„Die brauchen eigentlich nur Bälle“

Integration durch Fußball!? Integrationsideale und -realitäten in einem Sportangebot für geflüchtete Kinder

Anne Sophie Krossa, Kristian Naglo

FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft, Heft 1/2019, S. 69-89

Zusammenfassung

Am Beispiel einer gemeinsamen Initiative einer Bezirksregierung in Kooperation mit einem lokalen Fußballverein, die seit 2015 ein Sportprogramm für geflüchtete Kinder anbietet, wird analysiert, wie unterschiedliche Ansprüche wirken, die einerseits der Bereich Fußball und andererseits eine gesamtgesellschaftlich-politische Haltung jeweils unter der Überschrift „Integration“ stellen. Dabei liegt das Augenmerk bei unterschiedlichen Logiken, deren Widersprüchlichkeit die nicht-professionelle Fußballwelt meist eher verdeckt prägen, die im Kontext des Programms „Fußball mit Geflüchteten“ aber besonders offen zutage treten: eine Freizeit- und eine Leistungslogik. Dazu findet eine Untersuchung ausgewählter Krisensituationen und sich darin manifestierender Konflikte zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen einerseits und Geflüchteten, zumeist Kindern, andererseits, auf Grundlage der Konzepte Werte, Fremd- und Selbstbilder sowie Integrationsideale und -praktiken statt. In einer ethnografischen Herangehensweise stehen methodisch teilnehmende Beobachtung und ethnografische Interviews im Mittelpunkt.

Schlüsselworte: Fußball, Geflüchtete, Integration, Konflikt, Werte

 

Summary

Using the example of an initiative of a regional government and local football club that is offering a sports programme for refugee children since 2015, different attitudes and claims regarding standards of integration characteristic of the football world on the one hand and from a more general societal-political perspective on the other hand are analysed. The emphasis is on two logics which usually characterize the non-professional world of football in a covert way, however do become visible in the context of the initiative „football for refugees”: a logic of leisure and a logic of performance. It is argued that the political-normative claim that sport integrates quasi automatically, thereby rendering language and „culture” less or unimportant, complicates the matter further. The analysis of selected situations of crisis and conflict between full-time employees and volunteers on the one hand and refugees, mostly children, on the other, is carried out on a conceptual basis of values, images of the other and of the self as well as ideals and practices of integration. The ethnographic approach focusses on participant observation and ethnographic interviews.

Keywords: football, refugees, integration, conflict, values

 

„Die brauchen eigentlich nur Bälle“ (Sigmar Gabriel)1

„Nur Bälle“ – dieses Zitat illustriert geradezu prototypisch den Rahmen, der politisch bis hinunter zur lokalen Vereinsebene als unhintergehbarer Bezug gesetzt sein soll. Auf den Punkt gebracht lautet die zugrundeliegende Annahme: Über Sport – insbesondere im Verein – ist Integration ein Selbstläufer. Menschen kommen zusammen über das gemeinsame Interesse am jeweiligen Sport; dagegen werden Sprache und „Kultur“ nebensächlich, wenn sie ihre Bedeutung nicht sogar ganz verlieren, und das gleichsam automatisch. Oft wird dann auf die vermeintlich universelle körperliche Sprache des Sports verwiesen (Meier/Riedl/Kukuk 2016). Demnach wäre Integration in diesem Bereich gar kein Problem an sich, sondern lediglich ein von vornherein vergleichsweise stark positiv belegter Möglichkeitsraum; Integration als Problem oder zumindest als Ambivalenz wird so dem Diskurs, zumindest an der Oberfläche, entzogen. Mit unserem Ziel, diesem Diskurs Raum zu geben, stehen entsprechend nicht allgemeine Beschreibungen bzw. Auflistungen von Aktivitäten, Chancen und Potentialen von Sport im Mittelpunkt (beispielhaft Mutz 2012; Nobis 2013; Kirchhammer 2014). Auch liegt aufgrund der gemischten Akteursstruktur der Fokus nicht auf Anschlüssen an eine Vereinssoziologie im engeren Sinne (Jütting 2007; Müller-Jentsch 2008)2.

Stattdessen möchten wir zeigen, wie die Verbindung von Sport und Gesellschaft – sowohl in institutioneller bzw. akteursbezogener Form als auch in der Ausrichtung auf Werte – gerade solche Probleme erkennbar werden lassen kann, die den Bereich des Sports generell charakterisieren, dort aber meist implizit und damit in der Regel unhinterfragt bleiben. Dazu werden wir im Folgenden anhand eines spezifischen Ausschnitts aus dem Bereich Sport und Gesellschaft, nämlich „Fußball und Geflüchtete“, die allgemeinere Frage von Integration im organisierten Fußball in ihrer Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit illustrieren, diskutieren und neu bewerten.

