Zur Entscheidungsfindung politischer Eliten

Bauchgefühle, Faustregeln oder Kopfentscheidungen: Die Rolle von Heuristiken bei Entscheidungen politischer Eliten

Bauchgefühle, Faustregeln oder Kopfentscheidungen: Die Rolle von Heuristiken bei Entscheidungen politischer Eliten

Aron Buzogány

dms – der moderne staat – Zeitschrift für Public Policy, Recht und Management, Heft 1/2019, S. 50-72

Zusammenfassung
Die kognitionswissenschaftliche Entscheidungsforschung hat in den letzten Jahren in einer Reihe von Nachbardisziplinen der Politikwissenschaft wie der Ökonomie und der Rechtswissenschaft bedeutende Erfolge gefeiert. Nicht nur in der Politischen Psychologie, sondern auch in anderen politikwissenschaftlichen Subdisziplinen, etwa in der Wahl- und Einstellungsforschung, der Außenpolitikanalyse oder der Politikfeldforschung, sind Erkenntnisse aus dieser Forschungstradition von immer größerer Bedeutung. Dieser Beitrag diskutiert wichtige Entwicklungslinien der Forschungstradition über Heuristiken und bietet eine Übersicht der politikwissenschaftlichen Rezeption dieser Arbeiten. Ziel des Beitrags ist es, die kognitionswissenschaftlich fundierte Perspektive der Entscheidungsfindung für ein breiteres politikwissenschaftlich interessiertes Publikum bekannt zu machen und auf Möglichkeiten ihrer Anwendung in der qualitativ orientierten Regierungsforschung hinzuweisen. Der Beitrag fokussiert dabei auf Eliten als zentrale Akteure der politischen Entscheidungsfindung. Anhand eines Fallbeispiels aus dem Grenzgebiet der Europa- und Regierungsforschung wird illustriert, wie die dargestellte Literatur zu Heuristiken zusammen mit neo-institutionalistischen Ansätzen mit einigem Mehrwert angewendet werden kann.

Schlagworte: Nudge, Heuristiken, Regierungsforschung, Entscheidungsfindung, Europapolitik

 

Gut feelings, rules of thumb or brain decisions: The role of heuristics in decision-making of political elites
Abstract

Behavioral perspectives have celebrated significant successes in a number of disciplines such as economics and law. Not only in political psychology are findings from this research tradition becoming increasingly important, but also in other subdisciplines of political science, such as electoral studies, foreign policy analysis, and policy field research. This article discusses important lines of development in the research program on heuristics and provides an overview of the political science reception of these works. The aim of the contribution is to popularize the behavioral decisionmaking agenda to a broader political science audience and to point to possibilities of its application in qualitatively oriented research. The contribution focuses on elites as central actors in political decision-making. Using a case study located at the intersection of European and domestic politics, the contribution illustrates the added value of the heuristics literature and how it can be combined with neo-institutionalist approaches.

Keywords: Nudge, Heuristics, Decision-making, European policy-making

 

