Junge Opfer der sozialistischen Umerziehung

Annäherung an die Gewalterfahrungen ehemaliger Heimkinder aus DDR-Spezialheimen. Eine Oral History-Untersuchung

Annäherung an die Gewalterfahrungen ehemaliger Heimkinder aus DDR-Spezialheimen. Eine Oral History-Untersuchung

Agnès Arp

BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen, Heft 1+2-2017, S. 235-258

 

Zusammenfassung
Dieser Artikel untersucht sechzehn lebensgeschichtliche Interviews von ehemaligen Heimkindern aus DDR-Spezialheimen. In diesem Artikel wird der Fokus auf zwei Themen gelegt: Die Erinnerung an die erste Heimeinweisung und die erlebte Gewalt. Die Schilderungen des Heimalltags beziehen mehrere Gewaltszenen ein. Erklärungsbedürftig ist, dass die InterviewpartnerInnen die Tatsache verneinen, dass sie selbst Opfer dieser Gewalt waren. Im vorliegenden Aufsatz wird dieser Widerspruch im Kontext der Anstalts-Soziologie der totalen Institution und der Umerziehungspädagogik problematisiert.

 

1. Einleitung

495.000 Kinder und Jugendliche wurden zwischen 1949 und 1990 in die Heime der DDR-Jugendhilfe eingewiesen, darunter ca. 135.000 in Spezialheime. Das entspricht rund 12.500 Heimeinweisungen pro Jahr und ergibt einen Schnitt von einem Heimkind auf 1.000 DDR-Bürger (Beauftragte der Bundesregierung für die Neuen Länder 2012: 278). In der DDR wurde zwischen Normal- und Spezialheimen unterschieden. In den Normalheimen wurden Minderjährige zwischen drei und 18 Jahren untergebracht, deren Herauslösung aus ihren Familien nur zeitweilig notwendig erschien. Stellte die Jugendfürsorge hingegen erhebliche Erziehungsprobleme fest, wurden die Kinder und Jugendlichen zur „Umerziehung“ in sogenannten Spezialheimen (Spezialkinderheim und Jugendwerkhof) untergebracht (Jörns 2006; Sachse 2012).1 Spezialkinderheime waren für Kinder zwischen drei und 14 Jahren, Jugendwerkhöfe für Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Im Jugendwerkhof konnten die Jugendlichen einen Teilfacharbeiterabschluss erlangen.

Die DDR-Heimerziehung lässt sich in die Kontinuität der „schwarzen Pädagogik“ einordnen, wobei ihre pädagogischen Prinzipien mit dem Konzept der „sozialistischen Umerziehung“ der Kinder und Jugendlichen, die als „schwererziehbar“, „abweichend“ und „unangepasst“ galten, gerechtfertigt wurden. Sie sollten zuverlässige „sozialistische Persönlichkeiten“ werden. In der Realität bediente sich die Umerziehungspraxis jeder denkbaren Methode, die geeignet war, den eigenen Willen dieser Minderjährigen zu brechen (vgl. u. a. May 2011; Sachse 2011; 20132; 2013; Hannemann 1995; Sengbusch 1995; Beyler/Hottenrott 2010; Benz 2014). Dementsprechende Menschenrechtsverletzungen in Heimen der DDR für Kinder und Jugendliche wurden durch verschiedene Untersuchungen in den letzten Jahren nachgewiesen (Arp/Butz/Gebauer/Hofmann/Ritter 2012; Arp/Hofmann/Kalies 2012; Beauftragte der Bundesregierung für die Neuen Länder 2012; Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit. Abteilung Jugend, Familie, Sport, Landesjugendamt 2013; Sachse/Knorr/Baumgart 2017). Im Herbst 2012 wurde daraufhin der Fonds Heimerziehung Ost zur Entschädigung für erlittenes Leid und Unrecht durch die Jugendhilfe in der DDR eingerichtet.

