„Digitale Medien spielen auch in der Senior*innenarbeit eine immer größere Rolle.“ – 5 Fragen an Milena Feldmann

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

3D Cover FeldmannIm Verlag Barbara Budrich ist erschienen: Einsatz von VR-Technologie in der Senior*innenarbeit. Chancen und Risiken der Nutzung aus Sicht der Sozialen Arbeit von Milena Feldmann. Ihre Arbeit hat den Thesispreis des Fachbereichs Sozialwesen der KatHO NRW, Abteilung Köln gewonnen.

 

 

Über das Buch

Milena Feldmanns Arbeit benennt ethische und didaktische Kriterien, die aus Sicht der Sozialen Arbeit bei der Implementierung von Virtual Reality-Technologie in der Senior*innenarbeit eine Rolle spielen. Dafür greift sie auf Theorien der digitalen Sozialen Arbeit, der Medienethik und -didaktik sowie der Alterspädagogik zurück. Die daraus gewonnen Erkenntnisse münden gemeinsam mit den Ergebnissen eines Fokusgruppeninterviews in einen Kriterienkatalog, der Paradigmen der Sozialen Arbeit reflektiert.

 

Kurzvita von Milena Feldmann in eigenen Worten

  • Portrait Milena Feldmann Verlag Barbara BudrichSeit 2019: Masterstudium „Bildung und Erziehung: Kultur – Politik – Gesellschaft“ an der Eberhard Karls Universität Tübingen; Wissenschaftliche Hilfskraft bei Prof. Dr. Rieger-Ladich: Bildungs- und Erziehungsphilosophie, Allgemeine Pädagogik
  • 2016 – 2019: Bachelorstudium Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Köln; Studentische Hilfskraft bei Prof. Dr. Julia Steinfort-Diedenhofen: Theorien und Konzepte der Sozialen Arbeit, Schwerpunkt Geragogik
  • 2016, 2018: Hochschulpraktika in Wien und Santiago de Chile
  • 2015 – 2016: Studium der Politikwissenschaft, Soziologie (HF) und Psychologie (NF) an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; Studentische Hilfskraft bei Prof. Dr. Tänzler: Allgemeine Soziologie
  • 2014 – 2015: Studium Generale am Leibnizkolleg Tübingen

 

1) Liebe Frau Feldmann, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Einsatz der VR-Technologie für unsere Leser*innen zusammen.

In meiner Publikation arbeite ich ethische und didaktische Kriterien heraus, die aus Sicht der Sozialen Arbeit bei der Implementierung von Virtual Reality Technologie in der Senior*innenarbeit berücksichtigt werden sollten. Dafür greife ich auf Theorien der digitalen Sozialen Arbeit, der Medienethik und -didaktik sowie der Geragogik zurück. Die dort vorgestellten Konzepte werden für das Thema der Virtual-Reality-Technologie weiterentwickelt.

Darüber hinaus illustrieren Best-Practice-Beispiele aus den USA und aus Deutschland bereits bestehende Handlungskonzepte für den Einsatz von VR-Technologie im Kontext der Senior*innenarbeit. Ein Fokusgruppeninterview mit Fachkräften einer stationären Senior*inneneinrichtung komplementiert die Ergebnisse, auf deren Grundlage ich ein Schaubild erstellt habe, das alle theorie- und forschungsbasierten Erkenntnisse bündelt.

Im Ausblick werden offene Fragen skizziert und Empfehlungen für anschließende wissenschaftliche Forschungsarbeiten formuliert. Ziel ist es, durch eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik die Perspektive der Sozialen Arbeit im Themenfeld der VR-Technologie in der Senior*innenarbeit zu schärfen. Dadurch kann die Einhaltung sozialer, ethischer und didaktischer Standards bei der VR-Nutzung im Senior*innenbereich gewährleistet werden.

 

2) Warum haben Sie dieses Thema ausgewählt? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Über meine Prof.‘in Dr.‘in Steinfort-Diedenhofen von der Katholischen Hochschule NRW. Abt. Köln (KatHO NRW) erfuhr ich von einer Anfrage, mit der der Diözesan-Caritasverband Köln über den Sozial-Wissenschaftsladens an meine Hochschule herangetreten war: Es sollte darum gehen, ältere Menschen und Mitarbeitende in der Pflege und Betreuung mithilfe von VR-Brillen an die Digitalisierung heranzuführen.

