Unsere Buchempfehlungen für Weihnachten 2020

Weihnachten © Pixabay 2020 / Foto: Sibusky

Ob als Geschenkideen für Weihnachten oder für das ganz persönliche Lesevergnügen: Wir haben unsere persönlichen Buchempfehlungen für Sie zusammengestellt.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Entdecken!

 

Liv Strömquist: Ich fühl’s nicht

avant-verlag

Empfehlung von Vivian Sper

Liv Strömquist Ich fühl's nicht © avant-verlagDass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Liebe, Dating und Popkultur nicht langweilig sein muss, beweist Liv Strömquist in ihrer neusten Graphic Novel. Sie fragt, wie der Spätkapitalismus unsere Beziehungen und unsere Gefühlswelt beeinflusst. Warum folgen wir nicht mehr unserem Herzen, sondern kalkulieren akribisch die Chancen und Risiken einer Partner*innenwahl? Das Buch lässt Leonardo di Caprio als auch Soziologin Eva Illouz zu Wort kommen und bietet damit lehrreiche Unterhaltung.

 

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

Carl Hanser Verlag

Empfehlung von Corinna Hipp

Delia Owens Der Gesant der Flusskrebse © HanserEnde des letzten Jahres stand der Roman wochenlang auf den Bestsellerlisten. Ein ungewöhnlicher Titel, eine Autorin, von der ich noch nie gehört hatte: „Was ist das für eine Geschichte?“, habe ich mich gefragt.

Das Buch bekam ich dann zu Weihnachten geschenkt und hatte erst einmal Mühe, mich auf diese unbekannte Welt, die in der Küstenmarsch von North Carolina spielt, einzulassen, bis sie mich dann wirklich gepackt hat.

Der Plot: Chase Andrews, gut aussehend und beliebt, kommt bei einem Unfall (oder ist es Mord?) zu Tode. Die Bewohner der Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen Kya Clark. Sie lebt isoliert im Marschland, im Rhythmus der Natur. Sie kennt jeden Stein, jede Muschel und jede Pflanze. Als zwei junge Männer sich für Kya interessieren, öffnet sie sich einem bisher unbekannten Leben – mit dramatischen Folgen für sich selber und für ihre Umgebung.

Worum geht es noch? Es geht um ein Verbrechen und wie es dazu kam, es geht um Liebe und zerstörte Träume, ums Erwachsenwerden, um eine tragische Familiengeschichte, aber auch um die Kraft und Stärke, die es braucht, sich selber zu verwirklichen.

Die Sprache ist poetisch, die Naturbeschreibungen sind fantastisch. Als Leserin bin ich eingetaucht in diese Welt der Marsch. Auch wenn ich noch nie da war, habe die Einsamkeit der langen Tage gespürt.

Ein Satz aus einer Besprechung in der New York Times fasst die die Atmosphäre des Buches treffend zusammen:

 „Ein schmerzlich schönes Debüt, das eine Kriminalgeschichte mit der Erzählung eines Erwachsenwerdens verbindet und die Natur feiert.“

Dem kann ich mich nur anschließen!

 

Franz Kafka: Der Verschollene

S. Fischer Verlage

Empfehlung von Daniela Witzki

Franz Kafka Der Verschollene © S. FischerDas Werk, die Editionsgeschichte und die Person Kafkas fasziniert mich seit vielen Jahren. Im Germanistik-Studium war flugs der Schwerpunkt auf diesen Autor gelegt, was dank einer engagierten Professorin leicht und ergiebig war, und auch die Magisterprüfung drehte sich um Kafkas Wirken.

Aus allen Werken des Autors sticht das Romanfragment „Der Verschollene“ für mich besonders hervor, da es aus meiner Sicht die berühmte düstere Absurdität – das Kafkaeske eben – perfekt mit dem Kafkas Werk ebenso eigenen makabrem Witz zusammenführt. All die vermeintlichen und echten Ungerechtigkeiten, die der junge Protagonist Karl Roßmann auf seiner unfreiwilligen Amerikareise erfährt, lösen beim Lesen ein derart schmerzlich-voyeuristisches Unbehagen aus, dass es schon wieder ein Fest ist.

Kafka ist ein Autor, der solche unbequem-ambivalenten Gefühle in seinen Leser*innen auslösen kann. Meine Meinung: Muss man gelesen haben!

