Effekte der Internatszeit auf Persönlichkeit und Lebenslauf

Identität und Habitus. Prozessanalytische und dokumentarische Perspektiven auf die Biografien von ehemaligen Internatsschülerinnen und -schülern

Ulrike Deppe

ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung, Heft 1/2019, S. 73-89

Zusammenfassung
Anliegen des Beitrags ist es, die biografieanalytischen Potenziale der Begriffe Identität und Habitus zu diskutieren und ihre Genese anhand der Biografien von ehemaligen Internatsschüler*innen nachzuvollziehen. Mit „privilege as identity formation“ liegt überdies ein an die theoretischen Überlegungen anschlussfähiges Konzept vor, das nachvollzieht, wie sich Internatsschüler*innen mit sich und der Welt in Beziehung setzen und wie sie dies in der Schule lernen. Anschließend werden die Möglichkeiten einer Kombination der sozialwissenschaftlichen, interpretativen Verfahren der sozialwissenschaftlichen Prozessanalyse und der Dokumentarischen Methode, die sich in ihren methodologischen Bezügen auf den ersten Blick jeweils stärker auf nur einen der Begriffe beziehen, in Bezug auf ihren Beitrag zur Frage nach der Identitäts- und Habitusbildung herausgearbeitet. Anhand von qualitativen Interviewdaten werden erste Fluchtpunkte in Bezug auf die Identitäts- bzw. Habituskonstruktionen der Ehemaligen skizziert.

Schlagwörter: Biografien, Internatsgymnasien, Absolventen, Identität, Habitus, sozialwissenschaftliche Prozessanalyse, Dokumentarische Methode

 

Identity and habitus. Perspectives of the Biography Analysis and the Documentary Method on the biographies of German boarding school alumni

Abstract
The aim of the article is to discuss the biographical analysis potential of the terms identity and habitus and to understand their genesis on the base of the biographies of former boarders. With „privilege as identity formation“, there exists already a concept that can be connected to the theoretical considerations and which reconstructs how boarders relate to themselves and the world and how they learn this in school. Subsequently, the opportunities of a combination of two interpretive approaches, the Biography Analysis and the Documentary Method, which in their methodological references at first glance are more strongly related to only one of the terms, are elaborated and how they contribute to the question of the identity and habitus formation of the alumni. On the basis of qualitative interview data, first vanishing points in relation to the identity or habitus constructions of alumni are emphasized.

Keywords: biographies, boarding schools, alumni, identity, habitus, Biography Analysis, Documentary Method

 

1 Einleitung

„das war sicherlich die prägendste und auch schönste Zeit meines Lebens; weil das einfach-, (.) wenn=wenn das einem gefällt? // I: hmm // und wenn man diese=diese Art des Internatslebens mag, dann ist das natürlich der Traum auf Erden, gerade in so ner Landschaft, (.) ähm auch wenn ich heute noch da hin gehe im Sommer, und und schau mir das an, da denk ich mir immer das kann ja gar nicht sein; das ist ja so unglaublich schön hier“ (Interview Helge1, private Internatsschule 1, Z. 265‒269)

Nicht alle Ehemaligen betten die Darstellung ihrer Internatsschulzeit so euphorisch in ihre Lebensgeschichte ein wie Helge. Dennoch macht das Zitat des Absolventen eines privaten, reformpädagogischen Internatsgymnasiums bereits mehrere Aspekte deutlich. Die doppelte Konditionalkonstruktion „wenn das einem gefällt“ und „wenn man diese=diese Art des Internatslebens mag“ zeigt die notwendigen Bedingungen aufseiten der persönlichen Disposition, um sich in einer Internatsschule wohlfühlen zu können. Dass diese Dispositionen nicht generell zu erwarten sind, ist in dieser Konstruktion bereits enthalten. Sind diese erfüllt – wie bei ihm selbst – dann besteht die Möglichkeit, „die prägendste und auch schönste Zeit“ seines Lebens zu erleben – und dieses auch noch ca. zehn Jahre nach dem Verlassen der Schule, denn so lange liegt die Schulzeit bei den Befragten der Studie2 zurück, einzuordnen. Dabei schließt die Argumentation nicht nur den Aspekt des sozialen Zusammenlebens im Internat (fern von den Eltern, umgeben von Gleichaltrigen und Personal), sondern auch die landschaftlichen, geografischen Gegebenheiten der Internatsschule ein, die aus einer aktuellen Ich-Perspektive mit emotionaler Verbundenheit und Staunen über die Schönheit des Ortes dargestellt werden. Es dokumentiert sich aber auch ein Wissen, dass eine Internatsschule und das Zusammenleben darin ‚nicht jedermanns Sache ist‘ bzw. der Aufenthalt nicht zur gesellschaftlichen Norm zählt, und die Schönheit des Ortes fernab vom städtischen Leben muss auch erkannt werden können. Dieser Blick ergibt sich aus der Erfahrung mit dem Ort und seinen Bewohner*innen und zugleich in der vergleichenden Rückschau.