Die Gewalt, der diese Kinder physisch und psychisch ausgeliefert waren, ist erschreckend.  Die genannten Studien offenbaren die ganze Bandbreite von physischer oder psychischer Gewalt, die Kindern geschadet hat, mit der sie verletzt und unterworfen wurden (Schubert/Klein 2011). Die wiederholte Erfahrung „menschengemachter“ Gewalt, die die betroffenen Kinder durch Familienmitglieder oder andere Fürsorgepersonen erduldet haben, rief oft sichtbare körperliche Verletzungen hervor. Systematische Drohungen und Schweigegebote bilden die zweite Gewaltdimension, die auf Unterdrückung des Aussprechens erlittener Gewalt abzielt. In dem Maße, wie die Gewalttaten sowohl für die Umwelt als auch für die Betroffenen selbst nicht präzise greifbar und beschreibbar sind, verlieren die Taten auch an Kontur und Beweisbarkeit (Gahleitner/Oestreich 2010: 11-12). Was die traumatisierende Dimension des Mit-Erlebens von Gewalt angeht, löst dies meistens Hilflosigkeit, Scham (Goffman 1975: 16)2 und Schuldgefühle3 aus, weil der/die BeobachterIn nichts unternahm, bzw. unternehmen konnte, ohne selber Opfer zu werden.4 In solchen Situationen innerkollektiver Gewalt wurde aus dem/r BeobachterIn mitunter ein/e MittäterIn. Schließlich verursachen Gewalttaten jeder Art „nachhaltigen Schaden in sozialer, ökonomisch-materieller, körperlicher, kognitiver, psychischer und sexueller Hinsicht“ (vgl. u. a. Sieder/Smioski 2012).

Der Ansatz der Oral History bietet eine Möglichkeit, Quellen über die verschlossene und tabuisierte Welt der Kinder- und Jugendheime in der DDR zu generieren. Tatsächlich scheiterte die Einsichtnahme in entsprechende Jugendhilfeakten daran, dass viele Akten von den Archiven kassiert, sprich: vernichtet wurden. Unsere Recherchen nach Heimakten hatten ergeben, dass sie meistens vernichtet bzw. – im Zuge von Umzügen – verlorengegangen waren oder aber immer noch in Heimen „gebunkert“ werden. Darüber hinaus geben diese Akten die Sicht der Heimerzieher und Jugendfürsorger wieder. In den lebensgeschichtlichen Interviews, die ich mit ehemaligen Heimkindern aus der DDR geführt habe, wurde von Gewalterfahrungen in ihren vielfältigen Facetten direkt und indirekt berichtet. Dabei gaben meine InterviewpartnerInnen zwar im ersten freilaufenden Teil des Interviews5 Gewaltszenen wieder und erinnerten mehrere Gewaltsituationen, und dennoch verneinten sie (bis auf zwei Personen) auf meine Nachfrage hin, selbst Gewalt erlebt zu  haben. Auf diesen scheinbaren Widerspruch möchte ich im Folgenden eingehen.

2. Erzählungen über die Spezialheime

Meine Forschung über die Gewalt in den Spezialheimen der DDR basiert auf einunddreißig lebensgeschichtlichen narrativen Interviews mit ehemaligen Heimkindern sowie zwei lebensgeschichtlichen Interviews mit ehemaligen Jugendwerkhofleitern,6 die ich im Rahmen von zwei Expertisen (Arp/Butz/Gebauer/ Hofmann/Ritter 2012; Arp/Hofmann/Kalies 2012) zwischen 2010 und 2012 geführt habe.7 Von diesen einunddreißig Personen sind elf Frauen und zwanzig Männer der Geburtsjahrgänge 1933 bis 1976. Im Folgenden untersuche ich im Besonderen sechzehn Lebensgeschichten von Heimkindern,8 die regelrechte Odysseen in Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen der DDR durchlaufen haben. Viele Heimkinder wurden beispielweise innerhalb von vier Jahren in fünf verschiedene Spezialheime eingewiesen (vgl. Arp 2012a: 21; und Sachse 2012; 2013).

