Die ‚Magd‘ als Protest gegen misogyne Biopolitik

GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft 2-2020: Jenseits von Atwood: gruselige Echos oder die ‚Magd‘ als ikonische Figuration (geschlechter-)politischen Widerstands

Jenseits von Atwood: gruselige Echos oder die ‚Magd‘ als ikonische Figuration (geschlechter-)politischen Widerstands1

Sylvia Mieszkowski

GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, Heft 2-2020, S. 93-113

 

Zusammenfassung
Dieser Beitrag tritt an, Parallelen aufzuzeigen zwischen zeitgenössischer Biopolitik am rechten Rand des US-amerikanischen Spektrums und der ersten Staffel der TV-Adaption (2017) von Margaret Atwoods dystopischem Roman The Handmaid’s Tale (1985). Es gilt, eine doppelte These zu belegen, deren Teile durch die Frage verbunden sind, wie eine ursprünglich literarische Figur, eine kulturelle Repräsentation, durch Verflachung, Serialisierung, Ikonisierung zur Figuration politischen Widerstands in der Realität werden kann. Zum einen schlage ich vor, die transmediale ‚Magd‘, die sich zum internationalen Phänomen des Protests gegen sexistische Gesetzgebung entwickelt hat, als „serielle Figur“ im Sinne Ruth Mayers zu verstehen. Zum anderen zeige ich, wie die Heldin der Hulu-Serie ihren aufgegebenen Subjektstatus in einem – mit Michel Foucault als parrhesia zu bezeichnenden – Akt „risikobehafteten Wahrsprechens“ zurückerkämpft. Insgesamt geht es darum zu zeigen, wie verschiedene kulturelle Iterationen der ‚Magd‘ zu einem sozio-politischen Diskurs beitragen, der gegen misogyne Geschlechterpolitik und ihre Gouvernementalität Stellung bezieht.

Schlüsselwörter
The Handmaid’s Tale, Serielle Figur, Widerstand, Parrhesia, Reproduktive Rechte, USA

 

Beyond Atwood: Creepy echoes, or the “handmaid” as an iconic figuration of (gender-)political resistance

Summary
This article aims to show parallels between contemporary policy, specifically regarding reproductive rights, at the right end of the political spectrum in the United States and season one of Hulu’s 2017 TV-adaptation of Margaret Atwood’s dystopian novel The Handmaid’s Tale, written in 1985. At its core, it presents a double thesis, the two parts of which are connected by the question of how a literary character, a cultural representation, can turn into a figuration of political resistance in the real world – via flattening, serialisation and iconisation. Firstly, I propose reading the transmedia “handmaid” as a “serial figure” as defined by Ruth Mayer. Secondly, I demonstrate how the heroine in the series manages to regain the subject status she had previously given up in an act of “risky truth-telling” that Michel Foucault termed parrhesia. Ultimately, the goal is to show how different cultural iterations of the “handmaid” add to a socio-political discourse that takes a stand against misogynous gender politics and their governmentality

Keywords
The Handmaid’s Tale, serial figure, resistance, parrhesia, reproductive rights, United States

 

1 Einleitung: gruselige Echos

Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale ist ein Dystopie-Klassiker, den die Autorin selbst als „speculative fiction“ (Thomas 2013: 2) klassifiziert. Jüngste politische Entwicklungen in den USA, die den biopolitischen Zugriff des Staates auf Frauenkörper betreffen, mögen Romankenner*innen, die die Debatte um seine Adaption durch den Streaming-Anbieter Hulu verfolgen, geneigt machen, eher von ‚prophetischer Fiktion‘ zu sprechen, die sich anschickt, von der Realität eingeholt zu werden. 2017 verklagte die American Civil Liberties Union die US-Regierung, genauer gesagt, den von Trump zum Direktor des Büros für Flüchtlingsumsiedlung (Office for Refugee Resettlement) ernannten Abtreibungsgegner Edward „Scott“ Lloyd. Es war bekannt geworden, dass er schwangeren Minderjährigen – einige von ihnen auf dem Weg in die USA vergewaltigt, bevor sie das ORR erreichten – systematisch den Zugang zu Abtreibungen verweigert hatte. Die ACLU nahm sich dieses Falles an, um jene zu schützen, die aufgrund der Verschränkung ihres Geschlechts mit ihrer Jugend, Herkunft und ihrem sozialen Status als Migrantinnen besonders verletzlich waren. Insbesondere sollten die jungen Frauen davor bewahrt werden, zwischen die Fronten eines innenpolitischen Konflikts zu geraten, den Abtreibungsgegner*innen mit geltendem Recht ausfechten.

