Geblättert: „Wandel der Arbeitsgesellschaft“ von Claudia Steckelberg und Barbara Thiessen (Hrsg.)

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Wandel der Arbeitsgesellschaft. Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung Digitalisierung und Prekarisierung

von Claudia Steckelberg und Barbara Thiessen (Hrsg.)

 

Zum Buch:

Der Wandel der Arbeitsgesellschaft betrifft Soziale Arbeit in doppelter Hinsicht. Die Auswirkungen auf Biografien, Lebenslagen und Teilhabechancen der Adressat*innen verschärfen Ausgrenzung und soziale Ungleichheit. Ebenso verändern sich derzeit Arbeitsbedingungen und Handlungsspielräume der Profession. Der Band lotet vor dem Hintergrund aktueller Forschungsbefunde und kritischer Gegenwartsanalysen Konsequenzen für Profession und Disziplin Sozialer Arbeit aus.

Leseprobe: S. 11-14

 

Wandel der Arbeitsgesellschaft – Dimensionen und Wirkungen eines Transformationsprozesses für die Soziale Arbeit

Claudia Steckelberg und Barbara Thiessen

Der Wandel der Arbeitsgesellschaft ist kein neues Phänomen, sondern ein Prozess, der historisch mit jeder ökonomischen und soziokulturellen Veränderung einher­geht. Dabei ist einerseits von Bedeutung, was zu historisch unterschiedlichen Zeit­punkten als ‚Arbeit‘ gilt, und andererseits die Frage zentral, wie jeweils Prozesse der Vergesellschaftung durch Arbeit stattfinden. Diese komplexen Entwicklungen umfassen mehrdimensionale Veränderungen und (Mega-)Trends, die auch die So­ziale Arbeit als Profession und Disziplin betreffen. Die Entstehung des Wohlfahrts­staates verdankt sich dem radikalen Wandel der Arbeit im 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung (Ullrich 2005). Gegenwärtig scheint ein ebenso umfassen­der Wandel der Arbeitsgesellschaft stattzufinden, dessen Auswirkungen auf Sozia­le Arbeit bislang noch zu wenig systematisch bedacht sind.

Ein grundlegender „Webfehler“ der westlichen Moderne liegt in der Reduktion des Arbeitsbegriffs auf Erwerbsarbeit, die mit der Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit einschließlich der Konturierung unterschiedlicher Handlungslogiken („Arbeit“ versus „Liebe“, vgl. Bock/Duden 1977) einhergeht. Die mit der Industria­lisierung durchgesetzte weitgehende Auslagerung produktiver Tätigkeiten aus fa­milialen Lebensgemeinschaften und die Zuweisung von reproduktiver Care-Arbeit in die neu konzipierte „bürgerliche“ Familie (vgl. Notz 2015) hat auch für die infol­ge entstehende Profession Soziale Arbeit bedeutsame Konsequenzen (vgl. Thiessen 2019). Ihre bis heute marginalisierte Positionierung im Feld personenbezogener Dienstleistungen verdankt sich dem ihr anhaftenden „Geruch des Privaten“ (Krü­ger 2003). Die systematische Qualität der gegenwärtigen Care-Krise (vgl. Rerrich/ Thiessen 2014) kann mit einem reduzierten Arbeitsbegriff nicht gefasst werden.

Der aktuelle Megatrend der Globalisierung, verstanden als die Verwobenheit und Verdichtung weltweiter politischer, sozialer und ökonomischer Interdepen­denzen (vgl. Spitzer 2019: 45), bewirkt, dass sich weltweite Entwicklungen auf die innerstaatliche (Sozial-)Politik auswirken und dass lokale Lebens- und Arbeitsbe­dingungen im Kontext globaler Risiken stehen. Dabei ist eine neoliberale Vernunft allgegenwärtig, die politische und soziale Fragen zunehmend in ökonomische An­gelegenheiten verwandelt (Brown 2015: 15f.). Dem Wettbewerb von Nationalstaa­ten um Standortvorteile und globale wirtschaftliche Dominanz werden Fragen von sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe untergeordnet. Parallel dazu werden Individu­en zunehmend als Unternehmer_innen ihrer selbst verstanden, die sich im Wett­bewerb zueinander behaupten müssen (vgl. Voß/Pongratz 1998 und Bröckling 2007). Die Verantwortung für eine gelingende Erwerbsbiografie und die damit verbundenen Risiken werden privatisiert, während strukturelle Bedingungen, ins­titutionelle und politische Versäumnisse verdeckt werden können. Das Individuum als Produkt eines gelingenden Selbstmanagements, mit dem die eigene Biografie kreativ optimiert und flexibel den Bedingungen der Arbeitsgesellschaft angepasst wird, gilt auf dem neoliberalisierten Arbeitsmarkt des 21. Jahrhunderts als erfolg­versprechende Strategie.

