„Das Vorhandensein von Vorurteilen und Diskriminierung bei jungen Kindern wird oft schlicht geleugnet.“ – 5 Fragen an … Alexander Stärck

Buntstifte in einer Reihe

2018 hat Alexander Stärck den Dissertationswettbewerb promotion des Verlags Barbara Budrich gewonnen – seine Dissertation Ist das Hautfarbe? Elementarpädagogische Präventionsmaßnahmen gegen Vorurteile und Diskriminierung bei Kindern ist Mitte Juni 2019 bei Budrich erschienen.

Alexander Stärck hat sich die Zeit genommen, unsere „5 Fragen …“ zu seiner Publikation zu beantworten. Bevor wir in das Interview einsteigen, hier seine Kurzvita in eigenen Worten:

  • Portrait Alexander StärckStudium der Diplom-Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten Pädagogik der frühen Kindheit und Interkulturelle Pädagogik an der Universität Koblenz-Landau bis 2011, dort Promotion im Jahr 2018, auf dem Weg dorthin Promotionsförderung durch die Hans-Böckler-Stiftung
  • Seit 2018 Wissenschaftlicher Referent am Deutschen Jugendinstitut e.V. in München in der Wissenschaftlichen Begleitung des Teilbereichs „Demokratie und Vielfalt in der Kindertagesbetreuung“ im Bundesprogramm „Demokratie leben!“
  • Vorherige Stationen u.a. Lehre an der Juniorprofessur Interkulturelle Pädagogik der TU Chemnitz im Seminar „Migration und Bildung“, Entwicklung einer demokratiepädagogischen Fortbildung für Lehramtsstudierende für den Landesfilmdienst Sachsen in Leipzig sowie pädagogische Mitarbeit im Ministry for Justice and Home Affairs, Department: Agency for the Welfare of Asylum Seekers (AWAS) in Floriana (Malta)
  • Vier Jahre Vorstandsmitglied im Leipziger Verein Engagierte Wissenschaft e.V., der dort angesiedelten AG „Forum für kritische Rechtsextremismusforschung“ weiterhin verbunden

 

1) Lieber Herr Stärck, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Ist das Hautfarbe? für unsere Leser*innen zusammen.

Ausgangspunkt des Buches ist die Frage, wie unterschiedliche pädagogische Projekte, die Vorurteile und Diskriminierung reduzieren bzw. verhindern wollen, in Kitas auf die Kinder wirken.

Um diese Frage beantworten zu können, hospitierte ich in sechs verschiedenen Kitas. In drei dieser Kitas wurden solche länger angelegten Präventionsprojekte durchgeführt, mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Einmal ging es mehr um „klassische“ interkulturelle Maßnahmen, also einer Begegnung zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen, das andere Mal stand eine sogenannte „Anti-Bias“-Pädagogik im Fokus, bei der verschiedene Diskriminierungsformen auch mitsamt ihrer gesellschaftlichen Bedeutung reflektiert werden sollen. Die übrigen drei Kitas nahmen an keinen speziellen Projekten teil.

Ich habe dann in den Kitas meistens mit einer Videokamera alltägliche Interaktionen zwischen den Kindern aufgezeichnet, besonders in solchen Situationen, in denen ein Bezug zum Thema Diskriminierung erwartbar ist. Also z.B., wenn es darum geht, wer in der Puppenecke mitspielen darf und wer nicht. Außerdem habe ich in jeder Kita mindestens ein Gruppengespräch mit den Kindern durchgeführt, bei dem ich sie gefragt habe, welche Unterschiede es zwischen Menschen gibt und ob bzw. wie sie diese Unterschiede bewerten. Angelehnt ist dieses Vorgehen an die Methode der „Fokussierten Ethnographie“, während ich mich bei der Auswertung an der „Dokumentarischen Methode“ orientiert habe. Der allergrößte Teil des Buches besteht aus der Darstellung, also abgedruckten Standbildern, Beschreibung und Interpretation der oft recht kurzen Alltagsszenen. Daher, denke ich, ist der Inhalt gut verständlich und das Buch auch für Menschen lesbar, die sich nicht seit Jahrzehnten mit dem Thema oder dem wissenschaftstheoretischen Hintergrund befassen. Am Ende versuche ich die Einstellungen und Orientierungen der Kinder zu typisieren und sie in einen Zusammenhang mit den verfolgten Projektstrategien zu bringen. Ohne das Fazit vorwegnehmen zu wollen, kann ich verraten, dass ich solche Zusammenhänge sehe, und dass sie sich je nach Projektstrategie voneinander unterscheiden.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Auf die Idee, mich mit dem Thema zu beschäftigen, kam ich bereits 2011 zum Abschluss meines Studiums. Im Austausch mit meinem damaligen und auch jetzigen Erstbetreuer Herrn Prof. Dr. Norbert Wenning stellte ich fest, dass es wenig Systematisches hierzu gibt. Das Vorhandensein von Vorurteilen und Diskriminierung bei jungen Kindern wird oft schlicht geleugnet. Gleichzeitig wird, was meine Zweitbetreuerin Frau Prof. Dr. Isabell Diehm in einem Artikel feststellte, paradoxerweise davon ausgegangen, dass genau diese „immunen“ Kinder besonders gut durch pädagogische Präventionsprojekte adressierbar sind. Da es also in diesem Feld viele Vermutungen zu geben scheint, habe ich mich in meiner Diplomarbeit  zunächst mal ans Sortieren gemacht: Welche Entstehungstheorien gibt es eigentlich, welche Präventionsannahmen? Das hat mir Spaß gemacht und mein Interesse geweckt. Die logische Anschlussfrage an diese Sortierung war dann: Und wie sieht das jetzt in der Praxis aus? Und vor allem: Zeigen sich Unterschiede auf Ebene der Kinder? Denn die werden ja häufig bei Evaluationen nicht einbezogen, natürlich auch, weil das ziemlich herausforderungsreich ist. An diesen Einbezug habe ich mich jetzt mit meiner empirischen Studie gewagt.