Seit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs im Fall Roe vs. Wade (1973) haben Frauen in den USA – gleich welcher Staatsbürgerschaft – das Recht auf Abtreibung. Vertreter*innen reaktionärer Organisationen suchen beständig, es zu unterminieren. Aus Sicht der ACLU hatte Lloyd sein Amt missbraucht, schwangere Teenager für seinen ideologischen Kampf instrumentalisiert, und war auf dem besten Weg, sie seiner persönlichen Überzeugung zu opfern, als er die gewünschten, vom Recht garantierten Eingriffe verweigerte. Bundesbezirksrichterin Chutkan entschied im März 2018 zu Gunsten der ACLU und erließ eine einstweilige Verfügung (Stevens 2018: o. S.): Die Regierung habe jede Einmischung zu unterlassen, dürfe weder den Schwangerschaftsabbruch blockieren noch vorbereitende Beratungen oder medizinische Leistungen unterbinden, die in unmittelbarem Zusammenhang mit den Schwangerschaften stehen (Anwar 2019: o. S.). Ein New York Times-Bericht regte die Lobbygruppe American Bridge an, im Juni 2018 einen FOIA-Antrag2 zu stellen, um Zugang zu Dokumenten von Lloyds Büro zu erhalten, doch der Fall schien erledigt, als Lloyd im Juli versetzt wurde (Stuart 2018 o. S.).

Im Frühling 2019 jedoch machte das ORR noch einmal von sich reden. Nach Bewilligung des FOIA-Antrags wurde American Bridge ein Tabellenblatt ausgehändigt, das Lloyds Team angelegt und wöchentlich aktualisiert hatte. Die Lobbyist*innen ließen die 28-seitige Tabelle dem Nachrichtensender MSNBC zukommen, und am 15. März strahlte die Rachel Maddow Show einen Beitrag zum Thema aus, für den ACLUAnwältin Brigitte Amiri zum Interview geladen war. Wie sich herausstellte, enthält das Tabellenblatt Informationen über schwangere minderjährige Frauen in der Obhut der ORR: individualisierte Erkennungscodes für jede Aufgelistete; Details über letzte Zyklen; die Kennung, ob es sich um eine Schwangerschaft infolge einer Vergewaltigung handelt; den erwarteten Geburtstermin und eine Notiz, ob eine Abtreibung beantragt worden war. Zweck war offensichtlich, zu verfolgen, wie weit die Schwangerschaft je vorangeschritten war; vermutlich um die Regierung darüber auf dem Laufenden zu halten, wie lange Abtreibungen jeweils hinausgezögert werden mussten, bis die Frist abgelaufen war, vor der sie gesetzmäßig vorgenommen werden konnten. Datumseinträge belegen, dass diese Informationen noch Monate nach der einstweiligen Verfügung und Lloyds Versetzung auf dem neuesten Stand gehalten worden waren. Als Amiri während ihres Interviews das Tabellenblatt „creepy“ nannte, kommentierte Maddow zunächst, sie glaube nicht, dass jemand wegen ‚Gruseligkeit‘ belangt werden könne. Dann schob sie sarkastisch hinterher, dass Margaret Atwood vielleicht in der Lage sei, eine Urheberrechtsverletzung geltend zu machen (TRMS 2019: 22:10–22:12, Transkript o. S.). Der vorliegende Beitrag, der Teil eines laufenden Projekts3 ist, ist von genau jenen ‚gruseligen‘ Echos inspiriert, die zwischen der politischen Realität des 21. Jahrhunderts und einer dystopischen Fiktion, die Mitte der 1980er-Jahre erdacht wurde und seither transmedial viele Neuauflagen erfahren hat, hin und her hallen.

