Gesellschaftliche Praxis im Umgang mit der Zeit

„Keine Zeit!?“ – Über den Umgang mit einer kostbaren Ressource

Georg Raacke

HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung, Heft 3/2018, S. 41-53

Zeit ist eine wichtige Ressource. Viele Menschen haben oft das Gefühl, die Zeit renne ihnen davon. Dabei ist Zeit auch immer eingebunden in gesellschaftliche Praxis. Während in der Vormoderne die Natur maßgeblich für die Bestimmung der Zeit war, brachte die Erfindung der Uhr ein völlig anderes Verständnis von Zeit und entsprechend von Zeithandeln. Zeit wurde nicht mehr als zyklisch verstanden, sondern als linearer Ablauf von Ereignissen. Heute gilt nicht mehr ausschließlich die Zeit der Uhr, Menschen sollen vielmehr flexibel ihre Zeit nutzen. Das hat nicht zuletzt eine unmittelbare Bedeutung für die alltägliche Lebensführung.

Schlüsselwörter: Zyklische Zeit, lineare Zeit, Flexibilität, Handeln im Alltag

Das gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch.
Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus verleiten,
finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis.
Karl Marx, Thesen über Feuerbach

1 Einleitung

In der wunderbaren Filmkomödie „Der letzte Fußgänger“ (D, 1960) spielt Heinz Erhardt den Junggesellen Gottlieb Sänger. Sänger arbeitet als Archivar bei einer Zeitschrift, er meidet Straßenbahn oder Auto auf seinem Weg zur Arbeit. Auch am Tag vor seinem Jahresurlaub geht Sänger wie immer zu Fuß zur Arbeit. Auf dem Weg dorthin begegnen ihm Menschen, die zu Fuß, per Auto oder per Motorrad mit rasender Geschwindigkeit durch die Straßen der Stadt hetzen. Angekommen in seinem kleinen Büro schaut Sänger dem eiligen Treiben noch eine Weile zu und singt dabei:

Nicht so eilig, nur nicht so eilig, wenn du dir Zeit lässt, hast du vom Leben mehr. Langsam, langsam, nur immer schön langsam. Bei zu viel Vollgas, da ist der Tank bald leer.

Menschen, die mit Vollgas von einem Ort zum anderen hetzen, egal ob zu Fuß oder mit dem Auto – Gottlieb Sänger hätte diese Beobachtung sicherlich auch heute machen können. Allzu oft haben Menschen den Eindruck ständig gehetzt zu werden, zumindest in westlich geprägten Gesellschaften. Dazu gehört auch das Gefühl, immer mehr tun zu müssen (Geißler, 2012, S. 31f.). Ein Blick in andere Kulturen zeigt, dass dies mitnichten eine universelle Erscheinung ist. Dort ticken die Uhren mancherorts erheblich anders. Davon berichtete Levine (2016), der 1976 eine Gastprofessur in Brasilien annahm. Es waren die „Vorstellungen der Brasilianer von Zeit und Pünktlichkeit“ (S. 16), die ihm dabei besondere Qualen verursachten.

Levines Beispiel macht deutlich: Zeit ist kein Mysterium, sondern Zeit ist menschliche Praxis. Der folgende Artikel befasst sich deshalb mit der Frage: Was macht die Zeit mit den Menschen, oder besser: was macht der Mensch mit der Zeit? Was bedeutet gesellschaftliche Praxis im Umgang mit der Zeit für den Alltag der Menschen?

Wie Menschen die Zeit erleben, wie Menschen mit der Zeit umgehen, das ist nicht nur von Kultur zu Kultur durchaus unterschiedlich, sondern unterliegt ebenso historischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Hinzu kommt, dass Zeit zwar objektiv gemessen werden kann, die empfundene Zeit jedoch sehr subjektiv ist (Demandt, 2015, S. 16). Damit wird das Paradoxon schon eher verständlich, wenn davon die Rede ist, dass Menschen heutzutage vermeintlich viel mehr Zeit besitzen als früher und trotzdem häufig das Gefühl vorherrscht, „keine Zeit zu haben“.

Im Folgenden wird zunächst verdeutlicht, welche Veränderungen es im Erleben der Zeit gegeben hat und wie diese zu erklären sind.

2 Vom Rhythmus der Zeit zum Takt der Moderne

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. (Genesis 1.3)

Dieses Zitat aus dem ersten Buch Mose verweist auf eine frühe zeitliche Unterscheidung, die sich auf natürliche Erscheinungen bezog: Licht und Finsternis. Die Beobachtung der Natur war für die Menschen der Vormoderne lebenswichtig, entsprechend entwickelte sich durch die Anbindung menschlichen Handelns an die Erscheinungen des Kosmos und der Natur ein früher Umgang mit der Zeit (Geißler, 1999, S. 24).

