Empirische Sozialforschung und Digitalisierung

ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung 1-2020: Digitale Dokumente und Soziologie der digitalen Analyse

Digitale Dokumente und Soziologie der digitalen Analyse. Zur Repräsentation entfernter Gebrauchsweisen

Vanessa Wein

ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung, Heft 1-2020, S. 13-35

 

Zusammenfassung

Der vorliegende Artikel operiert auf zwei Ebenen. Erstens illustriert er eine Möglichkeit, wie Sozialforschung ‚Big Data‘ in den Griff bekommen kann. Das gelingt ihr nicht, indem sie mit der im IT-Feld praktizierten Datenanalyse konkurriert. Stattdessen kann sie diese Analyse selbst, ihre Analysedokumente und das darin zum Ausdruck kommende Wissen zum Gegenstand machen. Am Beispiel eines Webanalysereportes wird gezeigt, wie bei der soziologischen Auswertung praktisch verfahren wurde, und es werden erste Ergebnisse skizziert. Zweitens bietet der Artikel, vom konkreten empirischen Fall abstrahierend, eine Antwort auf die methodische Herausforderung, die sich der Soziologie angesichts der weit fortgeschrittenen Digitalisierung stellt. Sozialforschung sieht sich mit einer schnell wachsenden Anzahl digitaler Dokumente konfrontiert. Der Artikel systematisiert Erfahrungswissen zum praktischen Umgang u.a. mit Akten, Texten und Bildern in der qualitativen Sozialforschung und erarbeitet daraus vier Dimensionen von Dokumenten. Zum einen solche, die in der ‘klassischen’ Dokumentenanalyse zentral sind, neben dem Gebrauch ist das ihre textliche Performativität, und andererseits solche, die in der soziologischen Forschung bislang eher implizit oder jenseits des dokumentenanalytischen Diskurses Beachtung gefunden haben: nämlich die grafisch-visuelle Performativität und die Materialität.

Schlagwörter: Dokumentenanalyse, analytisches Quadrat, Digitalisierung, Big Data, digitale Analyse, Materialität, Performativität

 

Digital Documents and the Sociology of Digital Analysis. On Remote Usages and their Representation

Abstract

The following article operates on two levels: Firstly, it illustrates the ways social research can manage ‘Big Data’. This is not achieved by competing with the kind of data analysis practiced within the field of IT, but rather by scrutinizing the analysis itself, ist documents, and the knowledge incorporated therein. Taking a web analysis report as an example, the article shows just how the sociological analysis takes place in practice. It further outlines first results of this insight. Secondly, turning from specific empirical cases towards the abstract, it tries to find an answer to the methodological challenges Sociology faces in light of far advanced digitalization. Empirical social research is confronted with a fast-growing number of digital documents. The article seeks to systemize practical knowledge on how qualitative social research deals with, among others, records, papers, and images. Four dimensions of documents are specified: On the one hand, those that are crucial in ‘classical’ document analysis – besides its use this includes its textual performativity – and, on the other hand, those that have stayed rather implicit in sociological research up until now, and were mainly noted outside of the discourse of document analysis: graphical- visual performativity and materiality.

Keywords: document analysis, analytic square, digitalization, big data, digital analysis, materiality, performativity

 

