Geblättert: „Typenbildung und Theoriegenerierung“ von Jutta Ecarius und Burkhard Schäffer

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Typenbildung und Theoriegenerierung. Methoden und Methodologien qualitativer Bildungs- und Biographieforschung

Jutta Ecarius, Burkhard Schäffer (Hrsg.)

Die Überzeugungskraft der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung ist abhängig von der Qualität ihrer empirischen Untersuchungen. Sie misst sich an wissenschaftlichen Kriterien und muss hierfür eigenen Maßstäbe und Standards für die Bewertung qualitativer Forschungsergebnisse etablieren. Das Buch zeigt in zweiter, überarbeiteter Auflage, welche Wege qualitative Forschung einschlägt, um a) zu Aussagen zu gelangen, die über den Einzelfall hinausweisen, b) diese Aussagen so zu ordnen, dass sie mithin zu einer Typenbildung beitragen und c) zu einer empirisch fundierten Theoriebildung zu gelangen.

In dieser Leseprobe geben wir Ihnen Einblick in die Einleitung des Buches.

 

Einleitung

Qualitative Forschung bedarf der Typenbildung und Theoriegenerierung, denn darauf ist sie genuin ausgerichtet – sie bedarf damit einer fortwährenden Diskussion um methodische Verfahren und methodologische Ansätze. Mit der vollständig überarbeiteten und zugleich auch in wesentlichen Teilen erweiterten Auflage des Buches, das erstmalig 2011 erschienen ist, nehmen wir diese Diskussion auf, denn das Interesse an der Thematik Typenbildung und/oder Theoriegenerierung ist ungebrochen, was uns dazu veranlasst hat, aktuelle Debatten und Ansätze hinzuzunehmen und damit eine Neuauflage dieses Bandes in die Wege zu leiten.

Theoriegenerierung und Typenbildung waren und sind heiß umkämpfte Terrains in der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung. Während die Einen die Einzigartigkeit jeden Falls betonen, sind für die Anderen Fälle nur ‚Epiphänomene‘ übergeordneter, eben typischer Zusammenhänge. Aber bereits die Frage, wie sich ein ‚Typus‘, eine ‚Typik‘ oder eine Typologie überhaupt grundlagentheoretisch fassen lassen, wird kontrovers diskutiert. Fragen geraten in den Blick nach der Bedeutung von Prototypen (Brumlik im Band), dem Verhältnis vom Besonderen zum Allgemeinen (Schulze im Band), von Token zu Types im Sinne von Peirce (Kreitz im Band), nach der Mehrdimensionalität der Typenbildung (Bohnsack im Band), der Möglichkeit, Typenbildung prozessanalytisch und relational zu fassen (Nohl im Band) und nach den Logiken bei dem Prozess der Typenbildung (Schäffer im Band).

Genauso kontrovers geht es nach wie vor bei der Diskussion des Verhältnisses von Theorie und Empirie zu: Ist die erstgenannte der Empirie vorgelagert, ermöglicht überhaupt erst das Sehen von etwas? Oder ist umgekehrt die methodisch kontrollierte Rekonstruktion empirischer Phänomene die Voraussetzung für eine anspruchsvolle Theoriearbeit? Oder haben wir es mit komplexen Verschränkungsverhältnissen von Theorie und Empirie zu tun, die sich nicht so ohne Weiteres in dieser Dichotomie auflösen lassen?

In qualitativer Sozialforschung geht es zumeist um die empirische Erfassung individueller wie kollektiver Bedeutungskonstellationen, -wahrnehmungen und -zuschreibungen unterschiedlichster Couleur seitens konkreter Personen oder Gruppen. Diese sind nicht ohne die Berücksichtigung historisch-kultureller Kontexturen und der Einbettung in biografische Erfahrungshintergründe rekonstruierbar. Eine Methodologie empirischer Theorie- und Typenbildung, die den Anspruch erhebt, das konkrete Individuelle einerseits und den sozialen Bezugsrahmen, die Sinnnormierungen und Sinnstrukturen andererseits zu rekonstruieren, muss diese Vielfalt berücksichtigen. Typenbildung ist von daher ein komplexes Verfahren, das anstrebt, Bedeutungsvielfalt aus unterschiedlichen Perspektiven zu triangulieren.

