Der wissenschaftliche Nachwuchsbeirat: Dr. Manuel Franzmann

Der wissenschaftliche Nachwuchsbeirat des Verlags Barbara Budrich im Interview

Seit 2019 wird der Verlag Barbara Budrich von einem engagierten Nachwuchsbeirat unterstützt. Die Mitglieder dieses Beirats sind vertraut mit einem unserer Fachbereiche (Erziehungswissenschaft, Gender Studies, Politikwissenschaft, Soziale Arbeit, Soziologie, Schlüsselkompetenzen des wissenschaftlichen Arbeitens/Hochschuldidaktik) und helfen aktiv bei unserer Programmentwicklung.

Im Rahmen dieser Rubrik stellen wir in unregelmäßigen Abständen die Mitglieder unseres Nachwuchsbeirats vor.

 

Portrait Manuel FranzmannName: Dr. Manuel Franzmann

Fachbereich: Soziologie, Pädagogik und Soziale Arbeit

Kurzvita:

  • Studium der Philosophie, Soziologie und Psychoanalyse in Freiburg, Berlin und Frankfurt am Main
  • soziologische Promotion an der Goethe-Universität Frankfurt am Main zum Thema „Säkularisierter Glaube. Fallrekonstruktionen zur fortgeschrittenen Säkularisierung des Subjekts“ auf der Grundlage von ausführlichen Interviews mit fortgeschritten-säkularisierten Menschen
  • biografieanalytisches Forschungsprojekt zur alltäglichen Solidaritätsbereitschaft an der Technischen Universität Dortmund, dort Lehre in der Arbeits- u. Industriesoziologie
  • zwei professionalisierungstheoretisch motivierte Projekte der Schul- und Unterrichtsforschung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, u.a. zu den restriktiven Folgen der gesetzlichen Schulpflicht
  • grundlagentheoretisches Projekt der Jugend- und Professionsforschung im Rahmen des SFB/FK „Wissenskultur u. gesellschaftlicher Wandel“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • fallanalytisches Forschungsprojekt zur öffentlichen Beschäftigungsförderung von Langzeitarbeitslosen beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Düsseldorf
  • Projekt der Europaforschung an der Universität Siegen
  • Biografie-, Bildungs- und Professionsforschung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

 

Mein Forschungsbereich:

Der thematische Fokus meiner wissenschaftlichen Arbeit liegt insbesondere in einer fall- und biografieanalytischen Bildungsforschung, die individuelle Transformationen in Sozialisation und Lebenslauf in ihrem Zusammenspiel mit institutionellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und geschichtlichen Hintergründen untersucht und die Wirksamkeit einer darauf bezogenen professionellen Praxis der differentiellen (sozial-) pädagogischen Förderung analysiert. Das schließt eine soziologische Professionenforschung – professionenvergleichend und besonders im Hinblick auf Pädagogik und Soziale Arbeit – ein. Weitere Forschungsschwerpunkte sind die Religionssoziologie, Sozialpolitik- und soziale Ungleichheitsforschung, Diversitäts- und Migrationsforschung, Globalisierungs- bzw. Europaforschung.

 

Zu dieser konkreten Fragestellung forsche ich derzeit:

Mich beschäftigen derzeit im Wesentlichen drei Forschungsfragen: Erstens interessiere ich mich für die soziale Ungleichheit bei der strukturellen Verfügbarkeit von Muße und ihre Folgen, insbesondere auch in bildungstheoretischer bzw. biografischer Hinsicht. In diesem Zusammenhang setzte ich mich auch mit der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens auseinander, dessen Besonderheit in meinen Augen gerade darin besteht, die sozialstrukturelle Verfügbarkeit von Muße, die bisher überwiegend ein Privileg wohlhabender Kreise war und ist, zu „demokratisieren“. Ich arbeite vor diesem Hintergrund auch an der Konzeptualisierung einer biografieanalytischen Begleitforschung zu einem abgeschlossenen und einem laufenden Grundeinkommensexperiment.

