Geschlechtergerechtigkeit in ländlichen Regionen

GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft 1-2020: Feminist_innen am Land – Fehlanzeige?! Geschlechterkonstruktionen, Intersektionalitäten und Perspektiven der Ermächtigung

Feminist_innen am Land – Fehlanzeige?! Geschlechterkonstruktionen, Intersektionalitäten und Perspektiven der Ermächtigung

Theresia Oedl-Wieser, Mathilde Schmitt, Gertraud Seiser

GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, Heft 1-2020, S. 30-45

 

Zusammenfassung
Genderkompetenz und -sensibilität sind bei politischen und zivilgesellschaftlichen Akteur_innen in ländlichen Regionen oft nur marginal vorhanden. Jüngste Wahlergebnisse in Europa und den USA bestärken die Hypothese, dass ein „rural-urban-divide“ bei konservativen und liberalen Lebenskonzepten und -orientierungen besteht. Wie gestalten sich unter solchen Bedingungen die Lebensverhältnisse der dort lebenden Menschen? In diesem Beitrag werden zum einen die Vielfalt ländlicher Regionen und zum anderen ihre unterschiedlichen Dynamiken im Hinblick auf Geschlechterordnungen und Benachteiligungen von Frauen und Mädchen beleuchtet. Der direkte Blick in die Regionen, auf die ländliche Wirtschaft und die verschiedenen Facetten von Arbeit lässt deutlich werden, mit wie vielen Herausforderungen Frauen konfrontiert sind, wenn sie ein existenzsicherndes und selbstbestimmtes Leben auf dem Land realisieren wollen. Und wie gefährdet Errungenschaften sind, die Geschlechtergerechtigkeit garantieren.

Schlüsselwörter
Feminismus, Ländlichkeit, Intersektionalität, Arbeitsteilung, Widersprüchlichkeit, Ermächtigung

 

Summary
Feminists in the countryside – no chance?! Gender constructions, intersectionalities and perspectives of empowerment Gender competence and gender sensitivity are not very widespread among political and civil society actors in rural regions. Recent election results in Europe and the USA support the hypothesis that there is a “ruralurban divide” between conservative and liberal concepts of living and orientations in life. How do the living conditions of female residents develop under such conditions? This article first examines the diversity of rural regions and their different dynamics with regard to gender orders and, second, it analyses the discrimination of women and girls. Focusing on rural regions, the rural economy and the various facets of work reveals rural women’s challenges when it comes to realizing a self-determined life and earning a livelihood as well as securing achievements that guarantee gender justice.

Keywords
feminism, rurality, intersectionality, division of labour, contradiction, empowerment

 

Land_Frauen stehen nicht im Zentrum sozialer Auseinandersetzung. Sie sind leise Akteurinnen und Spielball politischer Zumutungen und planerischer Interventionen. Räumliche Strukturen können soziale Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern verstärken. Hinzu kommen EU-weite sowie staatliche Förderpolitiken und Regulierungen, die auf den Ressourcenzugang und die Gestaltung von Geschlechterordnungen im ländlichen Raum einwirken. Im Beitrag werden Einflussfaktoren und Dynamiken diskutiert, die geschlechterspezifische Ungleichheit bedingen und verstärken, sowie solche, die Perspektiven der Ermächtigung für ein selbstbestimmtes Land_Frauen_Leben ermöglichen.

Die feministischen Gender Studies sind bislang maßgeblich urban geprägt. Daher möchten wir das Augenmerk auf die rurale Frauen- und Geschlechterforschung richten. Unseres Erachtens stimmt auch im 21. Jahrhundert die Feststellung von Heide Funk, dem feministischen Blick seien die Fähigkeiten von Land_Frauen, sich gegenseitig zu stützen und auch nicht-konforme Perspektiven zu entwickeln und durchzusetzen, entgangen (Funk 1993: 43f.).

Der Beitrag versteht sich als Resultat einer bereits seit 2012 geführten transdisziplinären Debatte zwischen den drei Autorinnen, die in unterschiedlichen Disziplinen (Agrarwissenschaften, Soziologie, Sozialanthropologie) sozialisiert sind, in verschiedensten forschungs- und anwendungsorientierten Kontexten und mit unterschiedlichen Methoden arbeite(te)n. Gemeinsam haben wir: Alle drei sind auf Bauernhöfen aufgewachsen und haben mehr als 20 Jahre Forschungs- und Projekterfahrung in ländlichen Räumen sowie einen starken Fokus auf Frauen – ohne ausschließlich auf Genderthemen beschränkt zu sein. Hinzu kommt der intensive Wunsch, die zunehmenden politischen Spaltungen entlang der zentralen Identitätskategorien (Geschlecht, Alter, Religion, Herkunft etc.) zu verstehen, die sich im urbanen, wissenschaftlichen Umfeld als Projektionen auf das Ländliche und bei der Feldforschung am Land vice versa als Projektionen auf das Städtische äußern. Wir präsentieren keine neue Studie, sondern wollen mit unserer Diskussion und unseren Beispielen zu einem differenzierteren Blick auf Land_Frauen beitragen.

