„Das Grundgesetz ist der zentrale Ankerpunkt für die politische Bildung in Deutschland.“ – 5 Fragen an Thomas Goll

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

In der Reihe Schriften zur Didaktik der Sozialwissenschaften in Theorie und Unterrichtspraxis ist erschienen: Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Verfassung und Verfassungsrecht als Gegenstand politischer Bildung von Thomas Goll und Benjamin Minkau (Hrsg.).

 

 

Über das Buch

Das Grundgesetz ist ein zentraler Gegenstand der historisch-politischen Bildung. Während die historische Perspektive bereits gut für den Unterricht aufbereitet ist, gibt es für die politische Perspektive in der Ausbildung von Lehrpersonen Defizite. Insbesondere fehlt in der Ausbildung eine systematische Beschäftigung mit Verfassungsrecht. Der Band schließt diese Lücke, indem er das verfassungsrechtliche Feld in politischer Perspektive systematisch und empirisch absteckt, die sich so ergebenden erfassungsrechtlichen Fragestellungen fachdidaktisch erörtert und abschließend Folgerungen für eine gelingende Unterrichtspraxis zieht.

 

Kurzvita von Prof. Dr. Thomas Goll in eigenen Worten

Thomas Goll PortraitProf. Dr. Thomas Goll ist Inhaber des Lehrstuhls für integrative Fachdidaktik Sachunterricht und Sozialwissenschaften an der TU Dortmund. Nach dem Studium der Fächer Sozialkunde, Deutsch, Geschichte und Geographie an der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg war er bis 2000 im gymnasialen Schuldienst tätig, bevor er nach der Promotion in Politikwissenschaft als Fachdidaktiker an die Universität wechselte und 2007 zum Universitätsprofessor in Dortmund berufen wurde.

Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Didaktik der Sozialwissenschaften (Schwerpunkt: Politikdidaktik) und des Sachunterrichts. Dort untersucht er u.a. Übergänge in der politischen Bildung, er analysiert soziale Netzwerke, betreibt empirische Lehr-Lern-Forschung und reflektiert die Bedeutung von Medien in der politischen Bildung sowie das Verhältnis von historisch-politische Bildung und politischer Kultur.

 

1) Lieber Herr Goll, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland für unsere Leser*innen zusammen.

In unserem Sammelband geht es zum einen um den Stellenwert des Grundgesetzes und seiner Verfassungsprinzipien für den Politikunterricht. Wie wichtig unsere Verfassung ist, wird mit einer historischen Einordnung und der Beschreibung der Verfassungswerte begründet. Wir wollten aber nicht bei einer rein normativen Aussage stehen bleiben, sondern darüber hinausgehen. Daher fragen wir auch, wie es um Kenntnisse und Einstellungen zum Grundgesetz und seinen Prinzipien empirisch nachweisbar bestellt ist. Hier zeigt sich dann ein Auseinanderfallen von Anspruch und Wirklichkeit. Daher erfolgt abschließend eine Analyse der Umstände, unter denen Lehrerbildung und Politikunterricht in Schulen tatsächlich stattfindet. Die Schlussfolgerung ist bildungspolitisch relevant: Unter den herrschenden Bedingungen kann der normative Anspruch schwerlich erfüllt werden. Allerdings endet der Band nicht mit einer Defizitanalyse, sondern mit Vorschlägen, wie Verfassung und Verfassungsrecht in der Ausbildung der Politiklehrkräfte und auch in der Schule gestärkt werden könnte.

 

2)  Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Es gibt auf diese Frage zwei Antworten:

Die erste Antwort ist eine geschichtspolitische: Im Jahr 2019 wurde ein doppeltes Verfassungsjubiläum gefeiert: 70 Jahre Grundgesetz, 100 Jahre Weimarer Verfassung. Wenn nicht zu solchen epochalen Gedenktagen, wann dann, sollte man sich der Bedeutung der eigenen Verfassung für seine Profession vergewissern?

Die zweite Antwort ist eine inhaltliche: Das Thema Rechtsstaatlichkeit und Demokratie beschäftigt mich, seitdem ich mich wissenschaftlich mit Politikunterricht befasse. Aufgrund meiner Expertise wurde ich zur Ruhrkonferenz 2019 eingeladen, um dort im Themenfeld des Justizministeriums von Nordrhein-Westfalen einen Workshop zum Stellenwert der rechtsbezogenen Bildung in der Schule zu organisieren. Die dazu von mir vorgenommen Analysen gaben den Stein des Anstoßes, Öffentlichkeit und Politik auf die defizitäre Situation aufmerksam zu machen.

 

3) In der Ausbildung von Lehrkräften fehlte bisher eine systematische Beschäftigung mit dem Verfassungsrecht – eine Lücke, die Ihr Band schließt. Was denken Sie, warum dieser Aspekt so lange unbeachtet geblieben ist?

Es gibt dafür ein ganzes Bündel von Gründen: Zum einen hat Lehrerbildung an Universitäten leider häufig noch immer mit dem Vorurteil zu kämpfen, man benötige bestimmte fachliche Inhalte gar nicht bzw. nicht in einer hohen sachlichen Durchdringung – es gehe ja „nur“ um Schule. Daher befassen sich Juristen an Universitäten höchstens am Rande, wenn überhaupt mit Lehrerbildung. Zum anderen sind die Fächer der politischen Bildung in den meisten Bundesländern Integrationsfächer, die aufgrund der Fülle ihrer Bezugswissenschaften einzelne Inhaltsfelder – und seien sie noch so wichtig – gar nicht so breit wie nötig entfalten können. Da zudem die Politikwissenschaft in aller Regel eine Lehrveranstaltung zum politischen System der Bundesrepublik Deutschland als Pflichtelement des Studiums ausflaggt und dort auch das Grundgesetz eine Rolle spielt, ist man versucht zu glauben, man habe damit das Thema hinreichend bearbeitet – dem ist aber nicht so.

 

4) Welche Bedeutung hat das Grundgesetz aus Ihrer Sicht für die politische Bildung?

Das Grundgesetz ist der zentrale Ankerpunkt für die politische Bildung in Deutschland. Es enthält Antworten auf alle Fragen, die in Bezug auf politische Probleme und gesellschaftliche Herausforderungen gestellt und wertbezogen reflektiert werden können. Das aktuelle Beispiel der Corona-Pandemie macht das deutlich: Immer muss staatliches Handeln grundrechtskonform eingehegt sein. Schutznotwendigkeit und Zumutbarkeit gehören zusammen. Die Formel „Legalität und Legitimität“ macht deutlich, dass Rechtstaatlichkeit und Demokratie Seiten einer Medaille sind – des demokratischen Verfassungsstaats. Dieser ist in all seiner Dynamik die Bezugsgröße der politischen Bildung. Dabei gilt grundsätzlich, dass Politikunterricht keine dröge Institutionenkunde sein darf, sondern problemorientiert nach dem Sinn einer Institution fragt.

 

5)     Ich bin Autor bei Budrich, weil …

… der Verlag einer der zentralen Publikationsorte für die politische Bildung in Deutschland ist und für die Qualität seines Programms bekannt ist.

 

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Thomas Goll, Benjamin Minkau (Hrsg.): Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Verfassung und Verfassungsrecht als Gegenstand politischer Bildung

Schriften zur Didaktik der Sozialwissenschaften in Theorie und Unterrichtspraxis, Band 3

 

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