„Eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung geht gestärkt aus der Corona-Krise hervor.“ – 5 Fragen an Horst Opaschowski

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

3D Cover Opaschowski Die semiglückliche GesellschaftIm Verlag Barbara Budrich ist erschienen: Die semiglückliche Gesellschaft. Das neue Leben der Deutschen auf dem Weg in die Post-Corona-Zeit – Eine repräsentative Studie von Horst Opaschowski.

 

 

Kurzvita in eigenen Worten

Während meines Studiums habe ich in den Semesterferien als Reiseleiter in Italien ‚gejobbt‘. Jetzt bin ich hauptberuflich als Reiseführer in Deutschland für das kommende Jahrzehnt tätig. Der grundlegende „Navi“ dafür ist die 2013 veröffentlichte Zukunftsstudie „Deutschland 2030. Wie wir in Zukunft leben.“

Als Wissenschaftlicher Leiter des von der Bildungsforscherin Irina Pilawa, meiner Tochter, und mir 2014 gegründeten Opaschowski Instituts für Zukunftsforschung (O.I.Z) arbeite ich eng mit dem Ipsos Institut zusammen, das weltweit in der Marktforschung die Nummer 3 mit starker Präsenz in 90 Ländern darstellt. Gemeinsam mit Ipsos erhebe ich seit 2012 vierteljährlich den Nationalen WohlstandsIndex für Deutschland (NAWI-D). 2.000 Personen ab 14 Jahren werden pro Quartal in Deutschland befragt. Nach der Befragung von inzwischen 65.000 Personen lautet ein aktuelles NAWI-D-Ergebnis: „Corona beeinträchtigt das Wohlstandsgefühl der Deutschen nur geringfügig. Die Bevölkerung stuft Wohlstand als hoch ein: Der Mehrheit geht es immer noch sehr gut.“ Das Semi-Glück der Deutschen hält an, meine Schaffensfreude in Forschung, Vorträgen und Publikationen auch.

 

1) Lieber Herr Opaschowski, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Die semiglückliche Gesellschaft für unsere Leser*innen zusammen.

Dies ist die erste Repräsentativstudie in Deutschland über das Leben vor der Corona-Krise, in der Krise und nach den ersten Lockerungen auf dem Weg in die Post-Corona-Zeit. Eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung geht gestärkt aus der Krise hervor: Wohlergehen wird so wichtig wie Wohlstand, Zeit so wertvoll wie Geld. Zeitwohlstand und Beziehungsreichtum werden als Lebensqualitäten wiederent­deckt. Gesundheit gilt als das höchste Gut im Leben. Die Krise löst eine Nachdenklichkeit aus, in der Lebenssinn genauso zählt wie Lifestyle. Bescheidener leben und nichts vermissen: Das ist die Glücksformel des Lebens in Krisenzeiten.

Auch der Staat strahlt soziale Wärme aus. Die Zuversicht wächst – trotz unsicherer Zeiten. Die Bürger beweisen Mut und Stärke für Gemeinsamkeiten in Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis. Ihre Erfahrung des Aufeinander-Angewiesen-Seins macht sie sozial sensibler und politisch selbstbewusster – von Familienkontakten über Freundschaftspflege bis zu Bürgerinitiativen und sozialen Engagements. Die Krise erweist sich zugleich als Chance für eine neue Generationensolidarität. Und der familiäre Zusammenhalt wird zu einer verlässlichen Wagenburg. Solidarität entwickelt sich wieder zu dem, was sie ursprünglich in der europäischen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts einmal war: Zu einer Erfahrung des Aufeinander-Angewiesenseins, bei der sich Eigen- und Gemeinnutz miteinander verbinden und weniger eine Frage von Moral, Fürsorge oder Nächstenliebe sind.

Ein ambivalentes Lebensgefühl breitet sich zugleich aus: Sorge über das, was noch an Ungewissem kommt, und Freude über das, was wieder besser wird. „Semi-Glück“ ist das Losungswort für eine Lebenshaltung, die selbst schweren Stunden in Krisenzeiten eine positive Seite abgewinnt: Ein Optimismus mit Bodenhaftung, eine Zuversicht mit Realitätsnähe. Das Leben in der semi-glücklichen Gesellschaft macht den Menschen Hoffnung und Mut. Auch in schwierigen Zeiten wollen die semi-glücklichen Deutschen das Beste aus ihrem Leben machen und positiv in die Zukunft blicken.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Am 20. Januar 2020 startete ich im Rahmen der laufenden Grundlagenforschung am O.I.Z (Opaschowski Institut für Zukunftsforschung) eine Repräsentativumfrage in Deutschland. Im Zentrum standen Zukunftsfragen zur Künstlichen Intelligenz einschließlich digitaler Errungenschaften vom Roboter bis zum selbstfahrenden Auto. Die deutsche Wirtschaft befand sich gerade auf Erfolgskurs. Die Regierung rechnete ganz selbstverständlich für 2020 mit einem noch höheren Wirtschaftswachstum. Und den Beschäftigten wurden steigende Löhne vorausgesagt. In diesem allgemeinen Hochgefühl blickte – keineswegs überraschend – die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung mit 79 Prozent Zustimmung „optimistisch in die Zukunft“. Schließlich war Corona noch weit weg in China.

