Zur Methodologie und Methodik der Jugendmedienforschung

Der „practice turn“ und die qualitative Jugendmedienforschung der handlungsorientierten Medienpädagogik

Der „practice turn“ und die qualitative Jugendmedienforschung der handlungsorientierten Medienpädagogik

Wolfgang Reißmann

Diskurs Kindheits- und Jugendforschung / Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research, Heft 3-2019, S. 271-292

 

Zusammenfassung
Der Beitrag beschäftigt sich mit Methodologie und Methodik der Jugendmedienforschung im Umfeld der handlungsorientierten Medienpädagogik und setzt diese in Beziehung zum so genannten „practice turn“. These ist, dass die medienpädagogische Forschung seit Ende der 1970er Jahre als pädagogischer bzw. kommunikations- und medienwissenschaftlicher Teilbereich eine eigene erste Praxiswende vollzogen hat. In Teilen geht diese Hand in Hand mit Verständnisweisen, die heute mit dem Schlagwort Praxeologie/Soziologie der Praktiken verknüpft werden. In anderen Teilen verwehrt sich die Forschung der handlungsorientierten Medienpädagogik gegen praxistheoretische Perspektiven. Der Beitrag beschäftigt sich vor diesem Hintergrund erstens mit der Frage, welches Praxisverständnis in diesem spezifischen Forschungsbereich kultiviert wurde und wo die Orientierungen gegenläufig und inkommensurabel bleiben. Zweitens skizziert er die Konturen einer zweiten Praxiswende, die noch nicht auf den Punkt zu bringen ist, aber sich gegenwärtig als Reaktion auf Digitalisierung und aktueller Mediatisierungsschübe andeutet.

Schlagwörter: Handlungsorientierte Medienpädagogik, Praxistheorie, Medien, Jugendforschung, Beobachtung und Ethnografie

 

The practice turn and the qualitative youth media research in action-oriented media pedagogy

Abstract
The article deals with the methodology and the methods of youth media research in the field of actionoriented media pedagogy and relates it to the so-called “practice turn”. The thesis is that since the end of the 1970s media pedagogical research as a pedagogical or communication and media science subdivision has completed its own first practice turn. In parts, this goes hand in hand with ways of understanding, which today are linked with the catchword praxeology/sociology of practices. In other parts, the research of action-oriented media pedagogy rejects practice-theoretical perspectives. Against this background, the article deals firstly with the question of what understanding of practice has been cultivated in this specific field of research and where the orientations remain contrary and incommensurable. Secondly, the contours of a second turn are outlined, which cannot yet be summed up in a nutshell, but which are currently in evidence as a reaction to digitisation and current mediatisation thrusts.

Keywords: action-oriented media pedagogy, practice theory, media, youth research, observation and ethnography

 

1 Einleitung

Als konzeptuelles Dach verweist der Begriff „handlungsorientierte Medienpädagogik“ (Schorb 2008) einerseits auf bestimmte Ansätze und Prinzipien medienpädagogischer Praxis, vor allem der „Aktiven Medienarbeit“ als „Königsweg“ des Medienkompetenzerwerbs. Andererseits sind mit ihm spezifische sozial- und medientheoretische Orientierungen verknüpft, z.B. aktives Subjekt, Aneignung und Lebenswelt als Schlüsselkonzepte, kritische Medientheorie als Bezugshorizont. Praxis und Theorie werden verbunden durch eine medienpädagogische Forschung, die den theoretischen Orientierungen verpflichtet ist und die Gestaltung medienpädagogischer Praxis fundiert.

Der vorliegende Beitrag versucht die historische Genese sowie die Leitbilder der handlungsorientierten Medienpädagogik vor dem Hintergrund gegenwärtig in Sozial- und Kulturwissenschaft virulenter Praxistheorien zu lesen. Kernthese ist, dass die handlungsorientierte Medienpädagogik im Verlauf ihrer Geschichte eigene und eigensinnige praxistheoretische Orientierungen entfaltet und in ihren Forschungsarbeiten verfolgt hat. Beschrieben und diskutiert werden in Anlehnung an die heute kursierende Chiffre des „practice turn“ eine historische und etablierte, sowie eine aktuelle und in Formation befindliche „Praxiswende“ medienpädagogischer Forschung. Beide Wenden weisen Spezifika auf, die die medienpädagogische Forschung von anderen Bereichen abgrenzen und als eigenständig erkennbar machen.

Eine interdisziplinäre Leserschaft vor Augen hebt der Beitrag mit einer Konturierung des Forschungsfelds an (Kapitel 2). Als Deutungshorizont wird anschließend eine Heuristik eingeführt, von der aus verschiedene Ansprüche an eine Praxisforschung abgetragen werden können (Kapitel 3). Dem gegenüber stehen zunächst die normativen Zielhorizonte medienpädagogischen Handels (Kapitel 4). In zwei einordnenden und bewertenden Kapiteln erfolgt die Beschreibung und Diskussion der zwei genannten Praxiswenden (Kapitel 5, Kapitel 6).