Die Analyse großer Datenmengen ist ein lukratives Geschäft in der so oft proklamierten digitalen Gesellschaft. Soziologische Forschung trägt der beobachteten Digitalisierung zahlreicher Lebensbereiche auf ganz unterschiedliche Weise Rechnung. Einige Studien nehmen die Nutzung des Internets etwa in Form von Social Media (Greschke 2009; Wagner/Barth 2016) in den Blick, andere stellen die interne Befehlsarchitektur von Rechnern (Heintz 1993), ihren Programmen oder Algorithmen (Krämer 2015; Lange/Lenglet/Seyfert 2016) oder die performative Wirkweise von Technologien auf menschliche Subjekte und ihre Existenzweise (Lindemann 2015; Introna 2017) ins Zentrum der Betrachtung. Wieder andere Ansätze zeichnen die diskursive Aushandlung der neuesten technischen Errungenschaften nach. Neben utopischen Theorien über die emanzipierende Wirkung von Technik (Dickel/Schrape 2015) verweist die Forschung auf eine lange Tradition der Technikkritik (Wagner/Stempfhuber 2015), in der jeweils eine Wirkmacht der Technologie gesucht wird, die hinter der Oberfläche oder gar in ihrem ‚Wesen‘ steckt. Der vorliegende Artikel gibt eine pragmatische Antwort auf die Frage, wie empirische Sozialforschung in Zeiten der Digitalisierung mit den entstehenden Daten umgehen kann. Im Feld der Technikentwicklung werden diese Daten genutzt, um Technik zu optimieren, d.h. sie an bestimmte beobachtete Gebrauchsweisen anzupassen (Wehner/Passoth/Sutter 2017). Statt zu fragen, welche moralischen Implikationen mit der Produktion und Auswertung von ‚Big Data‘ verbunden sind, welche geheimen Player und Mächte hinter der umfangreichen Analyse stecken, oder wie wirklichkeitsgetreu solche Abbildungen menschlichen Verhaltens sind, können die Analysedokumente selbst untersucht werden. Der Artikel plädiert für dieses Vorgehen, um so das Wissen im Feld der Technikentwicklung zum Gegenstand zu machen, statt zur beforschten alltäglichen Praxis in Konkurrenz zu treten.

Das soziologische Interesse an Dokumenten erlebte in den letzten Jahren eine Konjunktur. Diese resultiert u.a. aus der Digitalisierung und der damit verbundenen Vermehrung digitaler Dokumente, die in großen Mengen entstehen und im Netz zirkulieren. Aus kultursoziologischer und ethnomethodologischer Tradition heraus wird argumentiert, dass eine Sozialforschung, deren Gegenstand keine primär mündlichen Kulturen ständig Anwesender sind, sondern die schreibende, chattende, vernetzte und dokumentierende Gesellschaften untersucht, neben der oralen Kommunikation beispielsweise auch die erzeugten Zeichen und Artefakte in den Blick nehmen muss. Prognostiziert wird also ein kultureller Wandel, der eine Anpassung der kulturwissenschaftlichen Methoden verlangt. Die wissenschaftliche Fremdrepräsentation der beforschten Welt wird in den „documentary realities“ (Atkinson/Coffey 2011, S. 78) zu einer Version der dokumentierten Wirklichkeit neben den Selbstrepräsentationen des Feldes. Dokumente lassen sich nach Atkinson und Coffey als Selbst- oder Fremddarstellungen verstehen, die ihrerseits zum Gegenstand der soziologischen Forschung werden können. Die Forschungsmethode, mit der Felddokumente wissenschaftlich untersucht werden, nennt sich ‚Dokumentenanalyse‘.

Der praxissoziologischen Argumentation folgend ist die Dokumentenanalyse keine isoliert zu betrachtende Forschungsmethode, sondern sie reiht sich in die Vielzahl anderer Zugänge ein, wie der teilnehmenden Beobachtung und des Interviews. So wird sie hier nicht als Methode, im Sinne eines festgeschriebenen und beliebig wiederholbaren Vorgehens verstanden, sondern vielmehr als Sammlung und Strukturierung bereits erprobter qualitativer Strategien im Umgang mit Dokumenten. Ein „Reduzierter Methodenbegriff“ (Strübing et al. 2018, S. 87 H.i.O.) betont gerade den Verzicht auf eine festgelegte Methode, die – immer auf die gleiche Art und Weise angewandt – aus sich heraus für gültige Ergebnisse sorgt. Dokumentenanalyse kann auf eine reiche Tradition der sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit visuellen Phänomenen zurückgreifen. Das Visuelle, allgemein verstanden als Sichtbares, nimmt in jenen Forschungstraditionen eine außerordentliche Rolle ein, wobei die Beobachtung zu den zentralen Erhebungsmethoden zählt. Dem Seh-Sinn und dem sichtbaren Vollzug sozialer Praktik kommt in der Ethnografie eine zentrale Bedeutung zu (Emerson/Fretz/Shaw 2007; Breidenstein et al. 2013). Während bei der teilnehmenden Beobachtung Gesten oder räumliche Arrangements Einzug in die Forschung finden, wirken die Methoden der „visual research“ (Pink 2010), der „Videografie“ (Tuma/Schnettler/ Knoblauch 2013), und der „Kamera-Ethnografie“ (Mohn/Amann 2006) wie ein Mikroskop, unter dem kleinste Bewegungen und das Verhältnis von Körpern zueinander minutiös untersucht werden können. Dabei wird die „Selbstevidenz des Visuellen“ (Breidenstein et al. 2013, S. 36), die es im Alltag unnötig erscheinen lässt, über ‚das Offensichtliche‘ zu sprechen, methodisch zugänglich gemacht. Aufgrund dieser auf das Visuelle fokussierten Tradition fanden hier Dokumente schon früh Einzug in die Forschung.1 Aus techniksoziologischer Perspektive handelt es sich dabei um Artefakte. Wie diese sich sozialwissenschaftlich konzeptualisieren und beforschen lassen, wurde im Zuge des ‚material turn‘ umfänglich diskutiert (Latour 1996; Kalthoff/Cress/Röhl 2016a; Keller 2019). Die ethnografische Forschung kann schon länger mit Dokumenten umgehen, und auch die Methode der ‚klassische Dokumentenanalyse‘ wurde bereits diskutiert (Wolff 2004).