Ich muss vorausschicken, dass ich schon vor Beginn der Interviewphase eher schwierige und traurige Lebensgeschichten erwartet hatte. Das Ergebnis übertraf meine Vorannahmen allerdings noch um einiges. Alle Erzählungen ehemaliger Spezialheimkinder waren von Gewalt und Verzweiflung im Kindesalter geprägt. Um diese Erzählungen zu verarbeiten und den InterviewpartnerInnen professionell begegnen zu können, habe ich eine psychologische Begleitung meinerseits während der Feldarbeitsphase für unumgänglich erachtet. Die InterviewpartnerInnen berichteten oftmals, dass das lange Gespräch ihnen gut getan hatte, sicherlich deshalb, weil das bis jetzt offenbar Unaussprechbare Gestalt annahm und ihnen zugehört wurde.9

Über den Alltag im Normal- und Spezialheim berichteten die InterviewpartnerInnen relativ wenig bzw. erst, wenn ich sie in der zweiten Phase des Interviews ausdrücklich danach fragte. Dies war umso erstaunlicher, als sie wussten, dass ich sie im Rahmen eines stattlich geförderten Forschungsprojektes über ehemalige Heimkinder und Heime der DDR-Jugendhilfe befragen wollte. Gerade weil ich die Interviews lebensgeschichtlich angelegt hatte, hätten sie ihre Erzählung auf den von uns vorab angegebenen Hauptfokus richten oder gleich mit der Schilderung der Jahre im Heim anfangen können. Im Gegensatz dazu fingen die meisten mit der Beschreibung ihrer Herkunftsfamilie oder aber mit  ihrem Leben als Erwachsener an. Im Nachhinein konnte ich oft feststellen, dass viele bisher kaum oder gar nicht über diese Zeit im Heim geredet hatten und dies im Interview erstmals taten. Dabei fiel es ihnen schwer, mir ausführlich ihr Leben als Heimkind zu vermitteln. Sehr oft hatte ich den Eindruck, dass sie nach Worten suchten, um eine Situation zu beschreiben, dass sie eine Sprache für bisher unausgesprochene Erfahrungen erst finden mussten und Zeit und Raum für Reflexionen brauchten. Manche Situationen schienen sie damals so überfordert zu haben, dass sie noch nicht in der Lage waren, sie bewusst zu reflektieren. Dies könnte damit zusammenhängen, dass Kinder, die vor ihrem siebten oder achten Lebensjahr verletzt bzw. traumatisiert werden, noch nicht über die narrative Fähigkeit vrfügen, Zeit, Handlung und Erfahrung adäquat zu formulieren. Eine strukturierte Narration ist in solchen Fällen kaum möglich.10 Manchmal schienen die InterviewpartnerInnen auch von unliebsamen Bildern plötzlich überflutet zu werden, oder sie wussten nicht mehr genau, ob das Erinnerte wirklich erlebt worden war. An solchen Stellen rangen sie mit Erinnerungen, die das damalige Leid und den damaligen Schmerz wieder vergegenwärtigen und die für sie kaum erträglich waren.

In der Analyse der sechzehn Interviews11 wurde sichtbar, dass die InterviewpartnerInnen Episoden erzählten, die sich in ihrer Struktur ähneln und sich zugleich auf wenige Themen beschränkten. Dabei ragen drei Themen heraus: die erste Heimeinweisung, die beobachte und/oder erlebte Gewalt im Spezialheim, das heißt die Beschreibung von Demütigungen, Strafen, Schlägen, Drohungen und öffentlichen Bloßstellungen, die auch sexuellen Charakter hatten, und als drittes Thema der Wunsch nach Aufarbeitung der Heimerfahrungen (Arp 2012b). Im Folgenden möchte ich insbesondere auf die Schilderungen der Heimeinweisung, des Heimalltags und der Gewalt im Spezialheim eingehen.

