Kollateral-Schäden: Tod den unabhängigen Wissenschaftsverlagen?

Geldhaufen

DEAL mit Springer

Wieder wird frenetisch gefeiert. Wieder wird gesagt: Es wird alles besser und billiger. Und wieder wird die Frage nicht adressiert, wie die staatliche Förderung der internationalen Konzernverlage ein wichtiges Segment der Wissenschaft zu pulverisieren droht.

Während nach Jahren zähen Ringens um die exorbitanten Kosten des Publizierens und die enorm hohen Abogebühren bei den drei Großkonzernen mit Wiley bereits zu Jahresbeginn eine Einigung erzielt wurde, wird nun der (gleiche) DEAL-Abschluss – für 2.750 Euro je Zeitschriftenaufsatz – mit Springer gefeiert, der trotz Verzögerung nun per 1. Januar 2020 in Kraft treten kann. Für uns als unabhängigen Wissenschaftsverlag bedeutet es eine Verschärfung der ohnehin schwierigen Marktbedingungen.

 

Die Sozial- und Geisteswissenschaften als „Kollateral-Gewinne“ für die Konzerne

Der Kampf um die DEALs bezieht sich in der Hauptsache auf den STM-Bereich: Vor allem dort waren die Abo-Gebühren bis in den fünfstelligen Bereich angewachsen, die Article Processing Charges (APCs) in den vierstelligen Bereich.

In den Sozial- und Geisteswissenschaften sehen die Preise ganz anders aus: Hier arbeiten Verlage mit vierstelligen Beträgen, wenn Bücher unmittelbar Open Access erscheinen sollen. Damit sinken die Verkäufe von gedruckten Exemplaren gegen null. Die Erlöspotenziale ebenfalls. Zeitschriften, die ausschließlich mit APCs arbeiten, sind mir im deutschsprachigen Raum nicht bekannt. Wir bieten – wie viele andere Verlage auch – die Möglichkeit, gegen einen niedrigen dreistelligen Betrag einzelne Zeitschriftenaufsätze unmittelbar Open Access zu publizieren. Die Zeitschriften finanzieren sich aber nach wie vor über Abo-Modelle.

Wie sich die neue Wissenschaftspolitik mit Blick auf die Entwicklung unserer Zeitschriften im Vergleich zu den nunmehr staatlich geförderten Zeitschriften darstellen wird, bleibt abzuwarten.

 

Unterschiedliche Perspektiven

Für die öffentliche Hand, die Institutionen, die Bibliotheken bedeutet das Ergebnis nach langen Jahren des Ringens nun eine gewisse Handlungs- und Finanzsicherheit – wobei ich natürlich nicht weiß, ob die Budgets durch die DEALs tatsächlich geschont werden. Der Wiley-DEAL wurde zunächst auf 27,5 Millionen Euro pro Jahr geschätzt (2.750 € je Aufsatz bei rund 10.000 Aufsätzen). Wir werden sehen, wie viel Geld für Springer springen wird. Wenn wir davon ausgehen, dass es in etwa die gleiche Größenordnung sein wird, sind dies also noch einmal 27,5 Millionen Euro pro Jahr. Wird ein Abschluss mit Elsevier – dem größten der drei – ähnliche Ergebnisse bringen? Falls ja, dann dürften hier über 50 Millionen Euro deutscher Steuergelder in die Niederlande fließen. Am Ende also rund 100 Millionen pro Jahr für die Großkonzerne.

Für die Großkonzerne bedeutet dies neben Planungssicherheit, dass sie mit einem Abschluss alle wichtigen Kunden bedient haben. Zudem können sie alle „Middlemen“ ausschalten: Kein Buchhändler oder Bibliotheksaggregator (Zwischenhändler, die sich auf Vermarktung und Vertrieb an Bibliotheken spezialisiert haben) muss in Deutschland mehr mit einbezogen werden.

Was bedeutet dies für die unabhängigen Wissenschaftsverlage, die sich teils auch um STM kümmern, aber auch in allen anderen Wissenschaftsbereichen zu Hause sind? Bleiben noch Bibliotheksetats für den Ankauf aus unseren Programmen? Gibt es noch Gelder für Open Access-Publikationen in unseren Häusern?

Seit in den 1970er Jahren der „Siegeszug“ der Naturwissenschaften begonnen hat, leben sowohl unsere Wissenschaften als auch wir als deren Verlage von weit weniger Geldern als die Kolleg*innen aus dem STM-Bereich. Weniger Forschungsgelder, weniger Publikationsförderungen und weniger Open Access-Budgets. Mit der digitalen Wende und den weiter zunehmenden Konzentrationsbewegungen im Verlagswesen (und natürlich nicht nur dort) wird die Luft dünner. Werden unsere Autor*innen jetzt von ihren Institutionen angewiesen, z.B. bei Springer zu veröffentlichen, weil der DEAL besteht und der Vertrieb nun staatlich garantiert im Open Access läuft? Können unsere Wissenschaftler*innen, die als politisch wache Köpfe genau sehen, was gespielt wird, ihre Solidarität mit uns aufrecht erhalten? Wir werden sehen, wie die Dinge sich weiter entwickeln. Und wir werden uns dafür einsetzen, dass unseren Wissenschaften und unseren Wissenschaftler*innen weiterhin Gehör verschafft wird und dass sie weiterhin die im Grundgesetz garantierte Wissenschaftsfreiheit in der Praxis ausleben können.

 

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