Was kann ein Artikel zur Methode der Dokumentenanalyse darüber hinaus leisten? Bezogen auf den in Folge diskutierten empirischen Fall digitaler Dokumente im Feld der Webentwicklung hat es sich als nützlich erwiesen, bestimmte, im soziologischen Diskurs etablierte Ansichten über diese kritisch zu hinterfragen. Den im Folgenden vorgestellten Ergebnissen vorgreifend, lässt sich festhalten, dass die untersuchten Webreporte zwei Dinge deutlich machen: Erstens befasst sich die ‚klassische‘ Dokumentenanalyse vor allem mit verschriftlichter Sprache, geschriebenen Worten also (Wolff 2004, S. 502; Prior 2011, S. 94) und Texten (Wolff 2006; Atkinson/Coffey 2011, S. 73; Salheiser 2019, S. 1119). Aufmerksamkeit verdienen gleichermaßen grafisch-visuelle Dokumentenbestandteile (Wiesing 2004; Kelle 2007), die Materialität und der Gebrauch. Zweitens birgt die klassische Dokumentenanalyse das Risiko in sich, Dokumente schon vor der Analyse gewissermaßen zu reinen Daten zu stilisieren. Beispielsweise mit der Setzung: „Berücksichtigt werden sollen nur solche schriftlich vorliegenden Daten, die ohne Intervention des Forschers zustande gekommen und aufgezeichnet worden sind.“ (Wolff 2006, S. 246) Verhindert werden soll damit das unsinnige Vorhaben, alle in Schriftform überführten Daten textanalytisch zu untersuchen. Dabei beruht diese Forderung auf der Vorstellung einer realen Wirklichkeit da draußen, die unabhängig von der jeweiligen Forschung genauso besteht und durch Daten abgebildet wird. Diese Haltung findet sich zugespitzt in der Darstellung von Dokumenten als „natürliche Daten“ (Salheiser 2019) und der Dokumentenanalyse als „Nichtreaktives Verfahren“ (Salheiser 2019, S. 1122). Digitale Dokumente existieren als sichtbare Objekte nur dann, wenn sie zu einem gewählten Zeitpunkt von einer Rechenmaschine auf bestimmte Weise ausgeführt werden. Sie werden im Moment ihrer Betrachtung nach festgelegten Regeln hergestellt. Deshalb fordern sie die Vorstellung von ‚natürlichen Daten‘ besonders heraus. Doch auch bei klassischen Papierdokumenten und Akten darf die konstitutive Praxis der sammelnden und neu rahmenden Forschenden nicht aus den Augen verloren werden. Dokumente sind nur im Rahmen eines spezifischen Settings, etwa der Sozialforschung, „Daten“. Für Dokumente gilt ebenso wie für Feldnotizen, Umfrageergebnisse und Interviewdaten: Forschende hinterlassen ihre Spuren in ihren Daten und begegnen sich in ihnen selbst (Bergmann 2011, S. 22). Das passiert ganz unweigerlich bereits während sie in einen Forschungskontext gestellt werden (Strübing et al. 2018, S. 89). Vertreten wird hier eine in der pragmatistischen Tradition stehende erkenntnistheoretische Position, nach der: „Das Gegebene […] immer auch etwas in der Analyse Gemachtes [ist]“ (Breidenstein et al. 2013, S. 116 H.i.O.).