Dazu bringen wir allgemeinere, theoriegeleitete Konzepte und konkrete soziale Praktiken, die uns in der empirischen Forschung begegnet sind, systematisch in Zusammenhang. Dem liegt eine praxeologische Herangehensweise (Langenohl 2015: 181) zugrunde, die es uns ermöglicht, abstrakte und in der Regel latente Facetten von Integration und einiger an sie angelehnter Konzepte in situierten sozialen Praktiken wiederzufinden und an ihnen zu konkretisieren und gezielt zu systematisieren.

Fußball und Integration

Zwar ist die Betonung von Chancen und Potentialen der Integration über Sport als politische Interpretation –  und damit als normativer Input – zunächst nachvollziehbar. In der soziologischen Theorie wird dagegen angenommen, dass Räume des Sports als Teile von Gesellschaft recht genau die gleichen Problematiken abbilden wie andere soziale Räume: sie müssen folglich grundsätzlich mit den gleichen Herausforderungen fertig werden, wie Helmuth Plessner in einer klassischen Schrift bereits 1956 konstatierte (Plessner 1956). Auch die spezifischere soziologische Analyse stützt diese Interpretation: Räume des Sports, und in unserem Fall des Fußballs, sind keineswegs neutral oder gar direkt und widerspruchsfrei positiv integrierend3. Stattdessen findet in ihnen Integration charakteristisch durchaus auch durch die Etablierung klarer Hierarchien und entsprechende Ausgrenzung statt, wie es etwa Nina Degele in einer Studie auf den Punkt bringt (2013).

Das Fußballfeld, so hält Beichelt (2018: 209ff.) treffend fest, ist unterteilt in Familien und Gegenfamilien bzw. die dieser Opposition inhärenten Narrative und Gegennarrative. Das Spiel ist also zu verstehen – und zwar in allen Bereichen und Ausprägungen bzw. Altersklassen – als ein mannschaftlicher Wettbewerb, bei dem es in der Wahrnehmung der zentralen Akteure auf straffe Organisation und die disziplinierte Vorbereitung ankommt, um jedenfalls letztlich immer zu gewinnen. Dazu findet im Fußball eine Art der Sozialisation statt, die bestimmte Fußballer_innentypen gezielt produziert.4 Regelrechte Integration im Bereich des organisierten Fußballs und darüber in die als ganzheitliche Gemeinschaft imaginierte Gesellschaft – so legt der Fall Mesut Özil nahe – wird zumindest in Deutschland vornehmlich über sportlichen Erfolg bzw. die Unterwerfung unter die von oben (DFB, Landesverbände, Vereine) vorgegebenen Werte gesteuert (Beichelt 2018: 228). Dies gilt aus der hier vertretenen Perspektive allerdings nicht nur für den Bereich des elitären Profifußballs, sondern mindestens genauso für den nicht-professionellen Fußball.

Auf dieser offensichtlich ambivalenten Grundlage ist nun zu fragen: Wie wird der Bereich Sport genauer: Fußball – mit der Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und Realität, zwischen der Behauptung von Spaß in einem grundlegend vom Imperativ individueller Leistung und Wettbewerb geprägten Rahmen fertig – und das mit der spezifischen Maxime der „Integration“? Was bedeutet „gelungene Integration“ in die und in der Welt des Fußballs? Um Antworten entwickeln und zur Diskussion vorschlagen zu können, betrachten wir nun, welche Vorstellungen von Integration sowohl direkt als auch indirekt bei ehren- und hauptamtlichen Akteuren5 im organisierten Fußball bestehen6 und wie sie sich manifestieren.

