Diskriminierungen von Fußball-Schiedsrichterinnen

FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft 1-2020: „So eine Fotze, die sieht doch nichts!“ – Eine empirische Annäherung an das Erleben und den Umgang mit persönlichen Diskriminierungen von Schiedsrichterinnen im deutschen Amateurfußball

„So eine Fotze, die sieht doch nichts!“ – Eine empirische Annäherung an das Erleben und den Umgang mit persönlichen Diskriminierungen von Schiedsrichterinnen im deutschen Amateurfußball

Thaya Vester

FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft, Heft 1-2020, S. 22-41

 

Zusammenfassung
Im deutschen Amateurfußball machen Schiedsrichterinnen bisher nur einen geringen Prozentsatz an der Gesamtzahl aller Unparteiischen aus. Aufgrund der im Fußball vorherrschenden „männlichen Grammatik“ ist zu erwarten, dass Frauen bei der Ausübung dieses Amts mit sexistischen bzw. frauenfeindlichen Äußerungen konfrontiert werden. Bislang ist der Themenkomplex „Diskriminierung von Schiedsrichterinnen“ allerdings wissenschaftlich noch weitestgehend unbeleuchtet. Dieser Beitrag setzt sich damit auseinander, ob bzw. in welcher Häufigkeit Fußballschiedsrichterinnen diskriminierenden Handlungen ausgesetzt sind. Des Weiteren wird behandelt, inwieweit die weiblichen Unparteiischen solche Vorfälle der Sportgerichtsbarkeit melden und aus welchen Gründen sie auf eine Anzeige verzichten und sodann ein Vergleich zu ihren männlichen Kollegen gezogen.

Schlüsselwörter
Amateurfußball, Schiedsrichter_innen, Diskriminierung, Sexismus, Sportgerichtsbarkeit

 

Summary
So far, female referees only make up a small percentage of the total number of all referees in German amateur football. Due to the „male grammar“ prevailing in football, it is to be expected that women will be confronted with sexist or misogynist statements when carrying out this activity. However, the subject of „discrimination against female referees“ has been largely neglected. This article examines whether and how often female football referees are exposed to discriminatory acts. Furthermore, the article deals with the extent to which female referees report such incidents to the sports courts and the reasons why they refrain from reporting them. In addition, the results are compared with those of their male colleagues.

Keywords
amateur soccer, referees, discrimination, sexism, sport jurisdiction

 

1 Einleitung1

„Bibi, hast du deine Tage oder was?“ – frauenverachtende Äußerungen scheinen vielerorts immer noch als zum Fußball zugehörige Folklore durchzugehen.2 Dass im Fußball lange Zeit eine  ausschließlich männlich konnotierte Struktur“ (Körner 2014: 134) herrschte, durfte niemand bezweifeln. Jedoch werden Problematiken, die insbesondere Frauen im Fußballsport begegnen, bereits seit Längerem auch in der Forschung aufgegriffen. Im Fokus standen dabei bislang vor allem Geschlechterfragen bezüglich Fans bzw. allgemeiner Zuschauer_innen und der Fanarbeit in den obersten Spielklassen (z.B. Hagel/Wetzel 2002; Wölki 2005; Behn/Schwenzer 2006; Sülzle 2011; Thaler 2015) oder auch die (mediale) Darstellung von Profi-Spielerinnen (Lang 2015; Staudenmeyer 2018).

Erst in den letzten Jahren werden zunehmend auch Fußballerinnen im Amateurbereich in den Blick genommen (z.B. Kampmann 2011; Sinning/Theune 2012; Sobiech/Ochsner 2012; Roschmann/Löbig 2014). Allen gemeinsam ist die Beschäftigung mit der Sonderrolle des weiblichen Geschlechts im Fußball. So lässt sich zwar vielerorts vernehmen, dass sich Frauen nach und nach ihre Plätze in den Fankurven und in den Vereinen erobern (z.B. Selmer 2004: 136; Tölva 2015: 68f.). Diese Partizipation von Frauen im Fußballsport scheint häufig aber nur dann akzeptiert oder gar gewünscht, wenn sie innerhalb eigener Wettbewerbe agieren und keine Ansprüche auf die Herrendomänen erheben (Tillmann 2008: 91ff.). So lässt sich feststellen, dass machtvolle Positionen im Fußball äußerst selten von Frauen bekleidet werden. Eine solche Abschottung findet sich insbesondere in Führungspositionen im europäischen Spitzenfußball, im Besonderen gilt dies für den Herrenbereich, aber auch im Frauenfußball werden Trainer- und Managementämter deutlich häufiger mit Männern als mit Frauen besetzt. Eine derartige Unterrepräsentation von Frauen gibt es im Übrigen nicht nur in den Vereinen, sondern auch in den Verbänden. So sind von den knapp dreihundert hauptamtlichen Arbeitskräften des Deutschen Fußball-Bunds e.V. (DFB) rund 40 Prozent weiblich, im 19-köpfigen Präsidium hingegen findet sich nur eine Frau (Blaschke 2017).

