Der Einfluss des Neomalthusianismus in der aktuellen Bevölkerungs- und Klimadebatte

Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft 2-2020: Der gefährliche Geist der ‚Bevölkerung‘ in der Klimadebatte

Der gefährliche Geist der ‚Bevölkerung‘ in der Klimadebatte

Susanne Schultz

Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, Heft 2-2020, S. 23-36

 

In der aktuellen Klimadebatte können wir derzeit das Revival eines neomalthusianischen Reflexes beobachten:1 Der Klimawandel wird über statistische Berechnungen in Zusammenhang mit einer wachsenden Weltbevölkerung gebracht und antinatalistische Strategien, also Geburtenkontrolle, als entscheidender Ansatzpunkt nahegelegt. Sehr unterschiedliche politische Akteur*innen lassen sich auf diese Rationalität derzeit ein – eine gefährliche Entwicklung: Untote Geister eines Denkens in Kategorien der ‚Bevölkerung‘, der zu kontrollierenden Geburtenraten und der technokratischen Planungsphantasien werden wieder neu belebt, die untrennbar mit ihrer kolonialrassistischen und sozialdarwinistischen Geschichte verwickelt sind.

Im Folgenden zeige ich zunächst, in welchen Kontexten diese Argumentationsmuster derzeit ganz konkret wiederbelebt werden – vom ökologischen Mainstream bis zu rechter Biopolitik einerseits und klimabewegt sowie feministisch motivierten Gebärstreik-Aufrufen anderseits. Danach hinterfrage ich, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede in diesen Anknüpfungen an das ‚Bevölkerungsproblem‘ als klimarelevant entscheidend sind, und unterscheide drei Dimensionen des Denkens in der Kategorie der ‚Bevölkerung‘: die abstrakte statistische Konstruktion eines Zuviels an menschlicher Bevölkerung; die historisch tief verwurzelten rassistischen und sozialdarwinistischen Zuschreibungen dieses Zuviels an die ‚Anderen‘; die totalitären Planungsvisionen einer global zu managenden ‚Fertilität‘. Im Schlussteil diskutiere ich, wie aus einer Perspektive reproduktiver Gerechtigkeit der Verknüpfung Bevölkerung-Klimawandel radikal entgegengetreten werden kann.

Hintergrund dieser Analyse sind Forschungen zur internationalen Geschichte antinatalistischer Bevölkerungsprogramme (Schultz 2006; Bendix/Schultz 2018) sowie zur Demografisierung des Politischen in Deutschland im Rahmen einer selektiv-pronatalistischen Familien- und einer utilitaristischen Migrationspolitik (z.B. Schultz 2015, 2019b). Kurz gefasst ist mit Demografisierung die Re-/Interpretation gesellschaftlicher Krisen als demografische und das Ansetzen von Problemlösungen an demografischen Variablen, also an ‚Bevölkerung‘, gemeint. Aus dieser Forschung nehme ich für den folgenden Beitrag eine von Foucaults Konzept der Biopolitik geprägte staatskritische Perspektive auf das Verhältnis von Wissensproduktion und Machtverhältnissen mit und spreche deswegen von Rationalitäten (Foucault 2000). Das Konzept der Demografisierung baut darauf auf und ermöglicht es so, demografische Problematisierungen und bevölkerungspolitische Strategien im Zusammenhang zu untersuchen (Schultz 2015; Murphy 2017; McCann 2017; Hummel 2000). Des Weiteren greife ich für eine radikale Kritik biopolitischer Machtverhältnisse auf antirassistische und antieugenische feministische Analysen zurück, wie sie etwa in dem Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit des Black Feminism zusammenfließen (Ross 2017): Dieses intersektionale Konzept fragt danach, wessen ‚Fortpflanzung‘ im Rahmen nationalökonomischer, sicherheitspolitischer oder in dem hier diskutierten Fall ökologischer Rationalitäten als wertvoll gilt und wessen als zu vernachlässigen oder gar als schädlich und zu verhindern. Und es trägt das schmerzhafte Wissen in sich, welche gewaltförmigen und diskriminierenden Praktiken mit diesen bio- bzw. nekropolitischen Programmatiken einhergingen und -gehen (Schultz 2006; Wilson 2017; Murphy 2017).

