„Das Thema Diversität ist in den Fokus unterschiedlichster öffentlicher Debatten gerückt.“ – 5 Fragen an Andrea D. Bührmann

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

3D Cover BührmannIm Verlag Barbara Budrich ist erschienen: Reflexive Diversitätsforschung. Eine Einführung anhand eines Fallbeispiels von Andrea D. Bührmann.

 

Über das Buch

Diversität – einerseits Anlass zu kontroversen Diskussionen, andererseits eine Chance, über gesellschaftliche Teilhabe nachzudenken. „Reflexive Diversitätsforschung“ von Andrea D. Bührmann bietet eine grundlegende Einführung in die wichtigen Strömungen der Diversitätsforschung. Dabei werden zunächst zentrale Bestimmungsmomente der Forschungsperspektive theoretisch vorgestellt. Empirisch-praktisch wird das Beispiel der Diversitätsstrategie und deren Umsetzung an der University of California präsentiert. Diese Fallstudie veranschaulicht insbesondere die intersektionale Forschungsperspektive sowie das multi-level und multi-method Forschungsdesign der reflexiven Diversitätsforschung. Im Sinne eines reflexiven Konstruktivismus wird dabei das Forschen selbst als Praxis am Beispiel der University of California, Berkeley reflektiert.

 

Kurzvita von Andrea D. Bührmann in eigenen Worten

Bührmann, AndreaNach dem Studium der Soziologie, Philosophie und Politikwissenschaften promovierte Andrea D. Bührmann 1995 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 2003 folgte nach einem DFG-Stipendium die Habilitation im Fach Allgemeine Soziologie.

Danach hat Andrea D. Bührmann verschiedene Professuren in Dortmund, München sowie Münster vertreten und Gastprofessuren in Salzburg und Wien wahrgenommen. 2009 wurde sie zunächst außerplanmäßige Professorin an der Universität Münster und lehrt seit 2011 an der Georg-August-Universität Göttingen. Seit 1. Oktober 2015 ist Andrea D. Bührmann dort Vizepräsidentin für Studium, Lehre und Chancengleichheit.

Seit Herbst 2013 ist Andrea D. Bührmann Direktorin des neu gegründeten Instituts für Diversitätsforschung. Im Sommersemester 2014 forschte sie als Research fellow an der University of California/Berkeley; im Sommersemester 2015 nahm sie eine Gastprofessur an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt wahr. Zwischen 2013 bis 2015 war sie zudem Forschungsdekanin der Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Im Juli/August 2018 war sie Gastprofessorin am Deutschen Institut für Japanstudien Tokyo.

 

1) Liebe Frau Bührmann, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Reflexive Diversitätsforschung für unsere Leser*innen zusammen.

Der reflexiven Diversitätsforschung geht es – kurz gesagt – um die Erforschung der Problematisierungspraxen wie auch der empirisch-praktischen Bearbeitungspraxen von Diversität. Ziel ist es, die Konstruktions-, De-Konstruktions- wie Re-Konstruktionsprozesse sozialer Differenzierungspraktiken und deren empirisch-praktische Folgen zu erforschen. Dabei begreift sich die reflexive Diversitätsforschung selbst als immanenten Moment ihres Gegenstands. So versucht sie in einer normativen Perspektive – wie Theodor W. Adorno in seiner Minima Moralia gesagt hat –, zu einer Welt beizutragen, in der alle ‚Menschen ohne Angst verschieden sein können‘.