 

Madeline Miller: Ich bin Circe

Eisele Verlag

Empfehlung von Hannah Eschenauer

Madeline Miller Ich bin Circe © Eisele VerlagMit Ich bin Circe lässt Madeline Miller griechische Mythologie neu aufleben. Auf spannende und mitreißende Weise wird die Geschichte der Zauberin Circe, Tochter des Sonnengottes Helios, erzählt und so eine neue Sichtweise auf altbekannte Epen gegeben. Dabei folgt die Autorin zum Großteil den ursprünglichen Mythen, ohne jedoch nur eine bloße Wiedergabe der Erzählungen zu liefern.

Die Protagonistin Circe ist auf der Suche nach Zugehörigkeit. Aufgewachsen in einer Welt von missgünstigen Gottheiten wird sie zum Dasein auf einer einsamen Insel verbannt, weil sie den Menschen zu ähnlich ist. Fortan kämpft Circe alleine weiter, studiert die Magie der Natur und begegnet Helden wie Daidalos und Odysseus. Doch drohen ihr als alleinstehender und eigenständiger Frau auch Gefahren, die von den Göttern ebenso wie von den Menschen ausgehen. Nur mithilfe ihres eigenen Verstands und ihren wachsenden Zauberkräften kann es ihr gelingen, sich zur Wehr zu setzen.

Ich bin Circe ist ein fesselnder, facettenreicher Roman, der bekannten Stoff aufgreift, ihn aber in seiner Themenbehandlung der Gegenwart anpasst. Auch für Nichtkundige der griechischen Mythologie bietet dieses Buch einen wunderbaren Unterhaltungswert, welcher durch den ausgezeichneten Erzählstils von Madeline Miller noch verstärkt wird.

 

Graeme Simson: Das Rosie-Projekt

S. Fischer Verlage

Empfehlung von Barbara Budrich

Graeme Simsion Das Rosie-Projekt © S. Fischer VerlagIch lese nicht viel Belletristik. Und wenn doch, dann bin ich nicht auf der Suche nach intellektuellen Herausforderungen sondern nach Unterhaltung. So bin ich über die Trilogie von Graeme Simsion gestolpert. Der erste Band, Das Rosie-Projekt, Originaltitel: The Rosie Project, ist sein Erstlingswerk. Aus der Sicht des Ich-Erzählers, Genetiker Don Tillman, werden wir durch seine Tage und Pläne geführt, staunen mit ihm über das irrationale Verhalten anderer Menschen. Diese anderen Menschen spiegeln Don, dass er selbst sich merkwürdig verhält. Als Autist hat er eine andere Perspektive auf viele Dinge. Als Leser*innen werden wir eingeladen, die Welt aus dieser Perspektive zu betrachten. Was natürlich zu lustigen Verwicklungen und unfreiwilliger Komik führt. Vor allem, da Don strukturiert und minutiös geplant sein „Ehefrau-Projekt“ verfolgt; denn er hat beschlossen, zu heiraten …

Das Buch stand 2013 bei seinem Erscheinen auf Englisch und 2015 auf Deutsch auf Bestseller-Listen und bekam zahlreiche Auszeichnungen. Damals habe ich das nicht mitbekommen. Als „romantische Komödie“ hätte es mich auch nicht interessiert. Aber als verständnis- und humorvollen Einblick in die Gefühlswelt eines autistischen jungen Mannes, der seine unmittelbare Umwelt verwirrend verwirrt, hat es mich köstlich unterhalten. (Die beiden Nachfolge-Bände übrigens genauso!)

 

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex I-III

KiWi

Empfehlung von Sarah Rögl

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex © KiWiSelten hat mich in den letzten Jahren ein Roman so begeistert wie die Trilogie von Despentes „Das Leben des Vernon Subutex“. Im Zentrum der Handlung steht der abgehalfterte ehemalige Plattenhändler Vernon Subutex, der wohl mal ein „cooler Typ“ war, zu Beginn des ersten Buchs aber in einer ziemlichen Misere steckt. Der Mittvierziger hat die letzten Jahre damit verbracht, zuzusehen, wie sein Leben den Bach heruntergeht, seine alten Rock’n’Roll-Freunde sterben und sein Geld immer weniger wird. Als er schließlich auch noch seine Wohnung verliert, ist Vernon gezwungen, Kontakt mit alten Bekannten aufzunehmen, um irgendwo schlafen zu können und begegnet auf seinem Weg durch Paris auch noch allerlei anderen Menschen. Alle versuchen auf ihre Art mit den Herausforderungen des heutigen (Großstadt-)Lebens umzugehen, sind dabei größtenteils in Schieflagen geraten.