Die Prekarisierung von Lebenssituationen und Arbeitsverhältnissen ist mit die­sen Entwicklungen eng verknüpft. Die lebenslange Vollzeitbeschäftigung, gesichert durch eine solide Ausbildung, gilt zwar noch immer als Normalarbeitsverhältnis, ist aber durch die Zunahme an Teilzeit- und Leiharbeit sowie von befristeten und geringfügigen Beschäftigungen längst keine verlässliche Größe in der Lebenspla­nung mehr. Dies führt zu einer Verunsicherung, die vor allem die Bewältigung von biografischen Übergängen erschwert, aber auch die soziale Position insgesamt ge­fährdet. Denn die Erwerbstätigkeit bleibt im lohnarbeitszentrierten Sozialstaat die Voraussetzung für ausreichende materielle Versorgung, gesellschaftliche Teilhabe und soziale Anerkennung. Schon immer benachteiligt sind diejenigen – zumeist Frauen –, die bedingt durch die Versorgung, Erziehung, Betreuung und Pflege (Care) von Kindern, kranken und pflegebedürftigen Angehörigen (zeitweise) kei­ner Erwerbsarbeit nachgehen. Es ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen der kaum hinterfragten normativen und sozialpolitischen Orientierung an der Erwerbs-Ar­beitsgesellschaft einerseits und der lebensweltlichen und strukturellen Realität der Adressat_innen und Beschäftigten Sozialer Arbeit andererseits.

Der Megatrend der Digitalisierung verändert die Arbeitsgesellschaft vor allem durch die grundlegende Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten und -for­men sowie der Datenerfassung und -verarbeitung in ihren räumlichen, zeitlichen und sozialen Dimensionen. Die räumliche und zeitliche Entgrenzung der Arbeits­welt ermöglicht und fordert Flexibilität in der Alltagsgestaltung und Lebensplanung. Entgrenzte Arbeitszeiten und virtuelle Arbeitsräume führen dazu, dass die Anfor­derungen der Erwerbsarbeit auch in Familien- oder Erholungszeiten wirksam sind (vgl. Jurczyk et al. 2009). Analog dazu vollzog sich in den vergangenen Jahrzehnten der Wandel des Sozialstaats vom Wohlfahrtsstaat, in dem soziale Hilfen zur Bewäl­tigung gesellschaftlicher Ausgrenzungsprozesse und sozialer Ungleichheit angebo­ten werden, hin zum aktivierenden Sozialstaat, in dem unter dem Motto „Fördern und Fordern“ die ‚employabilty‘ der Individuen und ihre Anpassungsbereitschaft an Marktfähigkeit im Mittelpunkt stehen (vgl. Lessenich 2008). Ungelöst ist die weiter­hin strukturell bestehende private Zuständigkeit für familiale Care-Arbeit, die zu­nehmend prekär und global kommodifiziert wird (vgl. Lutz 2018).

Der Wandel der Arbeitsgesellschaft betrifft die Soziale Arbeit in mehrfacher Hinsicht. Die Auswirkungen auf Biografien, Lebenslagen und Teilhabechancen der Adressat_innen verschärfen Ausgrenzung und soziale Ungleichheit. Soziale Arbeit ist gefordert, die Veränderungen der Lebensbedingungen jenseits der Arbeitsmarkt­integration in intersektionaler Perspektive zu betrachten (vgl. Anhorn/Bettinger 2005). Während Digitalisierung zumeist negativ mit dem Wegfall von Arbeitsplät­zen und damit sozialer Sicherheit genannt wird, gilt es ebenso die Chancen von digitaler Kommunikation und virtuellen sozialen Räumen in den Blick zu nehmen (vgl. Hammerschmidt et al. 2018). Zudem müssen Handlungsanlässe, Konzepte und Zielsetzungen Sozialer Arbeit den veränderten Lebenswelten und Lebenslagen ihrer Adressat_innen angepasst werden.