1 Einleitung1

Viele theoretische Ansätze in verschiedenen politikwissenschaftlichen Subdisziplinen wie der Policy-Forschung, den Internationalen Beziehungen oder der Wahlforschung problematisieren die „heroischen“ Annahmen einfacher Rational-Choice-Ansätze, denen zufolge Individuen vordergründig unter Zuhilfenahme abwägender Sachrationalität entscheiden (Green & Shapiro, 1994). Der zurzeit vielleicht folgenreichste Gegenentwurf zu der dominanten rationalistischen Perspektive entstammt der psychologischen Verhaltensforschung. Diese und die darauf verweisende Forschung aus sozialwissenschaftlichen Nachbardisziplinen haben sich das Ziel gesetzt, eine realistischere Perspektive auf Entscheidungssituationen anzubieten. Im Gegensatz zu den oft hochstilisierten „Kopfentscheidungen“ (vermeintlich) nutzenmaximierender Akteure geht das Forschungsprogramm über Entscheidungsheuristiken davon aus, dass in den allermeisten Fällen Entscheidungen auch auf „Bauchgefühle“ oder einfache kognitive „Faustregeln“ zurückzuführen sind. Bei allen Unterschieden teilen diese Ansätze im Wesentlichen die Aussage, dass Deutungsmuster als handlungsleitende heuristische Filter darüber entscheiden, welche Handlungen ausgeführt werden. Solche einfachen, schnell aktualisierbaren kognitiven Entscheidungsheuristiken versetzen Akteure in die Lage, Informationen so zu priorisieren, das mit überschaubaren Informationskosten innerhalb knapper Zeithorizonte Entscheidungen getroffen werden können (James & Jorgensen, 2009, S. 151). Heuristiken werden dabei als Problemlösungsstrategien definiert, die auf mentale Abkürzungen verweisen (Fiedler & Schmidt, 1995). Bei Heuristiken handelt es sich um bewusst oder unbewusst benutzte Entscheidungshilfen, die in komplexen Entscheidungssituationen, in denen oft keine optimalen Lösungen möglich sind, benutzt werden, um pragmatische, schnelle und ausreichend gute Entscheidungen herbeizuführen. Mit Hilfe von Heuristiken können Akteure schwierige und große Informationsmengen leichter strukturieren und komplexe Entscheidungssituationen erheblich vereinfachen. Solche allgemeinen Grundsätze und Deutungsmuster helfen, konkurrierende Ziele zu hierarchisieren und nicht kompatible Wertmaßstäbe zu vereinbaren. Heuristiken helfen in Entscheidungssituationen, in denen Zeit knapp ist und Handlungsbedingungen durch Unsicherheit gekennzeichnet sind, Informationen nach einfachen Regeln zu verarbeiten. Diese weite Definition lässt bewusst offen, ob Heuristiken positiv oder negativ zu bewerten sind: Einerseits können solche kognitiven shortcuts beschleunigend wirken – was oft überhaupt erst das Entscheiden unter realistischen Bedingungen ermöglicht. Andererseits kann es aber durch das Verkürzen sehr wohl zu kognitiven Fehlschlüssen kommen, die zu systematisch suboptimalen Entscheidungen führen.

Die Folgen eines Perspektivenwechsels vom nutzenmaximierenden homo oeconomicus hin zum homo heuristicus (Gigerenzer & Brighton, 2009) sind für die gesamte Politikwissenschaft potentiell von geradezu revolutionärer Bedeutung. Dass man vor allem in der angelsächsischen sozialwissenschaftlichen Forschung von einem „cognitive turn“ (McCubbins & Turner, 2012) oder gar einer „kognitiven Revolution“ (Hafner-Burton, Haggard, Lake & Victor, 2017) spricht, wurde einerseits durch Fortschritte in der Verhaltenspsychologie und der Gehirnforschung, andererseits durch ökonomische und politische Entwicklungen ausgelöst. Die Schulden- und Finanzkrise Ende der 2000er Jahre war auch eine Krise der Sozialwissenschaften. Daher erstaunt es kaum, dass angesichts der Krise auch das dominante Theoriegebäude des Rational Choice empfindliche Risse im Fundament bekommen hat und das bereits seit einigen Jahren kohärent formulierte Gegenangebot der kognitiven Schule bereitwillig aufnahm. Vor allem zwei Nachbardisziplinen der Politikwissenschaft, die Ökonomie und die Rechtswissenschaft, waren an der Speerspitze dieser Entwicklung, was einerseits auf ihre interdisziplinäre Ausrichtung, andererseits auf die durch die Law-and-Economics-Tradition eng miteinander verzahnte angelsächsische Forschungslandschaft zurückzuführen ist. Dazu kommt, dass einzelne grundlegende Arbeiten zu Heuristiken wie etwa die Forschung über Risikowahrnehmung von Amos Tversky und Daniel Kahneman in der Ökonomie bereits früh rezipiert wurden (Kahneman, Knetsch & Thaler, 1991). Doch war es erst die Finanzkrise des Jahres 2008, welche diese Ergebnisse in ein neues Licht rückte. Mit der in ihrem Bestseller „Nudge“ dargelegten Theorie eines „paternalistischen Libertarianismus“ trafen Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein den Nerv der Zeit (2008) und bedienten den Wahlsieg Barack Obamas 2009 begleitenden Ruf nach nicht unbedingt mehr, sondern “intelligenterer“ Regulierung. Mittlerweile sind Behavioural Insights Teams in mehrere Regierungszentralen eingezogen, was lebhafte Debatten über die ethisch-moralischen, aber auch pragmatisch-effizienzorientierte Dimensionen des „Anstupsens“ angestoßen hat (Bornemann & Smeddinck, 2016; Halpern, 2016; Lepenies, MacKay & Quigley, 2018; Lodge & Wegrich, 2016; Strassheim, Jung & Korinek, 2015; Strassheim & Korinek, 2016).