2 Medienpädagogisch motivierte Jugendmedienforschung im deutschsprachigen Raum

2.1 Akteure und Rahmenbedingungen

Die Forschung der handlungsorientierten Medienpädagogik wird von universitären und außeruniversitären Institutionen getragen. Als universitäre Institutionen sind unter anderem das Hans-Bredow-Institut (HBI; früher An-Institut der Universität Hamburg; seit 2019 Leibniz-Institut für Medienforschung) und verschiedene, mit den Zeiten naturgemäß wechselnde medienpädagogisch orientierte Lehrstühle/Professuren (u.a. in Bielefeld, Hamburg, Leipzig, Ludwigsburg, Mainz oder Salzburg) mit Forschungsarbeiten in Erscheinung getreten. Als außer-universitäre Institutionen sind vor allem das JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, das Deutsche Jugendinstitut (DJI) oder das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) zu nennen. Weniger als Initiator für Forschung, aber als wichtige Plattform und Netzwerk, war und ist zudem die GMK – Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur – eine wichtige Institution.

Diese nicht unbedingt typische Forschungslandschaft – außeruniversitäre Einrichtungen als diskursprägende Institutionen – muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die Mediennutzung/-aneignung von Kindern und Jugendlichen in den 1980er und 1990er Jahren für die sich potenziell zuständig fühlenden Disziplinen, namentlich Kommunikations- und Medienwissenschaft, Pädagogik und Soziologie, lange Zeit nur ein Randthema darstellte. Der primäre Gegenstand der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (damals) war die öffentliche und innerhalb dieser primär die politische Kommunikation. Die Teile der (US-amerikanischen) psychologischen Medienwirkungsforschung, die sich mit Kindern und Jugendlichen beschäftigten, bearbeiteten mit quantitativen und experimentellen Methoden vor allem das Thema Gewaltwirkung und Kultivierung. Die deutsche Medienwissenschaft, Anfang der 1980er Jahre aus der Literaturwissenschaft geboren, verstand sich traditionell als nicht-empirische Wissenschaft. Jugendsoziologie und soziologische Sozialisationsforschung, innerhalb der Soziologie die ‚natürlichen‘ Ansprechpartner, erkannten wiederum nur zögerlich die eigenständige Relevanz medienvermittelter Kommunikation und Interaktion an (Hoffmann 2010, S. 15ff.). Bis heute sind Medien als Techniken, Inhalte, Ästhetiken und Formen nur rudimentär in die sonst differenzierten Sozialisationsvorstellungen eingearbeitet (obgleich die Sensibilität zunimmt, vgl. etwa die aktuelle Auflage des Klassikers „Lebensphase Jugend“ von Hurrelmann/Quenzel 2016). Auch weite Teile der Pädagogik fühlte sich für mediale Lern- und Bildungsprozesse außerhalb der Schule und pädagogisch (vor-)strukturierter Räume nicht zuständig; und wenn doch, dann primär unter mediendidaktischer oder bildungsfunktionaler/-technologischer Sicht.

2.2 Abgrenzung der Forschungsfelder

Über die Forschung der handlungsorientierten Medienpädagogik zu schreiben, fällt angesichts ihrer Vielfalt schwer. Einleitend seien daher folgende Einordnungen vorgenommen: Erstens erzeugt jede Schwerpunktsetzung Exklusion. Aßmann (2013, S. 48ff.) gelangt über eine Metasuche zum Begriff „Medienhandeln“ vor allem auf die Arbeitsgruppen um Baacke (Bielefeld) sowie um Theunert und Schorb (München/Leipzig). Ergänzend dazu nimmt sie Arbeiten der Arbeitsgruppe um Bachmair (Kassel) auf, da dieser konzeptuell mediales Alltagshandeln in den Vordergrund gerückt hat. Weiterhin integriert sie Arbeiten um Tulodziecki und Herzig (Paderborn). Die Forschungsansätze der ersten drei Arbeitsgruppen liegen auch diesem Aufsatz zugrunde. Anstelle von Tulodziecki und Herzig (die stärker in der Mediendidaktik wirken) finden hier – mit Blick auf dem Schwerpunkt der Jugendmedienforschung aus handlungsorientierter Perspektive – andere Akteure stärker Eingang, u.a. Paus-Hasebrink mit ihrer Mediensozialisationsforschung und Niesyto aus dem wahrnehmungsorientierten Flügel der handlungsorientierten Medienpädagogik.