Die empirischen Ergebnisse zeigen auf Anhieb deutlich: Die Lebenswelt des organisierten Fußballs in Deutschland erfährt durch die Ankunft und (gewünschte) Beteiligung von Geflüchteten Irritation. Unsere Hypothese dazu lautet, dass die Welt des lokalen Fußballs von stark unterschiedlichen Integrationslogiken geprägt ist, hier zunächst zusammenfassend auf zwei Begriffe gebracht: von einer Freizeitlogik und einer Leistungslogik. Mit Freizeitlogik beziehen wir uns nicht auf diverse Arbeiten zum schillernden „Freizeitbegriff“ in seinen unterschiedlichen Facetten (Lüdtke 2001; Freeriks/Brinkmann 2015) oder auf den Fußballverein als Freizeitorganisation (Breuer 2017b). Vielmehr geht es zunächst grundlegend um die Zentralstellung eines allgemeinen Spaßprinzips und der zwanglosen Integration als Prinzipien, die in der Welt des Fußballs häufig betont werden, inhaltlich und hinsichtlich ihrer Handlungskonsequenzen aber in der Regel offenbleiben. Konzeptuell Ähnliches gilt für die Leistungslogik. Leistung ist im Fußball ein inhaltlich weitgehend schwammiger Begriff, der keiner klaren Kategorisierung unterliegt und je kontextabhängig gefüllt und verwendet wird; er wurde an anderer Stelle als indexikalische Bezeichnung im Sinne der Ethnomethodologie beschrieben (Müller 2009: 221). Doch gerade deshalb, aufgrund seiner „strategischen Offenheit“, lässt sich auch dieses Konzept hier besonders gut anwenden. Leistung wird prinzipiell immer erwartet und vorausgesetzt; sie weist systematische Bezüge zum allgemeineren Effizienzgedanken und den allgegenwärtigen Wettbewerb auf (von der Heyde/Kotthaus 2016).

Diese beiden Logiken lassen sich nicht genuin verbinden, ja, sie können eigentlich kaum widerspruchsfrei nebeneinanderstehen. Sie prägen also die gegenwärtige lokale Fußballwelt generell, werden dort aber typisch kommunikativ schlicht nebeneinander geführt (Naglo 2014; Bretschneider 2008). Während sie also im Sportalltag in der Regel nicht als Widerspruch aktiviert werden und damit an die diskursive Oberfläche treten, tritt ihre Widersprüchlichkeit in der Situation gewünschter Beteiligung von Geflüchteten ganz offen an die Oberfläche und drängt sich zum Diskurs regelrecht auf.

Der nun folgende Schritt, in dem wir die beiden bislang weitgehend abstrakt gehaltenen Logiken nun empirisch konkretisieren, fokussiert Krisendefinitionen und Konflikte in den spezifischen Situationen des Zusammentreffens der verschiedenen Akteurinnen und Akteure. In diesen manifestieren sich verschiedene Ansprüche, die zu einer Verschränkung der Welt des organisierten Fußballs mit der Aufgabe der Integration von Geflüchteten führen. Ein erstes Ergebnis ist: Die in diesen Situationen entstehenden Konflikte werden stark auf den spezifischen Zusammenhang „Aktivität mit Geflüchteten“ begrenzt – und damit nicht als auch der Lebenswelt Fußball inhärente erkannt und adressiert. Daran schließen sich als zentrale Forschungsfragen an: Warum geschieht das und wie? Und konkreter: Welche kommunikativen Maßnahmen werden ergriffen, um diese tradierte Lebenswelt zu stabilisieren und zu schützen, gerade auch in der Vermeidung einer offenen Diskussion der ihr inhärenten Widersprüche? Welche Ideale von Integration bestehen dabei und in welchen Formen lassen sie sich zeigen? Was wird dabei – implizit oder explizit – als Wert kolportiert? Was sind Anlässe für Auseinandersetzung mit dem Anderen? Wie werden dabei Fremd- und Selbstbilder entwickelt und genutzt? Dazu gehen wir, im Gegensatz und durchaus auch komplementär etwa zu den oben genannten Studien zu Sport und Integration, die im Wesentlichen auf aus Umfragen generierten Daten basieren (auch Breuer 2017b), ethnografisch vor (beispielhaft Breidenstein et al. 2013). Im Zentrum stehen dabei Beobachtungen und Interpretationen von Praktiken und Kommunikationsformen und -inhalten, die Muster erkennen lassen. Unser Fallbeispiel ist eine Initiative einer Bezirksregierung, die sich in Kooperation mit einem Fußballverein und weiteren Trainern der Region an geflüchtete Kinder im Alter von etwa sechs bis 18 Jahren aus einer Erstaufnahmeeinrichtung in Hessen richtet. Dass es sich um geflüchtete Kinder handelt, ist hier von besonderem Interesse, da zu erwarten ist, dass diese sich in der Regel nicht bewusst sind, dass von ihnen Investitionen im Sinne von Integrationsleistungen erwartet werden könnten.