Die reflexive Diversitätsforschung begnügt sich also nicht damit, die Kontingenz gesellschaftlicher Verhältnisse und Selbstverhältnisse zu verdeutlichen, vermeintliche Gewissheiten bzw. Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und/oder bestehende gesellschaftliche Kritiken zu dokumentieren. Stattdessen will sie einen theoretischen wie methodischen Rahmen für die Erforschung von Diversität, ihren Dimensionierungen und deren Ausprägungen bieten. Dabei werden die folgenden Leitfragen fokussiert:

  • Was wird wann als Diversität problematisiert bzw. bearbeitet und weshalb?
  • Wer problematisiert Diversität und welche Gruppen werden so ‚gemacht‘ und wer leistet dagegen in welcher Weise weshalb Widerstand?
  • In welchen Begriffen werden diese Differenzen und mithin Diversität gefasst und welche Differenzen werden von wem empirisch-praktisch dabei gemacht? Wie werden unter welchen Umständen aus Differenzen Gemeinsamkeiten und wie aus Gemeinsamkeiten Differenzen?
  • Welche (strategischen) Folgen werden mit Diversität verbunden und wie materialisieren sie sich gegebenenfalls? Und wie werden Differenzen zu sozialen Ungleichheiten bzw. Ungleichheitslagen?

Bei der Auseinandersetzung mit diesen Leitfragen wird nicht davon ausgegangen, dass Differenzen und in bzw. als deren Folge Diversität gegeben seien und diese ‚nur‘ über bestimmte – am besten wohl wissenschaftliche – Methoden entdeckt werden könnten und müssten. Ferner wird auch nicht davon ausgegangen, dass bestimmte Differenzen oder Gemeinsamkeiten ‚relevant‘, ‚gegeben‘ oder ‚notwendig‘ seien. Vielmehr gelten Differenzen und damit eben in der Folge auch möglicherweise Diversität selbst als etwas, das zunächst in einem Zusammenspiel unterschiedlicher Praktiken und Elemente hervorgebracht wird. Allerdings haben diese Konstruktionsprozesse wirk-liche, da wirk-same Folgen. Sie können sich – müssen dies freilich nicht – auf die eine oder andere Art und Weise materialisieren. Einen anschaulichen Eindruck zur Umsetzung dieser theoretischen Überlegungen wird anhand einer Fallstudie über die Diversitätsstrategie der University of California, Berkeley verdeutlicht.

Es handelt sich um eine Einführung für MA-Studierenden und Lehrende, aber auch für Personen, die für die Konzipierung und Implementierung von Diversitätsstrategien (an Hochschulen) verantwortlich sind.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

In der Tat gab es einen Stein des Anstoßes: nämlich die Debatte um die unterschiedlichen Strategien im US-amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 2016. In einem – zumindest im globalen Norden – viel beachteten Kommentar in der New York Times erklärte damals der US-amerikanische Politikwissenschaftler und Publizist Mark Lilla den Sieg von Donald Trump gegen Hillary R. Clinton damit, dass Clinton sich schlicht zu viel für Diversität eingesetzt hätte. Denn ihre politische Strategie sei zu sehr auf Identitätspolitiken für die diversen Anderen ausgerichtet gewesen. Anstatt nämlich in ihrem Wahlkampf zu fragen, was das Gemeinwesen zusammenhalte, hätte sie auf die Verteidigung der Rechte spezifischer historisch diskriminierter Gruppen gesetzt. Dagegen hätte sich dann Trump als ‚Retter‘ der vergessenen Mitte des ‚normalen‘ Amerika inszenieren können. Implizit erklärte sich dabei indes die ‚eigentliche‘ Mehrheit selbst zu einer ‚uneigentlichen‘ Minderheit, deren Rechte gegenüber diversen politischen (Befreiungs-)Bewegungen zu verteidigen seien – hier sind neben der Bürgerrechtsbewegung vor allem Frauenbewegung, Schwulen- und Lesbenbewegung, Transgenderaktivist*innen ebenso wie Vertreter*innen von Behindertenorganisationen zu nennen.

Wie sie sicher wissen, hat Trump sich dieser Sichtweise vehement angenommen und wird dafür auch öffentlichkeitswirksam engagiert kritisiert. Die angesprochene Kontroverse, deren Argumentationen sich neuerdings z.B. auch in Deutschland immer größerer Beliebtheit erfreuen, macht deutlich, wie sehr inzwischen das Thema Diversität in den Fokus unterschiedlichster öffentlicher Debatten gerückt ist. Ja, Diversität wird eher als Normalität betrachtet. Normal scheint es nämlich mittlerweile, – eigentlich fast überall – Diversität und deren Folgen zu thematisieren.

Deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich die Sozialwissenschaften seit einiger Zeit intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Sie beobachten aufgrund einer Globalisierung der Wirtschaftsströme – und damit einhergehend einer Transnationalisierung der Arbeitsmärkte – wie auch sich regional ausweitender Kriege und fortschreitender Klimaveränderungen eine Diversifizierung der bisher als homogen vorgestellten Bevölkerungen. Als besondere Hot-Spots solcher Diversität gelten Großstädte, beständen sie doch entweder schon jetzt – wie etwa Amsterdam, Brüssel und London – oder aber doch sehr bald – wie etwa Augsburg, Frankfurt a.M. oder Stuttgart – mehrheitlich aus so genannten Minderheiten, die in sich wiederum auch nicht homogen seien.

Immer drängender stellt sich deshalb am Beginn des 21. Jahrhunderts die Frage nach dem möglichen Zusammenhalt in wachsender Vielfalt und der Rolle der Wissenschaft. Denn diese Beobachtungen haben spätestens mit der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ in der EU neue Nahrung erhalten und werden intensiv nicht nur in der Forschung, sondern auch in den Parlamenten, der Wirtschaft und anderen zivilgesellschaftlichen Institutionen erörtert vielen scheint es immer drängender, Menschen aus ‚anderen‘ Kulturen – auch angesichts eines diagnostizierten Fachkräftemangels – zu integrieren, und sie fragen, wie dies am besten geschehen könnte. Sollen sich die ‚Anderen‘ anpassen, sprich assimilieren, oder soll man sich nicht besser gemeinsam um Inklusion bemühen? Sie fragen, wie nicht nur Frauen, sondern auch Angehörige unterprivilegierter Schichten, spezifischer Berufsgruppen und vor allem Eingewanderte ‚angemessen‘ repräsentiert werden könnten. Ihnen geht es um ein Mehr an Chancengerechtigkeit für eine aktive und angemessene Teilhabe aller an wichtigen gesellschaftspolitischen Entscheidungen. Andere aber wenden sich explizit gegen jegliche Integrationsbemühungen und bestehen – aus einer rechtspopulistischen Perspektive heraus – auf einem ethnisch homogenen Staatsvolk, dem sie dann vielfach auch noch einen besonderen nationalen Charakter zuschreiben. Manche befürchten insbesondere eine drohende ‚Islamisierung‘ des ihrer Ansicht nach ‚eigentlich‘ christlichen Abendlandes. Einzelne – wie die sogenannten ‚Identitären‘ – gewärtigen zudem eine ‚fortscheitende Vereinheitlichung‘ und kämpfen deshalb für den ‚Erhalt einer Vielfalt reiner Kulturen bzw. Ethnien‘. Die hier nur beispielhaft erwähnten Themen, die im journalistischen Interdiskurs, in unterschiedlichen wissenschaftlichen Spezialdiskursen wie auch wohl in den alltäglichen Elementardiskursen aktuell verhandelt werden, stehen im Zentrum der reflexiven Diversitätsforschung.

 

3) Welchen Herausforderungen steht die Reflexive Diversitätsforschung derzeit gegenüber?

Ich denke es wird wichtig werden, die Erforschung von Diversität und ihre Bearbeitungen in Organisationen nicht nur auf einzelne Dimensionen, wie etwa die ethnische Zugehörigkeit, den sozialen Hintergrund, die körperliche Verfasstheit, das Alter oder die sexuelle Orientierung zu beschränken. Vielmehr geht es darum zu erforschen, ob und ggf. wie diese Dimensionen der Vielfalt intersektional zusammenwirken.