Neben diesem Modifikationsbedürfnis der klassischen Dokumentenanalyse, das durch ihre Anwendung auf einen neuen Gegenstand deutlich wird, versteht sich der Artikel als Anstoß zur Systematisierung. Grundsätzlich entwickeln und verändern sich qualitative Forschungsmethoden mit der jeweils beforschten Kultur und dem konkreten Gegenstand, auf den sie abzielen. So gibt es mittlerweile unter unterschiedlichen Etiketten praktische Umgangsweisen mit Dokumenten. Ziel von Forschung ist es jedoch, vom aktuellen Wissensstand ausgehend, neue Erkenntnisse hervorzubringen (Strübing et al. 2018, S. 94), d.h. aber auf bekanntes Wissen aufzubauen. Um geeignete Anschlüsse zu identifizieren und Vergleiche zu ähnlichen Studien ziehen zu können, ist eine Systematisierung vonnöten. Die große Bandbreite qualitativer Zugänge zu Dokumenten ist jedoch keiner ‚Erfindungswut‘ der Forscher*innen geschuldet. Oft legt ein ganz bestimmtes Erkenntnisinteresse ein spezifisches Vorgehen nahe. Doch auch dann ist es sinnvoll, andere mögliche, wenn auch nicht gewählte, Vorgehensweisen im Auge zu behalten und dadurch die zwangsläufig entstehenden ‚blinden Flecken‘ der eigenen Untersuchung reflexiv mitzuführen.

Der Artikel operiert auf methodischer und empirisch-inhaltlicher Ebene, wobei der ersten Vorrang eingeräumt wird. Auf die Frage, weshalb die explizite Auseinandersetzung mit der Methode der Dokumentenanalyse sinnvoll ist, werden drei Antworten gegeben. Annahmen, die sonst oft stillschweigend mitgeführt werden, sollen expliziert und damit der Reflexion zugänglich gemacht werden. Dazu zählt erstens eine Engführung auf Texte und zweitens die Idee von „reinen Daten“ in der klassischen Dokumentenanalyse. Drittens versteht sich der Artikel mit der Heuristik des analytischen Quadrats als ein Angebot der Systematisierung bestehender Methoden der bereits praktizierten Dokumentenanalyse, die es ermöglicht, ähnliche Studien zu identifizieren und (noch) nicht eingenommene, aber mögliche, Forschungsperspektiven mitzudenken. Inhaltlich offeriert der Artikel einen pragmatischen Vorschlag, wie mit den in Folge der Digitalisierung gehäuft auftretenden Analysen großer Datenmengen umgegangen werden kann. Er führt vor, wie digitale Analyse analysiert werden kann, ohne dabei die Ergebnisse der ersten Analyse zu duplizieren oder übertreffen zu wollen. Damit der Argumentation dieses Artikels beim linearen Lesen gefolgt werden kann, beginnt der Artikel quasi mit dem Endprodukt der methodischen Reflexion und stellt das dokumentenanalytische Quadrat vor (1.), das u.a. durch die Auseinandersetzung mit dem anschließend untersuchten Analysedokument entworfen wurde. Der nächste Teil demonstriert, wie sich das Dokument aus unterschiedlichen ‚Ecken‘ betrachten lässt und wie je nach gewählter Perspektive sein Gebrauch, seine grafisch-visuelle Performativität, seine textliche Performativität, oder seine Materialität in den Fokus rückt (2.). Am Schluss stehen das Fazit und ein Ausblick auf eine Soziologie, die digitale Analyse zum Gegenstand macht (3.).

Anmerkungen
1 Siehe etwa Harold Garfinkels Studie über „ ‚Good‘ organizational reason for ‚bad‘ clinical records“ (1984), oder Dorothy Smiths Analyse der textlichen Performativität eines Tatsachenberichtes (1979), und später Stefan Hirschauer, der u.a. historische Quellen, Parlamentsdebatten, Mitschriften von Therapeut*innen, Bundestagsprotokolle und Szenezeitschriften analysiert (1999, S. 13).

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