Ebenso verändern sich derzeit Arbeitsbedingungen und Handlungsspielräume in der Praxis Sozialer Arbeit und stehen mitunter im Widerspruch zur Umsetzung fachlich begründeten professionellen Handelns. In den Berufsfeldern geht der Trend hin zu einer Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen, Vergütungsstruktu­ren und Refinanzierungsbedingungen. Eine Diskussion zum Wert Sozialer Arbeit, der sich nicht nur auf die ökonomische Dimension bezieht, sondern gleicherma­ßen soziale, gesellschaftliche und politische Werte beachtet, ist aufseiten der Kos­tenträger bislang wenig präsent. Die Digitalisierung wirft weitgehend ungeklärte Fragen des Datenschutzes und der Kontrollierbarkeit von Technik auch in Bezug auf Technisierung und damit Standardisierung des Arbeitsalltags in der Sozialen Arbeit, die den komplexen Lebenslagen und dem Eigensinn der Adressat_innen nicht unbedingt gerecht werden, auf.

Die aufgezeigten Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelt von Adressat_ innen wie auch der Beschäftigten Sozialer Arbeit sind zudem in Bezug auf ihre Konsequenzen für die Lehre und das Studium Sozialer Arbeit noch systematischer aufzugreifen. So sind im Beschäftigungsfeld der Sozialen Arbeit derzeit vor al­lem Fachkräftemangel und veränderte Anforderungen an die Fachlichkeit im Ge­spräch. Kommunale und freie Träger erwarten für ihre Interessen passgenauere Qualifikationen und eine Spezialisierung und Differenzierung von Kompetenzpro­filen. Immer häufiger wollen Arbeitgeber_innen Studieninhalte mitbestimmen in „dienstherreneigenen“ oder „trägernahen“ Studiengängen (vgl. Röh et al. 2019). Auch Wissenschaft und Hochschulen bleiben nicht von neoliberalen Logiken ver­schont. Die unternehmerische Hochschule, die vermarktbares Wissen produziert, generiert aktuell zu einem Leitbild von Forschungsförderung, während ange­wandte Grundlagenforschung in der Sozialen Arbeit nach wie vor kaum finanziert wird (vgl. Sommer/Thiessen 2018). Der Wert wissenschaftlichen Arbeitens wird dabei tendenziell auf seinen wirtschaftlichen Nutzen reduziert (vgl. Hark/Hof­bauer 2018: 13). Die Hochschule als Ort des kritischen Reflektierens der Profes­sion jenseits des alltäglichen Handlungsdrucks in der Praxis ist jedoch weniger auf Nützlichkeit ausgerichtet, sondern vielmehr auf die Notwendigkeit, ethische und fachliche Standards zu sichern und weiterzuentwickeln.

Diese aufgeworfenen Fragen standen im Mittelpunkt der DGSA-Jahrestagung vom 26. bis 27.04.2019 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stutt­gart. Zentrales Anliegen war es, den Wandel der Arbeitsgesellschaft in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung in seinen unterschiedlichen Di­mensionen und seiner Bedeutung für die Soziale Arbeit sichtbar zu machen und zu diskutieren. In diesem Sammelband werden nun ausgewählte Beiträge zusam­mengeführt, die die Komplexität und Vielschichtigkeit des Themas abbilden sollen. Zunächst werden im ersten Teil unter dem Titel „Analysen und Perspektiven auf (globale) Transformationsprozesse“ grundlegende Aspekte thematisiert. Im zwei­ten Teil geht es um die Analyse von „Lebenswelten und Lebenslagen von Adres­sat_innen im Kontext veränderter Arbeitsbedingungen“, bevor im dritten Teil die „Soziale Arbeit als Profession: Arbeitsbedingungen und Fachlichkeit auch im Kon­text von Digitalisierung“ in unterschiedlichen Handlungsfeldern den Schwerpunkt bildet. Abschließend wird der Blick auf Wissenschaft, Lehre und Arbeitsbedingun­gen an Hochschulen unter dem Titel „Bedeutung des Wandels für die Entwicklun­gen in Hochschule und Studium“ gelenkt.

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Claudia Steckelberg und Barbara Thiessen (Hrsg.): Wandel der Arbeitsgesellschaft. Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung Digitalisierung und Prekarisierung

 

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