Typenbildung und Theoriegenerierung verfolgen in der qualitativen Forschung insofern einen höchst anspruchsvollen Weg, denn es sind in vielfältiger Weise unterschiedliche Elemente zu berücksichtigen: Das empirische Feld, die in ihm agierenden menschlichen und nichtmenschlichen Akteure, der Zusammenhang von Singulärem und sozialem Allgemeinen, die Ausblendungen und individuellen Sichtweisen, das methodologische Verfahren und der methodische Ansatz, das theoretische Gebäude und die empirische Frage, die sich die Forschenden stellen. Im Prozess von Theoriegenerierung und Typenbildung sind diese einzelnen Aspekte aufeinander zu beziehen und in aussagekräftige Ergebnisse zu transformieren.

Dieses Buch widmet sich dieser Thematik und verbindet damit den Anspruch, die qualitative Forschung in methodologischen und theoretischen Fragen der Theoriebildung und Typenbildung weiter zu präzisieren. Qualitative Forschung verfügt über eigene erkenntnistheoretische Perspektiven und methodologische Standards sowie epistemologische Prinzipien der Forschungspraxis. Methodologische Begründungen und methodische Verfahrensweisen sind aufeinander bezogen und gründen in verschiedenen Epistemologien, aus denen heraus Forschungsfragen, konkrete Verfahrensweisen und die Überführung in Verallgemeinerungen entstehen. Dabei ist besonderes Kennzeichen der sozialwissenschaftlichen Rekonstruktionen das Verhältnis zum empirischen Gegenstandsbereich: Alltagserfahrungen, lebensweltliche Sinnstrukturen, gesellschaftliche Manifestationen, Normierungen und individuelle biografische Deutungen sind gleichermaßen Gegenstand qualitativer Forschung, die anstrebt, Sinnstrukturen von Kommunikationsprozessen, die Darstellungen und Interpretationen alltäglichen Handelns in ihren Grundstrukturen zu erfassen. Die Rekonstruktionen dieser Sinnstrukturen verlaufen über biografische Materialen und Erinnerungen, Fotos, Videos oder lebensgeschichtliche Erzählungen und Dokumente von konkreten Personen und Ereignissen, wobei über das Singuläre hinaus angestrebt wird, sozial Repräsentatives und Verallgemeinerndes zu extrapolieren. Diese ‚Lebenswelten‘ werden auf ihre Eigenlogiken, ihre ‚Normalitäten‘ oder Andersartigkeiten hin analysiert. Von den Akteuren im Forschungsfeld selbst hervorgebrachte Kontexte sind zu beleuchten und behutsam zu theoretisieren. Die Analyseverfahren umfassen diskursive und interaktive Kontexte genauso wie erzählerische oder bildhafte Kontexte.

Voraussetzung für jegliche Typenbildung ist ein methodisch kontrolliertes Fremdverstehen mit qualitativ-rekonstruktiven Interpretationsverfahren. Hier fließen Grundlagentheorien sozialen Handelns ein, die an den Subjekten und sozialen Strukturen ansetzen und sich gegenstandsbezogen auf das empirische Feld beziehen. Ziel dieses Bandes ist insofern eine weiterführende grundlagentheoretische Fundierung interpretativen Handelns. Die in dem Material enthaltenen Konstruktionen und Normierungen sowie Sichtweisen auf die soziale Welt werden dabei nicht einfach aus der Perspektive des/ der Erzählenden oder des Materials naiv übernommen, sondern mit Interpretationsverfahren in ihrer Detailliertheit rekonstruiert und in den Kontext von Individuum und Sozialem mitsamt der Brüche, Veränderungen, Transformationen sowie auch Verdrängungen und Ausblendungen gestellt. Die methodologische und methodische Vorgangsweise zur Typenbildung enthält einen Wechsel von dem Was der inhaltlichen Erzählung zu dem Wie der Erzählung oder dem Dargestellten, wobei zugleich ein Übergang von einer ‚ersten‘ zu einer ‚zweiten Ordnung‘, mithin die Einnahme einer Metaperspektive, stattfindet. Dies ist ein wesentlicher Schritt hin zu einer Theorie- und Typenbildung. Damit sind auch Ansprüche der kommunikativen und prozeduralen ‚Validierung‘ verbunden. Zum Themenbereich der Typenbildung gehören damit auch Fragen nach der Evaluation qualitativer Forschungsmethoden sowie Fragen nach Modi der Triangulation unterschiedlicher Zugänge, die letztendlich die Qualität der Forschung sichern und ggf. auch heben können. Denn diese Kriterien tragen dazu bei, dass der Weg zu Typenbildung und Theoriegenerierung argumentativ nachvollziehbar und nach methodischen Verfahren mit zu begründender Gültigkeit organisiert wird.

