Die Mehrwertsteuer: Grüße aus Absurdistan

Labyrinth © PIxabay 2020 Foto: Alexas_Fotos

Das Konjunkturpaket der Bundesregierung ist großartig! Ich habe große Hochachtung vor der Courage, die darin steckt, Milliarden in die Hand zu nehmen, um die Wirtschaft in Deutschland in Pole Position zu bringen und Millionen von Menschen in diesem unserem Lande nicht hängen zu lassen. Ja, es wird viel geschimpft und der Anspruchshaltungen – „Wieso bekomme ich nichts bzw. nur so wenig?“ – ist kein Ende. Und doch. Als ich das Papier das erste Mal vor Augen sah, hörte ich bei Punkt 1 direkt auf zu lesen. Mehrwertsteuersenkung. Für ein halbes Jahr!

Haben Sie eine Vorstellung davon, was es für Unternehmen bedeutet, für sechs Monate die Mehrwertsteuer umzustellen? Ich gebe Ihnen gern zwei Beispiele aus unserem Hause. Das ist nur ein Ausschnitt und jedes Unternehmen, das ich kenne, hat eigene Beispiele. Wie der Präsident des Arbeitgeberverbands im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger behaupten kann, das sei für „alle“ von Vorteil, ist mir ein Rätsel. Dass Justus Haucap, der für die Regierung schon das ein oder andere Gutachten verfasst hat, das (ebenfalls im Kölner Stadt-Anzeiger) völlig unkritisch sieht, verwundert mich hingegen nicht. Aber das Gefühl bleibt: Nicht jeder Mensch, der mit Wirtschaft in irgendeiner Form zu tun hat, hat Berührung mit der Realwirtschaft.

 

Buchpreise

Bücher haben in Deutschland (und Österreich, das ebenfalls die Mehrwertsteuer kurzfristig und kurzzeitg senkt) qua Gesetz gebundene Preise. Das ist sinnvoll, um die Literaturversorgung in allen Regionen vergleichbar zu gewährleisten – überall kosten Bücher gleich viel und kein US-Internetgigant kann den Buchmarkt komplett monopolisieren. Diese Preise werden zentral – im Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) – erfasst. Sie müssen von den Verlagen festgesetzt und gemeldet werden. Bei einer Absenkung der Ladenpreise müsste ein Verlag dem VLB neue Preise mit einem Vorlauf von ein, zwei Wochen melden. Wir sind ein kleiner Verlag. Wir haben knapp 3.000 unterschiedliche Titel (print und eBooks), für die wir eine solche Ladenpreisänderung melden müssten. Einmal zum Stichtag der Absenkung – 1. Juli 2020 – einmal zum Stichtag der Rückkehr zum Status quo ante per 31. Dezember 2020.

Viele Bücher sind im Buchhandel bereits mit Preisen ausgezeichnet. Die müssten jeweils am Stichtag der Umstellung neu ausgezeichnet werden – sonst verstößt die Buchhandlung gegen die Ladenpreisbindung. Bei vielen Büchern sind die Preise sogar aufgedruckt …

Über welche Beträge sprechen wir?

Viele unserer Bücher kosten irgendetwas um die 24,90 Euro regulär (viele Taschenbücher sind weit preiswerter). Würden wir nun die Mehrwertsteuersenkung in ihrer ganzen Schönheit weitergeben, würde der Aufwand sich darum drehen, den Ladenpreis auf 24,44 Euro zu senken. 0,46 Euro Differenz. Dafür müssten wir die Änderungen zweimal ans VLB melden, auf allen Webseiten, die wir selbst verwalten, entsprechend ändern, dafür sorgen, dass der Buchhandel sich korrekt verhält.

Raten Sie mal … Genau: Wir machen das nicht! Für diesen kleinen Unterschied kann es sich für kein Unternehmen rechnen, einen derartigen Aufwand zu betreiben.

Doch sind Bücher tatsächlich im Prinzip relativ leicht zu handhaben. Jedenfalls mit Blick auf den Zeitpunkt, zu dem die Mehrwertsteuer berechnet wird. Anders verhält es sich mit Abonnements.

 

Zeitschriften-Abonnements

Hier haben wir folgende unterhaltsame Konstellation:

Jahresabonnements wurden i.d.R. zu Jahresbeginn 2020 in Rechnung gestellt – regulär mit 7%. Die Hefte werden im Jahresverlauf geliefert. Für alle Hefte, die nach dem Stichtag 1.7.2020 quasi als Teillieferung geliefert werden, dürfte in einer möglichen Betrachtungsweise nur die reduzierte Mehrwertsteuer – 5% – angesetzt werden. Sollte das letzte Heft eines Jahrgangs jedoch erst 2021 geliefert werden, müssten hier wieder 7% berücksichtigt werden.

Die digitale Leistung – und auch diese Betrachtungsweise ist nicht unumstritten – ist erst zum Ende des Bezugszeitraums als vollständig geliefert abzurechnen. Handelt es sich also um ein Kombi-Abonnement mit Online-Zugriff und Printheften, müsste der digitale Anteil per 31.12.2020 mit 5% in Rechnung gestellt werden. Verzögert sich allerdings die Lieferung des letzten Heftes wiederum über den Stichtag 31.12.2020 hinaus, wird auch die digitale Leistung erst zum Abschluss des Lieferzeitraums, nun also doch korrekt mit 7% in Rechnung gestellt.

Über welche Beträge sprechen wir?

Rechnen wir das anhand des Beispiels unserer Zeitschrift GENDER durch, die mit drei Heften im Jahr und vollem Online-Zugriff für Privatbezieher*innen 65,00 Euro brutto kostet.

