Emotionen beim Fußballgucken

FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft 2-2019: Fußballturniere als soziale und emotionale Medienevents – Eine empirische Analyse zum Emotionserleben des Fernsehpublikums bei Spielen der deutschen Fußballnationalmannschaft

Fußballturniere als soziale und emotionale Medienevents – Eine empirische Analyse zum Emotionserleben des Fernsehpublikums bei Spielen der deutschen Fußballnationalmannschaft

Markus Gerke, Michael Mutz

FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft, Heft 2-2019, S. 123-143

 

Zusammenfassung
TV-Übertragungen der Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft besitzen einen starken emotionalen Erlebniswert für das Publikum. Gerade bei WM- und EM-Turnieren scheinen sich starke Emotionen intensiv und kollektiv aufseiten der TV-Zuschauer_innen Bahn zu brechen. Auf Basis eines repräsentativen Surveys während der Fußball-EM 2016 fragt dieser Beitrag, welche Emotionen vom TV-Publikum während der Spiele erlebt wurden und welche Einflussfaktoren diese bedingen. Der Artikel zeigt, dass das Schauen der Spiele bei der Mehrheit der Zuschauenden mit Emotionen der Freude und Spannung verbunden war. Die Intensität dieser Emotionen hängt neben dem Spielergebnis auch von der Identifikation mit der Nationalelf und vom sozialen Kontext des TV-Schauens ab. Fans und Personen, die ein Spiel gemeinsam mit einer größeren Gruppe anschauten, empfanden stärkere Emotionen. Diese Ergebnisse zeigen, dass die EM 2016 für weite Bevölkerungsteile ein soziales wie emotionales Event war. Sie bestätigen die zentrale Rolle von Fanbindungen für das Emotionserleben und sind konsistent mit Modellen der emotionalen Ansteckung in Gruppen.

Schlüsselwörter
Kollektive Emotionen, affektive Dispositionen, Zuschaueremotionen, Sportkonsum, UEFA Europameisterschaft

 

Abstract
Football broadcasts and especially those of matches played by the German national team have a strong emotional impact on their audiences. FIFA World Cups and UEFA EURO’s in particular seem to be occasions during which strong emotions are exhibited intensively and collectively by TV viewers. Based on a representative survey conducted during the UEFA EURO 2016, this article investigates what types of emotions were experienced by the TV audience during matches and which factors influenced these emotions. We find that watching these matches was associated with emotions of joy and suspense in a majority of viewers. The intensity of these emotions was significantly influenced by the respective match result, the degree of identification with the national team and the social context of broadcast consumption. Fans and viewers who watched a match together with a larger group felt stronger emotions. These results show that the EURO 2016 was a social and emotional event for large parts of the population. They buttress the notion that fan loyalty is crucial for viewer experiences and are consistent with models of emotional contagion in groups.

Keywords
Collective emotions, affective dispositions, spectator emotions, sport consumption, UEFA football championship

 

1. Einleitung

Sport besitzt einen besonderen emotionalen Erlebniswert für das Publikum, denn das Verfolgen von Wettkämpfen ist in der Regel mit Spannungs- und Erregungszuständen verbunden, die nicht etwa unliebsame Nebenwirkung von Sportkonsum sind, sondern im Gegenteil gerade von den Zuschauenden gesucht werden. Heinemann (1995: 178) stellt grundlegend fest: „Die Attraktivität des Wettkampfsports liegt in der Unsicherheit des Ergebnisses, ja man kann sagen, dass die Produkte, die im Wettkampfsport erzeugt werden, Unsicherheit und Spannung sind.“ Hinzu kommt, dass die gegenwärtigen medialen Inszenierungsweisen des Sports – insbesondere des Fußballs – explizit darauf ausgelegt sind, die dem Spiel inhärente Emotionalität aufzugreifen und weiter zu steigern. Fernsehübertragungen von Fußballspielen kommen kaum aus ohne Bilder von jubelnden Zuschauer_innen im Stadion nach dem Torerfolg, weinenden Fans nach dem Verlust wichtiger Spiele, einer offensichtlich erregten und emotionalen Kommentierung und – gerade bei internationalen Fußballturnieren – vermehrt auch Einspielfilmen von oder Live-Schaltungen zu jubelnden Massen auf den Fanmeilen.