Despentes beschreibt die Lebens- und Gefühlswelten ihrer Protagonist*innen oft mit schonungsloser Heftigkeit, nicht aber ohne Humor und Mitgefühl. Nach und nach finden sich die sympathischeren der unterschiedlichen schrägen Charaktere um Vernon herum zusammen, bilden eine Gruppe, trennen sich wieder und finden sich schließlich als eine Art Bande zusammen und entkommen so für eine Zeit der Vereinzelung. Musik, von Punkrock bis Techno, spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Das Ende ist ein ziemlicher Knaller und die letzten paar Seiten spielen in der Zukunft, mehr sei an dieser Stelle aber nicht verraten.

Besonders beeindruckt haben mich an den drei Büchern die Vielfalt des Personeninventars, die teils drastischen und gewaltvollen, teils wunderbaren kleinen und großen Geschichten der Haupt- und Nebenhandlung und die Art von Despentes, zu erzählen: teilweise grob, teilweise liebevoll, drastisch, voller Humor, aber auch voll von Empathie für die unterschiedlichsten menschlichen Lebenslagen. Zahlreiche gesellschaftlich relevanten Thema werden berührt: Prekarität, die Digitalisierung und ihre Verlierer und Gewinner, Geschlechterrollen, der Rechtsruck, Islam und Islamismus, Terror, Kapitalismus und noch viel mehr. Nebenher geht es auch noch um Liebe, Freundschaft, Sex, Verzweiflung, Rache und Kunst. Für mich waren die drei Bücher ein großes Lesevergnügen und ich kann das Buch wärmstens allen empfehlen, die schräge Figuren, wilde Geschichten, kluge Gesellschaftsbeschreibungen und etwas Drastik mögen.

 

Jeanette Winterson: Wunderweiße Tage. Zwölf winterliche Geschichten

Wunderraum Verlag

Empfehlung von Miriam von Maydell

Jeannette Winterson Wunderweiße Tage © Wunderraum VerlagEin Weihnachtsbuch – das hätte man von Jeannette Winterson wohl eher nicht erwartet. Mit Mitte 20 wurde die Autorin mit ihrem autobiographisch gefärbten Roman „Oranges are not the only fruit“ (dt.: Orangen sind nicht die einzige Frucht) auf einen Schlag berühmt. Sie erzählt darin, wie es ist, als lesbische Adoptivtochter in einer freikirchlichen Familie aufzuwachsen – eigentlich auserwählt, Missionarin zu werden, beschreitet die Protagonistin ihren eigenen Weg und verlässt schließlich ihre Familie, um ein neues Leben zu beginnen (ebenfalls ein sehr empfehlenswertes Buch).

Fortan veröffentlichte Winterson in regelmäßigen Abständen neue Romane und wurde zu einer der wichtigsten Schriftstellerinnen Großbritanniens. Der Stil und die Handlungen wurden nach „Oranges“ experimenteller und die Themen vielfältiger. So war Winterson gerne auch für eine Überraschung gut, als Sie z.B. 2003 ihr erstes Jugendbuch veröffentlichte.

Und 2016 tatsächlich ein Weihnachtsbuch – ein Genre, das wir sonst vielleicht eher mit klassischer Lektüre oder leichter Unterhaltungsliteratur verbinden. Mit 12 Erzählungen und 12 Rezepten orientiert sich die Struktur an den in Großbritannien fest verankerten „12 days of Christmas“.  Und besinnlich geht es dabei bei Winterson durchaus auch zu, jedoch gibt sie der klassischen Anmutung immer einen eigenen Twist. So kann eine Ich-Erzählerin in einer Reminiszenz an Dickens einem „Geist der Weihnacht“ begegnen, überhaupt passiert in den Erzählungen so Einiges, was wir vielleicht als übersinnlich bezeichnen würden. Und doch passt dies gut zum Oeuvre einer Autorin, die sich schon immer auch mit den Grenzen des Körpers, Raum-Zeit-Dimensionen und dem Cyberspace befasst hat. Ganz anders kommen die autobiographisch verpackten Rezepte daher, die eher an Werke wie „Oranges“ oder Wintersons 2017 erschienenen autobiographischen Band „Why be happy when you could be normal?“ (dt. „Warum glücklich statt einfach nur normal?“) denken lassen.

Ein Buch, das sich auch bestens verschenken lässt – gerade in der sehr schönen Hardcoverausgabe aus dem Wunderraum-Verlag.

© Pixabay 2020 / Foto: Sibusky