Mit der BNE-App ein Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit entwickeln

HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung 4-2012: Wege zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung: Über Self-Commitments zu reflexiven Bildungsprozessen

Wege zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung: Über Self-Commitments zu reflexiven Bildungsprozessen

Corinne Ruesch Schweizer, Janine Zimmermann, Käthi Theiler-Scherrer, Svantje Schumann

HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung, Heft 4-2021, S. 17-29

 

Die Studie zur Bildung für nachhaltige Entwicklung-App (BNE-App) der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) weist darauf hin, dass sich die mit einem Self-Commitment erworbenen Erfahrungen auf Bewusstwerdung, Reflexion und Verantwortungsübernahme auswirken und damit Potential haben, transformatives Lernen anzustoßen.

Schlüsselwörter: erfahrungsbasierte Reflexion, Transformation, Third Mission, Self-Commitment, BNE-App FHNW

 

The way to assume social responsibility through selfcommitments to the reflexive educational processes

The study on the Education for Sustainable Development app (ESD app) of the University of Applied Sciences and Arts Northwestern Switzerland (FHNW) points out that the experiences acquired with a self-commitment have an impact on awareness, reflection, and assumption of responsibility and thus have the potential to trigger transformative learning.

Keywords: experiential reflection, transformation, Third Mission, self-commitment, ESD app FHNW

 

1 Transformation der Gesellschaft

Vor dem Hintergrund kritischer ökonomischer, ökologischer und sozialer Entwicklungen rückt die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Transformation in Richtung Nachhaltigkeit immer mehr in den Fokus (Schneidewind, 2018). Gemäß dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen [WBGU] (2011, S. 5) geht es bei der Transformation insbesondere darum, „einen umfassenden Umbau aus Einsicht, Umsicht und Voraussicht voranzutreiben“. Kruse-Graumann (2014) betont, dass es in den Köpfen der Menschen zu einem Wandel kommen muss. Bei der Umsetzung und Ausgestaltung der gesellschaftlichen Transformation kommt Bildung eine bedeutsame Rolle zu (Bergmüller, 2019; WBGU, 2011). Als Ziel einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) wird insbesondere eine „Steigerung gesellschaftlicher Reflexionsfähigkeit“ und die Befähigung zu „Beobachtung und Mitgestaltung von Transformationsprozessen“ gefordert (Schneidewind, 2013, S. 139).

Angenommen wird, dass Bildung das Potential hat, durch Anregung individueller Reflexionsprozesse ein Problembewusstsein zu schaffen (Kehren & Winkler, 2019). Partizipative Prozesse, in denen individuelle Erfahrungen und Reflexionen in Entscheidungsbildungsprozesse einfließen, können zum Aufbau von sozialem Kapital in Bezug auf gesellschaftliche Probleme führen. Essentiell ist hierbei die Rolle der sogenannten Pioniere des Wandels. Damit sind einzelne Akteurinnen und Akteure gemeint, die sich den Herausforderungen einer Nachhaltigen Entwicklung (NE) und damit auch den angestrebten Veränderungen annehmen. Die Pionierinnen und Pioniere liefern Beispiele, die zeigen, dass eine Transformation in Richtung Nachhaltigkeit möglich ist. Sie agieren typischerweise bottom up, leben bestimmte Verhaltensweisen vor oder stoßen neue Gedankengänge an, die anschließend in der Gesellschaft nachgeahmt werden (WBGU, 2011).

Ausgehend von allgemeinen Überlegungen zu Verantwortungsübernahme sowie zu den Potentialen der Reflexion für den Umgang damit, wird eine empirische Studie vorgestellt, die untersucht, wie sich die mit einem Self-Commitment erworbenen Erfahrungen auf Bewusstwerdung, Reflexion und Verantwortungsübernahme auswirken. Anschließend wird überlegt, welches Potential in Hinblick auf eine gesellschaftliche Transformation sichtbar wird oder angenommen werden kann.

2 Individuelle und kollektive Verantwortungsübernahme

Um die notwendige gesellschaftliche Transformation vorantreiben zu können, braucht es neben der Reflexion und Verbreitung von Einstellungen auch die Bereitschaft, einen nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen der Welt zu pflegen sowie die Übernahme von Verantwortung (WBGU, 2011). Gerade in der Konsumgesellschaft stellt sich die Frage, inwiefern Individuen Verantwortung für eine NE übernehmen können bzw. müssen. Nach Heidbrink und Schmidt (2011) führen individuelle Handlungen stets zu kollektiven Folgen, die positiv oder negativ für die Umwelt sein können. Gleichzeitig ist individuelles Handeln immer auch gelenkt durch und angewiesen auf die in der Gesellschaft geltenden Regeln, sodass ein bestimmter Handlungsspielraum vorgegeben ist, der nur schwer durchbrochen werden kann. Verantwortungsübernahme für das Handeln setzt deshalb sowohl das Bewusstwerden der Regeln, die das individuelle Handeln lenken, als auch die Reflexion der sozialen Praktiken voraus, die diese Regeln hervorbringen bzw. aktualisieren (Giddens, 1997). Damit können Individuen als Konsumenten*innen und Bürger*innen zumindest als mitverantwortlich für ihre Handlungen betrachtet werden (Schmidt, 2017). Heidbrink und Schmidt (2011, S. 46) zeigen in diesem Kontext konkret auf, unter welchen Umständen eine individuelle oder eine kollektive Verantwortung erforderlich ist:

Konsumenten sind also immer dann individuell verantwortlich, wenn sie die Folgen ihres Konsumverhaltens kausal bewirkt haben und sie im Licht moralischer Regeln reflektieren und beeinflussen können. Darüber hinaus sind sie kollektiv verantwortlich, wenn sie einer Gemeinschaft oder Gesellschaft angehören, deren Grundüberzeugungen sie teilen und zu deren Mitgliedern sie in einer kooperativen Verbindung stehen.