Ende April 2017 stellte das Videoportal Hulu seinen Kund*innen die erste Folge seiner TV-Adaption von Atwoods Roman zur Verfügung. Anfang Mai bezeichnete eine Reporterin der Huffington Post die Ausstrahlung als „almost ludicrously well-timed to the political moment“ (Fallon 2017: o. S.). Nachdem das Tabellenblatt des ORR belegt hat, wieso Fallons Aussage berechtigt ist, führe ich in der Folge zunächst in die diegetische Welt des Romans ein. Das besondere Augenmerk wird darauf ruhen, wie der fiktionale Staat aus biopolitischen Gründen über Frauenkörper und deren Reproduktionsfähigkeit verfügt. Im Anschluss daran werfe ich einen Blick auf eine künstlerische Installation in New York, die anlässlich des Starts der Hulu-Serie auf der High Line aufgebaut worden war. Im nächsten Schritt verweise ich auf eine zeitgenössische Praktik politischen Protests, die sich, inspiriert von Atwoods Roman und belebt durch die Hulu-Serie, international etabliert hat. Auf der Grundlage von Ruth Mayers Definition der „serial figure“, die sie im Unterschied zu „series character“ fasst (Mayer 2014: 9), belegen diese Beispiele, wie eine kulturelle Repräsentation aktiv in einen sozio-politischen Diskurs eingreifen kann. Die ‚Magd‘ hat das Eigenleben einer „seriellen Figur“ entwickelt und wird, in ihrer jüngsten Iteration, als politisches Instrument genutzt: Gleichermaßen flach wie ikonisch und dadurch für die Serialisierung durch cosplay-Aktivist*innen offen, die durch Kostüme die Masse in eine Serie übersetzen, steht die ‚Magd‘ wie keine andere Figur für den Widerstand gegen misogyne Gesetzgebung, die reproduktive Rechte beschneidet und letztlich darauf abzielt, biopolitische Überwachungstechniken, wie das ORR Tabellenblatt, zu legitimisieren und letztlich zu legalisieren.

Der zweite Teil meines Beitrags untersucht, wie die Schlussfolge der ersten Staffel von Hulus The Handmaid’s Tale politischen Widerstand repräsentiert. Ich zeige, wie die Serie Offreds Sprechakt „I’m sorry, Aunt Lydia!“ als entsubjektivierende Unterwerfungsgeste einführt, um sie zu Ermächtigung umzusemantisieren, die in Re-Subjektivierung mündet. Der Rückgriff auf Michel Foucaults Konzept der parrhesia, das eine Form des risikobehafteten Wahr-Sprechens bezeichnet, die den/die Sprecher*in als ethisches Subjekt konstituiert, reichert diese Interpretationen an. Durch die Ideologien der Trump-Ära zu neuer Aktualität gekommen, verkörpert die ‚Magd‘, in der Serie wie im politischen Aktivismus, jene „erfindungsreiche, […] mobile, […] produktive“ Praktik, die Foucault als „counter-conduct“ bezeichnet (2009: 200f.). Insgesamt inkarniert sie, so meine ich, dieses „Gegen-Führen“ als Reaktion auf Techniken von Gouvernementalität, das hinausgeht über den „rein negativen Akt der bloßen Unfolgsamkeit“ (beide Linnemann 2018: 240), gegenüber Versuchen (von fiktionalen wie nicht-fiktionalen Regierungen), „das mögliche Feld des Handelns der anderen“ (Foucault 2000: 341) biopolitisch zu strukturieren.

