Neuordnung von Kindheiten und Sorgearrangements

Die Sorge um Kinder als Biopolitik: Techniken der Transparenz

Michael Wutzler

Diskurs Kindheits- und Jugendforschung / Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research, Heft 1/2019, S. 19-38

Zusammenfassung
Der Beitrag arbeitet gouvernementalitätstheoretisch heraus, wie sich Kindheiten und Sorgearrangements aktuell gesellschaftlich neu ordnen. Über Disziplinierung ist die gesellschaftliche Organisation der Sorge um Kinder nicht mehr ausreichend zu fassen. Dagegen wächst die Bedeutung von Transparenz. Techniken der Transparenz zielen darauf ab, das Aufwachsen mannigfaltig sichtbar zu machen, um es über Vernetzung sowie die Vervielfältigung von Kommunikation und Wissen optimieren zu können. Vollständige Transparenz bleibt eine Fiktion. Techniken der Transparenz beschreiben deshalb keinen Zustand, sondern das Streben Sorgender, Uneinsehbares sichtbar werden zu lassen. Weit mehr als einfach eine Totalität gläserner Durchsichtigkeit setzt sich damit ein feines Netz biopolitisch produktiver Mechanismen der Sorge durch, aus denen eine generative Dynamik erwächst, welche an starren Normen orientierte, disziplinierende Techniken der Sorge verdrängt. Mit der Forderung nach Transparenz geht zugleich die Angst einher, dass familiales Zusammenleben zunehmend repressiver staatlicher Gewalt unterliegt. Jedoch versprechen Techniken der Transparenz ebenso die Entfaltung von Autonomiepotenzialen. Denn als Teil der biopolitischen Regulierung kommt ihnen die Aufgabe zu, Risiken zu verwalten, Gefahren zu minimieren und die Sorge um Kinder zugleich individuell und gesellschaftlich produktiv zu gestalten.

Schlagwörter: Kooperation, Kindeswohl, Risikomanagement, Biopolitik, Disziplinierung, Kontrollgesellschaft

 

Child care and bio-politics: techniques of transparency

Abstract
Based on the governmentality-theory, this article discusses the rearrangement of the social order of care. It is not anymore sufficient to describe the caring for children only with disciplinary techniques. Disciplinary techniques are more and more replaced by techniques of transparency. Techniques of transparency increase the links and the cooperation between caregivers as well as the knowledge about children in order to enhance the visibility of the process of child’s development. Based on that care-arrangements aim to optimize the development of children. But total transparency persists a fiction. Techniques of transparency do not describe a fixed status, but the caregivers’ pursuit to uncover the invisible. Thereby they establish a finely spun web of bio-politically productive mechanisms of care. Consequently, there emerges a generative dynamic that replaces disciplinary techniques of care and their rigid standards. However, this emerging call for transparency raises the fear that familial care will increasingly suffer under state repressions. But the techniques of transparency also pledge to enhance individual capabilities and autonomy. The function of bio-political regulation is to minimize and manage the risks in the process of child’s development and to guarantee care-arrangements, which generate productive effects for the society and every individual child.

Keywords: cooperation, child well-being, risk management, bio-politics, disciplinary action, control society

 

1 Die Sorge um das Kindeswohl und Transparenz – Einleitung

In Studien zur Sorge um Kinder wird – anknüpfend an Arbeiten Foucaults (u.a. 1994, 2003) – immer wieder die Bedeutung und Beständigkeit disziplinierender und punitiver Pädagogik in unterschiedlichen Institutionen der Sorge um Kinder rekonstruiert (u.a. Herz 2010; Donzelot 1980; Ricken/Rieger-Ladich 2004; Ott 2015; Oelkers 2013; Dollinger 2010; Popkewitz 2003; Hajek 2013; Amos 2016). Foucaults Analysen beziehen sich weitestgehend auf das 18. und 19. Jahrhundert, zugleich wurde gesellschaftlich der Höhepunkt einschließend-disziplinierender Institutionen (der Sorge) bereits Mitte des 20. Jahrhunderts überschritten (Deleuze 1993, S. 254). Eine zeitgenössische Analyse der gesellschaftlichen Organisation und Techniken der Sorge um Kinder muss deshalb über die Architektur und Funktion von Disziplinartechnologien hinausgehen, da mit ihnen die pädagogischen Ansprüche und Mechanismen der Gegenwartsgesellschaft nicht mehr ausreichend und adäquat fassbar sind (Grabau/Rieger-Ladich 2014, S. 72). Im Artikel wird die These vertreten, dass die sich hierdurch ergebenden Herausforderungen maßgeblich über den Anspruch an Transparenz bewältigt werden, mit dem sich eine neuartige Sichtbarkeitsordnung des Aufwachsens durchsetzt.

