Die verfressene Gesellschaft

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Die Gesellschaft der Muffins

Das wäre vermutlich ein schöner Titel für einen neuen großen soziologischen Wurf: Die Beschreibung der westlichen Gesellschaften aus Sicht eines Menschen, der Bestseller-Listen eine Bedeutung zumisst. Von Berufs wegen schaue ich regelmäßig auf Bestseller-Listen. Nicht dass ich in meiner Rolle als Wissenschaftsverlegerin wirklich hoffen könnte, auf den üblichen Listen von Süddeutsche, Spiegel, Focus und Co zu landen. Dennoch schaue ich gern drauf, um eine Vorstellung von dem zu haben, was die Welt außerhalb der Wissenschaften bewegt.

Nun hatte ich also die Ratgeber-Bestenliste des Focus vom November 2013 vor der Nase. Auf den Plätzen 1 bis 3 sind – Kochbücher! Auch auf den Plätzen 5 und 6 und 7 bis 9. Unter den 20 besten Ratgebern sind 10 (in Worten: zehn!) Koch- und Backbücher. Vegan, weihnachtlich, gesund und jamie. Dazwischen ein Fitnessratgeber… Wen wundert’s. Wer sich so intensiv mit Essen beschäftigt, muss gelegentlich auf die Figur schauen.

Es freut mich übrigens zu sehen, dass es auch einen Deutschland- und einen Himmelsführer unter den Bestsellern gibt. Und falls einem der Himmel auf den Kopf zu fallen droht, kann man sich schnell unter Anleitung dreier Bücher Mützen  handarbeiten.

Da es ja einen nicht unbeträchtlichen Anteil an Avantgardisten in unserem Lande gibt, die vor allem etwas Teures brauchen oder etwas Anderes, auf jeden Fall etwas mit Stil und angebissenem Obst, habe ich mir überlegt, ich würde gern eine Kochbuchreihe verlegen. Dann hätte ich auch mal so richtig tolle Bestseller im Fachverlag. Titel fallen mir ein wie „Das andere Gewürz“ oder „Die gesellschaftliche Konstruktion des Wirsingteigs“. Aber natürlich auch Dinge wie  „Die protestantische Küche und das Eis des Kapitalismus“ oder „Die Küche der Gesellschaft“.

Doch ich denke auch an unterschiedliche nationale bzw. ethnische Küchen. Zusammen mit gewissen Phänomenen, die sich seit Jahren in den Massenmedien beobachten lassen, käme ich auf potenzielle Bestseller wie: „Made im Speckmantel“ oder „Das Große Buch der Currykäfer“ oder – mit Dank an eine gute Freundin die neuste Entwicklung: „Spider-Pops: Flauschi-Spinnen am Stiel“. Leuchtendes Sushi gibt es ja bereits – da brauche ich meinen Zynismus gar nicht zu bemühen. Aber die „Strahlende Küche aus dem Land der aufgehenden Sonne“ wäre wohl noch eine kleine Ergänzung zu dieser Vorschlagsliste. Die Kinder von Angelina Jolie haben sicherlich auch noch Vorschläge. Oder sie sind schon dabei, krosse Grillen in Tüten anzubieten. Vielleicht mit BBQ-Geschmack oder „Rot-Weiß“.

Ja, ich hätte schon noch ein paar Ideen für die „Verfressene Gesellschaft“. Doch mein Blick fällt auf das Schlusslicht der Bestseller-Liste „Ratgeber“ vom November. Und Hoffnung keimt auf: Die letzte Anleitung, sie heißt „Make Love“.

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