1 Die Vielfalt ruraler Geschlechterkonstruktionen

Maria Knabs Forderung „In einem nicht-hierarchischen Denkmodell stehen spezifische Lebensverhältnisse nicht dem Allgemeinen gegenüber, sondern das Allgemeine setzt sich aus lauter Spezifika und Sonderformen zusammen“ (Knab 2001: 9) folgend, gilt es, die Besonderheiten einer Vielfalt an (ländlichen) Regionen (peripher, zentrumsnah, suburban, rurban, urban) in ihren Auswirkungen auf die dort lebenden Frauen und Mädchen aufzuzeigen. Im Kontext geschlechtsspezifischer Fragestellungen haben sich Differenzierungen nach drei Entwicklungspfaden und -perspektiven als sinnvoll erwiesen: (i) ländliche Gebiete in urbanisierten Regionen, (ii) durch Intensivtourismus geprägte ländliche Gebiete und (iii) periphere ländliche Gebiete (Dax et al. 2009), die gleichwertig neben denen urbaner Räume stehen. In jeder Region haben Frauen und Mädchen unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen, wobei im Anschluss an Bettina B. Bock Ländlichkeit nicht aus sich selbst heraus etwas erzwingt. Die Auswirkungen anderer Distinktionsdimensionen wie spezifische Arbeitsmarktbedingungen, kulturelle Wertsetzungen oder persönliche Ressourcen können dadurch aber verstärkt werden (Bettina B. Bock zitiert nach Hoggart 2004: 9).

Aufbauend auf der Grundannahme der Konstruktion der Geschlechterdifferenz kann und muss davon ausgegangen werden, dass alle Aspekte von Gesellschaft als (mögliche) Momente der gesellschaftlichen Konstruktion und Organisation von Geschlecht, als vergeschlechtlichte und vergeschlechtlichende Elemente des „Geschlechterarrangements“ aufzufassen sind (Maihofer 2003). Mit diesem Fokus werden nicht Unterschiede untersucht, sondern Prozesse der Unterscheidung, z. B. im Kontext der Arbeitsteilung, die als Basis für die Herstellung von zwei Geschlechtern betrachtet wird (Gildemeister 2008: 187).

Ausgehend von der Kritik der women of color am weißen Mittelklassefeminismus, dass keineswegs weltweit alle Frauen dieselben Interessen hätten, entwickelten sich „Intersektionalitätsansätze“. Diese bestehen darauf, dass die zentralen Identitätsmarker (Geschlecht, Klasse, Ethnizität, Alter, Religion) sich wechselseitig beeinflussen, verstärken oder abschwächen und zu multiplen Formen der Unterdrückung oder Privilegierung führen können (Schein/Strasser 1997; Lutz/Herrera Vivar/Supik 2013; Fuchs/Nöbauer/Zuckerhut 2014). Unseres Erachtens trifft das auf das Stadt-Land-Verhältnis ebenso zu wie auf die Geschlechter- und Klassenverhältnisse am Land. Auch hierbei geht es darum, ungleiche, hierarchische Verhältnisse aufzudecken und damit mittel- bis langfristig Veränderungen zugunsten der Benachteiligten anzustreben.

Pini, Brandth und Little plädieren in ihrem Buch Feminisms and Ruralities dafür, in diesen Zusammenhängen auch den Begriff Feminismus in der Mehrzahl zu verwenden:

„We have to accept that feminism is a continuously contested, open concept that can be filled with a variety of meanings. Adopting a plural notion of feminisms rather than feminism also highlights that the foundational work in feminist rural studies over the past decades has been informed by a range of feminist ontologies.“ (Pini/Brandth/Little 2015: 2)

Auch Oedl-Wieser und Schmitt verweisen für die rurale Frauen- und Geschlechterforschung im deutschsprachigen Raum darauf, dass sich die feministischen Ansätze in der ländlichen Sozialforschung seit den 1970er-Jahren stetig weiterentwickelt und sich die Themenstellungen und Schwerpunkte verändert haben (Oedl-Wieser/Schmitt 2016: 203). Sie stellen dabei eine Multilinearität der Entwicklung fest, zeigen die Gleichzeitigkeiten von Sichtbarmachen, Frauenbefreiung, Ermächtigung oder Umsetzung von Gender Mainstreaming auf und betonen die Genderwissensvielfalt und die dafür nötige wechselseitige Aufmerksamkeit zwischen den Akteur_innen unterschiedlicher Praxisfelder (Knapp 2013).