Zweitens interessieren mich weiterhin die sehr restriktiven Folgen der gesetzlichen Schulpflicht für eine professionalisierte Schulpädagogik. Ich untersuche diese im Rahmen einer „naturalistischen Bildungsforschung in situ“ anhand von detaillierten Protokollen der Unterrichtsinteraktion, die mithilfe digitaler Multitrack-Recording-Technik die Unterrichtsinteraktion vollständig audiovisuell erfasst.

Drittens analysiere ich anhand von EU-Parlamentsdebatten zur Zukunft der EU, wie sich Strukturprobleme der EU-Institutionenordnung in den Problemdiagnosen und Zukunftsentwürfen der Parlamentarier widerspiegeln. Mich interessiert dabei insbesondere das „Gemeinschaftsdefizit“ (A. Etzioni) der EU-Institutionen, von dem die in den Sozialwissenschaften verbreitete Diagnose von einem „demokratischen Defizit“ der EU, die sich bei näherem Hinsehen als analytisch ausgesprochen fragwürdig erweist, nur ablenkt. Im Hintergrund dieses Forschungsinteresses steht die Unterscheidung zwischen einer Globalisierung als „Vergesellschaftung“, die schon weit fortgeschritten ist, und einer Globalisierung als „Vergemeinschaftung“, für welche die EU ein Modell werden könnte, sofern sie sich denn in die Richtung eines europäischen Bundesstaates weiterentwickelt. Sozialwissenschaftliche Ansätze, welche die EU und die Globalisierung bewusst auf Vergesellschaftung beschränken und sich vom Gemeinschaftsbegriff verabschieden, sind in meinen Augen auf einen verbreiteten „Gemeinschaftsanalphabetismus“ in den Sozialwissenschaften zurückzuführen, dessen Einfluss in der gesellschaftlichen Praxis erheblichen Schaden anrichtet.

 

Meine Publikation(en):

Franzmann, Manuel (2018): „Bewährung und säkularisierte Transzendenz. Der Bewährungsbegriff aus säkularisierungstheoretischer Perspektive“. In: Behrend, Olaf; Zizek, Boris (eds.) Autonomie und Bewährung. Grundbegriffe rekonstruktiver Bildungsforschung. Wiesbaden: VS Springer.

Franzmann, Manuel (2018): „’Ob ich nun über das Grab meiner Eltern ihnen böse sein soll, weil sie 1950 mit mir von Berlin-Wedding nach Berlin-Pankow gezogen sind?‘ – Über den Fall einer ehemaligen, systemtreuen DDR-Lehrerin“. In: Garz, Detlev; Nagel, Ulrike; Wildhagen, Anja (eds.) Biographische Erfahrungen im Sozialismus. Analysen des Lebens im ‚so anderen Land‘ der DDR. Opladen: Verlag Barbara Budrich. pp. 207-242.

Franzmann, Manuel (2017): „Das bedingungslose Grundeinkommen als epochaler Fortschritt in der Sozialstaatsentwicklung?“. Kiel: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Studien zur rekonstruktiven Sozialforschung 1 (Link zum Paper), 4 Seiten.

 

Ich bin Mitglied des wissenschaftlichen Nachwuchsbeirats des Verlags Barbara Budrich, weil …

… ich darin nicht zuletzt die Chance sehe, einen Beitrag dazu zu leisten, dass substanzielle sozialwissenschaftliche Forschungsbeiträge aus den Reihen des wissenschaftlichen Nachwuchses – die jenseits von ohnehin breit geförderten modischen Hypes eigenständig entstehen – erkannt, über einen renommierten Verlag wie dem Barbara Budrichs publiziert und so der Fachöffentlichkeit zugänglich werden.

 

© Pixabay 2019 / Beitragsbild: Roselie; Portraitfoto: Manuel Franzmann; Titelbild gestaltet mit canva.com