Der Sammelband gliedert sich in drei Kapitel. Im ersten Teil (A) werden grundlagentheoretische und methodologische Perspektiven qualitativer Bildungs- und Biographieforschung behandelt. Im zweiten Teil (B) geht es um Methodentriangulation und damit auch um das Verhältnis zwischen qualitativer und quantitativer Forschung. Im dritten Kapitel (C) werden Vorgehensweisen der Theoriegenerierung und Typenbildung in der Biographie- und Bildungsforschung diskutiert.

 

A  Methodologische Perspektiven qualitativer Bildungs- und Biographieforschung

In Ralf Bohnsacks Beitrag zur Mehrdimensionalität der Typenbildung und ihrer Aspekthaftigkeit wird grundlegend zwischen Typenbildung des common sense und praxeologischer Typenbildung unterschieden. Anschließend an eine Kritik der common sense Ansätze stellt Bohnsack zentrale Aspekte einer „praxeologischen Methodologie“ heraus, die wesentliche Anschlüsse bei Mannheims Überlegungen zum handlungspraktischen impliziten Wissen findet. Vor diesem Hintergrund entwickelt er Prinzipien und Vorgehensweisen einer praxeologischen Typenbildung: Die Differenzierung von sinngenetischer und soziogenetischer Typenbildung mit ihren Generalisierungspotenzialen im Zuge der komparativen Analyse sowie die Beziehung zwischen Individuum und Typik. Abschließend diskutiert der Autor die Aspekthaftigkeit von Typenbildung. Hierunter ist die Dimensionen-, Standort- und Paradigmengebundenheit der Konstrukteure von Typologien zu verstehen.

Arnd-Michael Nohl diskutiert in seinem Beitrag „prozessanalytische“ und „relationale“ Modi der Typenbildung, die er und Florian von Rosenberg in jüngster Zeit entwickelt haben. Diese Perspektive entfaltet er vor dem Hintergrund eines Projekts, das auf der Basis narrativer Interviews das Ziel verfolgt, nicht nur die sozialen Hintergründe von Lern- und Bildungspraktiken zu rekonstruieren, sondern die Frage bearbeitet, wie sich Bildungs- und Lernprozesse handlungspraktisch vollziehen. Der Autor kontrastiert einerseits die prozessanalytische Variante bei von Rosenberg mit der Rekonstruktion von „Fallgesetzlichkeiten“, wie sie bei der Objektiven Hermeneutik nach Oevermann praktiziert wird. In einem zweiten Schritt stellt er die „soziogenetische“ Variante der Typenbildung der von ihm entwickelten „relationalen Typenbildung“ gegenüber. Abschließend sucht er nach Möglichkeiten, die verschiedenen Typisierungsformen der Dokumentarischen Methode zu verknüpfen.

Burkhard Schäffer schlägt in seinem Beitrag vor, ein eigenes methodisches Format für die Typenbildung der Dokumentarischen Methode von der Formulierenden und Reflektierenden Interpretation abzugrenzen: Das der Typenbildenden Interpretation. Ziel ist die bessere intersubjektive Vergleichbarkeit von Typen, Typiken und Typologien, eine validere Rekonstruktion des Typenbildungsprozesses, und vor allem eine bessere Erinnerung, Aufbereitung und Verwertung „abduktiver Blitze“ (Reichertz) während des Prozesses der Interpretation. Nach der Charakterisierung einiger Grundzüge der Typenbildung der Dokumentarischen Methode diskutiert der Autor die Möglichkeit, Abduktionen als Lösung dilemmatischer Situationen während des Forschungsprozesses zu konzipieren, und er problematisiert hierbei das zumeist unhinterfragte Konzept des hermeneutischen Zirkels. Sein Lösungsvorschlag läuft auf ein Wechselspiel von Phasen der Abduktion, „Als-ob-Deduktion“ und „pragmatischer Induktion“ vor, die sich in der Formalisierung der Typenbildenden Interpretaton niederschlagen.

Rolf-Torsten Kramers Programm der Typenbildung leitet sich aus dem methodologischen Verständnis der Objektiven Hermeneutik von Ulrich Oevermann ab und setzt als Basis und Ausgangspunkt vollständige Fallrekonstruktionen voraus. Insofern unterscheidet sich dieses Modell der Typenbildung sowohl von kategorienbildenden bzw. kodierenden Verfahren als auch von den in den ersten drei Beiträgen skizzierten Modellen der Typenbildung der Dokumentarischen Methode. In seinem Beitrag erläutert der Autor zunächst einige grundlegende gegenstandsbezogenen und methodologischen Annahmen der Objektiven Hermeneutik, geht dann auf die für seinen Begriff von Typenbildung auf zentrale Dimensionen der Dialektik von Besonderem und Allgemeinem sowie der Relation von token und type bei Pierce ein und leitet von diesen Überlegungen ein Modell der Typenbildung ab, das mit den Prinzipien der Objektiven Hermeneutik konform geht. Abschließend betont der Autor den Kontrast zur Typenbildung der Dokumentarischen Methode und konstatiert eher Nähen zur narrationsstrukturellen Analyse von Fritz Schütze.