Neomalthusianisches Revival und Klimawandel – von rechts bis klimaaktivistisch-feministisch

Wenig erstaunlich ist, dass sich in der aktuellen Debatte um den Klimawandel die etablierte transnationale neomalthusianische Wissenselite wieder einmal zu Wort meldet, die seit Jahrzehnten die Thesen vom Zusammenhang von Umweltzerstörung und Bevölkerungsentwicklung vertritt – und dies nun in Bezug auf den Klimawandel neu aufgießt. „The population bomb is back, with a global warming twist“ (Hartmann/Barajas-Román 2009, 70), warnten bereits im Vorfeld der Klimakonferenz von Kopenhagen 2009 feministische Forscherinnen. Tatsächlich hatte sich Paul Ehrlich, der Autor der „Bevölkerungsbombe“ und damit eines der kolonialrassistischen Ursprungswerke der internationalen Bevölkerungspolitik aus den 1960er Jahren wieder einmal zu Wort gemeldet (Ehrlich/Ehrlich 2009). Hartmann und Barajas-Román (2009, 72) verwiesen auf vor Kopenhagen kursierende, für das bevölkerungspolitische Denken typische Studien, die entweder berechneten, wieviel CO2-Ausstoß eine Frau bei der Geburt eines Kindes zu verantworten habe, wenn dies auf ihre Kinder und Enkel hochgerechnet würde, oder Familienplanung als kosteneffizienteste Investition gegen Klimawandel darstellten, indem sie diese mit den Kosten alternativer Technologien rechnerisch verglichen.

Seitdem hat sich die These des Bevölkerungswachstums als zentraler ‚Faktor‘ des Klimawandels international verfestigt: So sendeten 2017 über 15.000 Wissenschaftler*innen eine „Warnung an die Menschheit“ aus, in der sie „das kontinuierliche schnelle Bevölkerungswachstum als Hauptfaktor für viele ökologische und gesellschaftliche Bedrohungen“ (Ripple et al. 2017, 1026) erklärten.2 Auch der Weltklimarat analysierte 2014 gleichermaßen „das weltweite ökonomische und das Bevölkerungswachstum als Hauptfaktoren für CO2-Emissionen“ (IPCC 2014, 5). Etwas verhaltener agiert demgegenüber der Weltbevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UN), der auf UN-Ebene für die bevölkerungspolitische Umsetzung zuständig ist. Dies mag als Zeichen zu werten sein, dass ein zu simples neomalthusianisches Narrativ zum Klimawandel trotz solcher Plattitüden zum Glück noch umkämpft ist: Der UN-Fonds verknüpft seine antinatalistische Programmatik im Globalen Süden zwar auch mit dem Klimawandel, aber anders und indirekter: Die – ebenfalls pauschale und problematische – These ist hier, dass Zugang zu Familienplanung und damit geringere Geburtenraten die „Resilienz“ derjenigen sozialen Gruppen stärkten, die besonders vom Klimawandel betroffen seien (UNFPA 2016).

Wieder aufgerufene Wissensarchive

Auch im deutschsprachigen Raum sind neomalthusianische Narrative tief in den Wissensarchiven eines konservativen und technokratischen umweltpolitischen Mainstreams verankert und können einfach wieder aufgerufen werden. Zu verweisen sei auf die breit rezipierten „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome (Meadows et al. 1972) mit seinen katastrophistischen Aussagen zum Weltbevölkerungswachstum oder auf den beliebten Tierschützer Bernhard Grzimek, der den Diskurs der Überbevölkerung medial verbreitete (Stöhr 2009). Unverändert taucht die Trope der Weltbevölkerung als unkontrolliert wachsende „Krebszellen“ nun etwa 2014 wieder in der von Bernward Gesang (2014, 13) verfassten Einleitung zu einer Publikation auf, an der sich auch die renommierten Ökologie-Institute Wuppertal Institut und Potsdam Institut für Klimafolgenforschung beteiligten. Und in der konservativen Presse forderte der Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Joachim Müller-Jung 2018 dazu auf, „ein Tabu zu brechen.“ Das „schnelle Bevölkerungswachstum“ sei „einer der großen Antriebe für den Klimawandel“ (Müller-Jung 2018). Er bezog sich auf eine Studie, die u.a. von einer grauen Eminenz des einflussreichen US-Think Tanks Population Council, John Bongaarts, im selben Jahr veröffentlicht wurde, mit wieder einmal neuen Berechnungen zur klimapolitischen Kosteneffizienz von Familienplanung (Bongaarts/O’Neill 2018).

Ein neomalthusianischer Durchmarsch durch die deutschen Mainstream-Medien ist allerdings derzeit nicht zu beobachten, das Terrain bleibt durchaus umkämpft, und es gibt immer wieder auch Gegenwind gegen zu platte Verknüpfungen. So verwies ein Bericht im Berliner Tagesspiegel zu „Klimawandel und Bevölkerungswachstum“ auf die extreme weltweite Ungleichheit mit der statistischen Aussage: „Ein US-Amerikaner verursacht so viel CO2 wie 581 Burundier“ (Ehlerding 2019). Auch erinnerte 2019 der meist den neomalthusianischen Katastrophismus bedienende Spiegel daran, dass in UN-Prognosen gar nicht mehr von einem kontinuierlichen und schon gar nicht von einem exponentiellen zukünftigen Bevölkerungswachstum ausgegangen wird, sondern von einem Abflachen der globalen Bevölkerungskurve (Stöcker 2019).