 

3) Wie können gelungene pädagogische Maßnahmen gegen Vorurteile und Diskriminierung aus Ihrer Sicht aussehen?

Zur Beantwortung dieser Frage nehme ich nun doch einen Teil des Fazits vorweg: Wenn man nach den „großen“ Projektstrategien geht, scheinen Maßnahmen jedenfalls nicht erfolgreich zu sein, wenn sie sich ausschließlich auf eine interkulturelle Begegnungspädagogik verlassen oder Unterschiede zwischen Menschen schlicht ignorieren. Was dagegen besser zu gelingen scheint, sind intensive Projekte, die auf verschiedenen Ebenen Diskriminierung aktiv angehen und beispielsweise auch den Sozialraum oder den Träger einbeziehen. Ich formuliere das bewusst vorsichtig, da ich keine monokausalen Wirkungen festgestellt habe, was ja im pädagogischen Alltag mit seinen immens vielen Einflüssen auch letztlich gar nicht möglich ist. Aber bestimmte Tendenzen zeigen sich eben schon.

Als eine konkrete Maßnahme empfehle ich in dem Buch die pädagogische Adressierung von Differenzlinien, also Möglichkeiten, um Menschen zu unterscheiden, wie Geschlecht, Alter oder Hautfarbe, immer dann, wenn diese Kategorien auch für die Kinder selbst relevant werden. Dies kann durchaus direkt passieren, man sollte dabei aber eben auch die spezifischen Besonderheiten der einzelnen Kategorien berücksichtigen. In der Publikation sind viele Beispiele zu finden, die veranschaulichen, was damit gemeint ist. Eins davon will ich kurz nennen: In einer Alltagssituation, in der eine Kindergruppe mit einer Erzieherin am Maltisch sitzt, verweist ein Mädchen auf einen bestimmten Malstift und fragt in die Runde „Ist das Hautfarbe?“ Die Frage stellen sich anschließend noch andere Kinder und die Erzieherin reagiert irgendwann in der Form darauf, dass sie den Kindern eine Box mit verschiedenfarbigen „Hautfarbenstiften“ zur Verfügung stellt und gleichzeitig ein Gespräch über das Thema beginnt. Das wäre für mich so eine gelungene Maßnahme, deren Ausgangsfrage es ja auch zum Buchtitel geschafft hat.

 

4) Ihre Publikation hat den Dissertationspreis promotion* des Verlags Barbara Budrich gewonnen. Würden Sie anderen Nachwuchswissenschaftler*innen nach Ihren Erfahrungen empfehlen, sich mit ihrer Dissertation ebenfalls zu bewerben?

Auf jeden Fall. Ich habe mich wahnsinnig über den Preis gefreut und auch wenn das abgedroschen klingt: Ich habe tatsächlich nicht ernsthaft damit gerechnet, dass ich gewinne. Daher kann ich andere nur ermutigen, sich zu bewerben. Die Bewerbung ist kein großer Aufwand und wer gewinnt, hat am Ende nicht nur ein schick aussehendes Buch in der Hand, sondern wird auch auf dem Weg dorthin sehr gut begleitet.

 

5) Planen Sie derzeit weitere Publikationen?

Also die eine Monographie genügt mir erst einmal; ich bin allerdings in Vorplanungen zu zwei Artikeln. Einer davon hätte auch direkt mit dem Buch zu tun und würde ein, zwei Aspekte aufgreifen, die dort keinen Platz mehr gefunden haben. Spruchreif ist das Ganze aber noch nicht. Außerdem arbeite ich ja am Deutschen Jugendinstitut und begleite dort gemeinsam mit zwei Kolleg*innen das Projekt „Demokratie und Vielfalt in der Kindertagesbetreuung“. Im Zuge dessen steht bald unser gemeinsam verfasster Abschlussbericht an. Auch darüber hinaus will ich in der Zukunft weiter an dem Thema bleiben und werde bestimmt noch dazu publizieren.

 

* Der Einsendeschluss für promotion 2019 ist der 31. August 2019!

 

Erschienen bei Budrich:

Cover Ist das HautfarbeAlexander Stärck: Ist das Hautfarbe? Elementarpädagogische Präventionsmaßnahmen gegen Vorurteile und Diskriminierung bei Kindern. promotion, Band 10.

 

 

© pixabay 2019 / Foto: Bru-nO; Portrait Alexander Stärck: Nadine Roithmaier, DJI