1 Die Heimerziehung und die Jugendhilfe waren dem Ministerium für Volksbildung unterstellt, bis auf die Heime für Kinder bis drei Jahren, die dem Gesundheitsministerium der DDR unterstellt waren. Zur Entwicklung der Heime zwischen 1949 und 1989/90 vgl. Sachse 2012.
2 Ausführlicher zu der aktuellen Forschung über das Gefühl der Scham und deren destruktive Nachwirkungen auf die Persönlichkeit Tisseron 2000. Tisseron führt anhand der Bindungstheorie von Bowlby aus, dass Scham einen Bruch in der Bindung ausdrückt. Eine solche Bindung offenbart emotionales Ungleichgewicht und starke interne Desorganisation. In diesem Zusammenhang bietet der Traumaforscher und Psychiater Boris Cyrulnik eine innovative Definition von Scham als (sozialer) Prozess, der zu einer Art innerer Gefangenschaft führt, nicht zuletzt weil die durch das Erfahrene verletzte Seele das Erlebte unausgesprochen lässt, es als unaussprechlich betrachtet und sich somit fortwährend damit quält, die traumatisierende Erfahrung und die damit einhergehende Scham zu verheimlichen. „Die Scham ist nicht durch eine Tatsache selbst begründet, sondern entsteht durch einen inneren Diskurs, der diese Tatsache beurteilt“(Cyrulnik: 2011).
3 Tisseron unterscheidet deutlich zwischen Scham einerseits und Keuschheit und Schuld anderseits. Die Keuschheit hat eine schützende Funktion, während die Schuld, wenn sie anerkannt und vergeben wird, sozialisierende Eigenschaften hat. Dagegen ist Scham für das Subjekt extrem desorientierend und bedroht das Individuum in den drei Säulen seiner Identität: Selbstwertgefühl, Bindung zu Anderen bzw. zu nahstehenden Menschen und die Sicherheit einer Gruppenzugehörigkeit (Tisseron 2005: 44-47).
4 Im Laufe ihrer Heimkarriere wurden etliche Heimkinder von Opfern zu Tätern innerkollektiver Gewalt. Dies behindert ihre eigene Aufarbeitung extrem, da sie zwar als Opfer von Gewalterfahrungen gesellschaftlich inzwischen akzeptiert sind. Jede Selbstdarstellung, selbst zeitweise zum Täter geworden zu sein, führt zwangsläufig zur Aberkennung des Opferstatus: Als Täter stoßen sie auf wenig Verständnis.
5 Zu der Oral History-Methode, nach welcher ich die Interviews geführt habe, vgl. Wierling 2003; Niethammer 1985; Plato 2008.
6 Susanne und Sigurd Schrade (Pseudonyme), 1944 und 1940 in Sachsen geboren, beide tätig in zwei verschiedenen Bezirken der DDR. Er bekam 1965 die Leitung eines Jugendwerkhofes und brachte dafür eine Qualifikation als Berufschullehrer und Berufserfahrung als Heimerzieher und Offizier mit. Sie wurde als Diplom-Pädagogin ausgebildet und übernahm Mitte der Siebziger Jahre die Leitung eines Jugendwerkhofes. Beide blieben in ihrer Funktion bis 1990.
7 Ronald Gebauer hat im Rahmen der Expertise sechs weitere Interviews geführt.
8 Sechs Frauen und zehn Männer, die im Durchschnitt vier Jahren in Heimen in unterschiedlicher Alter verbrachten: Kristin Bäumelein, Jg. 1937, Silvia Hasel, Jg. 1943, Gregor Kastanie, Jg. 1943, Georg Platane, Jg. 1943, Tristan Murau, Jg. 1958, Emil Andersen, Jg. 1958, Zora Ilex, Jg. 1959, Siegfried Caktus, Jg. 1960, Sebastian Uhl, Jg. 1964, Sophie Blatt, Jg. 1965, Sascha Hartriegel, Jg. 1967, Sabine Mirabelle, Jg. 1967, Bert Schneider, Jg. 1970, Karin Ast, Jg. 1971, Simon Rüster, Jg. 1972 und Robin Mistel, Jg. 1976, (Pseudonyme) (vgl. für genauere Angaben: Arp 2012b: 101 f.).
9 Vgl. dazu den erhellenden Artikel von Gabriel Rosenthal über das Verhältnis von Oral History und Traumerfahrungen (Rosenthal 2002).
10 Dies kann auch ältere Personen betreffen, deren Bewusstsein von dem Trauma „anästhesiert“ wird (vgl. Cyrulnik 2004: 114).
11 Die Auswertung der Interviews erfolgte nach deren Voll- bzw. Teiltranskription durch thematisches Einordnen und Kodieren der Transkripte.

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Annäherung an die Gewalterfahrungen ehemaliger Heimkinder aus DDR-Spezialheimen. Eine Oral History-Untersuchung

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