Die Anfrage stieß bei mir sofort auf Interesse: Neben dem Thema begeisterte mich insbesondere die Möglichkeit, mich in meiner Arbeit mit einer ‚realen‘ Forschungsfrage aus der Praxis zu beschäftigen. Der Sozial-Wissenschaftsladen, ein Co-Projekt der KatHO Köln mit der Ev. Hochschule Bochum (https://www.s-inn.net/pilotprojekte/sozial-wissenschaftsladen), unterstützte mich bei organisatorischen Fragen und dem Austausch mit den verschiedenen Projektpartner*innen. In das Projekt war neben dem DiCV auch die Technische Hochschule Köln und ein Seniorenzentrum in Düsseldorf involviert, in dem ich schließlich auch meine Erhebung in Form eines Fokusgruppeninterviews mit Mitarbeitenden durchgeführt habe.

Mit der wissenschaftlichen Teildisziplin Geragogik habe ich mich während meines gesamten Bachelorstudiums beschäftigt. Mich interessieren und faszinieren Lern- und Bildungsprozesse im Alter: Wie können solche initiiert, gestaltet und begleitet werden?

Der Themenschwerpunkt Technik und digitale Medien resultiert aus dem Wunsch, dass die Disziplin und Profession Soziale Arbeit sich in den Diskurs um eine sinnvolle Nutzung von (digitalen) Technologien im Alter einmischt und Maßstäbe für eine senior*innengerechte Anwendung setzt.

 

3) Welche Kriterien sind aus Sicht der Sozialen Arbeit bei der Implementierung von Virtual Reality-Technologie in der Senior*innenarbeit wichtig?

Bei der Nutzung von Virtual-Reality-Technologie im Alter müssen m.E. sowohl Gefahren/Risiken als auch Chancen/Möglichkeiten der Nutzung beleuchtet werden: In welchem Fall ermöglichen die VR-Brillen den Senior*innen neue (Bildungs-)Erfahrungen und Chancen der Teilhabe? Und wann bzw. für wen stellt die neue Technologie eine Überforderung dar, die mehr Schaden als Nutzen bringt? Diese und weitere Fragen müssen immer wieder aufs Neue gestellt und mit allen Beteiligten gemeinsam beantwortet werden.

Zentral erscheint mir eine sorgfältige Implementierung der neuen Technologie. Eine inter- bzw. transdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Professionen ist unerlässlich, um technische und geragogische Standards gleichermaßen zu erfüllen. Eine vermehrte Partizipation von Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und verwandten Fachdisziplinen an dem Prozess der Einführung von VR-Technologie in der Senior*innenarbeit ist angezeigt, um gemeinsam mit Fachkräften aus informatischen und technischen Berufen Lösungsansätze für eine konsequent am Menschen orientierte VR-Nutzung zu entwickeln.

Aber was bedeutet diese Forderung konkret? Zunächst einmal gibt es verschiedene Hard- und Software der VR-Technologie, von denen manche mehr und manche weniger senior*innengeeignet sind (Stichwort: intuitive Bedienung, Gewicht, Verkabelung, Einsicht der Inhalte von außen etc.). Darüber hinaus haben viele Mitarbeitende in Senior*inneneinrichtungen wenig bis gar keine Erfahrung im Umgang mit der Virtual-Reality-Technologie. Qualifizierende Schulungen können technische, aber auch ethische und didaktische Inhalte vermittelt werden, die den senior*innengerechten Einsatz der neuen Technologie im (häufig von Stress und Personalmangel geprägten) Arbeitsalltag ermöglichen. Hinzu kommt die technisch-digitale Grundausstattung der Senior*inneneinrichtungen – nur mit stabilem WLAN ist die Nutzung der VR-Brillen überhaupt denkbar. Fazit: Ein adäquater Einsatz von VR-Technologie in Senior*inneneinrichtung ist also sehr ressourcenaufwändig: personell, finanziell und konzeptionell. Das muss allen Beteiligten bewusst sein.

 

4) Wie wird sich die Senior*innenarbeit Ihrer Einschätzung nach durch die VR-Technologie verändern?

