„Vieles, was am Anfang der Fluchtbewegung wenig Beachtung gefunden hat, wird erst jetzt virulent.“ – 5 Fragen an Beate Küpper und Ann Marie Krewer

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

Im Verlag Barbara Budrich ist erschienen: Arbeit mit geflüchteten und neuzugewanderten Personen. Eine Handreichung für die Praxis von Beate Küpper und Ann Marie Krewer (Hrsg.).

 

 

 

Über das Buch

Die Integration von Geflüchteten stellt trotz vieler Erfolge nach wie vor eine Herausforderung dar. Der Band spricht in einem für die Praxis und Lehre gut lesbaren, kompakten Format zentrale Themen der Integrationsarbeit an, gibt praxisnahe Handlungshinweise und stellt leicht nutzbare Handlungstools für die professionelle wie ehrenamtliche Arbeit vor.

 

Kurzvitae von Beate Küpper und Ann Marie Krewer in eigenen Worten

Portrait Beate Küpper
Beate Küpper

Beate Küpper: Seit fast zehn Jahren bin ich Professorin für Soziale Arbeit in Gruppen und Konfliktsituationen am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach und dort auch in das In-Institut SO.CON eingebunden. Von der Fachrichtung her bin ich studierte Psychologin und habe in der Sozialpsychologie promoviert. Inzwischen führe ich diese Studien als Ko-Autorin der „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung fort. Darüber hinaus arbeite ich mit Projekten und Vorträgen vor allem an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis im Themenfeld von Diversity und Integration, insbesondere auch den Schattenseiten von Vorurteilen und Diskriminierung, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, auch mit Fokus auf Antisemitismus.

Portrait Ann Marie Krewer
Ann Marie Krewer

Ann Marie Krewer: Seit 2009 bin ich am Fachbereich für Sozialwesen der Hochschule Niederrhein als wiss. Mitarbeiterin und hauptamtlich Lehrende beschäftigt. 2010 habe ich das Institut SO.CON – social concepts – Forschung und Entwicklung für die Soziale Arbeit mitgegründet, das ich seit 2015 leite. Hieraus resultierte z.B. eine frühere Veröffentlichung im Verlag Barbara Budrich (Müller, Annette u.a. (2016): Frauen in Führungspositionen im Gesundheits- und Sozialwesen). Mittlerweile hat sich der Schwerpunkt insbesondere meiner Aktivitäten auf den Bereich sozialraumorientierter Aktivitäten in Kooperation mit verschiedenen Kommunen verlagert. Hierbei stehen Fragen der Förderung lokaler Ökonomie sowie der Partizipation, Integration oder Inklusion im Quartier im Zentrum.

 

1) Liebe Frau Küpper, liebe Frau Krewer, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Arbeit mit geflüchteten und neuzugewanderten Personen für unsere Leser*innen zusammen.

Das Buch bietet eine Übersicht über verschiedene Aspekte rund um die Arbeit mit und gemeinsam mit erwachsenen Personen mit Fluchthintergrund und auch darüber hinaus ganz allgemein mit neuzugewanderten Personen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Thema Integration in Arbeit. Der Band will praxisnahe Information, Erfahrungen und Handlungstipps weitergeben, die aus unserer Sicht für alle diejenigen hilfreich sein können, die als Praktiker:innen in dem Themenfeld unterwegs sind.

Der Band richtet sich zuvorderst an diejenigen, die professionell oder ehrenamtlich geflüchtete und neuzugewanderte Menschen bei der Integration in Arbeit unterstützen und begleiten. Es kann aber auch von denjenigen gelesen werden, die im weiteren Umfeld tätig sind, z.B. als Abteilungsleiter:innen bzw. Kolleg:innen in Einrichtungen, die den Prozess der Integration unterstützen wollen. Darüber hinaus kann der Band sicher auch für Personen mit eigenem Wanderungs- und Fluchthintergrund interessant sein.