Ähnliches gilt auch für die Entscheidungsmacht auf dem Platz: dem Schiedsrichterwesen. Hier haben Frauen weiterhin einen absoluten Exotenstatus inne. Dies mag mit ein Grund sein, warum dem Forschungsgegenstand Schiedsrichterin auch aus sportwissenschaftlicher Sicht bislang nur wenig Beachtung zukam (Krapf/Wohlrab 2016).3 Zwar hat sich die Frauenanzahl im Schiedsrichterwesen in den letzten 25 Jahren mehr als verdreifacht,4 dennoch gehörten in der Saison 2018/2019 nur 3,8 Prozent aller Schiedsrichter_innen dem weiblichen Geschlecht an (DFB 2019b), im Vergleich zu anderen Domänen im Fußball sind Frauen hier besonders selten vertreten.5 So beträgt der Frauenanteil aller Mitglieder des DFB immerhin 15,6 Prozent, Frauen- und Mädchenmannschaften machen 7,2 Prozent aller Mannschaften aus (DFB 2019c). In der Folge wäre zu erwarten, dass Frauen dort aufgrund ihres Geschlechts mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die u.U. noch über das Maß hinausgehen, dem Frauen im Allgemeinen im Fußballsport bereits ausgesetzt sind. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Themenkomplexes stand bislang noch aus. Diesen Mangel möchte dieser Beitrag – zumindest ansatzweise – beseitigen.

2 Anmerkungen zum Status Quo von (Anti-)Diskriminierung im Fußball

Zu Beginn der Rückrunde der deutschen Profiligen der Fußballsaison 2019/20 rückte der Umgang mit Diskriminierungen im Fußball in besonderem Maße in den Fokus der Öffentlichkeit. Anlass hierfür gaben zum einen mehrere Vorfälle, bei denen dunkelhäutige Spieler von Zuschauern rassistisch beschimpft wurden,6 zum anderen wiederkehrende Schmähungen gegen den Mäzen Dietmar Hopp des Vereins TSG Hoffenheim.7 Dabei wurde in Fanszenen und Medien intensiv darüber diskutiert, wie der Tatbestand der Diskriminierung durch den DFB auszulegen und – daran anschließend – wann der Einsatz des sogenannten Drei-Stufen-Plans, der als Instrument für Diskriminierungsvorfälle entwickelt wurde, gerechtfertigt sei. Hierfür wurden verschiedene Sachverhalte miteinander verglichen; dabei wurde insbesondere die Frage aufgeworfen, inwieweit man „alte, weiße Milliardäre“ überhaupt diskriminieren könne und von einer Doppelmoral gesprochen.8 Dass sich der Normgeber selbst mit der Auslegung der Regelungen schwer tut, zeigte sich jüngst, als der DFB Anfang März 2020 selbstkritisch einräumte, dass durch die „Komplexität der Themen und der oft schwerlich voneinander abzugrenzenden Begrifflichkeiten Unsicherheiten durch unklare Kommunikation entstanden sind“.9

Auch andernorts im Fußballsport gibt es große Diskussionen darüber, was ein diskriminierendes Verhalten darstellt und wie auf ein solches zu reagieren ist – so beispielsweise in Frankreich. Im Jahr 2019 wurde dort durch Äußerungen des FFF-Präsidenten Noël Le Graët eine Debatte über die „Höhe“ des jeweiligen Unwerts unterschiedlicher Varianten der Diskriminierung losgetreten. In der Auseinandersetzung mit der Frage wann Spielunterbrechungen bzw. -abbrüche bei Diskriminierungsvorfällen angebracht seien oder nicht, teilte er mit, dass er Spielunterbrechungen aufgrund homophober Äußerungen ablehne und verstieg sich zu der Wertung, dass rassistische Fangesänge schließlich viel schlimmer als homophobe Schmähungen seien.10