Diese Auseinandersetzung findet in vielen weiteren biografisch-narrativen Interviews – mit unterschiedlichen Ausprägungen – der hier zugrunde liegenden Studie statt. Unbesehen, ob es sich bei den besuchten Schulen um staatlich getragene und damit kostengünstige Internatsgymnasien oder hochpreisige, private Internatsschulen handelt, setzt sich eine große Zahl der interviewten Ehemaligen mit ihrer exklusiven bzw. privilegierten Schulzeit und Schulbildung auseinander.

Dieser vorläufige Befund macht die Relevanz der Studie deutlich, die sich in einer sozialisationstheoretischen Fokussierung um die Aufklärung der institutionellen und pädagogischen Einflüsse auf biografische Entwicklungsprozesse bemüht (Wiezorek 2017, S. 29f.). Über die Untersuchung der biografischen Darstellungen von ehemaligen Internatsschüler*innen soll herausgearbeitet werden, welche identitäts- bzw. habitusformierenden Effekte davon ausgehen.

Auf der Basis von identitäts- und habitustheoretischen Überlegungen sowie methodologischen Bezugnahmen auf die Rekonstruktionsverfahren der sozialwissenschaftlichen Prozessanalyse und der Dokumentarischen Methode werden anschließend exemplarisch anhand von qualitativen Interviewdaten erste Anhaltspunkte für die Identitäts- bzw. Habituskonstruktionen der Ehemaligen herausgearbeitet.

2 Ehemalige Internatsschüler*innen als Forschungsgegenstand

Das Feld der Internatsgymnasien bzw. -schulen in Deutschland ist bislang wenig beforscht, weitgehend sogar unerforscht sind die Biografien und Berufsverläufe von ehemaligen Schüler*innen von Internatsgymnasien in Deutschland. Bei den wenigen empirischen Studien zum Gegenstand handelt es sich um qualitative Studien, die einzelne Einrichtungen und ihre Klientel in den Blick nehmen und keine Aussagen über die nachschulischen Lebenswege und Karrieren von ehemaligen Internatsschüler*innen treffen (Gonschorek 1979; Kalthoff 1997; Böhme 2000; Helsper u.a. 2001; Katenbrink 2014; Gibson 2017; Rühle 2017).

Die vorhandenen Studien geben bereits Hinweise darauf, dass Internatsgymnasien als „totale Institutionen mit programmatischen Ansprüchen und einer starken Sekundärsozialisation das öffentliche und private Erwachsenenleben der Schüler entscheidend beeinflussen“ (van Zanten 2014, S. 12) können. So vereinen Internatsschulen „die Erziehungsbereiche der schulischen und der außerschulischen Bildung und Erziehung“ (Kalthoff 1997, S. 28). Den exklusiven Charakter stellen Internatsgymnasien über zwei Mechanismen der Selektion her: „über das Recht, die Zöglinge auswählen zu können (…) und über die Kosten des Internatsaufenthaltes“ (ebd.). Dadurch wird eine homogene Klientel erzeugt (ebd.). Ein weiteres gemeinsames Kennzeichen von exklusiven Internatsgymnasien ist, „daß Konzentration von Schülern und ihre Segregation zusammen gehören“ (Kalthoff 1997, S. 34). Dies geschieht, indem „Schüler von anderen sozialen Gruppen, von ihrem Zuhause, mitunter von städtischer Kultur und Geschlecht“ (ebd.) getrennt werden. „Das Inseldasein der Institution wird oft durch eine ländliche Lage erreicht.“ (ebd.). Die Schulen selbst orientieren sich in ihren Programmatiken und Selbstzuschreibungen an Qualitätsmerkmalen wie Leistung, Erfolg und Prestige (s. auch Böhmes (2000) Arbeit zum Schulmythos und dessen Verbürgung durch die Schülerschaft). Der Begriff der „Leistung“ und „Leistungsbereitschaft“ übernimmt eine zentrale Position. Die Internatsschulen in Kalthoffs Studie fordern „Leistung“ („etwas aus sich machen“), die sie über die Fächer hinaus auf alle Gebiete des Internatslebens ausdehnen: Sport, Musik, soziales Verhalten bis hinunter zu kleinen unterstützenden Handgriffen“ (Kalthoff 1997, S. 39; auch Helsper u.a. 2001; Gibson 2017).

