„Mit dem modulartigen Transkriptionssystem gibt es endlich einen Überblick über die Vielzahl an zu berücksichtigenden Phänomenen und ihren Regeln.“ – Interview mit Susanne Fuß und Ute Karbach

Schallwellen bunt

Unsere Autorinnen Ute Karbach und Susanne Fuß waren so freundlich, unsere „5 Fragen …“ zu beantworten. Bevor wir in das Interview einsteigen, hier die Kurzvitae:

Vert.-Prof. Dr. rer. pol. Ute Karbach

  • Portrait Ute KarbachGründungsmitglied der AG Qualitative Methoden in der Versorgungsforschung des Deutschen Netzwerks für Versorgungsforschung e.V. (DNVF)
  • Stellvertretende Institutsleitung (seit 01/17) und Abteilungsleitung Versorgungsforschung (seit 03/13) im Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft (IMVR) der Humanwissenschaftlichen Fakultät und der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln
  • Seit 10/19 Vertretungsprofessur Rehabilitationssoziologie (Fakultät Rehabilitationswissenschaften, Technische Universität Dortmund)

Dr. rer. pol. Susanne Fuß

  • Portrait Susanne Fuß2007 Gründung Fonoskript – Schwerpunkt Transkription von wissenschaftlichem und journalistischem Datenmaterial sowie Korrektorat und Lektorat (www.fonoskript.de)
  • 2009 Promotion an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln

 

1.    Was ist ein Transkript und wo liegen die Besonderheiten des Transkripts in der qualitativen Sozialforschung?

Qualitative Sozialforscherinnen und ‑forscher erheben ihre Daten unter ande­rem mittels Interviews oder Gruppendiskussionen. Zur Auswertung der aufgezeichneten Interviews und Grup­pendiskussionen bedarf es einer Verschriftlichung. In der qualitativen Sozialforschung wird dieser Vorgang als Transkription bezeichnet.

Qualitativ Forschende interessieren sich für soziale Phänomene, die sich auch sprachlich niederschlagen, also in der Interviewsituation. Deswegen werden beim Transkribieren – neben dem gesprochenen Wort – soweit wie möglich auch hörbare Aspekte der Gesprächssituation, zum Beispiel Lachen, Weinen oder In-die-Hände-Klatschen, festgehalten.

 

2.    In Ihrer Publikation beschreiben Sie das „modulartige Transkriptionssystem“. Was macht dieses System aus, wo liegen seine Stärken?

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Transkriptionsregeln, die wir uns genauer angeschaut haben. Sie sind mehr oder weniger detailreich in der Verschriftlichung der gesprochenen Sprache und der hörbaren Aspekte. Für jedes sprachliche Phänomen haben wir ein Modul erarbeitet, in dem die anzuwendenden Transkriptionsregeln und -zeichen erklärt sind. Die Transkriptionszeichen sind dabei so gewählt, dass sie die Lesbarkeit des Transkriptes unterstützen und so wenig wie möglich das Lesen beeinträchtigen. Wir haben bei der Festlegung der Transkriptionszeichen auch darauf geachtet, dass sie für die Personen, die transkribieren, einfach umzusetzen sind.

Mit dem modulartigen Transkriptionssystem gibt es endlich einen Überblick über die Vielzahl an zu berücksichtigenden Phänomenen und ihren Regeln, zum Beispiel „Wie transkribiere ich eine Pause?“. Und wir haben Beispiele für jede Regel aus echten Interviewsituationen gesammelt.  Vor jeder Transkription muss nun überlegt werden, welche Module zweckdienlich für die Auswertung sind.

 

3.    Was sind typische Fehler bei der Transkription?

Der gröbste Fehler, den man machen kann, ist, dass man nicht wortwörtlich transkribiert und beispielsweise statt „es macht keinen Sinn“ „sinnlos“ schreibt, weil es schneller geht und vermeintlich das Gleiche aussagt. Ein weiterer Fehler ist es, unterschiedliche Regeln für dasselbe Phänomen anzuwenden, also betont Ausgesprochenes einmal fett zu symbolisieren und einmal mit Großbuchstaben, dann wird das Transkript uneinheitlich und es führt zu Verwirrungen bei der Auswertung. Natürlich muss man die Rechtschreibung beherrschen und Liebe zum Detail ist sicherlich sehr hilfreich, um Fehler zu vermeiden.

 

4.    Wo liegen die Grenzen eines Transkripts?

Ein Transkript kann sich immer nur an die ursprüngliche Originalsituation annähern. Man muss sich vor Augen führen, dass mit dem Erstellen eines Transkriptes viele Informationen verlorengehen, die im Gespräch aber wichtig für das Verständnis sind, wie zum Beispiel der Gesichtsausdruck oder rollende Augen, wenn man genervt ist.

 

5.   Das Thema Datenschutz erfährt zunehmende Bedeutung. Worauf muss der Transkribierende in der qualitativen Sozialforschung diesbezüglich achten?

Wir haben jetzt die Europäische Datenschutzverordnung und wichtig ist auf jeden Fall, dass derjenige, der interviewt wird, auch weiß, dass das Interview möglicherweise von einer dritten Person transkribiert wird. Wir sprechen dann von der „informierten Einwilligung“. Und das zweite, wofür Sorge getragen werden muss, ist die Datensicherheit. Wo liegen die Daten, ist der Datenträger passwortgeschützt und wie werden die Daten übermittelt – das sind alles Fragen, die im Vorhinein geklärt werden müssen.

 

 

Zuletzt bei Budrich:

Grundlagen der Transkription Buchcover 3DSusanne Fuß, Ute Karbach (2019): Grundlagen der Transkription: Eine praktische Einführung. 2. Auflage.

 

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