Dies ist übrigens auch der Fokus des stark forschungsorientierten MA-Studiengang Sozialwissenschaftliche Diversitätsforschung, der 2015 an der Universität Göttingen gestartet worden ist.

 

4) Welche Aspekte der Reflexiven Diversitätsforschung werden Ihrer Einschätzung nach künftig stärker in den Fokus rücken?

In Zukunft sollte es noch stärker um eine gesellschaftstheoretische Einordnung von Diversity Management- oder Diversity Policy-Formaten gehen. Denn sie haben sich seit den 1990er Jahren im gesamten Globalen Norden ausgebreitet.

Aus meiner Perspektive geht diese Ausbreitung auf einen Wandel der Normalisierungsstrategien hin zu einer Strategie zurück, die ich als inklusiven Normalismus bezeichnet habe. Er zeichnet sich dadurch aus, dass anders als beim ‚strikten Normalismus‘, der sich zu Beginn des 18. Jahrhundert entwickelte, keine strikten qualitativ begründeten Grenzen zwischen den Normalen und den anderen Nicht-Normalen gezogen werden und auch anders als beim ‚flexiblen Normalismus‘, der um 1900 sich ausbreitete, nicht nur weite quantitativ begründete Grenzbereiche zwischen Normalität und Nicht-Normalität bzw. Anormalität entstehen, in denen dann ehemals nicht normale, also Andere, durch entsprechende normalisierende Interventionen inkludiert werden. (Dazu haben Jürgen Link und andere intensiv geforscht.) Vielmehr werden beim inklusiven Normalismus vormals nicht normale Andere – unter bestimmten Bedingungen – gerade wegen ihrer Nicht-Normalität explizit als Andere inkludiert:  Den Kern dieser normalistischen Strategie bildet das Diversitätsprinzip, demzufolge eben bestimmte bisher nicht normale Gruppen – vor allem Repräsentant*innen der neuen sozialen Bewegungen – über entsprechenden Praktiken und Prozesse als diverse andere inkludiert werden. Exkludiert werden nur noch wenige, wie etwa Angehörige so genannter Parallelgesellschaften, Sexual-straftäter*innen und insb. Pädosexuelle oder Mitglieder terroristischen Vereinigungen.

Der inklusive Normalismus löst nun aus meiner Perspektive nicht die beiden anderen normalistischen Strategien mit ihren je unterschiedlichen Ausrichtungen ab, sondern bildet mit ihnen zusammen am Beginn des 21. Jahrhunderts eine neue normalistische Konstellation. Sie richtet sich – im Sinne einer neoliberalen Gouvernementalität – eben nicht primär auf Verbote oder Restriktionen, sondern auf Ermöglichungen und Steigerungen des Lebens, insbesondere der kreativen und innovativen Potentiale. Die Bevölkerung und zumal die Einzelnen werden nicht mehr durch vor allem staatliche Interventionen inkludiert oder exkludiert, vielmehr übernehmen Unternehmen, aber auch entsprechende öffentliche Verwaltungsinstitutionen und Hochschulen diese Aufgaben. So werden Möglichkeiten zur Einhegung von Differenzen eröffnet, die nicht zur entsprechenden Regierungs- bzw. Produktionsweise passten.

Ich denke, genau diese Entwicklungen sollten stärker in den Fokus rücken und erforscht werden.

 

5) Darum bin ich Autorin bei Budrich

Für mich ist der Verlag Barbara Budrich einer der wichtigsten (sozial-)wissenschaftlichen Fach-Verlage im deutschsprachigen Raum. Ich arbeite schon sehr lange und sehr gerne mit Barbara Budrich und ihren sehr kompetenten Mitarbeiter*innen zusammen. Besonders bemerkenswert finde ich die Bereitschaft, innovative Lösungen auch im Open Acess-Kontext zu entwickeln.

 

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3D Cover BührmannAndrea D. Bührmann: Reflexive Diversitätsforschung. Eine Einführung anhand eines Fallbeispiels

 

 

 

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