„Biographische Forschung kann einen wertvollen Beitrag in der Analyse von veränderten Lebenskonzepten und -bedingungen liefern.“ – 5 Fragen an … Gerhard Jost und Marita Haas

Buntstifte in einer Reihe

Gerhard Jost, Marita Haas (Hrsg.): Handbuch zur soziologischen Biographieforschung – Grundlagen für die methodische Praxis

Wie lassen sich sozialwissenschaftliche Studien mit den Daten biographischer Materialien durchführen? Wie ist die Biographieforschung in der Soziologie verortet? Mit diesen Fragen setzt sich das Methodenhandbuch von Gerhard Jost und Marita Haas auseinander. Unsere Herausgeber*innen waren so freundlich, uns „5 Fragen …“ zu ihrer Publikation zu beantworten. Bevor wir in das Interview einsteigen, hier die Kurzvitae in eigenen Worten:

 

Marita Haas: Portrait Autorin Marita Haas14 Jahre Erfahrung in Forschung und Lehre zum Thema Gender & Diversität in Organisationen. Betriebswirtschaftliches Studium, Dissertation in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Mitbegründerin eines IT-Start-Ups. Mehrjährige Berufserfahrung im HR-Bereich. Begleitung von Unternehmen und Start-Ups in Gender- & Diversitätsfragen. Arbeit an der Schnittstelle von Wirtschaft und Wissenschaft. Hertha-Firnberg-Stelle an der TU Wien, Vortragstätigkeiten und Workshops. Lektorin an der TU Wien (Institut für Managementwissenschaften), Universität Klagenfurt (Gender Studies), Universität Wien (Institut für Bildungswissenschaften). Aktuell: Unternehmensberaterin im Bereich Gender & Diversität.

 

Gerhard Jost: Portrait Autor Gerhard JostStudium der Soziologie an der Universität Wien. Seit fast 30 Jahren in der universitären Forschung und Lehre tätig – seitdem Lehrveranstaltungen u.a. zur qualitativen Methodik und zu empirischen qualitativen Studien im Bachelor- und Dissertationsbereich, zur Sozialstruktur und sozialem Wandel, Biographie und Gesellschaft. Zu Beginn der wissenschaftlichen Tätigkeit Durchführung von Studien, z.B. im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zu Arbeitszeitverkürzung und -flexibilisierung oder im Rahmen der Berufsbildungsforschung. Seit 1990 an der Wirtschaftsuniversität Wien, am Institut für Soziologie und Empirische Sozialforschung (zweite Zuordnung zum Kompetenzzentrum für Empirische Forschungsmethoden – seit dessen Gründung). Seit 2005 habilitiert und zum ao.Univ.Prof. tituliert. Mehrere Jahre Programmverantwortlicher bzw. Bereichsleiter für das Bachelor- und Diplomstudium Sozioökonomie. Modulverantwortlicher für Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens und Forschungsmethoden.

 

1) Welches ist die wichtigste Herausforderung für Ihren Fachbereich in den nächsten Jahren?

Biographieforschung ist ein „approach“, in dem davon ausgegangen wird, dass es „subjektive“ (verbale) Entwürfe des Selbst und Erzählungen erlauben, gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen und Muster zu rekonstruieren. Mit einem in diesem Buch explizierten Denk- und Forschungsstil lassen sich folglich viele gesellschaftliche Probleme und Entwicklungstendenzen fokussieren. Das bedeutet, Biographieforschung ist nicht auf eine Thematik fixiert, vielmehr lassen sich auf der Basis dieses Zugangs viele Forschungsfragen behandeln.

Möglicherweise hat der Forschungsbereich durch die Diversifizierung von (pluralen) Sinnwelten und den vielfältigeren Gestaltungsoptionen von Biographien an Bedeutungen gewonnen. Während in früheren Generation oft lineare Lebensverläufe mit (vereinzelten) Bruchstellen betrachtet wurden, sind Biographien heute wesentlich vielfältiger und offener. Insofern kann die biographische Forschung einen wertvollen Beitrag in der Analyse von veränderten Lebenskonzepten und -bedingungen liefern: In der detaillierten Auseinandersetzung mit dem Leben Einzelner zeigen sich spezifische Erfahrungs- und Deutungsmuster, die mit aktuellen Diskursen und gesellschaftlichen Möglichkeitsräumen verschränkt sind.