Aber auch vor diesen aktuellen Diskussionen gewann das Thema Diskriminierung im Fußball zunehmend an Bedeutung und wurde bereits auf vielfältige Weise aufgegriffen (z.B. Degele 2013; Dembowski/Gabler 2015). Von besonderer Relevanz ist hier auch die Verankerung der gesonderten Strafbarkeit von Diskriminierungssachverhalten in der Sportgerichtsbarkeit. Zuvor blieben Verfehlungen solcher Art nicht gänzlich ungesühnt, sondern wurden vor allem unter dem Tatbestand der Beleidigung subsumiert. Durch Bestrebungen der FIFA in den 2000er Jahren wurde die Aufnahme von Diskriminierungsverboten in die nationalen Regelwerke des organisierten Fußballsports obligatorisch (Nolte 2016: 18). Mit § 9 RuVO des DFB ist inzwischen folgender Wortlaut im deutschen Fußballstrafrecht installiert:

Wer die Menschenwürde einer Person oder einer Gruppe von Personen durch herabwürdigende, diskriminierende oder verunglimpfende Äußerungen oder Handlungen in Bezug auf Hautfarbe, Sprache, Religion, Herkunft, Geschlecht oder sexuelle Orientierung verletzt oder sich auf andere Weise rassistisch und/oder menschenverachtend verhält, wird für mindestens fünf Wochen gesperrt.

Durch die dezidierte Benennung des Unrechts (und den hohen Strafrahmen, wie sich im Folgenden noch zeigen wird) wurde seitens des Verbands eine wichtige Rechtsgrundlage geschaffen und eine eindeutige Positionierung gegen solche Vorkommnisse vorgenommen. Zwar zeigt ein Blick in die Praxis, dass bei der konkreten Anwendung des neuen Tatbestands an der einen oder anderen Stelle durchaus noch Schwierigkeiten bestehen. So wird vermutet, dass viele Sportrichter_innen (die im Amateurfußball in der Regel ehrenamtliche Laien sind) bei diskriminierenden Äußerungen entweder aus Unkenntnis oder Unsicherheit nach wie vor auf den Tatbestand der Beleidigung zurückgreifen (Vester/Osnabrügge 2018: 757). Diese Schwierigkeiten dürften sich aber im Laufe der Zeit reduzieren, wenn sich der Regelungsgehalt der neuen Norm auch im Bewusstsein der sportrichterlichen Basis manifestiert. Gleichwohl lässt sich feststellen, dass auch bei den Schiedsrichter_innen noch ein großer Schulungsbedarf existiert, um Diskriminierungen eindeutig von bloßen Beleidigungen unterscheiden zu können; neben einer Erläuterung beim Ausfüllen des (elektronischen) Spielberichts konzipierte der DFB daher ein E-Learning-Tool, um die Unparteiischen diesbezüglich schulen zu können (Vester/Osnabrügge 2017: 14).

Diskutiert wurden in Zusammenhang mit dem beschriebenen Diskriminierungsparagraphen in der Öffentlichkeit bislang vorrangig solche Fälle, die rassistische Äußerungen zum Gegenstand hatten (Hilpert 2018: 211ff.). Verfehlungen anderer Natur werden deutlich seltener thematisiert, was insbesondere darauf zurückzuführen ist, dass die DFB-Norm erst auf dem 42. DFB-Bundestag am 4.11.2016 sowohl um das Merkmal „Geschlecht“ als auch die „sexuelle Orientierung“ in § 9 RuVO ergänzt wurde.11 Dabei wurde schon beinahe ein Jahrzehnt zuvor die Beschränkung bzw. Fokussierung auf Rassismusvorfälle moniert. Im Jahr 2007 sperrte das DFB-Sportgericht den Bundesliga-Torhüter Roman Weidenfeller zunächst für sechs Wochen, da er gegenüber dem dunkelhäutigen Gegenspieler Gerald Asamoah „Du schwarzes Schwein!“ geäußert haben soll. Um den Vorwurf des Rassismus auszuräumen und damit auch einen möglichen Punktabzug zu umgehen, taten Weidenfeller und sein Verein Borussia Dortmund anschließend kund, Weidenfeller habe Asamoah „nur“ als schwules Schwein bezeichnet (de Hek 2011: 93f.). Da die sexuelle Orientierung damals noch keinen Bestandteil des § 9 RuVO darstellte, galt der sodann angeblich getätigte Ausspruch „schwules Schwein“ lediglich als eine herabwürdigende und verunglimpfende Äußerung bzw. Beleidigung und wurde mit einer Sperre von nur drei Meisterschaftsspielen belegt. Für diese Entscheidung erntete die DFB-Sportgerichtsbarkeit damals bereits massive Kritik (Schollas 2009: 17f.).

Doch auch die zwischenzeitlich vorgenommenen Ergänzungen führen (noch) nicht automatisch zu einer strengeren Sanktionierung solcher Vorfälle. Dass diejenigen Merkmale, die erst später in den jeweiligen Normen ergänzt wurden, für einige als weniger schützenswert als die bereits vorhandenen Rechtsgüter gelten, zeigt sich nicht nur bezüglich der Homophobie. Ähnliches gilt auch für die Misogynie, wie nachfolgend am Beispiel der Schiedsrichterinnen aufgezeigt wird.

