„Armut der Familie ist in allen Lebenslagebereichen mit Benachteiligungen und der Unterversorgung der Kinder verbunden.“ – 5 Fragen an Peter Rahn und Karl August Chassé

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

3D Cover Rahn Chassé Handbuch KinderarmutIm Verlag Barbara Budrich ist erschienen: Handbuch Kinderarmut von Peter Rahn und Karl August Chassé (Hrsg.)

 

Über das Buch

Kinderarmut ist in Deutschland weit verbreitet: Sie betrifft etwa jedes 7. Kind. Das Handbuch gibt einen interdisziplinären Überblick, bei dem sich die Komplexität des Phänomens zeigt. Sozialwissenschaft und Pädagogik sind nur zwei der Disziplinen, die herausgefordert sind, adäquate Analyse- und Bewältigungsvorschläge zu entwickeln.

 

Kurzvitae in eigenen Worten

Portrait Peter RahnPeter Rahn: Nach Stationen als Hochschullehrer in Gera und St. Gallen bin ich seit 2010 mit einer Professur Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der Hochschule in Ludwigshafen tätig. Neben den Lehrgebieten Theorien und Professionalisierung Sozialer Arbeit, setze ich mit sozialpädagogischen Bildungsfragen und Fragen zur Kindheit – und dabei vor allem mit Kinderarmut – auseinander.

Portrait Karl August ChasséKarl August Chassé: Mitarbeit im Forschungsprojekt ‚Randgruppensozialisation‘ an der Uni Frankfurt, Mitarbeiter im Projekt ‚Armut im ländlichen Raum‘ in Trier, Hochschullehrer in Jena mit dem Schwerpunkt Theorie und Geschichte der sozialen Arbeit und Jugendhilfe, hier einige Publikationen zur Theorie, zu  Hilfen zur Erziehung, Praxisfeldern, Transformation im Osten, Reform des KJHG und immer wieder Armut und Kinderarmut.

 

1) Lieber Herr Rahn, lieber Herr Chassé, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Handbuch Kinderarmut  für unsere Leser*innen zusammen.

Armut der Familie ist in allen Lebenslagebereichen mit Benachteiligungen und der Unterversorgung der Kinder verbunden. Der Zusammenhang ist nicht deterministisch, aber typisch. Generell stehen armen Familien manche Dinge nicht zur Verfügung. Jede vierte Familie kann keine neue Kleidung für das Kind oder die Kinder kaufen, in jeder dritten Familie hat das Kind kein eigenes Zimmer. Man kann sich nur den Zahnersatz leisten, oder die Brille, die von der Kasse erstattet wird, eine Einladung von Freund*innen zu Hause, einen einwöchigen Urlaub im Jahr oder gar einen Restaurantbesuch können sich zwischen 60 und 83% aller Armutsfamilien nicht leisten. Armut bedeutet meist eine schlechtere, beengte Wohnsituation, was Folgen für das Familienklima und die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder haben kann. Hinsichtlich der Ernährung ist oft die Grundversorgung nicht gewährleistet, vor allem hinsichtlich der kindgerechten Qualität (ausgewogen, gesund). Die außerhäusliche Verpflegung, etwa im Kindergarten oder in der Schule, ist finanziell mit dem Regelsatz nicht zu stemmen. In manchen Familien ist schon vor dem Monatsende der Kühlschrank leer. Ausflüge und Urlaube sind seltene Ereignisse.

In Bezug auf die Kinder kann die Wohnsituation durch fehlende Rückzugsmöglichkeiten die Regeneration und das Wohlbefinden beeinträchtigen, der fehlende Platz und die fehlende Ruhe zur Erledigung von Hausaufgaben erschweren die Bewältigung von schulischen Anforderungen, Spielkamerad*innen und Freund*innen können oft nicht zum Spielen oder gar zur Übernachtung eingeladen werden.

