dystopien mit den Mitteln der Ideengeschichte; andererseits will ich aber auch anregen, die politiktheoretischen Potentiale und den Erkenntniswert dystopischen Denkens und Erzählens als Methode auszuloten – wenn auch mit der gebotenen Vorsicht.

2. Utopie, Dystopie, Theorie

Die Reflexion über die Zukunft – weniger als deterministische Prognostik denn im Sinne einer Erkundung des Denkbaren und Möglichen – gehört zum Kernbestand politischen Denkens. Traditionell nehmen Utopien in diesem Reflexionsraum eine besondere Rolle ein, da sie Überlegungen über das Wünschbare und das Denkbare mit einer oft rigorosen Gegenwartskritik in sich vereinen. Die jeweils entworfenen utopischen Gemeinwesen sind dabei nicht notwendigerweise in der Zukunft situiert: In der frühen Neuzeit dominierten vielmehr Raumutopien, die den zeitspezifischen Denk- und Möglichkeitshorizont durch räumliche Transposition aufbrachen und damit besonders radikale Verfremdungseffekte gegenüber der eigenen Gegenwart erzielten.7 In der Form der Staatsutopie entwarfen sie einen stabilen Zustand idealer Gemeinschaft, dessen Verfasstheit sich nach unterschiedlichen politischen Normen richten könnte – von Ideen theokratischer Universalmonarchie bis hin zu sozialistischen Gleichheitsgesellschaften.

So epochen- und autorspezifisch die Stoßrichtung der jeweiligen Utopie immer ist, so sehr eignet auch der klassischen Staatsutopie ein „überschießendes Element“ (Saage 1990: 14), das ihre anhaltende Attraktivität erklärt: also die konsequente Materialisierung und fiktionale Umsetzung normativer Leitbilder, die teilweise von überzeitlicher Relevanz sind. Durch diese Eigenschaft sind Utopien nicht allein ideengeschichtlich und als Gegenstand historischer Zukunftsforschung interessant; es werden weiterhin neue politische Utopien entworfen, die fiktionale Reflexionsräume zu nutzen versuchen – und zwar nicht allein auf dem Markt der Belletristik, sondern auch in der Politischen Theorie des 20. Und 21. Jahrhunderts. So konturiert Robert Nozicks Anarchy, State, and Utopia ein libertäres „framework for utopia“ (Nozick 1974), und in der kürzlichen Interpretation des Rechtstheoretikers Samuel Moyn (2012) handelt es sich bei den Menschenrechtstheorien des 20. Jahrhunderts in letzter Konsequenz um ein utopisches Unterfangen. Utopisches Denken ist von anhaltender Provokation: Eine rege Debatte über den Nutzen und Nachteil utopischen Denkens begleitet die Gesellschaftswissenschaften anhaltend seit der Mitte des 20. Jahrhunderts (vgl. u. a. Geuss 2010)8 – zuletzt in Form von Fragen nach der Plausibilität der Denkfigur einer „realistischen Utopie“ (vgl. Wright 2010), in der die künftige Verwirklichbarkeit der utopischen Vision gegenüber ihrer Radikalität Priorität einnimmt. Geht es also um wünschbare Zukunftsvisionen, ist die Politische Theorie anhaltend engagiert.

Während Utopien die Defizite des Status Quo kritisieren, indem sie ihn mit idealen Fernzielen und Alternativszenarien konfrontieren, spitzen Dystopien ihre Gegenwartskritik durch pessimistische Extrapolation zu. Anders als Utopien sind Dystopien unehrliche Prognosen: Sie wollen weniger self-fulfilling als self-defeating prophecy sein (vgl. Blum 2016: 339). Durch die Überspitzung und Weiterentwicklung gegenwärtiger Fehlentwicklungen in schlechtestmöglicher Weise wollen sie ebendiese Szenarien verhindern: Die Einsicht darüber, wie eine dystopische Zukunft realistisch aussehen könnte, soll einen politischen und gesellschaftlichen Lernprozess anstoßen.9