2.1 Sonne, Mond und Sterne – Natur und Kosmos als Zeitgeber

Im ersten Buch Mose findet sich eine weitere Stelle, die darauf hinweist, wie die Menschen des Alten Testamentes ihre Zeit bestimmen konnten:

Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. (Genesis 1.16)

Die Sonne, der Mond und die Sterne wurden häufig herangezogen, um Zeit bestimmen zu können. Außerdem besaßen geografische Einflüsse eine wichtige Bedeutung. In Ägypten spielte beispielsweise der Zusammenhang zwischen dem Nilhochwasser und dem Stern Sirius eine zentrale Rolle bei der Bestimmung der Zeitrechnung (Vogtherr, 2012, S. 23). Dazu im Gegensatz orientierten sich die Nomaden der arabischen Halbinsel am Mond, der Prophet Mohammed betonte im Koran ausdrücklich, dass die Zeit mit Hilfe des Mondes zu bestimmen sei. Erst als Landwirtschaft betrieben wurde, war die alleinige Orientierung am Stand des Mondes nicht mehr zweckdienlich (Vogtherr, 2012, S. 56f.).

Eine besondere Bedeutung für die Bestimmung der Zeit besaß natürlich die Sonne. Sie bestimmte den Verlauf der Jahreszeiten und wurde damit zu einem wichtigen „Zeitmesser“ für agrarisch geprägte Gesellschaften (Borst, 2013, S. 18). Die Zeit wurde mit Hilfe von Sonnenuhren gemessen. Der unterschiedliche Stand der Sonne in der jeweiligen Jahreszeit brachte es allerdings mit sich, dass die Stunden zum Beispiel zur Zeit der römischen Antike unterschiedliche Längen hatten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten begannen. So dauerte die erste Stunde (Hora prima) bei der Wintersonnenwende von 7:33 Uhr bis 8:17 Uhr, bei der Sommersonnenwende von 4:27 Uhr bis 5:42 Uhr (Carcopino, 1992, S. 215). Die Bestimmung der Stunden war allerdings auch eher ein Distinktionsmittel der römischen Elite, „die in genauer Beachtung der Stunde einen Ausweis von Bildung und Macht zu sehen begannen“ (Borst, 2013, S. 21). Cäsar (100-44 v. Chr.) führte im römischen Imperium 46 v. Chr. einen reinen Sonnenkalender ein. Oktavian (43 v. Chr. bis 14 n. Chr.) ließ nur wenig später auf dem römischen Marsfeld einen Obelisken errichten, der als riesige Sonnenuhr diente (Borst, 2013, S. 22). Der Zusammenhang zwischen politischer Herrschaft und der Bestimmung der Zeit oder Bestimmung über die Zeit wird hier offensichtlich.

Natürliche Rhythmen waren bestimmend für das Zeitverständnis und das Zeithandeln in der Vormoderne. Zeit wurde verstanden als ein Zyklus immer wieder kehrender Erscheinungen: Winter und Sommer, Tag und Nacht, Saat und Ernte (Geißler & Geißler, 2017, S. 98). Entsprechend wird deshalb von zyklischer Zeit gesprochen. Diese Zyklen waren es, die das Leben der Menschen prägten. Auch im christlichen Mittelalter herrschte ein Zeitregime, das sich anlehnte an Rhythmen und Zyklen der Natur, eingebunden in den christlichen Glauben (Vogtherr, 2012, S. 79). Ausgangspunkt für die offizielle Bestimmung der Zeit war dabei Ostern als höchstes christliches Fest. Nach dem Termin des Osterfestes richteten sich weitere christliche Feste. Auf Grundlage der Bibel wurde auch die Abfolge von Tagen festgelegt:

Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. (Genesis, 2.2-2.3)

Den Ruhetag bildete in der christlichen Welt der Sonntag. An ihm sollte nicht gearbeitet werden, Christen sollten sich sonntags einzig und allein ihrem Gott widmen. Es sollte Jahrhunderte dauern, bis ein von Menschen konstruiertes Instrument das Verständnis von Zeit und entsprechendes Zeithandeln völlig veränderte: die mechanische Uhr.

2.2 Vom Rhythmus zum Takt – Die Herrschaft der Uhr

Der Blick auf die Uhr ist heutzutage eine Selbstverständlichkeit. Oft regelt die exakte Zeitmessung der Uhr den Tagesablauf. Kinder werden schon früh in Betreuungseinrichtungen und in der Schule auf die Logik der Uhr eingeschworen. Die Uhr ermöglicht es den Menschen, unabhängig von bestimmten natürlichen Zusammenhängen zu leben und zu handeln, die Uhrzeit ist „abstrakt und sie ist universal“ (Wyller, 2016, S. 22). Dabei ist der Siegeszug der Uhr eng verbunden mit einer anderen Produktionsweise, sie wurde „zum Taktgeber der kapitalistischen Wirtschaft“ (Bayerl, 2013, S. 76).

