Freiheitskampf, Erinnerung und nationale Identität

Ein neuer Blick auf die Vergangenheit, Visionen der Zukunft. Das Muktijoddha Jadughar (Liberation War Museum) in Bangladesch als Schau-Platz des Widerstands

Shelley Feldman

PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur, Heft 1/2019, S. 26-45

Zusammenfassung
24 Jahre nach der Entkolonisierung wurde im damaligen Ostpakistan ein zweiter Kampf für Unabhängigkeit ausgefochten, diese Mal gegen Pakistan. Es dauerte weitere 25 Jahre, bis es einem Zusammenschluss von in der Öffentlichkeit stehenden Bürgern gelang, ein Nationalmuseum zum Gedenken des Freiheitskampfes (Muktijuddo Jadughar) zu bauen. Dieser Artikel begreift das Museum als Ort der Zurückerlangung und Aushandlung einer bestimmten Lesart der Geschichte. Hierbei steht die Anerkennung der Bedeutung der Unabhängigkeit für die (Re-)Konstruktion nationaler Zugehörigkeit im Mittelpunkt. Anhand von Debatten um Staat und Nation, Museum und Erinnerung wird gezeigt, wie Öffentlichkeiten „die Geschichte vor der Nation retten“ und die Exklusionspraktiken hegemonialer nationalistischer Lesarten in Frage stellen. Die durch Militärherrschaften und fragile Demokratie hervorgerufenen Krisen verweisen dabei auf fortwährende Spannungen zwischen religiösen und säkularen Staatsformen und Forderungen, die vermeintlichen Kollaborateure zur Rechenschaft zu ziehen. Um die Herausforderungen für die aktuelle Geschichtsschreibung anhand des Wiederstands gegen die Exklusion von Ereignissen nachzuzeichnen, wird in dem Museum und seinem Archiv gesammeltes Datenmaterial verwendet.

Schlagwörter: Bangladesch, Museum, autoritäre Regime, Unabhängigkeitskrieg, Erinnerungsorte

 

Reframing a Past, Imagining a Future: The Bangladesh’s Muktijoddha Jadughar (Liberation War Museum) as a Site of Resistance

Abstract
Twenty-four years after an anti-colonial struggle against the British, the war in East Pakistan was a struggle for a second independence, this time from Pakistan. It took another twenty-five years for a constituency of public citizens to build a national war museum demanding recognition of this genocidal liberation war and its freedom fighters. Focusing on the Muktijoddha Jadughar (Liberation War Museum) as a site of recuperation and contestation, I offer a reading of Bangladeshi history that acknowledges the centrality of independence in (re)constructing national belonging. Drawing on debates on state and nationalism, and museums and memory I show how publics can “rescue history from the nation” and challenge exclusions in the hegemonic nationalist narrative. In this account, the crises of military rule and fragile democratic governments are charted to highlight ongoing tensions between secular versus religious state forms and demands for accountability from those identified as enemy collaborators. Evidence drawn from the Museum collection and archival materials provide the case material for the argument that resistance to the exclusion of events offers a critical site for examining challenges to current accounts of Bangladeshi history.

Keywords: Bangladesh, museums, authoritarian regimes, liberation war, sites of memory

 

Am 22.3.1996 wurde das Muktijoddha Jadughar, das Museum für den Befreiungskrieg, in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka eröffnet – fünfundzwanzig Jahre nach dem Kampf um Unabhängigkeit von Pakistan und fünf Jahre nach der Einführung der demokratischen Herrschaft. Die Initiative war von ehemaligen Freiheitskämpfer*innen ausgegangen, deren Anliegen es war, die Erinnerung an den Befreiungskrieg aufrechtzuerhalten, damit zukünftige Generationen „unsere reiche Herkunft kennen, […] Inspiration und Anerkennung für eine bessere Zukunft entwickeln, und den großen Märtyrer*innen, den Freiheitskämpfer*innen und Menschen auf der ganzen Welt, die den Befreiungskampf 1971 unterstützten, Ehre erweisen“ ( Bangladesch Observer vom 26.3.1995).1 Das Museum wurde in einem alten Haus in Segun Bagicha, einer gemischten Gegend mit Büros, Gewerbeflächen und Wohnhäusern im Zentrum Dhakas eingerichtet. Das Museumskonzept sieht vor, einen Ort des Austauschs und der Begegnung zu schaffen. In dem schönen Garten wurde ein Café eröffnet, in dem die Besucher sich aufhalten und sich unterhalten können und über die Bedeutung des Krieges für diejenigen diskutieren können, die ihn erfahren oder für diejenigen, die ihn nicht erlebt haben. Neben einer Bibliothek unterhält das Museum ein von den Vereinigten Staaten finanziertes Videocenter, in dem Filmvorstellungen, Musikveranstaltungen, Tagungen und Workshops abgehalten werden können (The Daily Star vom 1.12.1998). Im Kontrast zu dieser angenehmen Umgebung basiert die Ausstellung selbst im Wesentlichen auf schwarz-weißen Zeitungsausdrucken und Photographien, die den Horror des Krieges und des damit verbundenen Genozids an der bengalischen Bevölkerung wachrufen. Akku Chowdury, die treibende Kraft hinter dem Projekt, betonte am 24.5.1996 im Star Magazine:

„Wir wollen, dass die Menschen stolz auf unser Land sind; […] solange wir nichts über unsere Vergangenheit wissen, können wir keine Fortschritte erzielen. […] Das Muktijoddha ist eine unserer größten Errungenschaften. Es gab eine Zeit, in der die Bengalen vereint waren. Wenn dieser Geist wiederbelebt werden kann, dann sind wir zu Großem fähig.“2

Das Muktijoddha Jadughar identifiziert die Freiheitsbewegung als Kern der bangladeschischen nationalen Identität. Die Dokumentation der Geschehnisse, Aktivitäten und Artefakte, die in der Ausstellung gezeigt werden, sollen die Opfer und den Horror derjenigen zeigen, die für die Freiheit gekämpft haben. Das Museum hält seine Besucher dazu an, über die Vergangenheit, insbesondere die Zeit vor der Militärherrschaft, nachzudenken und die Tilgung des Krieges aus den Alltagserfahrungen zu hinterfragen (Rashid 1996).

Kriegsmuseen sind besonders geeignet, um die Darstellung von „historischen Wahrheiten“ zu analysieren, denn ihre Sammlungen sind Arenen, die bestimmen, wie Staaten und Öffentlichkeiten Vergangenheiten konstruieren, verstehen, darstellen und darauf reagieren. Sie helfen uns nicht nur die Erinnerung aufrechtzuerhalten, sondern verweisen auf den Triumph, den Glanz einer Gesellschaft. In anderen Fällen erinnern sie uns an die Schrecken traumatischer Ereignisse oder Niederlagen und helfen uns nicht zu vergessen, dass sich solche Dinge nicht wiederholen dürfen. Elie Wiesel folgend, helfen uns Museen und Gedenkstätten, aus den Tragödien der Vergangenheit zu lernen. Anlässlich der Einweihung des Holocaust Memorial Museums in Washington, D.C. lobte Wiesel die Bemühungen der Überlebenden des Holocaust, ihre Tagebücher, Briefe und Fragmente des Krieges zugänglich zu machen und zu fragen:

„Was haben wir gelernt? Wir haben einige Lektionen gelernt, vielleicht kleine Lektionen, dass wir alle verantwortlich sind, und Gleichgültigkeit eine Sünde und eine Strafe ist. Und wir haben gelernt, dass wir, wenn Menschen leiden, nicht gleichgültig bleiben können.“3

Museen – egal, ob es um Feiern oder Gedenken geht – werfen Fragen auf, wie Geschichte geschaffen oder reproduziert wird, denn die Vergangenheit kann nicht im wörtlichen Sinne gedeutet, sondern lediglich selektiv erschlossen werden (Schwartz 1982: 393). Auch Prasenjit Duara (1996: 15) erinnert daran, dass Nationalismus, wie alle Konstruktionen der Vergangenheit, selten der Nationalismus der einen Nation ist, sondern vielmehr die Schnittstelle markiert, an der verschiedene Repräsentationen der Nation konkurrieren und verhandelt werden. Die Erforschung von Museen und Erinnerung zeigt, dass diese Repräsentationen Ergebnisse von Kämpfen um konkurrierende Erinnerungen und Geschichtsberichte sind, die sich überlappen oder kollidieren, mitunter auch ausgelöscht werden, um Tatsachen der Geschichte zu werden. Als das Produkt von Kämpfen sind die angenommenen Tatsachen der nationalen Geschichte eigentlich eine partielle und ausschließende Interpretation, das Produkt einer „kontrollierten Übung und automatischen Vertiefung des Gedächtnisses, der Rekonstruktion einer Vergangenheit ohne Lücken oder Fehler“, die Schaffung einer offensichtlich logischen Wiedergabe dessen, was „wirklich“ passiert ist (Nora 1989: 9).

In diesem Beitrag geht es daher um die Spannung zwischen dem, was in nationalen Erzählungen erinnert, vergessen oder ausgelassen wird. Hierfür untersuche ich die gesellschaftspolitischen Bestimmungsfaktoren, die den Wunsch nach dem Bau eines Kriegsmuseums prägen, und die Ausstellungen des Museums darauf hin, was sie als Erzählung über den Unabhängigkeitskampf Bangladeschs anbieten. Dabei orientiere ich mich an einer relationalen Analyse, wie sie in der Studie über die Vietnam Veterans War Memorial Wall von Robin Wagner-Pacifici und Barry Schwartz (1991) durchgeführt wurde. Diese Studie zeigt, wie die Unbeliebtheit des Krieges zu konkurrierenden Interessen und Verhandlungen im Rahmen der Entscheidung über den Bau eines Denkmals führte, und rekonstruiert sorgfältig die Spannungen zwischen zivilgesellschaftlichen, teilautonomen und staatlichen Institutionen im Streit um die Bedeutung des Vietnamkriegs und die angemessene Art und Weise, seine (amerikanischen) Opfer anzuerkennen. Sie zeigen, wie eine Gedächtnismauer die verlorenen Menschenleben als Teil der amerikanischen Geschichte anerkennen kann, auch wenn die Auseinandersetzung über die angemessene Darstellung des sozial und politisch höchst problematischen Krieges längst nicht abgeschlossen ist.