Kaum eine Forderung ist politisch derart umkämpft wie die nach Transparenz. Dabei wird Transparenz zunehmend zum Schlüssel gesellschaftlicher Ordnungsversuche und nicht nur in Wirtschafts- oder politischen Entscheidungsprozessen eingefordert (Baumann 2014; Jansen/Schröter/Stehr 2010). Mit der Notwendigkeit von Austausch, Offenheit und Kommunikation in der komplexen Verschränkung von öffentlicher und familialer Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern sowie der multiprofessionellen Vernetzung in der Kinder- und Jugendhilfe wird auch in der Sorge um Kinder der Transparenzanspruch deutlich. Transparenz wird dabei nicht nur (politisch oder medizinisch) von familialen Akteur*innen eingefordert, sondern auch aus eigenem Antrieb von Sorgenden realisiert. So nimmt zum Beispiel die Zahl der Kinder, deren Aufwachsen öffentlich über Social Media verfolgt werden kann, stetig zu. Die Forderung nach Transparenz zielt auf Familien, unter anderem über die Frühen Hilfen, aber auch auf staatliche Institutionen, Bildungseinrichtungen oder freie Träger, und dies bspw. über Dokumentationspflichten und Qualitätskontrollen im Kinderschutz. Das Aufwachsen soll für die Sorgenden sichtbar werden, um es verstehen, schützen und formen zu können. Mit dem Artikel wird aufgezeigt, dass sich über Techniken der Transparenz eine das Feld der Sorge um Kinder umfassende, sich dabei jedoch unterschiedlich äußernde, neuartige Programmatik abzeichnet, die sich von disziplinierenden Strategien absetzt.

Mit der Forderung nach Transparenz geht jedoch auch die Angst einher, dass familiales Zusammenleben zunehmend repressiver staatlicher Gewalt unterliegt und dass moderne Zugeständnisse an die Autonomie familialer Privatheit aufgekündigt werden. Han (2013) sieht bereits die Hölle der Transparenzgesellschaft hereinbrechen. Techniken der Transparenz als repressive Verfallsgeschichte, als einseitige Ausbreitung von staatlichem Paternalismus, als Krise der Familie, des Privaten oder der Reproduktion zu verstehen, greift jedoch zu kurz. Viel mehr wird mit dem Transparenzanspruch ein Wandel des historisch spezifischen Wissens, der Praktiken und der Mechanismen, welche die Sorge um Kindern gesellschaftlich prägen, deutlich. In Anschluss an gouvernementalitätstheoretische Arbeiten (Foucault 2006, Foucault 2003; Lemke 1997) werden zeitdiagnostisch konzeptionelle Ideen entwickelt, mit denen die gesellschaftliche Organisation der Sorge hinsichtlich ihrer (biopolitischen) Effekte analytisch rekonstruierbar wird (2). Der Artikel baut auf der Frage danach auf, welche Sichtbarkeitsordnung und Techniken der Sorge sich gegenwärtig in Anbetracht der Offenheit des Kindeswohls gesellschaftlich durchsetzen. Ich schlage vor, diese Techniken als Techniken der Transparenz zu bezeichnen. Transparenz ist über die erschöpfende Verfügbarkeit an Informationen gekennzeichnet und bezeichnet zunächst einen Zustand, in dem „we experience things […] as they really are, in which appearance corresponds to reality“(Marks 2001, S. 623). Über Techniken der Transparenz soll grundsätzlich die Durchschaubarkeit und Steuerbarkeit des Aufwachsens weiter und umfassender etabliert, erleichtert und erhöht werden, um Unsicherheiten und Risiken im Aufwachsen von Kindern biopolitisch produktiv entgegenzuwirken. Im Folgenden werden Techniken der Transparenz anhand wesentlicher Muster skizziert und mit einzelnen ausgewählten Beispielen1 exemplarisch verdeutlicht, wie sich der Transparenzanspruch in verschiedenen Bereichen der Sorge um Kinder (praktisch) durchsetzt (3). Damit bleibe ich nicht bei einem abstrakten Verständnis stehen, sondern kann zu einer phänomenspezifischen Konkretisierung der Wesenheit von Techniken der Transparenz in der Sorge um Kinder übergehen und aufzeigen, welche praktischen Anforderungen dadurch an Sorgende gestellt werden. Techniken der Transparenz sind weder bloße Repression noch unabdingbar für den Schutz von Kindern. Sie fordern und ermöglichen zugleich. Transparenz realisiert Sichtbarkeit und fördert kindliche Autonomie, damit werden Individualisierung und Regulierung produktiv verknüpft (Foucault 2005b, S. 280). Zentrale Charakteristika von Techniken der Transparenz – über die Sichtbarkeit und Operationalisierbarkeit hergestellt werden sollen – sind: die positive Einbindung unterschiedlicher sorgender Instanzen, deren Vernetzung und Informationsaustausch (3.1), Prävention und Normalisierung (3.2) sowie Kooperation (3.3). Schließlich werde ich zeigen, dass Transparenz eine Fiktion bleiben muss, Techniken der Transparenz jedoch gerade deshalb als beständiges Streben in der Sorge um Kinder, in biopolitischem Sinne, gesellschaftlich produktive Effekte realisieren können (4).

