„Wie man mit Risiken umgeht, verrät viel über kulturelles Selbstverständnis, Lebensphilosophie und Geisteshaltung.“ – 5 Fragen an … Ortwin Renn

Buntstifte in einer Reihe

Unser Autor Ortwin Renn war so freundlich, unsere „5 Fragen …“ zu beantworten. Bevor wir in das Interview einsteigen, hier seine Kurzvita in eigenen Worten:

Portrait Ortwin RennNach dem Studium der Soziologie, Volkswirtschaftslehre und einer Ausbildung zum Fachjournalisten begann ich meine berufliche Tätigkeit als stellvertretender Leiter der Kommunikationsabteilung am damaligen Kernforschungszentrum in Jülich. Die Proteste gegen die Kernenergie motivierten mich, eine Promotion zu den Wurzeln der Protestbewegung anzufertigen. Nach der Promotion war ich dann sechs Jahre lang Leiter einer Forschungsgruppe mit dem Titel  „Mensch und Technik“ am Jülicher Forschungszentrum. Im Jahre 1986 erfolgte meine Berufung als Associate Professor für Risikoanalyse an der Clark Universität in Massachusetts. Dort leitete ich zum Ende meines Aufenthaltes das Zentrum für Umwelt, Technik und Entwicklung. Nach einem Intermezzo als Forschungsprofessor an der ETH Zürich übernahm ich in Stuttgart die Leitung der Akademie für Technikfolgenabschätzung, gefolgt von einer Berufung an die Universität Stuttgart, wo ich das Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung gründete. Seit 2016 bin ich wissenschaftlicher Direktor am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam.

 

1.     Welches ist die wichtigste Herausforderung für Ihren Fachbereich in den nächsten Jahren?

Mein Spezialgebiet ist die Risikoforschung im Kontext der Herausforderungen der drei großen Transformationswellen, der Globalisierung, der Digitalisierung und der nachhaltigen Entwicklung. Zunehmend vernetzen wir wirtschaftliche, politische, technische und kommunikative Aktivitäten, um höhere Effizienz und mehr Komfort zu erreichen. Gleichzeitig erhöhen wir damit aber auch die globale Verwundbarkeit dieser Funktionssysteme, tragen zu einer ungleichen Verteilung von Macht, Geld und Lebenschancen bei und gefährden mit der Ausbeutung natürlicher Ressourcen die Lebensgrundlage für kommende Generationen.

Aus meiner Sicht müssen Wissenschaftler, vor allem auch die Sozialwissenschaftler, diese Herausforderungen intensiver in den Blick nehmen. Die Zusammenhänge sind komplex und können durch Intuition und gesunden Menschenverstand nicht mehr sinnvoll verstanden werden. Wir benötigen mehr interdisziplinäres Wissen, das uns zu einem besseren Gesamtverständnis der Problemlagen verhilft, und sind mehr denn je auf wirksame evidenz-informierte Beratungsformen zwischen Wissenschaft und Politik angewiesen.

 

2.     Warum sollte jemand unbedingt in Ihrem Forschungsbereich tätig werden?

Das Thema Risiko ist ein wissenschaftlich faszinierendes und gesellschaftlich relevantes Thema. Menschen können leiden und sterben, wenn die Gesellschaft Risiken falsch angeht oder unzulässig steuert. Das Thema ist immer interdisziplinär: Risiken umfassen naturwissenschaftliche, technikwissenschaftliche, sozialwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Aspekte. Es geht immer um menschliches Verhalten in einem Möglichkeitsraum, der Chancen und Risiken birgt. Wie man mit Risiken umgeht, verrät viel über kulturelles Selbstverständnis, Lebensphilosophie und Geisteshaltung. Gleichzeitig erfordern wirksame Strategien zur Risikovorsorge und zur Risikoreduktion Kenntnisse in den Natur-, Gesundheits- und Technikwissenschaften. Nicht hat zuletzt sind auch die Politik- und Rechtswissenschaften gefragt, die den legalen Rahmen für Regulierungen von Risiken bearbeiten. Gleichgültig ob man wie ich aus den Sozialwissenschaften kommt oder aus einer anderen Disziplin, mit dem Thema Risiko wird ein vielschichtiger und komplexer Raum geöffnet, der für jeden Wissenschaftler und für jede Wissenschaftlerin faszinierende Einblicke in die Grundmuster gesellschaftlicher und individueller Verhaltensweisen erlaubt.

 

3.     Warum haben Sie sich damals für Ihr Forschungsgebiet/Forschungsthema entschieden? Was motiviert Sie an Ihrem Forschungsthema ganz besonders?

Meine Faszination mit dem Thema Risiko hat mit der Protestwelle gegen die Kernkraft Ende der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts begonnen. In meiner Diplomarbeit habe ich eine empirische Untersuchung zu den Motiven und Beweggründen für den Protest vor allem gegen das geplante Kernkraftwerk Wyhl durchgeführt. Die Vielschichtigkeit der Motivationen der gegen die Kernkraft engagierten Personen hat mich dazu geführt, viel grundlegender in einer Dissertation die psychischen und sozialen Wurzeln der Risikowahrnehmung und -bewertung experimentell und durch Befragungen zu erforschen. Seit dieser Zeit hat mich das Thema Risiko nie verlassen; denn es bietet zu jeder Zeit überraschende neue Facetten und Einblicke.

 

4.     Welches Buch hat Sie persönlich am meisten geprägt?

Mein Wunsch, Soziologie zu studieren und diese Disziplin als Ausgangspunkt meiner wissenschaftlichen Karriere zu machen, war die Arbeit von Talcott Parsons zur struktur-funktionalen Analyse. Obwohl dieses Konzept schon zu meiner Studienzeit heftig kritisiert wurde, war es für mich ein Augenöffner. Mit der funktionalen Sichtweise ergab sich für mich ein klares Bild von komplexen gesellschaftlichen Prozessen und Strukturen. Das Buch eröffnete mir eine abstraktes, aber gleichzeitig praktisch anwendbares Schema zur Analyse von gesellschaftlichen Vorgängen. Bis heute fühle ich mich den funktionalen Ansätzen in den Sozialwissenschaften verbunden, allerdings jetzt eher im Kontext der Komplexitätsforschung.

 

5.     Ich bin Autor bei Budrich, weil …

… ich persönliche Betreuung mag. Viele große Verlage behandeln Bücher wie eine Ware, die man möglichst effizient unter die Leute bringen soll. Nicht so der Budrich Verlag: Als ich mit dem Manuskript bei Budrich anklopfte, meldete sich gleich die Inhaberin. Innerhalb weniger Wochen hatte das Lektorat das Manuskript gesichtet und mir signalisiert: Das gehen wir gemeinsam als Projekt an. Und so ist es auch gekommen: Neben dem Buch hat der Verlag viel für Marketing und Verbreitung getan. Das ist bei dem begrenzten Markt für Sachbücher nicht selbstverständlich. Ich bin dem Verlag dafür dankbar.

 

Neu bei Budrich:

Renn_Cover_3D BuchOrtwin Renn (2019): Gefühlte Wahrheiten – Orientierung in Zeiten postfaktischer Verunsicherung.

 

 

 

© pixabay 2019 / Foto: Bru-nO; Portrait Ortwin Renn: privat