2 „Rural-urban-divide“ bei Wahlverhalten und Lebensqualität

Die Abstimmung über den Brexit in Großbritannien, die Präsidentschaftswahlen in den USA und Österreich 2016 und die Österreichische Nationalratswahl 2017 haben eines gemeinsam: Es sind überall gravierende Unterschiede zwischen Männern und Frauen, Stadt und Land sowie Jung und Alt festzustellen. Zwei plakative Beispiele: 80 % der Britinnen zwischen 18 und 24 Jahren votierten für einen Verbleib in der EU (im Vergleich dazu 61 % der gleichaltrigen Männer), die Frauen über 65 hingegen waren zu 66 % für den Austritt (und damit noch deutlicher als die gleichaltrigen Männer (statistic.com)). Die Großmütter setzten sich also mit einer diametral anderen Zukunft durch, als deren Enkelinnen sich erhofften. Donald Trump hat seinen Wahlerfolg fast ausschließlich den Bewohner_innen ländlicher Regionen zu verdanken (Janssen 2017). Und die österreichischen Wahlergebnisse im Zuge der Bundespräsidentenwahl 2016 und der Nationalratswahl 2017 haben ebenfalls gezeigt, dass ein deutlicher ‚rural-urban-divide‘ besteht: Am Land wurde mehrheitlich konservativ oder Mitte-rechts gewählt, während in der Stadt eher Mitte-links, grün oder liberal gewählt wurde. Frauen treten schon seit den 1970er Jahren stärker für liberalere Gesellschaftsbilder ein als Männer. Sie wählten bei der Nationalratswahl 2017 auch zu einem höheren Anteil rot und grün (40 % vs. 31 %), während Männer stärker für ÖVP und FPÖ votierten (62 % vs. 52 %) (SORA/ISA 2017: 4). Das tendenziell unterschiedliche Wahlverhalten in ländlichen und städtischen Regionen und der Aufstieg des Rechtspopulismus verweisen somit auf die enorme Bedeutung der Intersektionalität, die in den Analysen zu berücksichtigen ist.

Essletzbichler/Disslbacher/Moser (2018) haben in Großbritannien, Österreich und den USA untersucht, inwieweit die regionale Ebene eine Rolle bei diesen Abstimmungs- und Wahlentscheidungen spielte. Sie stellten fest, dass ein Zusammenhang zwischen ökonomischem oder sozialem Abstieg einer Region und der individuellen Wahlentscheidung der Menschen eindeutig nachweisbar ist. So veränderten Verlierer_innen der Globalisierung vor allem in ländlichen Regionen in den USA und in Großbritannien die politische Landschaft. Verunsicherung und Angst vor dem sozialen Abstieg spielten dabei im Wahlverhalten eine entscheidende Rolle. Für Österreich stellten sie fest, dass wirtschaftliche Faktoren für die Erklärung populistischen Wahlverhaltens weniger geeignet sind, da wohlfahrtsstaatliche Leistungen gröbere soziale Ungleichheiten auch in ländlichen Regionen abfedern. Als eine wichtige Schlüsselgruppe der Wähler_innen der Freiheitlichen Partei Österreichs vermuten sie sog. „Wohlfahrts-Chauvinisten“ (Essletzbichler/Disslbacher/Moser 2018: 90), die befürchten, dass sie bestehende Sozialleistungen und „Privilegien“ an Flüchtlinge und Einwander_innen verlieren.

Es zeigt sich bei diesen Wähler_innen ein verbreitetes pessimistisches Gesellschafts- und Zukunftsbild, das sich aus dem Empfinden speist, dass „Verhaltensmaßstäbe, die für die eigene Identität und Stellung in der Gesellschaft und die gesellschaftliche Wertschätzung bislang relevant waren, nicht mehr gelten und dass der eigene Beitrag, die eigenen Leistungen nicht mehr hinreichend geachtet und gewürdigt werden“ (Hochschild 2016, zit. nach Koppetsch 2017: 27). Und was bedeutet das für Frauen und Mädchen in ländlichen Regionen?

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