Die Initiative wurde 2015 ins Leben gerufen und hat sich bis zum jetzigen Zeitpunkt stark institutionell verfestigt und verbreitert7. Das Datenmaterial zu unserer Analyse entstand aus unserer Teilnahme an den ersten Wochen der Initiative in verschiedenen Funktionen on and off the field (z.B. als Trainer, in der Kleidungs-, Essens- und Getränkeausgabe; in inoffiziellen Gesprächen), sowie aus mehreren im Jahr 2018 durchgeführten Interviews mit Verantwortlichen und weiteren Beobachtungen von Trainingseinheiten. Diese Vorgehensweise lässt sich als fokussierte Ethnographie im Sinne Knoblauchs begreifen (Knoblauch 2001)8: Anstatt ein Feld und seine kulturellen Grenzen „komplett“ auszuloten, werden gezielt bestimmte Fragen auf der Grundlage soziologisch abgeleiteter Konzeptualisierungen (hier: Krise und Konflikt) erörtert. Damit ist diese Herangehensweise sowohl theorie- und konzeptgeleitet, als auch empirisch direkt anwendbar, was es uns schließlich ermöglicht, gezielt aus den empirischen Ergebnissen Rückschlüsse für die Ebenen von Theorie und Konzepten zu ziehen.

Dazu ist der Text wie folgt aufgebaut: Zunächst werden die beiden konkurrierenden Integrationslogiken der Fußballwelt, Freizeit- und Leistungslogik, ausführlicher erläutert. Dann erstellen wir eine konzeptuelle Grundlage zu den hier im Fokus stehenden Begriffen wie Integration, Selbst- und Fremdkonstruktion mit Blick auf Ein- und Ausgrenzung sowie zu Werten. Diese wird im anschließenden Hauptteil zur Analyse unseres Materials angewendet. Im Schlussteil werden die Ergebnisse in Relationen gebracht, bewertet und auf weiterführende Potentiale hin kommentiert.

1 Bei einem Besuch der hier untersuchten Initiative.
2 Siehe etwa die Übersicht zum Thema „Sport und Integration“ im Sportentwicklungsbericht 2015/2016 (Breuer 2017a: 52f.).
3 Siehe etwa die zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Artikels hochaktuelle und außerordentlich breit geführte Diskussion rund um den Fall Özil und den ihm zugrundeliegen-den Vorwürfen der Nicht-Integration über Fußball.
4 So werden etwa 6-jährige (G-Jugend) in ihrem ersten Training auf die Bedeutung der regelmäßigen Teilnahme am Training hingewiesen, da sich die Mannschaftsaufstellung bei Turnieren nach der Trainingsbeteiligung richte (aus einer Trainingsbeobachtung einer entsprechenden Mannschaft im Rheinhessischen). „Mit der Ausbildung eines besonderen Gruppenethos im Fußball sichern sich Vereine und Verbände Kontrolle über das Verhalten der Spieler: Was loyales Verhalten ist, wird von ihnen festgelegt“ (Gebauer 2016, zit. n. Beichelt 2018: 210).
5 Die Haupt- und Ehrenamtlichen haben zu Teil selbst sogenannte Migrationshintergründe. Diese werden aber in der Interaktion in diesem Rahmen auffallend in den Hintergrund gestellt. Trotz ab und zu stattfindender Übersetzungen von Einzelnen bietet diese Gruppe ein bemerkenswert kohärentes Bild – in Auftreten und Meinungsäußerung – gegenüber den Geflüchteten. Auf der Grundlage dieser vermutlich gezielten Selbstdarstellung werden sie im Text auch als „die deutschen Akteure“ bezeichnet.
6 Kommentare von Geflüchteten werden punktuell komplementär aufgegriffen.
7 Uns ist bewusst, dass sich die Bedingungen – sowohl, was die Zahlen der Ankommenden angeht, als auch allgemein institutionelle Weiterentwicklungen, z.B. Förderoptionen – über den Untersuchungszeitraum stark verändert haben. Dies tritt in diesem Text in den Hintergrund, weil wir Beispiele ausgewählt haben, für die dieser Aspekt weniger relevant ist. Für ein systematisches Einbeziehen dieses Aspekts benötigen wir einen umfassenderen Rahmen.
8 „According to Knoblauch, focused ethnography thus presents itself as a genuinely sociological variation of ethnography that, unlike ethnography in ethnology, does not necessitate presupposing a cultural distance between the observer and the observed but rather a certain proximity and familiarity between them since it is only through such familiarity that focussed questions can be articulated and processed“ (Langenohl 2015: 6). Dieser Ansatz hebt sich entsprechend von der Grounded Theory ab.

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Sie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 1/2019 der neuen FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft erscheinen.

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