Bei der Bekleidung steht aus der Perspektive der Kinder vor allem die symbolische, kinder-kulturelle Funktion im Vordergrund, im Gegensatz zur eher funktionalen Perspektive der Eltern. Für die Kinder ist es von größerer Bedeutung, in der Kinder- und Jugendkultur mithalten zu können, doch kann dieser Teilhabeaspekt meist nicht erfüllt werden. Bewältigungsstrategien können hier der Kauf gefälschter Markenware oder die Weitergabe unter Familien in ähnlicher Lebenslage sein.

Eine allgemeine und grundlegende Bewältigungsstrategie von Eltern und Kindern in Armut, die das Familienleben und die Kindheit prägt, ist das Üben von Verzicht bei allem, was über die Grundversorgung hinausgeht (Chassé u.a. 2010, Laubstein u.a. 2012, Andresen/Galic 2015).

Ausflüge und Urlaube sind für arme Familien nur ganz selten möglich, wenn überhaupt – hier stimmen qualitative und quantitative Studien überein. Sie zeigen, dass sich mehr als drei Viertel der Familien in SGB II-Bezug keine einwöchige Urlaubsreise im Jahr leisten können. Für die Kinder fehlen damit wichtige Erfahrungs- und Erlebnismöglichkeiten einer gemeinsamen Zeit der Erholung, in der Schönes erlebt werden kann. Manche Kinder können das in ihren Unterstützungsnetzwerken (geschiedene Väter, Großeltern usw.) erleben, aber dieser Ersatz ist nicht gleichwertig den gemeinsamen Aktivitäten von Eltern und Kindern.

Das ist der Blick auf die aktuelle Lebenssituation armer Kinder. Aber auch ihre Zukunftschancen sind deutlich schlechter. Das machen wir vor allem an der schulischen Karriere fest. Auch die schlechtere Gesundheit wirkt sich lebenslang aus.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Das Thema ist mit der Zeit immer brennender geworden, die Kinderarmutsquote gestiegen, die bisherige Politik hat kein sichtbares Ergebnis der Minderung gebracht. Wir wollten deswegen ein Buch machen, das Leute interessiert, die sich mit (Grund)schulpädagogik, Elementar- bzw. Kindheitspädagogik oder Sozialer Arbeit beschäftigen. Damit Studierende, Praktiker*innen und Kolleg*innen sich mit den unterschiedlichen Dimension von Kinderarmut auseinandersetzen können.

 

3) Welchen Herausforderungen steht die Kinderarmutsforschung derzeit gegenüber?

Zum einen besteht ein großer Bedarf an aktuellen Erhebungen, um Lebenslagen unter heutigen Rahmenbedingungen wie Hartz IV, Prekarität, dem Ausbau der öffentlichen Infrastruktur (etwa Kindertagesbetreuung mit Bildungsauftrag, Schulsozialarbeit, Ganztagsschule, Präventionsketten) oder der Verbreitung von Präventionsansätzen im Sozialraum zu untersuchen. Corona wäre ein weiteres wichtiges Thema.

Zum anderen haben wir in Deutschland mit TIMMS, IGLU, Pisa, NEPS, recht große Datensätze, die überwiegend mit Schichtenmodellen arbeiten, oder die Bildungsberichterstattung mit Ungleichheitskonzepten. Sie müssen in Richtung Armutsforschung weiterentwickelt werden.

 

4) Welche Aspekte der Kinderarmutsforschung werden Ihrer Einschätzung nach künftig stärker in den Fokus rücken?

Einerseits die Frage, was Kinder brauchen – von ihnen selbst beantwortet und formuliert – sowiedie Beteiligung der Kinder am Forschungsprozess und dem Prozess des „in die Öffentlichkeit Bringens“. Andererseits die Orientierung großer quantitativer Untersuchungen an der Armutsforschung.

 

5) Darum sind wir Autoren bei Budrich

Wir arbeiten beide gern mit Budrich zusammen, wegen der guten Betreuung, dem freundlichen Team und den erschwinglichen Ladenpreisen.

 

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3D Cover Rahn Chassé Handbuch KinderarmutPeter Rahn, Karl August Chassé (Hrsg.): Handbuch Kinderarmut

 

 

 

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