Die Spiele der Fußballnationalmannschaft der Männer bei Welt- und Europameisterschaften stellen dabei in qualitativer wie quantitativer Hinsicht einen zentralen und besonderen Fall des Auslebens von Emotionen – und deren medialer Rezeption und Verstärkung – im Fußballkontext dar: Die Übertragungen erreichen ein Millionenpublikum, welches augenscheinlich an den heimischen TV-Geräten – oder gemeinsam mit anderen in Kneipen, Biergärten oder Fanmeilen – mitfiebert. Und spätestens seit der FIFA WM 2006 in Deutschland gehört genau dieses öffentliche und massenhafte Mitfeiern und -leiden zum Standardrepertoire sowohl des Erlebens wie auch der Inszenierung solcher fußballbezogenen Mega-Events. Wie Ismer (2016: 220) in seiner Analyse der Übertragungen der Weltmeisterschaft 2006 betont, wird die Ekstase der Fans wohlwollend in der Berichterstattung aufgegriffen: „Über diese kollektive Emotionalität herrscht in der Vorberichterstattung einhellige Begeisterung: Man freut sich über die Freude“ und spiegelt diese gleichsam dem TV-Publikum wieder zurück. Gleichzeitig haben die Fußballwelt- und Europameisterschaften der Männer – wie auch in Deutschland in geringerem Maße die Olympischen Spiele und andere internationale Wettkämpfe – den Charakter von sportlichen Mega-Events, zu deren Anlass das öffentliche und mediale Interesse in einem relativ komprimierten Zeitraum, aber dafür umso intensiver, auf diese Wettbewerbe gerichtet ist. Diese Beobachtungen werfen zwei Fragen auf, die der nachfolgende Beitrag fokussiert:
1) Welche Emotionen erleben die Millionen von Zuschauer_innen, wenn sie die EM-Spiele der DFB-Elf der Männer verfolgen?
2) Und von welchen Einflussfaktoren wird die Intensität dieser Affekte bestimmt?

Gerade vor dem Hintergrund des medialen Narratives einer quasi ausnahmslos mitfiebernden Bevölkerung fragt der vorliegende Beitrag nach dem Ausmaß des Gefühlserlebens auf Seiten des TV-Publikums insgesamt, wie auch danach, ob sich im Verlauf eines Turniers – mit seiner Dramaturgie von der Vorrunde bis zu den Ausscheidungsspielen – und in Abhängigkeit der Spielergebnisse möglicherweise immer mehr Personen immer stärker affizieren lassen. Zweitens liefert dieser Artikel Antworten auf die Frage, welche Faktoren das Erleben von Emotionen während der TV-Übertragungen von EM-Spielen der DFB-Auswahl beeinflussen. Hierbei steht neben der Identifikation der Zuschauenden mit dem DFB-Team vor allem die Frage im Fokus, ob das gemeinsame Schauen der Spiele mit anderen die erlebten Emotionen verändert und ggf. verstärkt.

Antworten auf diese Fragen sind nicht nur als Beitrag zur Debatte um kollektive Emotionen im Kontext des Sports zu verstehen, sondern auch deshalb gesellschaftlich relevant, da sich die hier erlebten Emotionen explizit auf ein national-aufgeladenes Identifikationsobjekt – die Fußballnationalmannschaft und indirekt damit verbunden die Nation an sich – richten. In der Diskussion werden daher die Ergebnisse in die sozialwissenschaftliche Debatte um kollektive Emotionen und deren mögliche identifikationsstiftende Funktionen eingebettet.

2. Theoretischer Rahmen: Fußball, Emotionserleben und emotionale Ansteckung

Fußball-Events als emotionale Enklave

Anknüpfend an die Überlegungen von Elias und Dunning (1993) zur Suche nach Erregung in der von Routine und Gleichförmigkeit geprägten modernen Gesellschaft, lässt sich davon ausgehen, dass Menschen heutzutage weitestgehend die Norm verinnerlicht haben, ihre Gefühle und emotionalen Bedürfnisse – vor allem in der Öffentlichkeit und dort besonders im Kontext der Berufsarbeit – kontrollieren zu sollen. Wutausbrüche, Panik, Trauer, ausgelassene Freude und andere starke Gefühlsausbrüche finden – wenn überhaupt – dann nur im Privaten statt. Konsequenz dieser Entwicklung ist ein wachsendes Bedürfnis nach Abwechslung, Unterbrechung der Gleichförmigkeit und lustvoll empfundener Spannung, das vor allem in den Bereich der Freizeit projiziert wird. Elias und Dunning (1993) sprechen hier von „mimetischer Erregung“, die eine als angenehm reflektierte emotionale Valenz aufweist und all den Aktivitäten innewohnt, die als Selbstzweck und zur Muße ausgeführt werden: Die Freizeit fungiert somit als „emotionale Enklave“, in der das Erleben und spontane Ausleben von Emotionen in stärkerem Maße sozial legitimiert ist, und stellt insofern einen Gegenpol zu einem von Routinen geprägten Alltag dar. Dies gilt auch ganz besonders für den Konsum von Sportereignissen. Hochklassige und zugleich spannende Fußballspiele sind Paradebeispiele für solche Ereignisse der „mimetischen Klasse“. Momente der Freude und Erleichterung tragen dabei ebenso zum Vergnügen bei, wie Momente der Unsicherheit und Furcht (Elias/Dunning 1993). Empirische Studien haben vielfach nachweisen können, dass das Spannungs- und Emotionserleben in der Tat ein zentrales Motiv für die Nachfrage nach Sportereignissen ist (Wann 1995; Wann et al. 2008). Zuschauer_innen schalten dann vermehrt Sportübertragungen ein, solange diese Spannung versprechen und der Ausgang eines Spiels ungewiss ist (Alavy et al. 2010; Mutz/Wahnschaffe 2016). Darüber hinaus ist gut belegt – aber im Grunde auch fast trivial –, dass Sportzuschauer_innen von positiven Emotionen (z.B. Stolz, Freude, Dankbarkeit) berichten, wenn ihre bevorzugte Mannschaft siegreich war und von negativen Emotionen (z.B. Ärger, Missmut), wenn diese verliert (Kerr et al. 2005; Jones et al. 2012).