2 Figuration ritualisierter Vergewaltigung als Fortpflanzungspolitik

Atwood, von der Financial Times als „Kanadas Königin der Dystopie“ (Jacobs 2017: 9) gefeiert, veröffentlichte The Handmaid’s Tale 1985. Der Roman, zu Deutsch Der Report der Magd, spielt in der nicht allzu fernen Zukunft, in der aus den USA die Republik Gilead geworden ist, eine puritanische Theokratie, die sich zwei Ereignissen verdankt: Die schleichende Umweltvergiftung erreicht einen Punkt, an dem ein signifikanter Teil der US-Bevölkerung das Leben verliert und die Mehrheit der Überlebenden unfruchtbar wird. Es folgt ein Staatsstreich, der die Regierung durch eine neue Riege von Machthabern ersetzt. Dass Gilead als fanatisches Patriarchat konzipiert ist, lässt sich an der sog. ‚Zeremonie‘ ablesen. Sie ist von einer Szene aus dem Alten Testament inspiriert, in der Rahel von ihrem Mann Jakob verlangt, er möge ihr, die selbst unfruchtbar ist, zu einem Kind verhelfen, indem er ihre Magd Bilha in andere Umstände versetzt. In Gilead als Versuch der Regierung deklariert, das Land wieder zu bevölkern, ist die ‚Zeremonie‘ eine Form der staatlich geplanten, im großen Stil durchgeführten ritualisierten Vergewaltigung. Jedem kinderlosen hochrangigen Mann und seiner Frau wird eine erwiesen fruchtbare Frau als ‚Magd‘ zugeteilt. Von der Gattin festgehalten, wird sie monatlich vom Ehemann vergewaltigt. Wird sie schwanger, ist das ausgetragene Kind dem verheirateten Paar zu übergeben, während die ‚Magd‘ in den nächsten Haushalt wechselt. Das Serielle ist diesem Modell eingeschrieben. Atwoods Heldin, gleichzeitig fokalisierende Figur und Ich-Erzählerin, wird zur Magd ‚geschult‘ und ‚dem Commander‘ und seiner Frau zugeteilt. Ihr neuer Name leitet sich vom Vornamen ihres ‚Herrn‘ ab. Am Ende des Romans unternimmt Offred einen Fluchtversuch, der von einem Widerstandsnetzwerk unterstützt wird, das vom Modell der historischen Underground Railroad inspiriert ist, die Mitte des 19. Jahrhunderts entlaufenen Sklav*innen eine Struktur von Fluchthelfer*innen bot. Die erste Staffel der Hulu-Serie folgt dem plot-Verlauf des Romans. Zumindest bis zur letzten Einstellung, in der die Heldin in einen Kleintransporter der Geheimpolizei steigt. Ob sie tatsächlich verhaftet oder nur zum Schein festgesetzt wird und sich nun in den Händen des Widerstands befindet, bleibt unklar. Der Roman lässt das Ende von Offreds Geschichte offen, doch Leser*innen erfahren im Epilog, hundert Jahre nach Offreds Zeit in die Form eines wissenschaftlichen Tagungsberichts gegossen, zwei Details: Die Republik Gilead hat nicht überlebt und Offreds Geschichte basiert auf Kassettenaufnahmen, die von unbekannter Hand transkribiert wurden. Ein Blick auf den sozio-politischen Kontext der USA in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts soll nun aufzeigen, welche Ereignisse die ‚Magd‘ in und jenseits der Serie zur Verkörperung des Widerstands gegen misogyne Biopolitik werden ließen.

3 Kontext – Serienstart – Protestpraktik

Dass sich Atwoods Roman drei Dekaden nach Erscheinen auf Platz eins von Amazons Bestsellerliste wiederfinden würde (Petra Mayer 2017: o. S.), wäre noch vor Kurzem unglaubhaft erschienen. Aber seit 2012 hat sich einiges getan. In diesem Jahr wurde die Personhood Initiative, ursprünglich an den Senaten von Colorado und Mississippi gescheitert, wiederbelebt, und ihr Kerngedanke, sämtliche hormonellen Formen der Empfängnisverhütung inklusive der Pille zu verbieten, von der Republikanischen Partei als nationales Wahlkampfthema aufgegriffen. Einige der ‚GOP‘-Kandidat*innen im Präsidentschaftswahlkampf 2012 leisteten ein Gelöbnis, das sie verschriftlichten und unterschrieben (Coontz 2012: o. S.). Es enthielt das Versprechen, dieses Verbot durchzusetzen, sollte der Unterzeichner zum Präsidenten gewählt werden. Im selben Jahr wurde das sog. Blunt-Amendment formuliert, das später am US-Senat scheiterte. Es stellte den Versuch dar, den Affordable Care Act – also die unter Präsident Obama verabschiedete Gesetzgebung zur Krankenversicherung – mit einem Zusatz zu versehen, der es zur Verpflichtung machte, die Zustimmung des Arbeitgebers/der Arbeitgeberin einzuholen, falls Angestellte ihre Krankenkassen für die Kosten ihrer Empfängnisverhütung aufkommen lassen wollten. Ebenfalls 2012 äußerte sich der Zweitplatzierte im Rennen um die Nominierung des republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten, Rick Santorum, zu diesem Thema in verräterisch holpernder Sprache: Empfängnisverhütung könne nicht gebilligt werden, denn dies „hieße Dinge gut, die im sexuellen Bereich getan werden, die im Gegensatz dazu stünden, wie die Dinge sein sollten“ (Henneberter 2012: o. S.4).