Der Band bietet neben diesen praxisnahen Erfahrungswerten und Handlungshilfen zur Integration in Arbeit etliches an Themen, die für die deutsche Einwanderungsgesellschaft auch jenseits der besondere Situation von geflüchteten Personen relevant sind, z.B. die Gestaltung von Kultureller Vielfalt in Unternehmen und Einrichtungen oder als Aufgabe für Kommunen. Das Buch kann daher auch gut als allgemeine Grundlagenlektüre an Hochschulen und in der Erwachsenenbildung dienen – insbesondere für die Soziale Arbeit und verwandte Felder.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Einen einzelnen „Stein des Anstoßes“ gab es nicht, es waren eher die vielen gesammelten Erfahrungen, die immer wieder auf die Frage zuliefen: „Was können wir tun, um uns besser aufzustellen?“ Zum Zeitpunkt der ersten Überlegungen zum Band war der Höhepunkt der jüngsten Flucht- und Migrationsbewegung nach Deutschland vorbei, die geflüchteten Menschen wurden langsam zu Neuzugewanderten. Nach der ersten Aufregung und den vielen schnellen Aktivitäten begann gerade die langwierige Integrationsarbeit. Überall schossen neue Projekte, Programme und Fortbildungen aus dem Boden, alle mit dem Ziel, die Neuangekommene „gut zu integrieren“.

Wir selbst arbeiten bei uns am hochschulinternen Institut SO.CON in mehreren Projekten dazu und wollten unsere Erkenntnisse weitergeben. Überrascht hat uns dabei, dass das Thema als „neu“ betrachtet wurde, wo doch eigentlich viele Überlegungen, Konzepte und auch Erfahrung mit Migration und Integration im weiteren Sinne vorliegen, egal wie man sie nun benennen will, unter welchen Labeln die jeweiligen Konzeptionen laufen. Deutschland ist nun mal schon länger ein Einwanderungsland. Konzepte der Kulturellen Öffnung und Diversity sind zwar seit Jahren ein Thema, führten aber vielerorts einen gewissen Dornröschenschlaf bzw. haben es in Kommunen und Einrichtungen nicht immer leicht, ihren Weg aus den spezifischen Migrationsreferaten hinaus zu finden.

Folgerichtig gibt es bereits etliches an Literatur zum Thema Integration aus theoretischer Sicht, tiefgehende und reflektierten, z.T. auch eher philosophische Abhandlungen, die aber oft wenig konkrete Hinweise für die Alltagspraxis bieten. Gleichzeitig liegen praxisnahe Konzepte zur interkulturellen Öffnung, Inklusion und Diversity vor, zur Zeit der Fluchtbewegung sind zudem etliche Sammlungen mit ganz praxisnahen Tipps auch in Bezug auf die besondere Situation von geflüchtete Personen entstanden. Für Integrationsakteure aus der Praxis und ebenso für Studierende können diese Einsichten und Information sehr hilfreich sein, sind aber nach unserer Einschätzung für Praktiker:innen im Job recht zeitaufwändig zu lesen bzw. zu recherchieren. Unser Anliegen war es daher, eine zwar fundierte, aber vergleichsweise kurze und für Praktiker:innen gut lesbare Zusammenstellung zu bieten.

 

3) Vor welchen Herausforderungen steht die Arbeit mit Geflüchteten und Neuzugewanderten aktuell?

Das Thema Geflüchtete und Neuzugewanderte ist derzeit fast schon wieder vom Tisch der Öffentlichkeit. Wenn überhaupt, dann geht es nur noch darum, möglichst zu verhindern, dass überhaupt jemand den Weg nach Deutschland findet. Doch gleichzeitig sind eben viele Menschen immer noch recht neu in Deutschland und dabei, sich ihr Leben aufzubauen, ein ganz wichtiges Element ist hier eben auch die Arbeit. Vieles, was am Anfang der Fluchtbewegung aufgrund der akuten Notsituation wenig Beachtung gefunden hat, wird eigentlich erst jetzt virulent. Dazu gehören Fragen der Einstellung von Personal, Weiterbildung und Aufstellung von Betrieben und Institutionen, die eben so oder so laufen können. Hier hoffen wir, mit dem Band Anregungen für längerfristig angelegte Strategien liefern zu können geleitet von dem Ziel, dass Akteure und Organisationen inklusiver, wertschätzender, gleichwertiger und partizipativer agieren können.