Digitale Medien spielen in der Sozialen Arbeit – auch im Bereich der Senior*innenarbeit – eine immer größere Rolle. Durch die aktuellen Herausforderungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie wird uns die Bedeutung von digitalen Medien für Menschen des dritten und vierten Lebensalters noch einmal deutlich vor Augen geführt. Trotz ‚social bzw. physical distancing‘ kann Senior*innen mithilfe von technischen Systemen wie VR-Brillen ein vielfältiges und bedarfsorientiertes Freizeitangebot zur Verfügung gestellt werden. Auch unabhängig von der aktuellen Pandemiesituation bietet die Technologie mobilitätseingeschränkten Menschen viele neue Möglichkeiten, wie zum Beispiel das Aufsuchen biografisch bedeutsamer Orte.

Adressat*innengerecht angewandt kann die VR-Technologie der Sozialen Arbeit in der Senior*innenarbeit eine Vielzahl neuer Handlungs- und Interaktionsmöglichkeiten an die Hand geben. Ein virtueller Besuch im Kölner Dom, ein klassisches Konzert in der Dresdner Frauenkirche oder ein Rundgang durch die alte Heimatstadt – das alles ist mit der Virtual-Reality-Brille grundsätzlich möglich. Allerdings: Die Erlebnisse in der digitalen Welt sollten in den realen Lebensalltag eingebunden werden; sie können bestenfalls als Gesprächsanregung und Handlungsmotivation für Interventionen in der ‚echten‘ Welt dienen. Die VR-Technologie darf in der sozialarbeiterischen Praxis nicht dazu missbraucht werden, personelle oder finanzielle Mittel zu kompensieren, indem Senior*innen statt menschlicher nun mit digital vermittelter Interaktion Vorlieb nehmen müssen. Stattdessen ist die Vorbereitung, Durchführung und Reflexion der Nutzung von Virtual-Reality-Technologie in der Senior*innenarbeit zeit- und kostenintensiv und sollte sorgfältig geplant und evaluiert werden.

Häufig steckt die professionelle Nutzung digitaler Technologien in Handlungsfeldern der Senior*innenarbeit noch in den Kinderschuhen. Viele Fachkräfte sind unsicher, mit welcher Zielgruppe und in welchem sozialarbeiterischen Setting eine Nutzung angezeigt ist – oder lieber darauf verzichtet werden sollte. Eine professionelle Begleitung des Einsatzes der VR-Technologie ist in meinen Augen unerlässlich. Dafür ist eine qualifizierende Schulung vonnöten, die eine senior*innengerechte Nutzung und Einbettung in den Lebens- und Arbeitsalltag der Adressat*innen und Fachkräfte ermöglicht. In meiner Publikation gehe ich deshalb der Frage nach, auf welche Art und Weise neue Technologien wie die Virtual-Reality-Brille in der Arbeit mit Senior*innen sinnvoll zum Einsatz kommen können.

 

5) Ich bin Autorin bei Budrich, weil …

… meine ehemalige Hochschule (Katholische Hochschule NRW, Abt. Köln) eine Kooperation mit dem Verlag Barbara Budrich unterhält. Der sogenannte Thesispreis, mit dem Abschlussarbeiten des Fachbereichs Sozialwesen der Hochschule ausgezeichnet werden, ist mit einer Veröffentlichung ausgewählter Bachelor- oder Masterarbeiten verbunden.

Ich finde diese Kooperation großartig – denn sie ermöglicht uns Studierenden, erste Publikationserfahrungen zu sammeln und den Prozess vom Schreiben eines Textes bis hin zum Druck des Buches kennenzulernen und mitzugestalten. Bei einem so renommierten Verlag wie Budrich zu publizieren ist für mich eine einzigartige Chance. Die Verantwortlichen des Verlag Barbara Budrich haben mich als Neuling auf dem Publikationsweg freundlich und kompetent begleitet. Ich danke allen Mitarbeiter*innen ganz herzlich für Ihr Engagement und freue mich auf die fertige Publikation.

 

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3D Cover FeldmannMilena Feldmann: Einsatz von VR-Technologie in der Senior*innenarbeit. Chancen und Risiken der Nutzung aus Sicht der Sozialen Arbeit

Thesispreis des Fachbereichs Sozialwesen der KatHO NRW, Abteilung Köln

 

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