 

2) Warum sollte jemand unbedingt in Ihrem Forschungsbereich tätig werden?

Wer sich für Lebensgeschichten interessiert und ein*e „gute*r“ Zuhörer*in ist, kann sich für das Erkenntnispotential rekonstruktiver Biographieforschung sicher begeistern. Über eine zentrale Form qualitativer Erhebung, dem narrativ-biographischen Interview, gelingt es,  sich der Biographie der erzählenden Person zu nähern und eine Grundlage zur Analyse sozialer Welten zu schaffen. Damit werden Lebensentwürfe sowie unterschiedliche Chancen und Barrieren für die biographische Entwicklungen sicht- und verstehbar.

 

3) Warum haben Sie sich damals für Ihr Forschungsgebiet/Forschungsthema entschieden? Was motiviert Sie an Ihrem Forschungsthema ganz besonders?

Marita Haas: Für mich war insbesondere die sehr offene Form des narrativ-biographischen Zugangs und dessen Auswertung  ausschlaggebend. Ich war auf der Suche nach einer offenen Interviewform, um tiefere Einsichten in Haltungen und Erfahrungen von Individuen bringt und die weggeht von den immer wieder gleichen Argumenten. Dabei bin ich auf Gabriele Rosenthals Artikel zur rekonstruktiven Biographieforschung gestoßen. Ich arbeite nach wie vor sehr gerne mit narrativ-biographischen Interviews und habe diesen Zugang auch für andere empirische Kontexte anwenden können.

Gerhard Jost: Biographieforschung hat mich zur damaligen Zeit interessiert, weil ich damit einerseits an Traditionen interpretativer Sozialforschung, u.a. an der Durchführung von Feldstudien, anknüpfen konnte, andererseits die gesellschaftlichen Perspektive des „Biographischen“ empirisch und theoretisch kennenlernen durfte. Aus meiner Sicht ist an Biographieforschung besonders der Ausgangspunkt von Interesse, Biographie (und Handeln) gemeinsam mit Gesellschaft zu denken.

 

4) Welches Buch hat Sie persönlich am meisten geprägt?

Gerhard Jost: Fachspezifisch handelt es sich um das Buch Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann, das 1966 bzw. 1969 (als deutschsprachige Ausgabe) erschien. Es thematisiert viele Grundüberlegungen, die in der Biographieforschung aufgegriffen und von Bedeutung sind, wie etwa die Diskussion über die grundlegenden Wissensformen und Entstehung von Wirklichkeit im Alltag: Ordnungen sind (symbolische) Sinnwelten, die vom Menschen geschaffen sind und die es empirisch zu erforschen gilt.

Marita Haas: Geprägt hat mich wohl am meisten Erich Kästners Pünktchen und Anton – eine Geschichte über Freundschaft, die über vermeintliche Grenzen hinweg besteht, bei der Humor und Traurigkeit nebeneinanderstehen und gleichzeitig die Haltung des Autors zum Thema Geschichten erzählen sichtbar wird. Erich Kästner sagt ja, eine Geschichte muss nicht wahr sein, aber sie muss so erzählt werden, als hätte sie wirklich passieren können. Hier schließt sich wieder der Bogen zur Biographieforschung und mein Interesse an den Lebensgeschichten anderer Menschen.

 

5) Wir sind Autor*innen bei Budrich, weil …

… wir bei Budrich eine sehr professionelle Abwicklung erlebt haben. Die Kontaktaufnahme und erste Überlegungen waren unkompliziert und sehr wertschätzend, sodass rasch unsere Entscheidung fest stand, mit Budrich arbeiten zu wollen. Wir wurden hier in jedem Schritt kompetent begleitet und unterstützt.

 

Erschienen bei Budrich:

Cover Jost HaasGerhard Jost, Marita Haas (Hrsg.): Handbuch zur soziologischen BiographieforschungGrundlagen für die methodische Praxis

 

 

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