Zwei Monate später wurden ab dem 16. März die meisten Veranstaltungen in Deutschland abgesagt, Messen, Museen und Clubs geschlossen. Und in Bayern durfte man seine Wohnung nur noch aus triftigem Grund verlassen. Auf dem Höhepunkt der Krise startete ich Mitte März 2020 eine zweite Befragungswelle. Ich wollte wissen: Was ist aus dem Optimismus der Deutschen geworden? Das öffentliche Leben stand weitgehend still. Das überraschende Ergebnis: Der schier unvorstellbare Shutdown hatte in der positiven Grundstimmung der Bevölkerung „keine“ nachhaltigen Spuren hinterlassen. Trotz Krise nahm die Zuversicht der Bevölkerung sogar zu – von 79 Prozent im Januar auf 84 Prozent im März 2020.

Im Juli 2020 folgte die dritte Befragungswelle in Deutschland – mit dem gleichen stabilen Ergebnis: 84 Prozent der Bevölkerung blickten weiterhin optimistisch in die Zukunft, „fühlten“ sich subjektiv glücklich, obwohl es objektiv keinen Anlass dazu gab. Die unerwartete Corona-Krise war also der „Stein des Anstoßes“ für dieses Buch. Und die empirischen Ergebnisse lieferten die Erklärung für den Titel „Die semi-glückliche Gesellschaft“.

 

3) In Ihrem Buch stellen Sie das Zukunftshaus Deutschland vor. Was zeigt dieses Konzept auf?

 Das Zukunftshaus Deutschland setzt sich aus zehn repräsentativ ermittelten „Bausteinen“ zusammen, die das neue Leben der Deutschen auf dem Weg in die Post-Corona-Zeit beschreiben:

  • Gesundheit & Umwelt
  • Werte & Lebensziele
  • Privates & Soziales
  • Selbsthilfe & Gesellschaft
  • Staat & Bürger
  • Arbeit & Beruf
  • Wohlstand & Konsum
  • Medien & Öffentlichkeit
  • Mobilität & Tourismus
  • Zukunft & Lebensgefühl

Die Corona-Krise verändert uns und die Gesellschaft – für lange Zeit. Wer sich die Bausteine des Zukunftshauses ansieht, muss sich dennoch um Zukunftsperspektiven und politische Prioritäten keine Sorgen machen. Die Bevölkerung sagt selbst, wie sie in schwierigen Zeiten leben will. Das Zukunftshaus ist krisenfest gebaut und basiert auf empirisch abgesicherten Bausteinen. Für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist das Zukunftshaus eine verlässliche Agenda und Leitplanke auf dem Weg in das kommende Jahrzehnt.

 

4) Mit welchen Gefühlen werden die Menschen in Deutschland Ihrer Einschätzung nach in Zukunft auf die Zeit der Corona-Krise zurückblicken? Wird es eine Veränderung zur derzeitigen Gefühlslage geben?

Mit sich, der eigenen Gesundheit und dem Leben zufrieden sein: Das wird der neue Reichtum sein – jenseits von Geld und Gütern. Es ist ein „Stück vom Glück“ – Semi-Glück eben und nicht das ganz große Glück. Die semi-glücklichen Deutschen werden dem Fühlen und Füllen des Lebens ein Stück näher kommen. „Lebensgefühl“ kann ein Schlüsselwort nach der Krise werden – vom gefühlten Wohlstandserleben über das subjektive Sicherheitsgefühl bis zum Glücksgefühl sozialer Geborgenheit. Kommt nach der Pandemie die Empathie? Vielleicht wird das Wirklichkeit, was der Schriftsteller Bertolt Brecht 1934 mitten „in finsteren Zeiten“ den nachkommenden Generationen gewünscht hat: „Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“ – von der Nachbarschaftshilfe bis zur Helferbörse im Stadtteil.

 

5) Ich bin Autor bei Budrich, weil …

… der Verlag Barbara Budrich ein professioneller und verlässlicher Buchmacher ist: Kommunikativ, kooperativ und kreativ zugleich. Für den Autor ist die Verlagsmischung aus kritischer Reflexion und spontaner Entscheidungsfreude eine echte Bereicherung, die Lust auf Schreiben und Publizieren macht. So entsteht und lebt Verlags- und Autorenbindung.

 

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3D Cover Opaschowski Die semiglückliche GesellschaftHorst Opaschowski: Die semiglückliche Gesellschaft. Das neue Leben der Deutschen auf dem Weg in die Post-Corona-Zeit – Eine repräsentative Studie

Erscheinungstermin: 2. November 2020

 

© Pixabay 2020 / Foto: Bru-nO; Titelbild gestaltet mit canva.com