Der WBGU (2011) hebt hierbei deutlich die Wichtigkeit der Bildung im Kontext der Verantwortungsübernahme hervor. So soll Bildung dazu beitragen, dass Menschen Wissen aufbauen und über Generationen hinweg mit ihrem Handeln Verantwortung übernehmen können. Doch auch wenn Konsens herrscht, dass Bildung ein wichtiges Element darstellt, so lässt sich doch kritisch fragen, welche Aufgabe der Bildung zukommt (Euler, 2014) und wie sie diese erfüllen kann (Bergmüller, 2019). Diverse empirische Studien zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Wissen und Handeln ziemlich gering ist (Kruse-Graumann, 2014). Zudem wird eine Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und Handeln konstatiert (Holfelder, 2018). Für BNE bedeutet dies, dass weder allein der Aufbau von nachhaltigkeitsbezogenem Wissen noch Wertebildung transformatives Lernen und Handeln initiieren können.

3 Annahmen bezüglich des Potentials von Reflexion für Verantwortungsübernahme und Partizipation

 Wie einleitend erwähnt, wird angenommen, dass Bildung Reflexion anregen und Möglichkeiten des Reflexionsfähigkeitserwerbs bieten soll.

Reflexion ist ein Prozess des strukturierten Analysierens, in dessen Rahmen zwischen den eigenen Kenntnissen, Fähigkeiten, Einstellungen/Überzeugungen und/oder Bereitschaften und dem eigenen, situationsspezifischen Denken und Verhalten […] eine Beziehung hergestellt wird, mit dem Ziel, die eigenen Kenntnisse, Einstellungen … und/oder das eigene Denken und Verhalten (weiter-)zu entwickeln. (Aufschnaiter et al., 2019, S. 148)

Reflexion ermöglicht dadurch, aus bisherigen Routinen bewusst ausbrechen und alternative Denk- und Handlungswege ausprobieren zu können (Wyss, 2008).

In Bezug auf eine Transformation kann sich Reflexion nun auf verschiedene Aspekte bzw. Bereiche beziehen, beispielsweise auf Werte und Einstellungen. In der Agenda 21 wird darauf hingewiesen, dass im Rahmen einer BNE die reflexive Auseinandersetzung mit Werten und Einstellungen bedeutsam ist (Wulfmeyer, 2020). Es geht darum, sich beim Handeln an Werten und Normen zu orientieren, die in einer Gesellschaft gelten, aber auch darum, sich kritisch und reflektiert mit Normen und Werten auseinanderzusetzen (Bleisch & Huppenbauer, 2011). Geteilte Werte werden nebst Wissen und einem starken Bewusstsein für die Notwendigkeit für Veränderungen als zentral für die Umsetzung einer NE angesehen (WBGU, 2011). Hierbei darf der Fokus auf geteilte Werte aber nicht dazu führen, dass ausschließlich normative Setzungen im Zentrum stehen (Wulfmeyer, 2020). Vielmehr ist eine kritischreflexive Haltung wichtig, die Kontroversen in den Blick nimmt (Sander, 2009). Für nachhaltige Handlungsentscheidungen muss es möglich sein, sich ein eigenes Urteil zu bilden und dementsprechend situativ zu entscheiden. Im Sinne des Beutelsbacher Konsens‘ müssen dem Indoktrinations- und Überwältigungsverbot Rechnung getragen und Lernende unterstützt werden, unter Einbezug ihrer Bedürfnisse, Interessen und Vorstellungen Situationen zu reflektieren und Einfluss zu nehmen (Sander, 2009).

Auch die Reflexion von Wissen und Handeln gilt mit Blick auf eine Transformation als entscheidend. Reflexion ermöglicht, sich die Komplexität weltgesellschaftlicher Realität – das heißt, die sozialen, ökonomischen und ökologischen Zustände und ihre Wechselwirkungen – zu erschließen, sich darin zu orientieren und entsprechende Handlungsentscheide zu treffen. Dies entspricht auch dem Anliegen des aktuellen schweizerischen Lehrplans (LP 21; Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz [D-EDK], 2016), in dem hervorgehoben wird, dass Lernende in die Lage versetzt werden sollen, die Welt wahrzunehmen, sich die Welt zu erschließen, sich in der Welt zu orientieren sowie in der Welt zu handeln. Wenn es Aufgabe von BNE sein soll, die individuelle und kollektive Reflexionsfähigkeit zu steigern und auf dieser Basis Transformationsprozesse mitzugestalten, dann muss der bzw. die Einzelne die Möglichkeit erhalten, auf Basis des Erschließens und Sich-Orientierens eine bewusste und begründete Selbst- und Mitbestimmung praktizieren zu können.

* * *

Sie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 4-2021 der Zeitschrift HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung erschienen.

© Pixabay 2021, Foto: RoadLight