Identifikation als Auslöser von Emotionen

Zu der dem Fußball inhärenten Dramaturgie kommt hinzu, dass sich viele Zuschauer_innen mit einer der spielenden Mannschaften identifizieren. Der Theorie affektiver Dispositionen folgend (Zillmann et al. 1989; Raney 2009, 2012), ist diese Identifikation eine wesentliche Voraussetzung für das Ausmaß des Emotionserlebens. Zuschauer_innen entwickeln gegenüber Protagonist_innen in Medienprodukten, aber eben auch gegenüber Sportler_innen und Sportteams affektiv eingefärbte Dispositionen, die auf einem Kontinuum von starker Sympathie über Neutralität bis zu starker Antipathie verlaufen. Positive Dispositionen gegenüber einer Mannschaft oder einzelnen Athlet_innen sind grundlegend für Fanbindungen. Für Raney (2009) sind die erlebten Emotionen beim Ansehen eines Sportereignisses eine Funktion der Dispositionen gegenüber den teilnehmenden Sportler_innen und des Ergebnisses des Wettbewerbs: Je mehr Sympathie Zuschauende einer Mannschaft entgegenbringen, desto größer die Freude, wenn diese Mannschaft gewinnt und desto größer der Frust, wenn diese verliert. Gesteigert werden kann die Freude nur noch dann, wenn die präferierte Mannschaft gegen eine Mannschaft gewinnt, gegenüber der eine negative Disposition ausgebildet wurde: „Enjoyment increases the more the viewer favors the winning team and/or dislikes the losing team […]. It follows then that maximum enjoyment from viewing sports should be experienced when a most-beloved team defeats a most-hated rival“(Raney 2012: 168). Zillmann et al. (1989) haben diese Annahmen u.a. bei Zuschauer_innen von American Football-Übertragungen untersucht: Zuschauer_innen mit Antipathie gegenüber dem siegreichen Team zeigten nach dem Spiel die geringste Freude; wer hingegen das siegreiche Team sympathisch fand, freute sich erwartungsgemäß am meisten. Ähnliche Befunde zeigten sich auch in Studien zu Formel 1-Rennen (Hartmann et al. 2008) oder zum Eisschnelllauf (Bee/Madrigal 2012).