Insgesamt richten solche Gegenstatistiken aber nicht viel aus: Zu tief verankert ist die neomalthusianische Selbstgewissheit im Alltagsverstand. Diese nährt sich auch davon, dass die Kategorie ‚Bevölkerung‘ ein Passepartout bereitstellt, innerhalb dessen mit der Menge der (zukünftigen) Menschen alle möglichen Krisenphänomene beliebig in einen statistischen Zusammenhang gebracht werden können (Schultz 2006; Bhatia et al. 2020). Als Bevölkerungsproblem erscheinen so mal nationalökonomische Wachstumskrisen – derzeit in der Entwicklungspolitik unter dem Stichwort „demografische Dividende“ das Lieblingsthema (Bendix/Schultz 2018, 265ff.; Hendrixson/Hartmann 2019, 254f.) –, mal Arbeitslosigkeit, mal mangelnde Gesundheitsversorgung, mal instabile politische Verhältnisse oder weltweite Migration – eine endlose Assoziationskette, in die sich das Gerede von Bevölkerung als Klimafaktor einfach einreihen kann.

Derzeit konzentriert sich der neomalthusianische Blick vor allem auf den afrikanischen Kontinent. In traditioneller kolonialrassistischer Manier gibt es in Deutschland aktuell eine breite mediale und politische Offensive, die das alte neomalthusianische Narrativ pauschal auf die Projektionsfläche Afrika anwendet: Dies reicht von den rassistischen Imaginationen der entwicklungspolitischen Sprecherin der Linken (Schultz 2019a) über ein auch für Linksliberale anschlussfähiges Pamphlet zum afrikanischen Bevölkerungswachstum (Smith 2018; vgl. FFM 2019) und die Expertisen des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung (2019) bis zu den rassistischen Sprüchen von Schalkes Aufsichtsrat Tönnies (vgl. Zeit online 2019).

Rechte Andockstelle an Klimapolitik

Für die erstarkende extreme Rechte in Deutschland stehen derzeit noch die klassischen Referenzthemen Migration und Sicherheit im Zentrum der biopolitischen Beschwörungen, sei es, dass im nach rechts abdriftenden Magazin Cicero 2016 „Weniger Geburten für weniger Radikalisierung“ als „nachhaltigste Lösung“ (Marguier 2016, 1) gegen Terroranschläge dargestellt werden oder im Parteiprogramm der Alternative für Deutschland (AfD) (2016, 59) „eine Völkerwanderung historischen Ausmaßes“ mit einer „Bevölkerungsexplosion“ insbesondere in Afrika erklärt wird. Doch es gibt einige Anzeichen dafür, dass die Rechte gerade wegen der neomalthusianischen Verlockungen das Klimaleugnen aufgeben könnte. Schließlich ist der Bevölkerungsdiskurs ihr zentraler narrativer Anker, der mit Tropen wie ‚Umvolkung‘, ‚Volkstod‘ oder ‚Bevölkerungsaustausch‘ (vgl. Botsch/Kopke 2018) völkisches Denken, Antifeminismus und Rassismus miteinander verbindet. Das Stichwort gab jüngst Journalist Alan Posener in der Zeitung Die Welt (2019): Er behauptete, der „menschengemachte Klimawandel“ sei „von der Überbevölkerung vor allem in Afrika vorangetrieben“ und fragte: „Warum lässt die AfD dieses Thema liegen?“ Schließlich sei es doch „kompatibel mit ihrer Fremdenfeindlichkeit“ (Posener 2019). Ein Anzeichen eines solchen Kurswechsels ist die Aufforderung der Berliner AfD-Jugend, das Klimaleugnen aufzugeben und stattdessen eine weltweite Ein-Kind-Politik in Schwellenländern zu fordern (Fiedler/Kieser 2019). Für ökofaschistische Tendenzen ist das neomalthusianische Narrativ des Klimawandels also höchst anschlussfähig und angesichts militaristischer, rassistischer und anti-immigratorischer Schlussfolgerungen auch höchst gefährlich (Ojeda/Sasser/Lunstrum 2019). Naomi Klein warnte in einem Interview jüngst treffend dazu: „Das einzige, was noch besorgniserregender ist als eine extrem rechte, rassistische Bewegung, die den Klimawandel leugnet, ist eine, die dies nicht tut“ (DemocracyNow 2019).

1 Als Neomalthusianismus wird mit Rekurs auf Thomas R. Malthus (1766–1834) eine politischtheoretische Perspektive bezeichnet, die behauptet, die Bevölkerung wachse prinzipiell schneller als die benötigten Ressourcen und dass deswegen – das besagt das „neo“ im Begriff – Geburtenkontrollmaßnahmen notwendig seien.
2 Alle Übersetzungen erfolgten durch die Autor*in.

* * *

Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft 2-2020: Politiken der Generativität und Reproduktive RechteSie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 2-2020 der Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft erschienen.

© pixabay 2020, Foto: Alexas_Fotos