Robert Kreitz widmet sich der „Beziehung von Fall und Typus“ vorrangig aus der Perspektive der von Peirce eingeführten Unterscheidung zwischen „Type“ und „Token“. Der Autor untersucht hierfür zunächst die Typenbildungsvorschläge einschlägiger Klassiker (Dilthey, Weber, Schütz) und geht dann exemplarisch auf Vertreter qualitativer Typenbildung ein (Gehrhardt, Rosenthal, Bohnsack, Kluge). In einem nächsten Schritt rekonstruiert er die Type-Token Unterscheidung von Peirce und kommt, nachdem er das Verfahren der komparativen Analyse dargestellt hat, zu der Schlussfolgerung, dass „Typologien auf der Grundlage von Einzelfallanalysen zu entwickeln“ seien. Abschließend beschäftigt er sich analytisch mit der Frage, was Types seien und vertritt die These, dass komparative Verfahren nicht zu empirisch fundierter Theoriebildung führten. Vielmehr sei die Beziehung zwischen Fall und Typus „nur vermittelt über theoretische Vorannahmen empirisch begründbar“.

Theodor Schulze differenziert in seinem Beitrag zwischen Allgemeinem, Besonderem und Individuellem in der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung und wendet sich eingangs der Frage zu, in welchem wissenschaftlichen Kontext ein Anspruch auf Verallgemeinerung in der Biographieforschung überhaupt gestellt werden kann. Im Anschluss entwirft er eine fünfgliedrige Einteilung für Ebenen der Verallgemeinerung in der Biographieforschung und unterscheidet Ebenen des „kategorialen“, „gesellschaftlichen“, „besonderen“, „situativen“ und „individuellen Allgemeinen“. Im Anschluss bezieht er mit der Frage „Für wen ist Verallgemeinerung in der Erziehung gut?“ diese fünf Ebenen auf pädagogische Berufsfelder, die er in organisatorische, funktionale und individualisierende Bereiche von Tätigkeiten unterteilt. Abschließend stellt er die Biographieforschung als ein eigenständiges Forschungsfeld mit einem eigenen Gegenstandsbereich heraus und unterstreicht die Notwendigkeit einer eigenständigen Theoriebildung diesseits von psychologischen und sozialwissenschaftlichen Zugängen.

Vor dem Hintergrund der Annahme, dass es keineswegs selbstverständlich sei, dass Menschen sich in autobiographischen Thematisierungen selbst beschreiben, nähert sich Micha Brumlik dem Thema der Typenbildung aus einer bildungshistorischen Perspektive. Er untersucht Augustinus’ „confessiones“ unter der Maßgabe, dass wir es hierbei mit einem „Prototyp aller Autobiographien“ zu tun haben. Der Autor zeigt, dass sich Augustinus insbesondere auch mit der Frage auseinandergesetzt hat, warum „man“ seine Lebenserinnerungen überhaupt veröffentlichen sollte, wo doch bei Augustinus das ganze Bestreben darauf gerichtet sei, „mit Gott zu kommunizieren“. Brumlik arbeitet hieran das „Motiv der Biographie, der Autobiographie als lehrreicher, moralischer Geschichte“ heraus, die sich zu einer eigenständigen literarischen Gattung entwickelt habe. Im Anschluss entwickelt er die These, dass das autobiographische Bewusstsein ‚von heute’ keine anthropologische Universalie darstelle, sondern durch spezifische – etwa christliche und europäische – Bedingungen hervorgebracht worden sei. Erst wenn der empirische Nachweis gelänge, dass auch andere Hochkulturen ähnliche „innerseelische Binnenräume“, dominante Formen „linearer Zeiterfahrung“ und ein ähnliches „Erinnerungsvermögen“ hervorbrächten, können von einer Universalie gesprochen werden.

 

B   Methodentriangulation

Methodologische Fragestellungen, wie Idealtypen zu begründen sind und auf welche Weise sie empirisch entwickelt werden können, ist eins der zentralen Themen der qualitativen Forschung.