Sagen wir, wir veranschlagen den Online-Anteil am Abonnement mit 15,00 Euro brutto; dieser müsste bei einer vollständigen Lieferung im Jahr 2020 nur 14,72 Euro kosten. An dieser Stelle eine Differenz von 0,28 Euro.

Von den drei Printheften, die wir in dieser Rechnung mit je 16,67 Euro ansetzen, wurden zwei vor dem Stichtag ausgeliefert. Also ist für ein Heft die Mehrwertsteuer auf 5% reduziert anzusetzen – jedenfalls dann, wenn das Heft wirklich in 2020 ausgeliefert wird. Dieses dürfte dann nur noch 16,36 Euro kosten. Eine Differenz von sogar 0,32 Euro. Insgesamt also ein Unterschied von 0,60 Euro (0,28 Euro aus dem digitalen Anteil, 0,32 Euro für die Printlieferung). Vorausgesetzt, die angepeilten Lieferdaten bleiben. Wenn wir aber sagen, das Heft 3 erscheint verzögert, dann gibt es diese Differenz doch nicht, denn dann ist für beides wieder die reguläre Mehrwertsteuer von 7% anzusetzen.

Wie müssten wir für diesen Fall korrekt vorgehen, um unseren Kund*innen den entsprechenden Mehrwertsteuer„vorteil“ weiterzugeben? Wir müssten die ursprüngliche Rechnung stornieren und eine neue Rechnung mit zwei unterschiedlichen Mehrwertsteueransätzen ausstellen (oder zur Sicherheit zwei Rechnungen, damit nicht diese unterschiedlichen Sätze auf einer Rechnung stehen, was regelmäßig zu Verwirrungen führt – und von den Buchungsprogrammen derzeit nicht einmal akzeptiert wird …). Dann müssten wir für die 0,60 Euro für jede*n einzelne*n Kund*in einen entsprechenden Ausgleich vornehmen. Am besten eine Überweisung. Die kostet je nach Bank nicht so viel und unsere Mehrarbeit – naja. In der Zwischenzeit würden wir mit Tausenden (!) von Abonnent*innen die Kontendaten prüfen, Fragen klären, Irrläufer auf den richtigen Weg bringen, Adressen klären usw. usf. Für sechzig Cent.

Aber es verhält sich anders. Die von uns veröffentlichten Preise sind Bruttopreise. Halten wir die Bruttopreise gleich, müssten wir trotzdem neue Rechnungen ausstellen. Denn dann würde sich der Nettopreis verändern!

In Zahlen

Spielen wir das obige Rechenbeispiel auf dieser Grundlage erneut durch, kommen wir auf folgende Ergebnisse:

Für den digitalen Anteil: 15,00 Euro brutto ergeben bei 5% enthaltener Mehrwertsteuer einen Nettopreis von 14,29 Euro.

Für das dritte Heft: 16,67 Euro brutto ergeben bei 5% enthaltener Mehrwertsteuer einen Nettopreis von 15,88 Euro.

Für die beiden anderen Hefte belassen wir den ursprünglichen Mehrwertsteueranteil von 7%, was einen Nettobetrag von 31,16 Euro ergibt.

Die Addition dieser Beträge ergibt einen neuen Nettobetrag von 61,33 Euro. Der ursprüngliche Nettobetrag (65,00 Euro bei 7% Mehrwertsteuer) lag bei 60,75 Euro. Wir haben also hier eine Differenz im Nettobetrag von 0,58 Euro. Das ist der Betrag, um den wir uns bereichern (würden), wenn wir die Rechnungen, die wir zu Jahresbeginn ausgestellt haben, korrigieren würden. Dafür müssten wir wiederum jede Rechnung stornieren und neu ausstellen.

Selbst wenn wir 1.000 Abonnent*innen hätten, für die genau diese Rechnung zuträfe, hätten wir für die Korrektur von 1.000 Rechnungen netto 580 Euro mehr in unserer Kasse (wenn wir Provisionen und unsere Arbeit einfach mal außen vorlassen). Wenn Sie irgendjemanden treffen, der glaubt, dass wir an dieser Stelle irgendeine Art von „Gewinn“ machen, schicken Sie ihn oder sie bitte zu uns: Wir brauchen dringend Unterstützung in der Buchhaltung, um das Chaos, das uns serviert wurde, aufzufangen!

 

Lösungen

Wir wünschen uns ein Verwaltungsschreiben. Ein Schreiben aus dem Finanzministerium, das besagt: „Alles nicht schlimm; macht einfach weiter; wir werden das bei einer Umsatzsteuerprüfung nicht gegen euch verwenden. Von einer Berichtigung hätte niemand einen echten wirtschaftlichen Vorteil. Wir erteilen euch eine Absolution in Form einer sogenannten ‚Nichtbeanstandungsklausel‘.“ Das würde uns für die Jahresabonnements, Remissionen (wir müssen bei Rücksendungen netto höhere Beträge erstatten, als wir zuvor erhalten haben!) und die Honorarabrechnungen für Autor*innen, die mehrwertsteuerpflichtig sind, die Arbeit enorm erleichtern. (Bei diesen Honorarabrechnungen müssten wir genau den Zeitpunkt ermitteln, zu dem der Honoraranspruch entstanden ist und diesen mit dem jeweils korrekten Mehrwertsteuersatz belegen!)

Für den Augenblick bleibt uns nichts anderes, als genau darauf zu hoffen und auf Ihr Verständnis, falls Sie sich eine Korrektur über die 60 Cent wünschen würden. Wir spenden ohnehin jedes Jahr an das Naturgut Ophoven und den Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, an Atmosfair und weitere Organisationen. Gern erhöhen wir unsere Spendenquote, um diesen ganzen Mehrwertsteuer-Unisnn nur auf Sparflamme mitmachen zu müssen.

 

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