Häufig zielen Dystopien auf politische, menschengemachte Bedrohungsszenarien ab (vgl. Claeys 2017): George Orwells 1984 warnt vor totalitärem Kollektivismus, Margaret Atwoods Handmaid’s Tale vor einem theokratischen Putsch, und auch neuere Klimadystopien nehmen die menschengemachte Naturzerstörung in den Blick (vgl. u. a. El Akkad 2017; Robinson 2017). Zeitpolitisch sind Dystopien auf den ersten Blick auf die Gegenwart und Zukunft ausgerichtet – sie prognostizieren eine zu verhindernde Zukunft und kritisieren so Fehlentwicklungen der Gegenwart. Doch auch die Vergangenheit stellt eine wichtige argumentative und vor allem erzählerische Ressource dar: Die Erinnerung an historische politische Fehlentwicklungen wird immer wieder herangezogen, um künftige Katastrophenszenarien eindringlich und anknüpfungsfähig zu gestalten. Ästhetische und begriffliche Reminiszenzen an den Faschismus und Stalinismus beispielsweise sind in dystopischen Blockbustern Legion. Anders als die oft nüchtern formulierte Staatsutopie wird dystopisches Denken außerdem besonders häufig narrativiert: Durch dichte Beschreibung wie auch durch dramatisierende Handlungsstränge, die meist miterzählen, an welchen Wegmarken die Entwicklung eine falsche Wendung nahm,10 werden in sich stimmige komplexe Szenarien entworfen und mit einer besonderen Eindringlichkeit versehen.

Diese Assoziierung dystopischen Denkens mit ausgeprägt narrativen Formen anstelle statischer, theoretisch konziser worst-case-Beschreibungen kann teilweise erklären, weshalb sich die Politische Theorie kaum mit ihnen befasst. Sollte unser Fach aber zukünftig diese Asymmetrie zwischen Utopiebeschäftigung einerseits und Dystopieabstinenz andererseits beibehalten? Oder anders gefragt: Sollte sich die Politische Theorie und Ideengeschichte mehr mit Zukunftsszenarien und Narrativierungen aller Art – inklusive Dystopien – beschäftigen und sie vielleicht sogar selbst entwerfen? Ich möchte im Weiteren argumentieren, dass dystopisches Denken, nicht zuletzt aufgrund seines eminent politischen Gehalts, aus dieser Perspektive als Gegenstand und als Methode beträchtliches Potential birgt.

∗ Eva Marlene Hausteiner, Universität Bonn, Kontakt: evahausteiner@uni-bonn.de
1 Ich danke den Teilnehmer*innen des Jubiläumssymposiums der ZPTh im September 2019 und insbesondere Harald Bluhm für die hilfreichen Anmerkungen.
2 Eine große Anzahl populärer dystopischer Romane wurde in den vergangenen Jahren kommerziell erfolgreich verfilmt. Es handelt sich also offenbar um eine Konjunktur dystopischer Erzählungen unabhängig vom medialen Format.
3 Es handelt sich hierbei allerdings nicht um den ersten dystopian turn; Gregory Claeys verfolgt den Trend zur Dystopie plausibel deutlich weiter zurück: „[I]n the twentieth century dystopia becomes the predominant expression of the utopian ideal“ (Claeys 2010: 108). Allerdings arbeiten sich die Dystopien des 20. Jahrhunderts vor allem an den Gefahren des Totalitarismus ab, während die jüngere Welle dystopischen Denkens und Erzählens schwerpunktmäßig andere gesellschaftliche und ökologische Gefahren betont.
4 Zum zugrundeliegenden politischen Zeitparadigma der Prävention vgl. Bröckling 2012.
5 Insbesondere in der aktuellen britischen Ideengeschichte wird rege zu Dystopien und Utopien geforscht, unter anderem von Duncan Bell und Gregory Claeys.
6 Neben den ideengeschichtlichen Klassikern seit Platon, Thomas Morus, Tommaso Campanella, Charles Fourier etc. ist bekanntlich auch die moderne politische Theorie durchaus utopieaffin.
7 Zeitutopien, die eine positive Zukunft imaginieren, sind dagegen – möglicherweise aufgrund ihrer prognostischen Anmaßung – eher als fiktionale Unterhaltungsnarrative mit Verwandtschaft zum Populärgenre Science-Fiction verbreitet (vgl. u. a. Bellamy 1888).
8 Die Kritik am Sozialutopismus ist freilich seit dessen Entstehung, nicht zuletzt in den Invektiven Karl Marx’, sehr ausgeprägt.
9 In ihrer Zeitpolitik – dem Schlagen von Alarm mit dem Ziel, das Ruder in letzter Minute herumzureißen, bevor es „zu spät“ ist – ähneln Dystopien überdies Dekadenzargumenten (vgl. Hausteiner 2015).
10 In Margaret Atwood’s The Handmaid’s Tale ist ein theokratischer Coup zwar für die erzählte Handlung selbst nicht ausschlaggebend, nimmt aber eine zentrale Position im Roman ein.

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