„Als Aufbruch versuche ich mir die nächsten Jahre vorzustellen“ – Interview mit Doris Mathilde Lucke anlässlich ihrer Abschiedsvorlesung MÄNNER. FRAUEN. FRANKENSTEIN

Portrait Doris Mathilde Lucke

Am 15. Mai 2019 hat Prof. Dr. Doris Mathilde Lucke nach einer langen und ereignisreichen Karriere als Soziologin ihre Abschiedsvorlesung „MÄNNER. FRAUEN. FRANKENSTEIN“ an der Universität Bonn gehalten. Wir freuen uns, dass sie zu diesem Anlass Zeit für unsere 5 Fragen gefunden hat.

 

Kurzvita:

  • Doris Mathilde LuckeAbschluss als Diplom-Soziologin und Promotion zur Dr.rer.pol. an der LMU München
  • Dozentin für Menschenführung und Betriebsorganisation an der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft (AFW) Bad Harzburg
  • Forschungsreferentin in der sozialwissenschaftlichen Politikberatung
  • Forschungstätigkeit an der Universität Bremen
  • Habilitation (phil.habil.) an der Universität Bonn. Dort dann – mit Unterbrechungen durch Gastprofessuren und Vertretungen in Salzburg, Zürich und der HU zu Berlin – seit 1998 die erste Professorin für Soziologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität
  • Mitherausgeberin der Zeitschrift für Rechtssoziologie, Vertrauensdozentin für eine politiknahe Stiftung, Mitglied im Zentrumsrat der Cultural Studies der Universität Bonn und assoziierte Professorin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW.

 

1) Liebe Frau Lucke, 1998 wurden Sie die erste Professorin für Soziologie in Bonn. Wie haben Sie dieses „Alleinstellungsmerkmal“ damals empfunden und hat sich dieser Eindruck mit der Zeit gewandelt?

Mit dem „Alleinstellungsmerkmal“ spielen Sie, nehme ich an, auf das „single“ oder auch „first woman framing“ an, die bei mir ja lange Zeit zusammenfielen und mich als „prima donna“ und Solitärin gewissermaßen doppelt rahmten. Der Vorteil: frau fällt auf – aber eben auch aus dem Rahmen, im Positiven wie im Negativen! Ich befand mich im Zustand inkludierter Exklusion bzw. exkludierter Inklusion – eine, wie ich finde, diesen Zwischen-Zustand sehr gut beschreibende Formulierung von Angelika Wetter in Anlehnung an die Systemtheorie. Als Token, nicht Quoten-Frau (!) wurde ich als Vertreterin einer Minderheit, als Ausnahmeerscheinung und Fremd-Körper wahrgenommen und – als Rarität – auch so behandelt. Daran hat sich im Laufe meiner Tätigkeit über all die Jahre hinweg nicht wirklich etwas geändert. Aus der einen Frau, der „Dame“, sind nicht viele geworden.

 

2) Als zentrale Forschungsbereiche haben Sie sich intensiv unter anderem mit Akzeptanzforschung und Geschlechtersoziologie auseinandergesetzt. Was war Ihre Motivation, in diesen Themenbereichen zu forschen?

Wie fast immer, erscheint die Themenwahl im Nachhinein als „Zufall“ oder – mit Pierre Bourdieu gesprochen – als „biographische Illusion“. Bei der Akzeptanz war es so, dass ich jahrelang nach einem geeigneten Thema für eine Habilitationsschrift gesucht habe. Da fiel mir auf, dass plötzlich überall von „Akzeptanz“ die Rede war und, wie auch fast immer, wenn viel von etwas geredet wird, liegt da irgendetwas im Argen: Die Akzeptanz der Bevölkerung war auf immer mehr Feldern nicht mehr einfach zu haben. Deshalb lautet der Untertitel meiner Abhandlung über Akzeptanz: Legitimität in der ,Abstimmungsgesellschaft‘. Das Buch – immerhin 450 Druckseiten stark – ist 1995 bei Leske+Budrich erschienen, und ich habe mir die persönliche handschriftliche Widmung von Edmund Budrich bis heute aufgehoben: „Nun ist es da – möge es nützen“ – es hat! Ich bekomme hierzu bis heute Anfragen aus den unterschiedlichsten Bereichen, von propagierten Schönheitsidealen bis hin zu selbstfahrenden Autos – sogar aus dem Ausland.

Bei der Geschlechterforschung hat die Scheidungsreform in den 1970er-Jahren den Anstoß gegeben und zugleich meine bis heute anhaltende Freundschaft mit Sabine Berghahn begründet. Da wurden für ein Forschungsprojekt eine Berufssoziologin und eine Juristin gesucht, um eine Messlatte zu erstellen, auf welche Berufe geschiedene Frauen verwiesen werden dürfen, um in einer „angemessenen Erwerbstätigkeit“ ihren Unterhalt selbst zu verdienen und so die Ex-Ehemänner finanziell zu entlasten. Dass dahinter die traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und das damalige Leitbild der „Hausfrauenehe“ stand, gab den Ausschlag, sich dann auch im Rahmen der Frauenforschung in der Soziologie zu engagieren, die gerade im Entstehen begriffen war. Damals habe ich an der Gründung einer eigenständigen Sektion gleichen Namens in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie mitgewirkt. Heute bin ich assoziierte Professorin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW und Mitglied in dessen Wissenschaftlichem Beirat. Bonn selbst hat mittlerweile keine einzige Professur mehr mit Gender Denomination – und das an einer als Exzellenz-Universität ausgewiesenen Forschungseinrichtung und Lehrstätte!