Im Gegensatz zu einigen Nachbardisziplinen, allen voran der Ökonomie (Bingham & Eisenhardt, 2011; Kahneman, 2003) und der Rechtswissenschaft mit ihrer seit mehreren Jahren zu beobachtenden Hinwendung zur Verhaltensökonomie (Kelman, 2011; 2013; Korobkin & Ulen, 2000; Persad, 2014; Wolff, 2015), erfuhr allerdings in der Politikwissenschaft das Forschungsprogramm über heuristische Entscheidungsfindung bislang nur recht wenig Resonanz (Brandstätter, Hertwig & Gußmack, 2010; Hafner-Burton, Hughes & Victor, 2013; Wilson, 2011). Das ist insofern verwunderlich, als es dabei im Kern um realistische Aussagen über das Handeln von Akteuren geht – was eines der Hauptinteressen auch der Politikwissenschaft ist. Trotz einer beeindruckenden Popularisierung behaviouralistischer Ansätze (Dobelli, 2011; Gigerenzer, 2007; 2014; Kahneman, 2011; Kahneman, Lovallo & Sibony, 2011; Kaiser, 2012; Thaler & Sunstein, 2008) gilt dieser Befund für die deutschsprachige Politikwissenschaft sogar in verstärkter Form. In der englischsprachigen Politischen Psychologie hat, folgt man der Periodisierung von William J. McGuire (2004), nach der intensiven Beschäftigung mit Persönlichkeit und Politik (1940-1950er Jahre), mit politischen Einstellungen und Wahlverhalten (1960-1970er Jahre), bereits seit den 1980er Jahren eine verstärkte Beschäftigung mit Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung stattgefunden. Allerdings wurde dies in der deutschsprachigen Forschung, die eine starke Tradition im Bereich der Forschung zu Wertewandel, Partizipation, Sozialkapital und Wahlverhalten vorzuweisen hat (Gabriel & Maier, 2009), bisher nur am Rande mit verfolgt (etwa Frank, Schoen & Faas, 2015).

Ziel des Beitrags ist es daher, im Sinne eines Literaturberichts die kognitionswissenschaftlich fundierte Perspektive der Entscheidungsfindung für ein breiteres politikwissenschaftlich interessiertes Publikum bekannt zu machen, gleichzeitig aber auch auf Möglichkeiten ihrer Anwendung in der qualitativ orientierten Politikwissenschaft in konzeptioneller und empirischer Hinsicht hinzuweisen. Zunächst werden dabei in Form eines Überblicks die Grundlagen des Forschungsprogramms zu Heuristiken vorgestellt (Teil 2) und bisherige politikwissenschaftliche Anwendungen bezüglich politischer Eliten diskutiert (Teil 3). Daran anschließend wird der Mehrwert einer Analyse, die auf die Informationsverarbeitung von politischen Eliten unter Zuhilfenahme von Heuristiken Wert legt, anhand eines aktuellen Beispiels aus dem Grenzbereich der Europa- und Regierungsforschung illustriert (Teil 4).