Zweitens erzeugt der Fokus auf die Jugendforschung eine künstliche Trennung. Wichtige theoretische und methodologische Grundlagen wurden (auch) an der Forschung mit Kindern und in Familien erarbeitet. So sei an die Familienforschung des sogenannten „Freiburger Längsschnitt“ um Charlton und Neumann-Braun aus den 1980er und frühen 1990er Jahren erinnert (Charlton/Neumann 1986), aus dem heraus die Grundlagen des Ansatzes „strukturanalytische Rezeptionsforschung“ formuliert wurden; oder auf die  Kindermedienforschung von Paus-Hasebrink in den 1990er Jahren als Basis des von ihr formulierten „Triangulationsmodells“  (Paus-Haase 2000); oder die Studie „Familienmitglied Fernsehen“ von Hurrelmann, Hammer und Stelberg (1996).

Drittens wird in diesem Beitrag die Jugendforschung ausgeklammert, die primär der (pädagogischen) Forschung zu Jugend(medien)kulturen bzw. -szenen zuzurechnen ist (z.B. Baacke, Breyvogel, Ferchhoff, Sander, Vollbrecht und andere mehr). Diese Ausklammerung ist argumentationslogisch riskant, insofern große Schnittflächen und wechselseitige Anregungen bestehen. Einige der forschenden Akteure – man denke nur an Baacke als medienpädagogischen Nestor – waren oder sind in beiden Feldern aktiv. Dennoch soll diese Grenze gezogen werden, weil die Jugendkultur- und -szene-Forschung mit ihrer traditionellen Nähe zu ethnografischen Vorgehensweisen eine andere Ausgangslage bildet und folgerichtig andere praxistheoretische Einschätzungen nach sich ziehen würde.

Das gilt viertens ebenso für die Medienbildungsforschung, die anders als die handlungsorientierte Medienpädagogik stärker aus der Pädagogik heraus und weniger zwischen den Disziplinen entstanden ist, und die ab ca. Mitte der 2000er Jahre als Eigenständigkeit beanspruchendes Programm in Erscheinung getreten ist.1 Mit ihrer stark biografischen Ausrichtung, auch methodisch, und dem theoretischen Regress auf Klassiker der Bildungstheorie (unter anderem Kant, Humboldt) würden sich ganz eigene Fragen hinsichtlich einer praxistheoretischen Wende stellen.

2.3 Methodenmix medienpädagogischer Forschung

Die meisten medienpädagogischen Studien des so abgegrenzten Forschungsfelds kombinieren verschiedene Einzelmethoden und Zugänge („mixed methods“, „Triangulation“). Im „Fernsehzeitalter“, welches in den Studien der 1990er Jahre noch deutlich repräsentiert ist, handelt es sich typischerweise um eine Kombination von Programmanalyse sowie, im Bestfall eng aufeinander bezogen, Rezeptions- und Aneignungsanalyse.

Im Bereich der Rezeptions- und Aneignungsanalyse, der später ebenso die stärker medien-kommunikativen und produktiven Tätigkeiten von Jugendlichen im „Mitmachnetz“ umfasste, ist das qualitative, teilstrukturierte (Leitfaden-)Interview die dominierende Methode. Nicht selten werden zusätzlich standardisierte Befragungen genutzt. Diese informieren panoramaartig über grundlegende Mediennutzungsmerkmale und deren Verteilung, bevor – fast immer in dieser Reihenfolge – Fallstudien und Medienhandlungstypologien alltags- und lebensweltliche Vertiefungen präsentieren.

Teilnehmende Beobachtungen im ‚natürlichen‘, d.h. nicht von der Forschung oder der pädagogischen Praxis angeregten Medienalltag, sind eher die Ausnahme (nehmen aber zu, was noch zu thematisieren ist). Wenige Studien untersuchen im Längsschnitt; wenn sie dies tun, dann primär interviewbasiert. Beobachtungen im Alltag der Jugendlichen beschränken sich somit auf die Interviewsituation selbst bzw. deren Anbahnung und die Kontexteindrücke, die im Postscript festgehalten werden. Gleichzeitig hat die handlungsorientierte Medienpädagogik mit der Methode der Aktiven Medienarbeit jedoch ihren eigenen Beobachtungsort kultiviert.

1 Heute gibt es vielfältige Überschneidungen und wird mit Begriffen wie Medienbildung, Medienkompetenz, Medienhandeln oder Medienaneignung mitunter pragmatisch verfahren. Streng genommen wäre beispielsweise auch der ‚späte‘ Bachmair in seiner Ausrichtung eher der  Medienbildungsforschung zuzurechnen. Seine handlungs- und alltagstheoretischen Einlassungen (nicht zuletzt als Übertragung der Cultural Studies in den deutschsprachigen Raum) schon ab Ende der 1980er Jahre haben die handlungsorientierte Medienpädagogik allerdings mitgeprägt (z.B. Bachmair 1996).

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