2 Die Problematisierung des Kindeswohls: Offenheit und Gefährdung

In der Sorge um Kinder ist der Begriff Kindeswohl zentral. Als gesellschaftliche Norm reicht Kindeswohl weit über die rechtliche Sphäre hinaus. Die modernen Organisationsweisen der Sorge um Kinder realisieren sich um und über die Sicherung des Kindeswohls. Das Konstrukt Kindeswohl ist begrifflich unsicher. Es existieren unzählige sowie disziplinär unterschiedliche, aber kaum verbindliche Kriterien (Franzheld 2017, S. 266), an denen das Kindeswohl und Kindeswohlgefährdungen praktisch festzumachen sind. Was es bedeutet, sicher und geborgen aufzuwachsen, bleibt folglich praktisch offen und macht eine situative Abwägung notwendig (Scheiwe 2013, S. 211). Offenheit beschreibt hierbei keine Beliebigkeit oder Unbestimmtheit. Vielmehr zeigt sich Kindeswohl als Ziel vielfältiger Bestimmungsversuche (Sutterlüty/Flick 2017). Dies verweist grundlegend darauf, dass die Sorge um Kinder nicht mehr einfach in einem Standard – wie beispielsweise traditionell die heteronormative Kleinfamilie – aufgeht. Auch wenn zum Teil ein weitreichendes Einverständnis darüber besteht, was als Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch verstanden werden kann, ist die Auslegung des Kindeswohls in gewisser Weise flexibel, dehnbar und fluide (Ben-Arieh u.a. 2014), denn Kindeswohl muss lebenspraktisch eingeordnet, unterschiedliche Aspekte des Kindeswohls miteinander ins Verhältnis gesetzt und Gefährdungen in Abwägung der komplexen Lebenssituation eines Kindes bewertet werden (Krappmann 2013, S. 10).

Mit der Analyse der Problematisierungsweisen (Foucault 2005c, Klöppel 2010) von Kindeswohl ist es möglich, die historischen Transformationsprozesse der Sorge um Kinder zu untersuchen und danach zu fragen, wie ein bestimmtes Wissen über Kindeswohl die gesellschaftliche Organisation der Sorge um das Aufwachsen von Kindern strukturiert. Über den foucaultischen Begriff der Regierung können analytisch zudem individuelle Sorgeanstrengungen mit gesellschaftlichem Wissen und gesellschaftlichen Ansprüchen an Sorge verknüpft werden, denn er befragt die Sorge um Kinder danach, wie Sorgende sich über die Produktion von Wahrheit über das Kindeswohl kollektiv führen (Lemke 1997, S. 31f.). Führung fungiert über Praktiken von Subjekten, die in Techniken der Sorge eingebettet und an eine kollektive Wissensordnung gebunden sind (ebd., S. 347). Als Techniken der Menschenführung versteht Foucault (1996, S. 118) unter Regierung „die Gesamtheit der Institutionen und Praktiken, mittels derer man die Menschen lenkt“.