Seit der verlorenen US-Wahl von 2012 manipulieren die Republikaner*innen konsequent die Wahlbezirkseinteilung, was die stete Aushöhlung reproduktiver Rechte in den von ihnen administrierten Einzelstaaten zur Folge hat. 2014 wurde in Michigan ein Gesetz verabschiedet, das Versicherungen verbietet, für den Abbruch einer ungeplanten, ungewollten Schwangerschaft finanziell aufzukommen. Es sei denn, und hier muss genau gelesen werden, dass bereits vor der ungeplanten Schwangerschaft eine spezielle Zusatzpolice abgeschlossen worden war. Da dieses Gesetz auch für Schwangerschaften in Folge von Vergewaltigung gelten sollte, wurde es als rape insurance bekannt. Drei Monate nach dessen Verabschiedung folgte der Gouverneur von Louisiana seinen Kollegen aus Texas, Oklahoma, Alabama und Mississippi nach, indem er ein Gesetz unterschrieb, das dafür sorgte, dass alle außer zwei Kliniken in seinem Staat, die Abtreibungen vornahmen, ihre Türen schließen mussten. Dieses Gesetz machte es Ärzt*innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführten, außerdem zur Auflage, ihre Namen und Privatadressen zu veröffentlichen. Vor dem Hintergrund, dass 2009 Dr. George Tiller von einem Abtreibungsgegner erschossen worden war, wird deutlich, worauf diese Auflage zielte: Ärzt*innen davon abzuschrecken, ihr Können in den Dienst von Frauen zu stellen, die vom Recht auf Abtreibung Gebrauch machen möchten.

Im Oktober 2016 gelangte ein „extrem anzügliches Gespräch über Frauen aus dem Jahr 2005“ (Fahrentholt 2016: o. S.) ins Licht der Öffentlichkeit, bei dem Donald Trump die Rede geführt hatte. Aufgrund seiner Genese aus dem Material einer TV-Show wurde es als ‚Access Hollywood-Band‘ bekannt. Der zukünftige Präsident äußert sich dort, befeuert durch Interviewer Billy Bush, wie folgt: Trump: „And when you’re a star they [women] let you do it. You can do anything.“ Bush: „Whatever you want.“ Trump: „Grab them by the pussy. You can do anything“ (Victor 2017: o. S.). Zwar geht es in diesem Beispiel nicht um militante Anti-Abtreibungspolitik, aber der plump zutage tretende Glaube an die Verfügbarkeit von Frauen als Objekte ist Teil desselben misogynen Sexismus, der im fiktionalen Gilead in voller Entfaltung gezeigt wird. Als Reaktion auf das Band führte am Tag nach Trumps Vereidigung der Women’s March5 international Demonstrierende aller Geschlechter zusammen.

1 Dieser Text fußt auf dem Festvortrag „Dystopie – Repräsentation – Widerstand: Der Report der Magd als Zerr(?)-Spiegel US-amerikanischer Geschlechterpolitik“, den ich anlässlich der Verleihung der Gender & Agency Preise für wissenschaftliche Abschlussarbeiten am 30. November 2018 im Juridicum der Universität Wien halten durfte. Die Übersetzung der englischen Zitate stammt von der Verfasserin.
2 Der Freedom Of Information Act ist ein 1967 verabschiedetes Gesetz, das Regierungsbehörden dazu verpflichtet, ihre Unterlagen auf Nachfrage hin offenzulegen.
3 Zur Interpretation des Serien-Trailers siehe Mieszkowski (im Erscheinen). Mit diesem Text teilt der vorliegende Beitrag Teile der Inhaltsangabe von Atwoods Roman und den Bezug auf das theoretische Konzept der parrhesia.
4 Das Original ist nicht eleganter: „It’s a license to do things in the sexual realm that is counter to how things are supposed to be.“
5 https://www.womensmarch.com.

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