Emotionale Ansteckung in sozialen Kontexten

Der Konsum insbesondere großer Sportereignisse zeichnet sich auch dadurch aus, dass er sich oftmals im Beisein von anderen Zuschauer_innen vollzieht – sei es im Stadion, in der Kneipe, auf Fanmeilen oder gemeinsam vor dem heimischen TV-Gerät. Dies bedeutet auch, dass Spannung, Freude und Ärger nicht allein, sondern gemeinschaftlich erlebt werden. Emotionen beim Zuschauen sind also oftmals auch kollektive Emotionen, die sich dadurch auszeichnen können, dass sich die Gefühlsregungen in der Gruppe gegenseitig steigern: Die Literatur zur „emotionalen Ansteckung“ argumentiert, dass Menschen, sobald sie in einer Gruppe agieren, die Emotionen bzw. das damit einhergehende Ausdrucksverhalten der Menschen in ihrer Nähe wahrnehmen und dadurch die wahrgenommene Emotion in den Wahrnehmenden selbst ausgelöst wird (Hatfield et al. 1994). Grundsätzlich gilt dabei, dass die Emotionen anderer umso besser wahrgenommen werden können, je intensiver sie ausgedrückt werden: „The same emotion […] expressed with greater levels of energy should lead to more contagion“ (Barsade, 2002: 649). Für die eigentliche Ansteckung wird ein nahezu automatischer, spontan und unbewusst ablaufender Prozess der mimischen und motorischen Nachahmung postuliert, bei dem der bei anderen wahrgenommene Emotionsausdruck imitiert wird. Dies wird von zahlreichen Studien untermauert, die v.a. die Nachahmung von Gesichtsausdrücken (z.B. Dimberg et al. 2000) und Körperbewegungen (z.B. Chartrand/Bargh 1999) untersucht haben. Mit der Nachahmung des Ausdrucksverhaltens ist aber auch das Nachempfinden der eigentlichen Emotion verkoppelt (Hatfield et al. 1994), und es lassen sich bei den emotional ‚infizierten‘ Personen die erwarteten neurologischen Korrelate von Emotionen identifizieren, wie z.B. eine erhöhte Aktivität der Amygdala (Juruena et al. 2010). Besonders gut scheint der emotionale Ansteckungsprozess bei Personen abzulaufen, die sich (zumindest etwas) sympathisch finden, derselben sozialen Gruppe angehören und sich unter freundschaftlichen Rahmenbedingungen begegnen (Hess/Fischer 2013), was in den meisten Fällen beim gemeinsamen Fußballschauen von Spielen des DFB-Teams vorausgesetzt werden kann. Das gemeinsame Schauen der Spiele im Freundes- und Familienkreis oder mit Gleichgesinnten beim Public Viewing, sollte also beste Voraussetzungen für emotionale Ansteckung bieten.

Komplementär hierzu lässt sich die Entstehung kollektiver Emotionen auch als ein stärker sozial normierter Prozess der Emotionsregulation beschreiben, der je nach Situation entweder zu einer Verstärkung oder einer Abschwächung von Emotionen im Gruppenkontext führen könnte (zusammenfassend hierzu: von Scheve 2009: 288ff). Grundlegend für diese Perspektive ist die Annahme, dass Menschen ihre eigenen Emotionen, die wahrgenommenen Emotionen anderer Menschen und die in einer Situation geltenden sozialen Normen abgleichen, um sich dadurch zu versichern, ob bzw. dass ihre eigenen Emotionen in einer bestimmten Situation angemessen sind. Unterstellt wird dabei, dass Menschen darauf bedacht sind, ihre Emotionen weitestgehend so zu kontrollieren, dass nur die jeweils angemessenen Emotionen gezeigt werden. Was ‚angemessen‘ ist, ist in vielen Situationen sozial normiert, d.h. es existieren soziale Normen und Standards, die festlegen, welche Emotionen gefühlt („feeling rules“) werden sollen (Hochschild 1979) bzw. wie diese ausgedrückt ( display rules“) werden dürfen (Ekman/Friesen 1969). Es folgt daraus, dass Menschen permanent abgleichen (müssen), ob das, was sie momentan empfinden zu den geltenden Emotions- und Expressionsnormen passt oder nicht. Die anderen in der Situation anwesenden Personen sind dabei ein wichtiger Gradmesser, ob die eigene Interpretation der Situation richtig ist: Lässt das emotionale Ausdrucksverhalten der anderen Beteiligten den Schluss zu, dass sie das Gleiche fühlen wie die Akteurin selbst (und dies eben auch zeigen), fühlt diese sich bestätigt, dass das Gefühlte und die Art des Ausdrucks angemessen ist. Unterstellt man nun, dass in einer potenziell sehr aufregenden und emotionalen Situation, was auf das gemeinsame Fußballschauen im Grunde zutrifft, auch die anderen Akteure zunächst prüfend auf die Anwesenden achten, bevor sie ihren Gefühlen ‚freien Lauf‘ lassen, entsteht erst nach und nach eine Dynamik der wechselseitigen Bestätigung, dass das eigene Interpretationsmuster der Situation und damit auch die von einem selbst gezeigten Emotionen zur Situation passen und sozial anschlussfähig sind. Es kann sogar als soziale Norm erachtet werden, dass man beim Fußballschauen auf ein bestimmtes expressives Verhalten mit einem ähnlichen Verhalten reagieren soll, z.B. mitklatschen oder mitsingen soll, aber auch Freude oder Enttäuschung zeigen soll. Von Scheve (2009) spricht hier von Korrespondenzregeln, die die Erwartungen festlegen, welche Reaktionen auf das Ausdrucksverhalten anderer Personen angemessen und sozial akzeptiert sind.

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