 

3) Wie hat sich Ihr Fachbereich über den Zeitraum Ihrer Tätigkeit verändert? Welche Themen standen damals im Fokus und welche sind es heute?

Verändert hat sich das Fach sehr, andernfalls wäre es keine „living sociology“, wie ich sie in meiner Bonner Antrittsvorlesung vorgestellt und in meiner Abschiedsvorlesung dann – hoffentlich – nochmals unter Beweis gestellt habe.

Veränderungen ergaben sich nicht nur formal mit der Abschaffung des Diploms – ich bin examinierte Diplom-Soziologin. Die Urkunde von der Ludwig-Maximilians-Universität in München wurde noch auf „Fräulein“ ausgestellt. Die Promotion zur Dr.rer.pol an der dortigen Staatswirtschaftlichen Fakultät hat mich dann immerhin zur „Frau“ gemacht, gentrifiziert und nicht nur akademisch, sondern auch gendermäßig geadelt.

Auch inhaltlich gab es zahlreiche Veränderungen. „Gender“ z.B. konnte zur Zeit meines Studiums nicht studiert werden. Ich bin während meines gesamten Soziologiestudiums – außer im Nebenfach Volkswirtschaftslehre – auch keiner einzigen leibhaftigen Professorin begegnet, die als „role model“ hätte dienen können. Aus heutiger Sicht nur schwer verständlich, dass uns Studentinnen das Fehlen von Frauen im Lehr-Körper gar nicht auffiel.

Abschiedsvorlesung von Doris Lucke
Abschiedsvorlesung von Doris Mathilde Lucke

Beobachtet habe ich auch eine in den vergangenen Jahren aufkommende Konjunktur des Themas „Identität“. Das war während meiner Studienzeit eher ein Nischenthema, für das sich im Gegensatz zu heute nur eine Handvoll Studierender in einem elitären Lektürekurs interessierte. Ja, und neu ist nicht zuletzt die Mensch-Maschine-Thematik. Ich hätte mir nie im Leben träumen lassen, dass sie mich gegen Ende meiner Berufstätigkeit so intensiv beschäftigen würde.

Auch in meiner Abschiedsvorlesung konnte ich mit den Gender Studies und der Sozionik, einem aus „Soziologie“ und „Technik“ bzw. „Informatik“ zusammengesetzten und noch relativ neuen Teilgebiet der Soziologie, zwei meiner Hauptarbeitsgebiete verbinden. Diese stellen am Bonner Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie neben der Akzeptanz, sozialen Bewegungen und Jugend-Szenen Alleinstellungsmerkmale dar. Als ehemalige Studentin nicht nur der Soziologie, sondern auch der Mathematik schließt sich hiermit fast so etwas wie ein Kreis – ein sehr befriedigendes und erfüllendes Erlebnis!

 

4) Welches Buch hat Sie in Ihrem Leben bisher am meisten geprägt?

An erster Stelle, wenn ich mehrere nennen darf, „Akzeptanz“ (s.o.) – schließlich habe ich damit Jahre meines Lebens verbracht. An zweiter Stelle „Der Neid und die Gesellschaft“ von Helmut Schoeck. Das Buch hat mir der Direktor meines Gymnasiums, ein Glasbau aus den 1960er-Jahren, des sogenannten Backfischaquariums, als jahrgangsbester Abiturientin geschenkt. Es beschreibt ein im Wissenschaftssystem nicht selten anzutreffendes Phänomen. Und als drittes – vermutlich eher unterbewusst – ein Mädchenbuch über Margarete von Wrangell, der neben Mathilde Vaerting 1923 erstberufenen Professorin in Deutschland.

 

5) Wie fühlen Sie sich im Hinblick auf Ihren Ruhestand?

Unschlüssig, eine Mischung aus Unsicherheit, gespannter Erwartung und ungläubigem Staunen, wie nahe Antritts- und Abschiedsvorlesung – die beide auch noch im selben Hörsaal stattfanden – räumlich und zeitlich beieinander liegen und die Jahrzehnte nur so verfliegen! „Ruhestand“ ist für mich im Übrigen ein furchtbares Wort, das mich als Stillstand – vor allem in Verbindung mit „wohlverdient“ gebraucht – mehr an ein Begräbnis als an einen Aufbruch zu neuen Ufern erinnert. Als Aufbruch versuche ich mir die nächsten Jahre vorzustellen – und schon in den ersten Tagen nach der Abschiedsvorlesung lässt sich das, u.a. mit diesem Interview und mehreren Vortragseinladungen, zu meiner Beruhigung und Freude auch so an. Dass mir von verschiedenen Seiten gesagt wurde, mein Vortrag habe sich eher wie eine Antritts- als eine Abschiedsvorlesung angehört, ist mir dabei zusätzlicher Ansporn.

Jedenfalls hat es gut getan, nach der Vorlesung als erste Bonner Soziologie-Professorin mit minutenlangem stehenden Beifall bedacht und bedankt zu werden. Standing ovations und geklatschter, nicht geklopfter Applaus – wann gibt es das schon im Wissenschaftsbetrieb!

Ich danke für die gemeinsame Zeit akademischen Lebens an unserer schönen Bonner „alma mater“ und sage etwas wehmütig „Adieu!“.

 

© Beitragsfoto + Bilder Doris Mathilde Lucke: privat