Jugend, Kultur und Migration

Diskurs Kindheits- und Jugendforschung

Auszug aus dem Beitrag aus Heft 3/2015:

Jugend, Kultur und Migration
Zur Bedeutung kultureller Orientierungen

Thomas Geisen

Zusammenfassung

Kultur wird in der neueren Forschung über Jugendliche im Kontext von Migration meist einer kritischen Betrachtung unterzogen. Sie wird vielfach als ein Distinktionsmerkmal angesehen, das zur Ausgrenzung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund führt. Dabei werden Formen und Prozesse von Kulturalisierung und Ethnisierung kritisiert, denen Jugendliche im Kontext von Migration unterworfen werden. Kultur wird damit jedoch auf ihre hegemoniale Funktion reduziert und vor allem in dieser Perspektive betrachtet. Zugleich werden bei Jugendlichen im Kontext von Migration vielfältige Formen der kulturellen Aneignung, Neupositionierung und Neuerfindung innerhalb spezifischer gesellschaftlicher Verhältnisse sichtbar, die sich einer eindeutigen Zuordnung verweigern. Vor diesem Hintergrund setzt sich der vorliegende Beitrag mit der Frage nach der Bedeutung von Kultur für das Aufwachsen von Jugendlichen im Kontext von Migration auseinander. Dabei wird die These vertreten, dass Jugendliche erst über die in der Adoleszenz erworbenen und angeeigneten kulturellen Muster Autonomie erreichen können. Insgesamt zeigt sich, dass eine differenziertere Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Kultur im Aufwachsen von Jugendlichen im Kontext von Migration erforderlich ist, die dem ambivalenten Charakter von Kultur Rechnung trägt.

Schlagworte: Jugend, Kultur, Migration, Adoleszenz

Youth, Culture and Migration. On the Relevance of Cultural Orientations

Abstract

In recent research on youth in the context of migration, culture is generally looked at from a critical vantage point. It is largely viewed as a distinguishing feature that results in the exclusion of youth from a migrant background. There is critique of forms and processes of culturalization and ethnicization that youth are subject to in the context of migration. However, culture seen in this way is reduced to its hegemonic function and perceived principally from this perspective. Yet at the same time among youth in the context of migration, multifaceted forms of cultural appropriation, new positioning and new invention within specific social conditions become visible. Such forms resist a definitive classification. Against this backdrop, this essay examines the question of the importance and meaning of culture for youth growing up in the context of migration. It argues that youths can only achieve autonomy through the cultural patterns acquired and appropriated in adolescence. It becomes evident that a more differentiated examination of the importance of culture among youth in the context of migration is necessary, from a perspective that takes into account the ambivalent nature of culture.

Keywords: Youth, Culture, Migration, Adolescence

 

1 Einleitung

Auseinandersetzungen mit Fragen der Bedeutung von Kultur für Jugendliche im Kontext von Migration verweisen vielfach auf Formen von Kulturalisierung und Ethnisierung, denen Jugendliche im Aufwachsen unterworfen sind (Badawia/Hamburger/Hummrich 2003; Juhasz/Mey 2003; Mecheril 2003). Damit werden hegemoniale Zuschreibungsprozesse benannt, die mit Prozessen gesellschaftlicher Abwertung und Ausgrenzung verbunden sind. Sie werden als Prozesse wahrgenommen, die auf den Erhalt der bestehenden Gesellschaftsordnung und der damit verbundenen Klassenverhältnisse gerichtet sind. Soziale Ungleichheiten werden dabei auf als unveränderlich wahrgenommene, stabile ethnische und kulturelle Eigenschaften zurückgeführt. Etienne Balibar hat diesen Zusammenhang als Kultur-Rassismus bezeichnet, der für ihn eine neue, bezogen auf aktuelle Gesellschaftsformationen adäquate Form des Rassismus darstellt (Balibar 2000). Dort wo Gleichheit sich als allgemeines Grundprinzip von Gesellschaftlichkeit durchsetzt, so seine Überlegungen, wird Kultur zu einem entscheidenden Merkmal von sozialer Distinktion. Der moderne Rassismus ist für Balibar daher im Grunde genommen ein Immigranten-Rassismus (Balibar 2000). Vor diesem Hintergrund erfolgt zunächst eine theoretisch-konzeptionelle Auseinandersetzung mit Fragen von Kultur, Ausgrenzung und Zugehörigkeit im Kontext von Migration. Davon ausgehend wird die Bedeutung von Kultur in der Adoleszenz aufgezeigt und für den Kontext Migration konkretisiert. Abschließend wird dafür plädiert, Fragen von Kultur und Ethnizität in der Forschung über Kinder und Jugendliche ein stärkeres Gewicht zu geben.