In Bangladesch haben Staat und Politik die Bedeutung des Unabhängigkeitskrieges zwar anerkannt, doch sehen einige Fraktionen diesen, fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeit, eher als eine Fußnote in der Nationalgeschichte. So wurde das nationale Märtyrerdenkmal4 in Nabinagar, Savar, etwa 35 Kilometer von der Hauptstadt Dhaka entfernt erst nach zehn Jahren Planungs- und Bauzeit fertiggestellt. Es hat aber bis heute keine besondere Bedeutung, weder als Versammlungsort, noch als Diskussionsgegenstand. Im Gegensatz dazu soll das Muktijoddha Jadughar sowohl erzieherischen Absichten als auch der Wiederaneignung der Geschichte dienen. Indem der Fokus auf eine Öffentlichkeitsarbeit gelegt wird, in der die durch das Militär propagierten Vergangenheitskonstruktionen explizit in Frage gestellt werden und stattdessen die Freiheitskämpfer*innen, die mukti bahini, geehrt werden, weist das Museum dem Befreiungskrieg eine zentrale Bedeutung in der Geschichte des Landes zu. Mit anderen Worten: Kämpfe um das Museum erscheinen als selbstbewusste Kämpfe um die Geschichte der Nation.

Dieser Beitrag greift das Interesse bisheriger Veröffentlichungen an Erinnerung und Nationalismus auf. Er nimmt die Bedeutung von Kriegsmuseen für die Aushandlungen der Vorstellungen darüber, was die Nation und die nationale Geschichte ausmacht, in den Blick. James Wilce (2002: 173) folgend geht es darum, dass „öffentlich daran erinnert würde, wie erinnert werden soll“ – und dies verweist auf das aktive Herstellen der nationalen Geschichte. Indem Museen spezifische Ereignisse in den Mittelpunkt stellen, provozieren sie die kritische Rezeption oder den Widerstand gegen institutionalisierte Formen nationaler Geschichte.

Im Folgenden werde ich zunächst einen kurzen historischen Überblick über die ersten Jahre der Unabhängigkeit geben, einschließlich einer Analyse der politischen und institutionellen Veränderungen, welche die Forderung nach Verantwortlichkeit für die Gräueltaten des Krieges und die Anerkennung derjenigen, die für die Befreiungsbewegung gekämpft und ihr Leben gegeben haben, prägen. Die historische Darstellung beginnt mit der Zeit unmittelbar nach dem Krieg, in der das Land von Sheikh Mujib regiert wurde, bis hin zur Eröffnung des Muktijoddha Jadughar im Jahr 1996. Mein Anliegen ist es im Weiteren, anhand der Analyse des politischen Kontexts und der Vorstellungen des Kuratoriums des Museums diejenigen Konstruktionen zu hinterfragen, die während der darauf folgenden Militärregierungen (1975-1991) entstanden ist. Stattdessen möchte ich eine Erzählung anbieten, welche die mit dem Befreiungskrieg und dem Volkskampf um Unabhängigkeit verbundenen Vorstellungen akzentuiert. Dabei geht es mir weniger um die Exponate selbst als um die Bedingungen, die zum Bau des Muktijoddha Jadughar geführt haben, und um die Artefakte und Erinnerungsgegenstände, die den Widerstand gegen die Unterschlagung der Unabhängigkeitsbewegung in der nationalistischen Erzählung verdeutlichen. Es folgen zwei kurze Abschnitte über die moralische Empörung im Zusammenhang mit dem Völkermord und über die Bemühungen, die Kollaborateure zur Rechenschaft zu ziehen. Der Artikel schließt mit einer Reflexion über das Erinnern, die Institutionalisierung und die Legitimität des Widerstands gegen politische Herrschaft durch ein Museum, das nicht von staatlicher Seite, sondern von Privatleuten aufgebaut wurde.

1 Neben Akku Chowdury gehören Dr. Sarwar Ali, Aly Zaker, Asaduzzamen Noor, Sara Zaker, Architekt Rabiul Hasan, Mofi dul Hoque und Ziauddin Tariq Ali zum Kuratorium des Museums.
2 Diese Art der Darstellung ist typisch für einen Nationalismus, der ethnische und religiöse Unterschiede ignoriert.
3 22.4.1993, Dedication, https://www.c-span.org/video/?c4608815/elie-wiesel-holocaustmemorial-museum-dedication.
4 Moinul Hossain entwarf das Denkmal, das in drei Phasen fertig gestellt wurde: 1972 wurde Land erworben und eine Straße gebaut; zwischen 1974 und 1982 wurden die Massengräber, der Hubschrauberlandeplatz und der Parkplatz gebaut, und im August 1982 wurde das Hauptgebäude fertiggestellt. Jede Produktionsstufe fand unter einem anderen politischen System statt.

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PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur 1-2019Sie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 1/2019 der PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur erschienen.

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