„Es gibt keine rein technischen Innovationen, sondern sie gehen stets einher mit sozialen Veränderungen“ – 5 Fragen an … Roger Häußling

Buntstifte in einer Reihe

Unser Autor Roger Häußling war so freundlich, uns „5 Fragen …“ zur 2. Auflage seiner Publikation „Techniksoziologie – eine Einführung“ zu beantworten. Bevor wir in das Interview einsteigen, hier die Kurzvita in eigenen Worten:

Portrait Roger HäußlingRoger Häußling forscht im Bereich der Technik- und Organisations-soziologie und ist ausgewiesen in der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung und Innovationsforschung. Der Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf der Untersuchung von soziotechnischen Arrangements und deren Dynamik. Roger Häußling ist seit 2011 am Lehrstuhl für Technik- und Organisationssoziologie (STO) der RWTH Aachen tätig und seit 2013 Mitglied des Direktoriums des Projekthauses HumTec (ebenfalls an der RWTH Aachen).

 

1) Lieber Herr Häußling, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Techniksoziologie – eine Einführung für unsere Leser*innen zusammen.

Das Lehrbuch versucht einen umfassenden Einblick in die Techniksoziologie zu geben. Die Techniksoziologie selbst befasst sich mit dem vielschichtigen Wechselverhältnis zwischen Technik und Gesellschaft. Hierzu zählen die Technikfolgenabschätzung (TFA) ebenso wie die Analyse der sozialen Verfasstheit von Technik sowie von alltäglichen Aneignungsformen von Technik – um nur einige Aspekte zu nennen. In einem historischen Teil werden die Wurzeln der Techniksoziologie vorgestellt, die weit zurückreichen, aber in Bezug auf moderne Technik ihre Bezugspunkte vor allem in Marx, Weber, Durkheim, Cassirer, der philosophischen Anthropologie sowie in Schumpeter besitzen. In 13 Unterkapiteln werden anschließend die klassischen Positionen der Techniksoziologie diskutiert, beginnend mit technikdeterministischen Ansätzen, über Technikdeutungen der Kritischen Theorie, der Systemtheorie, des Sozialkonstruktivismus, der Kulturtheorie und des Institutionalismus bis hin zu der nach wie vor besondere Aufmerksamkeit erhaltenden Akteur Netzwerk-Theorie (ANT). Auch aktuelle Entwicklung der Techniksoziologie kommen in dem Lehrbuch zur Sprache, wie unter anderem die sozialwissenschaftliche Innovationsforschung der letzten beiden Jahrzehnte, die techniksoziologischen Zugänge zur anhaltenden Debatte über die Digitalisierung oder die Konzepte eines „new materialism“.  In einem eigenen Kapitel werden die empirischen Methoden der Techniksoziologie vorgestellt, die neben der TFA auch die Technikgenese-, Akzeptanz-, Partizipations- sowie Zukunftsforschung umfasst. Damit eignet sich das Lehrbuch auch für den Transfer in die Praxis. Ein ausführliches Glossar rundet die Einführung ab, in der alle wichtigen Fachbegriffe der Techniksoziologie erläutert werden.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Der Stein des Anstoßes bildete für mich die Feststellung, dass es keine gute und umfassende Einführung in die Techniksoziologie auf dem deutschen Buchmarkt gegeben hat, die ich beispielsweise den Studierenden meiner Lehrveranstaltungen hätte empfehlen können. Und im internationalen Diskurs wird die sozialwissenschaftliche Technikforschung in der Regel immer in Kopplung mit der Wissenschaftsforschung behandelt. Insofern sucht man auf dem internationalen Buchmarkt eine Einführung in die Sociology of Technology vergebens. Mit meinem Lehrbuch glaube ich, diese Lücke geschlossen zu haben.

 

3) Die zweite Auflage von Techniksoziologie – eine Einführung wurde überarbeitet und aktualisiert. Inwiefern unterscheidet sich die zweite Auflage des Buches konkret von der ersten?

Gerade bei einem solchen Themenfeld wie der Technik macht sich das bemerkbar, was einmal Max Weber die „ewige Jugendlichkeit der Soziologie“ bezeichnet hat. In rasanter Form hat sich die technische Wirklichkeit unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten verändert. Diese Veränderungen gilt es in den soziologischen Reflektionen und empirischen Studien immer wieder aktualisiert einzufangen. Ganz in diesem Sinn habe ich mich dazu entschlossen, eine vollständig überarbeitete Neuauflage in Angriff zu nehmen, bei der ich eine Fülle von Aktualisierungen und Erweiterungen vorgenommen habe. Insbesondere betrifft dies natürlich den Teil des Lehrbuchs, in dem es um aktuelle Entwicklungen geht. Aber auch die anderen Teile sind nunmehr überarbeitet und aktualisiert.

 

4) Hat sich der Forschungsbereich der Techniksoziologie im Laufe der Zeit gewandelt? Wenn ja, inwiefern?

Zum einen aufgrund der soeben genannten „ewigen Jugendlichkeit“ der Techniksoziologie verändert sich ihr Forschungsbereich permanent. Aber dies ist in erster Linie gegenstandsbezogen, wie zum Beispiel die sich großer Aufmerksamkeit erfreuende Debatte um Digitalisierung. Diese Debatte gab es so vor 20 Jahren noch nicht, sondern sie wird zurzeit durch aktuelle technische Entwicklungen wie beispielsweise Big Data getriggert.
Zum anderen lässt sich auch in einer längerfristigen Betrachtung der Entwicklungsgeschichte ein Wandel im Forschungsbereich der Techniksoziologie konstatieren. So nahm die Techniksoziologie ihren Ausgang in technikdeterministischen Ansätzen, wonach Technik als Verursacher für gesellschaftlichen Wandel hingestellt wurde. Dies führte dann mit der Konsolidierung der Science and Technology Studies im internationalen Kontext zu einer sozialkonstruktivistischen Gegenbewegung, die in direkter Umkehrung auf die soziale Verfasstheit von Technik abhob. Spätestens seit der ANT sind Bemühungen erkennbar, das Wechselverhältnis von Technik und Gesellschaft nicht als ein Henne-Ei-Problem zu behandeln, sondern vielmehr auf die wechselseitige Verwobenheit von sozialen und technischen Prozessen hinzuweisen. Dies kommt meines Erachtens besonders sinnfällig in dem Begriff der Soziotechnik zum Ausdruck: Es gibt keine rein technischen Innovationen, sondern sie gehen stets einher mit sozialen Innovationen bzw. Veränderungen, die unentflechtbar zusammenwirken und – im Erfolgsfall – für die Durchsetzung der betreffenden soziotechnischen Innovation sorgen.

 

5) Planen Sie derzeit weitere Publikationen?

Ja, zusammen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern meines Lehrstuhls in Aachen planen wir einen Sammelband zum Thema Machine Learning und Deep Learning, der hoffentlich nächstes Jahr erscheinen wird. Des Weiteren arbeite ich schon längere Zeit an einer Buchpublikation, in der ich den von mir verfolgten Ansatz, die Relationale Techniksoziologie, detailliert darlegen möchte.

 

Erschienen bei Budrich:

3D-Cover Techniksoziologie Roger Häußling: Techniksoziologie – eine Einführung

 

 

 

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