 

2 Verengte Perspektiven auf Kultur und Ethnizität

Mit dem Begriff Kultur werden gemeinschaftliche und gesellschaftliche Praxen beschrieben, in denen spezifische, kollektiv geteilte Werturteile zum Ausdruck gebracht werden. Die Aneignung von Kultur ist für Individuen sowohl die Grundlage von individuellem Handeln und Handlungsfähigkeit, als auch Ausdruck von Anpassungsgewalt an bestehende gesellschaftliche Normen und Werte, denen die Individuen unterworfen sind. Die Ambivalenz von individueller Aneignung und zwanghafter Anpassung

an Kultur ist eine zentrale Grundlage menschlichen Lebens, da sich in diesem Spannungsfeld sowohl der Erhalt bestehender gemeinschaftlicher und gesellschaftlicher Zusammenhänge als auch individuelle und kollektive Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten realisieren.

In der Auseinandersetzung mit Kultur in der Migrationsforschung wurden lange vor allem Prozesse zwanghafter Anpassung an Kultur in den Blick genommen. Kultur wurde dabei als statisch und unveränderbar angesehen. Vor diesem Hintergrund hat die Perspektive auf Prozesse von Kulturalisierung und Ethnisierung wichtige Impulse für die Analyse der Wirkung von gesellschaftlichen Zuschreibungsprozessen in herrschaftskritischer Absicht gegeben. Zugleich hat diese Debatte aber auch dazu geführt, dass die Frage nach der Bedeutung von Kultur und Ethnizität im Kontext von Migration in den Sozialwissenschaften empirisch und vor allem theoretisch-konzeptionell kaum weiterführend diskutiert und bearbeitet wird. Die hieraus resultierende Problematik kann exemplarisch anhand der Verwendung des Konzepts von Interkulturalität aufgezeigt werden. Interkulturalität wird bereits seit langem, fast könnte man auch sagen von Anfang an, mit Blick auf darin eingelagerte Vorstellungen von stabilen Kulturen kritisiert, die der Vielfalt und Veränderlichkeit bestehender kultureller Vorstellungen und Identifikationen nicht gerecht wird (Bukow/Llaryora 1988; Geisen 1996; Hamburger 2009; Kiesel 1995; Mergner 1999). Der Blick auf die Prozesshaftigkeit von Kultur als Resultat von Aushandlungsprozessen, auf die insbesondere Andreas Wimmer (2005) verwiesen hat, geht dabei verloren. Das Konzept der Interkulturalität ist allerdings weiterhin prägend für die professionellen Diskurse, wenn es um die Bearbeitung herkunftsbezogener Differenzen geht. So wird in (sozial-)pädagogi­schen Feldern in diesem Zusammenhang etwa auf Konzepte interkultureller Öffnung Bezug genommen oder es wird interkulturelle Kompetenz eingefordert (Auernheimer 2008; Fischer/Springer/Zacharaki 2006). Einerseits zeigt sich hierin, dass herkunftsbezogenem, kulturellem Wissen für professionelles Handeln im Kontext von Migration eine große Bedeutung zugeschrieben wird, andererseits wird aber auch als Problem sichtbar, wie herkunftsbezogene Aspekte von individueller und kollektiver Zugehörigkeit adäquat in den Blick genommen werden können. Denn Kultur und Ethnizität sind sowohl im Spannungsfeld von Prozessen subjektiver Aneignung und Verschiebung angesiedelt, als auch auf kollektive Muster und Zugehörigkeiten hin ausgerichtet, die den Individuen Anpassungsleistungen abverlangen (Geisen 2008; Geisen 2009). Eine Bezugnahme auf abstrakte und verallgemeinerbare Konzepte von Kultur und Ethnizität ist daher kaum mehr in der Lage, die Vielfalt moderner Gesellschaften insgesamt und des Migrationsgeschehens im Besonderen ausreichend differenziert zu erfassen und zu verstehen.

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© pixabay 2015, Foto: SplitShire

 

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