Wir verstehen diese Zielsetzung sowohl als demokratisch, menschenrechtlich und ethisch begründbaren Wert an sich, als auch gesellschaftsbildend und alltagspraktisch, weil sich diese Aufgabe nun einmal stellt, das Zusammenleben und Zusammenarbeiten damit zwar manchmal anstrengender, aber auch spannender und vielseitiger wird, nicht zuletzt lassen sich so auch Konflikte zugunsten aller Beteiligter leichter bearbeiten – dies zumindest unsere Hoffnung. Denn auch wenn Deutschland de facto eine Einwanderungsgesellschaft ist, zu verstehen, was das heißt und wie sich dies im Alltag umsetzen lässt, das ist eine langfristige Aufgabe für alle Mitglieder und Bereiche der Gesellschaft.

 

4) Menschen, die mit Geflüchteten Arbeiten, erleben immer wieder Anfeindungen sowohl gegen sich selbst als auch gegen die Geflüchteten. Bietet Ihr Buch auch für dieses Problem Hilfestellungen?

In der Tat sind nicht nur geflüchtete Menschen selbst Adressat:innen von Hass und Hetze – die Anzahl von gewalttätigen Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte und leider auch geflüchtete Personen ist nach wie vor hoch –, sondern auch Personen, die Geflüchtete unterstützen. Der Kassler Regierungspräsident Walter Lübcke wurde im letzten Jahr von Rechtsextremisten ermordet, weil er sich positiv zur Aufnahme von Geflüchteten geäußert hatte und jene klar in die Schraken gewiesen hatte, die Hetze verbreiten.

Wir wissen aus einer eigenen Studie und vielen Gesprächen mit Mitarbeiter:innen im Integrationsbereich, die davon berichten, sich vor Verwandten, Bekannten oder Kolleg:innen verteidigen zu müssen, weil sie mit Geflüchteten arbeiten, bisweilen sogar handfesten Bedrohungen ausgesetzt sind. Nicht selten sind dies Personen, die selbst z.B. als Frauen und/oder aufgrund einer eigenen Einwanderungsgeschichte in mehrfacher Hinsicht Bedrohungen ausgesetzt sind. Das alles zehrt natürlich zusätzlich an den Kräften und darf von einer sich demokratisch verstehenden Gesellschaft nicht einfach hingenommen werden.

Der Band thematisiert daher neben einem ressourcenorientierten Arbeiten auch Vorurteile und Hass. Die Empfehlungen dazu schließen alle Personen in einer Einrichtung ein, denn es ist wichtig, solche Dinge immer als ein Problem der ganzen Institution, nicht der einzelnen Angegriffen zu verstehen.

 

5) Darum sind wir Autorinnen bei Budrich:

Budrich gehört mit zu den bekanntesten und etablierten Verlagen in den Sozialwissenschaften mit einem guten Ruf gerade für Thematiken wie die vorliegende. Wir haben schon in der Vergangenheit als Autorinnen in Sammelbänden bei Budrich publiziert und sind damit gut gefahren. Wir mögen die freundliche, kollegiale, unterstützende und verlässliche Art der Begleitung des Publikationsprozesses bei Budrich. Nicht zuletzt ist die Wahl des Barbara Budrich Verlag, der einen Schwerpunkt auf frauen- und genderbezogene Themen legt, für uns als Autorinnen auch ein gewisse politische Positionierung.

 

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Beate Küpper, Ann Marie Krewer (Hrsg.): Arbeit mit geflüchteten und neuzugewanderten Personen. Eine Handreichung für die Praxis

 

 

 

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