Die Uhr ermöglicht es, den Tag in exakte Zeiteinheiten einzuteilen. Damit besitzen Stunden nicht mehr, wie noch in der römischen Antike, eine unterschiedliche Länge, sondern sie bestehen exakt aus 60 Minuten. Die ersten mechanischen Uhren fanden sich im Europa des 14. Jahrhunderts. Dabei ging es bei der Nutzung dieser Uhren zunächst nicht darum, die Zeit exakt zu messen, sondern sie sollten dazu dienen, Mönche rechtzeitig zum Gebet zu ermahnen. Hörbares Zeichen dafür war der Glockenschlag (Levine, 2016, S. 93). Der Spruch „Wem die Stunde schlägt“ erinnert noch heute an den Zusammenhang zwischen Zeit und Glockenschlag. Waren die mechanischen Uhren in der Anfangszeit noch recht einfache Konstruktionen, die zudem nach heutigem Maßstab ziemlich ungenau die Zeit anzeigten, so wurde ihr Innenleben mit der Zeit komplizierter und ihre Zeitmessung exakter. Uhren wurden schließlich ab dem 18. Jahrhundert in großen Mengen produziert (Cipolla, 2011, S. 89). Der Siegeszug dieser Erfindung war damit nicht mehr aufzuhalten. Während Uhren zunächst für alle sichtbar an Kirchtürmen installiert wurden, drangen sie mehr und mehr in den privaten Bereich ein. Sichtbares Zeichen des stetig wachsenden Einflusses der Uhr ist die Armbanduhr (Levine, 2016, S. 95).

Die mechanische Uhr ermöglicht einen „anderen“ Blick auf die Zeit. Es ist nicht mehr die zyklische Zeit, die das Leben der Menschen bestimmt, sondern es ist der Takt der Uhr, welcher in immer weitere Bereiche menschlichen Lebens vordringt. Der Wandel hin zur kapitalistischen Produktionsweise macht die Zeit – und damit ist die Uhrzeit gemeint – zu einem Produktionsfaktor (Geißler & Geißler, 2017, S. 72). Jetzt ist messbar, in welcher Zeit eine bestimmte Ware produziert werden kann. „Time is money – Zeit ist Geld“ – so hieß nun die oberste Maxime. Aus der zur Verfügung stehenden Zeit sollte so viel als möglich herausgeholt werden (Wyller, 2016, S. 32). Wenn jemand zur Produktion einer bestimmten Ware nur noch die Hälfte der Zeit benötigte wie die Konkurrenz, so verschaffte ihm das im kapitalistischen Wettbewerb einen geldwerten Vorteil.

Der Takt der Uhrzeit wurde schließlich auch bestimmend für den Alltag der Menschen. Die Arbeit wurde nicht mehr beeinflusst durch die Natur, sondern durch die Uhrzeit. Das Symbol dieser  Entwicklung war die Stechuhr in den Fabriken. Während in der Landwirtschaft des Mittelalters der Arbeitstag zumeist mit dem Aufgang der Sonne begann, also einer natürlichen Erscheinung, begann der Arbeitstag in der kapitalistischen Gesellschaft der Moderne mit der Stechuhr und endete auch mit dieser. Das Leben der Menschen richtete sich nach den Maschinen und diese liefen zu jeder Tages- und Nachtzeit, ja sogar sonntags. Arbeite am Tag, Ruhe bei Nacht oder die Sonntagsruhe, das alles gehörte der Vergangenheit an. Der Tag hatte ab sofort 24 Stunden, die komplett genutzt werden mussten. Die Uhr wurde somit zu einer wichtigen Voraussetzung für die Industriegesellschaft (Wyller, 2016, S. 30). Jeder Arbeitsschritt bei der Produktion einer bestimmten Ware konnte zeitlich exakt gemessen werden. Überall wurde nach Zeitersparnis gesucht. Ausdruck dieses besonderen Verständnisses getakteter Zeit wurde der Taylorismus, bei dem jeder Arbeitsschritt und die dafür benötigte Zeit „bis ins kleinste kalkuliert“ wurde (Sennett, 1999, S. 52).

Zeit wird als lineare Zeit erlebt. Lineare Zeit bedeutet Zeit als Abfolge bestimmter „Zeitpunkte“. Lineare Zeit bewegt sich nicht in einem Zyklus, beispielsweise dem der Jahreszeiten, sie besteht aus einer Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Gegenwart ist ein Punkt auf einer Linie zwischen Vergangenem und Zukünftigem:

Wir denken uns die Zeit als Linie, in deren Mitte wir uns ungefähr befinden und uns in gleichmäßigem Tempo vorwärtsbewegen. Diese Abstraktion ist auch eine kulturelle, keineswegs selbstverständliche Erfindung, nicht mehr und nicht weniger, und sie steht in keinem Zusammenhang zu objektiven Tatsachen. (Eriksen; zit. nach Wyller, 2016, S. 36)

Das Verständnis von Zeit ist also ein völlig anderes als das, welches den Alltag der Menschen zuvor bestimmt hatte. Die Vorstellungen von Zeit unterliegen kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen (Wyller, 2016, S. 37). Dies wird nicht zuletzt in der Tatsache deutlich, dass die alleinige Herrschaft der Uhr über das Zeitempfinden und Zeithandeln der Menschen abgelaufen zu sein scheint.

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