Darüber hinaus zeigen die Studien, dass die Peergemeinschaft und -sozialisation im Rahmen der Internatsschule eine erhöhte Bedeutung erhält und auch zwischen den Schulen Beobachtung und Gegenbeobachtung stattfinden, die unter anderem entscheidend für die Wahl der Schule und die Auswahl durch die Schule sind. Durch die Separation von Familie und früherem Umfeld sowie der höheren sozialen Kontrolle einer segregierten Peergemeinschaft bei zugleich geringer Privatsphäre „entwickeln die Akteure ein feines Gespür für situationsangepasstes Agieren: Sie lernen Grenzen auszutesten, passen sich an Rituale, Kleiderordnungen etc. an, wissen, wann Zurücknahme erforderlich ist und bilden eine feste Bande der Kollektivität, die z.T. auch über die Internatszeit hinauswirkt“ (Gibson 2017, S. 68; Kalthoff 1997; Fuchs 2016).

Ausgehend von diesen Anhaltspunkten und Forschungsdesiderata lassen sich jedoch in Deutschland keine Studien und Monitorings über die Ehemaligen finden, wie sie bspw. im angloamerikanischen Raum auch von den Internatsschulvereinigungen (The Association of Boarding Schools (TABS)) selbst in Auftrag gegeben werden, um die Bildungs- und Berufswege der Ehemaligen zu untersuchen – hauptsächlich mit dem Anliegen, den Erfolg und die Nachhaltigkeit der Beschulung nachzuweisen (z.B. Steel u.a. 2015).

Im internationalen Forschungsstand aus dem angloamerikanischen und französischen Raum existieren deutlich mehr Studien zu gleichermaßen sozial selektiven wie akademisch anspruchsvollen Internatsschulen (z.B. Howard 2008; Gaztambide-Fernández 2009; Khan 2011; Forbes/Lingard 2013; Maxwell/Aggleton 2013; Kenway/Fahey/Koh 2013). In diesen Studien wird in Bezug auf die Ausbildung besonderer Eigenschaften der Schülerschaft von Internatsgymnasien von „accomplishment“ (Maxwell/Aggleton 2013), einem „sense of entitlement“ (z.B. Gaztambide-Fernández/Cairns/Desai 2013) oder „assuredness“ (Forbes/Lingard 2013) gesprochen. Auch werden verstärkte Übergänge von Absolvent*innen von sog. Eliteschulen auf entsprechende Elitecolleges und -universitäten (Stevens 2007; Espenshade/Radford 2013), eine größere Nähe zu gesellschaftlich anerkannten und mit Macht ausgestatteten Positionen (z.B. Naudet 2015; Wakeling/Savage 2015), höheren Verdiensten (Witteveen/Attewell 2017) und dem privilegierten Zugang zu beruflichen Netzwerken nachgewiesen (z.B. Bourdieu 2004; Karabel 2005; Letendre/Gonzalez/Nomi 2006; Rivera 2015). Zudem werden enge Verbindungen zwischen den Colleges und ihren Ehemaligen über die Veranstaltung von Ehemaligentreffen, die Pflege von Traditionen und Feiern sowie die Organisation der Alumni im Ehemaligenverein beschrieben (Metz-Göckel 2004; Lee 2004).

Für die Untersuchung von ehemaligen Internatsschüler*innen ist es von besonderem Interesse, die Persönlichkeitsentwicklung der Ehemaligen unter den jeweiligen sozialstrukturellen und soziokulturellen Bedingungen und der sozialisatorischen Gemeinsamkeit eines Internatsschulbesuchs herauszuarbeiten.

1 Es handelt sich bei allen Namen und Orten um Pseudonyme bzw. Anonymisierungen.
2 Die Studie „Biografische Verläufe und Berufskarrieren von Absolventinnen und Absolventen exklusiver Internatsgymnasien in Deutschland“, die von mir geleitet und durchgeführt wird und an der die wissenschaftlichen Hilfskräfte Arne Arend, Alexander Hellner, Eleonore Freier und Charlotte Schweder mitarbeiten, wird von der DFG mit einer Sachbeihilfe (10/2017‒12/2020) gefördert.

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