1 Ich danke den Herausgeber_innen und anonymen Gutachter_innen für die vielen wertvollen Hinweise und kritischen Kommentare zur Erstversion des Beitrags.
2 Dieses Zitat entstammt dem Blogbeitrag „‚Stadionflair‘ – Warum es im Stadion unerträglich ist“ von Henri Hyna, der seine Erfahrungen als Stadionbesucher beschreibt (https://cavanisfriseur.de/stadionflair-warum-es-im-stadion-unertraeglich-ist/ – 14.04.2020).
3 Eine der wenigen Ausnahmen stellen im deutschsprachigen Raum beispielsweise die Beiträge von Teipel et al. (1999), Ebersberger (2001), Sinning/Rafalski (2012) und Rullang et al. (2015) dar. Eine ähnliche Forschungslücke macht etwa auch Nordstrom (2013) bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Schiedsrichterinnen im American Football aus.
4 Weitere Ausführungen zur Historie von Frauen im Schiedsrichterwesen finden sich im Beitrag „Gewachsene Strukturen“ der DFB-Schiedsrichterzeitung 06/2015, S. 4-9 (https://www.dfb.de/fileadmin/_dfbdam/82269-SRZ_6-2015_web.pdf – 15.04.2020). Dort wird beispielsweise auch auf ein interessantes Nord-Süd-Gefälle des Anteils weiblicher Unparteiischer an der Gesamtzahl der einzelnen Landesverbände hingewiesen: So gibt es in absoluten Zahlen zwar die meisten Schiedsrichterinnen in Bayern, relativ betrachtet liegen aber die Landesverbände Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg deutlich an der Spitze.
5 Da Männer und Frauen die gleiche Prüfung für die Schiedsrichterlizenz absolvieren, gibt es derzeit seitens des DFB kein Programm zur expliziten Gewinnung von Schiedsrichterinnen. Vereinzelt bieten einige Landesverbände jedoch separate Kurse und Lehrgänge speziell für Mädchen und Frauen an.
6 So gab es im Februar 2020 beispielsweise rassistische Entgleisungen durch Zuschauer gegen den Hertha-Spieler Jordan Torunarigha im DFB-Pokal-Achtelfinale auf Schalke sowie gegen den Würzburg-Spieler Leroy Kwadwo in einer Drittliga-Partie gegen Preußen Münster (https://www.zeit.de/sport/2020-02/preussen-muenster-rassismus-fan-leroy-kwadwo – 13.04.2020).
7 Ebenfalls im Februar und im März 2020 wurde Dietmar Hopp wiederholt mit Schmähgesängen, Spruchbändern und Plakaten mit seinem Konterfei im Fadenkreuz in den Fankurven mehrerer Bundesligastadien verunglimpft (https://www.sueddeutsche.de/sport/hopp-fans-plakate-beleidigung-fc-bayern-hoffenheim-1.4826608 – 13.04.2020).
8 „Fanproteste gegen Fußballfunktionäre: ‚Bei einem alten, weißen Milliardär seid ihr betroffen‘“ (https://www.spiegel.de/sport/fussball/fanproteste-in-der-bundesliga-gehen-weiter-bei-einem-alten-weissen-milliardaer-seid-ihr-betroffen-a-44303813-8ed3-4352-90f3-cbd03c89da6c – 13.04.2020).
9 „Erläuterungen zum Drei-Stufen-Plan“ (https://www.dfb.de/news/detail/erlaeuterungen-zum-dreistufen-plan-213823/ – 13.04.2020).
10 „Homophob – oder einfach bloß dumm?“ (https://www.sueddeutsche.de/sport/homophobie-fussball-frankreich-1.4598085 – 12.01.2020).
11 In der Zwischenzeit haben auch die meisten Landesverbände ihre Rechts- und Verfahrensordnungen entsprechend erweitert. Zuvor normierte ausschließlich der Diskriminierungsparagraph der Rechts- und Verfahrensordnung des Sächsischen Fußballverbands im Rahmen der Verbandsautonomie die Bezugspunkte Geschlecht und sexuelle Orientierung (Nolte 2016: 47).

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FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft 1-2020: „So eine Fotze, die sieht doch nichts!“ – Eine empirische Annäherung an das Erleben und den Umgang mit persönlichen Diskriminierungen von Schiedsrichterinnen im deutschen AmateurfußballSie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 1-2020 der FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft erschienen.

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