2 Von Kopfentscheidungen zu Bauchgefühlen und Faustregeln: Das Forschungsprogramm zu Heuristiken

Den hier vorgestellten kognitiven Entscheidungstheorien gemeinsam ist die Kritik am rationalistischen Menschenbild und am Grundmodell der Erwartungsnutzentheorie. Dabei lehnen die kognitiven Ansätze der Entscheidungsfindung den Rationalitätsbegriff als solchen nicht ab. Kognitive Theorien unterscheiden meist zwischen der intuitiven hot cognition und der reflektiven cool consideration (Redlawsk, 2002). Auf ähnliche Weise unterscheidet Daniel Kahneman zwischen dem quasi automatisierten „System 1“, bei dem Entscheidungen mühelos und ohne viel Reflektion getroffen werden, und „System 2“, welches rational und regelgebunden funktioniert und vor allem dann greift, wenn „System 1“ zu versagen droht (Kahneman, 2011).

Kognitive Theorien gehen allerdings davon aus, dass aufgrund der Komplexität der Entscheidungssituation – die etwa von begrenzter Zeit, eigenen und kollektiven Erfahrungen beeinflusst wird – der Rationalität enge Schranken gesetzt sind. Anstelle des letztlich normativen Fokus der Erwartungsnutzentheorie auf dem homo oeconomicus, der auf der Grundlage perfekter Information optimale Entscheidungen treffen kann (Gilovich & Griffin, 2010; Redlawsk & Lau, 2012), steht bei kognitiven Ansätzen das Verstehen von Entscheidungsfindung unter realistischen Bedingungen im Mittelpunkt. Entscheidungssituationen sind grundsätzlich durch kostspielige Such- und Selektionsprozesse relevanter Informationen charakterisiert – es ist allerdings gerade dieser zentrale Punkt, der von der Rational Choice Theory im Wesentlichen ausgeblendet wird (Redlawsk & Lau, 2012).

Aus diesem Grund ist der Ausgangspunkt der in der Politikwissenschaft weit verbreitete Ansatz der „begrenzten Rationalität“ von Akteuren. Das Konzept wurde zuerst von Herbert Simon formuliert, der davon ausging, dass kognitive Begrenzungen menschlichen Informationsverarbeitungsvermögens zur individuellen Vereinfachung von Entscheidungssituationen führen (1997). Im Gegensatz zu den Vorstellungen der Rational-Choice-Theorien geht diese Perspektive davon aus, dass Individuen keine Nutzenmaximierer sind. Sie sind vielmehr „Satisficer“, die sich mit ausreichend guten Entscheidungen zufrieden geben. Anstatt dem Idealbild des allwissenden Entscheiders zu huldigen, verwandeln „Modelle begrenzter Rationalität (…) uns wieder in normale Menschen zurück und versuchen die Frage zu beantworten, wie sich Menschen verhalten, die wenig Zeit und Wissen haben“ (Gigerenzer & Gaissmaier, 2006, S. 4).

Zu den Kernelementen des Konzepts der begrenzten Rationalität – das allerdings nie konsequent ausformuliert wurde (Jones, 1999) – gehört die intendierte Rationalität von Akteuren, die allerdings aufgrund kognitiver Schranken, der begrenzten Zeit oder der Komplexität der Aufgaben nicht erfüllt werden kann, auch wenn sich Menschen grundsätzlich adaptiv und rational verhalten (Jones & Thomas, 2012, p. 275). Gleichwohl fällt es ihnen schwer, zwischen verschiedenen Zielen zu priorisieren und die dabei auftretenden Unsicherheiten und Risiken rational zu erfassen und diese bei Entscheidungssituationen abzurufen.

1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden ausschließlich die männliche Sprachform verwendet. Das weibliche Genus ist selbstverständlich jeweils eingeschlossen.

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