Die Offenheit des Kindeswohls wird zur Herausforderung der praktischen Gestaltung des Aufwachsens. Aufgrund der rechtlichen Unbestimmtheit und der konzeptionellen Offenheit des Kindeswohls wird es zum einen möglich, Kindeswohl in verschiedenen (professionellen) Kontexten zu verorten, zum anderen wird es als (professions-)übergreifendes und verknüpfendes Element der Sorge etabliert. Das Kindeswohl ist indes aufgrund der Offenheit nicht irgendwann und irgendwie gegeben, sondern potenziell gefährdet. Denn aus der Offenheit erwächst damit nicht nur die Notwenigkeit der praktischen Abwägung, sondern zugleich die Herausforderung der permanenten Risikobewältigung. Der Gestaltungsauftrag aller sorgenden Akteur*innen und Institutionen wird dadurch legitimiert. Aufgrund der Offenheit des Kindeswohls schwebt Gefahr in der Sorge um Kinder latent ständig mit. Dementsprechend ist die Sorge um das Wohl von Kindern praktisch nie sicher, denn es gibt immer nur verschiedene Wahrscheinlichkeiten der Unsicherheit (Samerski/Henkel 2015, S. 87). Das Management von Risiken wird damit zur zentralen Herausforderung, welche starre und disziplinierende Standards verdrängt (Betz/Bischoff 2013, Lutz 2010, Vandenbroeck/Roose/De Bie 2011, S. 76). Infolge dessen wird gesellschaftlich der Anspruch an Sorgende artikuliert, permanent aktiv zu sein, um Risiken zu vermeiden, Gefährdungen zu verhindern und das Kindeswohl zu schützen sowie zu fördern. Hieraus erwächst das Gebot der Transparenz, denn Sicherheit kann zugleich nie vollständig sowie über keine Strategie absolut garantiert werden – an diesem Punkt zeigt sich die entscheidende Grenze und das beschränkte Potenzial von standardisierenden Disziplinartechnologien der Sorge –, ohne die sich aus der Offenheit des Kindeswohl entfaltende Dynamik in der Sorge um Kinder zum Erliegen zu bringen und dadurch selbst zur Gefahr zu werden (Münkler 2010, S. 23). Das Managen von Risiken erfordert neuartige Techniken der Sorge, denn standardisierende Disziplinartechniken bewältigen die dynamisch aus der Offenheit des Kindeswohls erwachsenden Herausforderungen nicht. In die sich dadurch ergebende Lücke stoßen Techniken der Transparenz.

Die Achtung der kindlichen Würde und die Sicherung des kindlichen Wohls werden Kindern nicht nur als Mensch zugesprochen bzw. versprochen. Sie besitzen einen doppelten Ursprung und gehen zugleich mit der allgemeinen – insbesondere politisch und ökonomisch motivierten – lenkenden sowie auf Inklusion zielenden biopolitischen Sorge um die Bevölkerung als Ganzes einher (Foucault 2006, S. 158ff.; Eßer 2014, S. 511). Techniken der Transparenz etablieren sich damit als elementarer Teil der biopolitischen Regulierung des Aufwachsens (Hajek 2013; Foucault 2003). „Biopolitik verweist hier auf die Entwicklung eines spezifischen politischen Wissens und neuer Disziplinen […], die Lebensprozesse auf dem Niveau von Bevölkerungen analysieren, um Individuen und Kollektive […] zu regieren“ (Lemke 2007, S. 14). Das Kindeswohl hat (intrinsisch) einen individuellen wie auch (extrinsisch) einen gesellschaftlichen Wert und verspricht eine individuell wie kollektiv reichere Zukunft. Techniken der Transparenz adressieren professionsunabhängig alle Akteur*innen sowie Institutionen der Sorge, sie setzen auf der Ebene der Bevölkerung wie auch bei individuellen Sorgepraktiken an und verknüpfen diese generativ. Ihnen kommt die grundlegende Aufgabe zu, über die dynamische Generierung von Sichtbarkeit des Aufwachsens von Kindern das Fundament dafür zu legen, eine gesellschaftliche Ordnung der Sorge zu begründen, in der eine fördernde wie sichere Organisation des Aufwachsens von Kindern in Anbetracht der Herausforderungen der Offenheit des Kindeswohls möglichst weitreichend verfolgt werden kann.

1 Dabei greife ich unter anderem auf Ergebnisse anderer Studien, allgemeine Wandlungsprozesse und Gesetze zurück und deute sie im Lichte des Transparenznarrativs.

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