Ingrid Miethe beschäftigt sich anhand eines Forschungsprojekts – einer bildungshistorisch angelegten Untersuchung zum Zusammenhang von Institution und Biographie am Beispiel der Geschichte der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) Greifswald –mit der Frage nach dem Zusammenspiel von deskriptiver und genetisch-strukturaler Typenbildung. Die Funktion deskriptiver Typenbildung, in die vor allem auch quantitative Befunde einflössen, liege in erster Linie darin, Komplexität zu reduzieren und zur begrifflichen Schärfung beizutragen. Methodische und theoretische Anschlussmöglichkeiten einer solchen Form der Typenbildung diskutiert Miethe im Hinblick auf die Traditionen von Oral History und Biographieforschung. Dem gegenüber stellt sie die genetisch-strukturale Typenbildung, deren Typologie nicht entlang „äußerer Merkmale, sondern entlang von Strukturgeneralisierungen rekonstruierter Einzelfälle“ erstellt werde. Die Autorin stellt kurz die Ergebnisse der genetisch-strukturalen Typenbildung dar und weist nach, dass die zuvor mit den Mitteln deskriptiver Typenbildung formulierte Hypothese zwar für die „Fallauswahl hilfreich“, aber im Lichte der Ergebnisse der genetisch-strukturalen Typenbildung nicht mehr haltbar sei und revidiert werden müsse.

Das Anliegen von Jutta Ecarius ist für eine Typenbildung eine Methodentriangulation von Grounded Theory, narrativem Verfahren und Leitfadeninterview, um Zugänge zu einer erziehungswissenschaftlichen Forschung zu begründen. Diskutiert wird die Grounded Theory in ihren Grundannahmen und den kontroversen Debatten dazu. Angeschlossen wird an den Annahmen von Anselm Strauss (1991), die er alleine verfasst hat und die anschlussfähig an Methoden des Leitfadeninterviews und des narrativen Verfahrens sind. Um diese Methoden zu triangulieren, werden methodologische Konstellationen diskutiert, um sie aufeinander beziehen zu können. Diese theoretische Diskussion wird konkretisiert über empirische Materialien zur Familienerziehung in drei Generationen. Aufgezeigt wird, wie durch die Analyse von biographischen Interviews in drei Generationen Schlüsselkategorien zu einer Erziehung des Befehlens und Verhandeln herausgearbeitet werden können und dann mit einer Analyse der Leitfadeninterviews eine Typenbildung über den Wandel von Erziehungsmustern möglich wird. Letztlich mündet dieses Vorgehen in Theoretisierungen.

Rudolf Tippelt konfrontiert Idealtypen mit Realtypen, wobei er an Weber ansetzt und die Begrifflichkeiten schärft. In der Diskussion wird sichtbar, dass beide Typen aufeinander bezogen sind, wobei die theoretische Konstruktion zur Entwicklung von Idealtypen sich durch qualitative und induktive Forschungsmethoden ergänzen lässt. Die Realtypen sind stärker der empirischen Forschung entlehnt, wobei auch sie in eine theoretische Konstruktion übergehen. Verdeutlicht werden die Theoretisierungen zu Real- und Idealtypen anhand eines empirischen Beispiels von sozialen Netzwerken in Lernenden Regionen. Verfolgt wird der Anspruch, empirisch-qualitative und quantitative Verfahrensweisen mit theoretischen-methodologischen Ansprüchen der Explikation, des Verstehens und des Beschreibens (deskriptiv) zu erfassen.

Eine Typenbildung beansprucht auch, sowohl qualitativ als auch quantitativ zu operieren. Gerade in einer Methodentriangulation von qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden stellt sich die Frage der Typenbildung und damit der Bildung von Kriterien für das zu erforschende Forschungsfeld. Christine Wiezorek und Sylke Fritzsche fragen anhand von Ergebnissen aus der sozialwissenschaftlichen, quantitativen Forschung zu Jugend und politischer Einstellung, inwiefern die bisher bekannten Wirkmechanismen für den Zusammenhang von sozialem Milieu und Fremdenfeindlichkeit auf qualitativer Ebene zu neuartigen Forschungsrichtungen und Fragestellungen führen können. Gefragt wird nach den Wirklichkeitskonstruktionen, die jenseits der allbekannten Erklärungszusammenhänge von Fremdenfeindlichkeit und sozialem Milieu liegen. In theorie-rekonstruierender Weise werden die Schlüsselkategorien kritisch mit qualitativem Blick durchleuchtet und anschließend mit einer qualitativen Erhebung neu ausgelotet. Eine systematische Triangulation vermag so, über Hypothesen überprüfende Auswertungsverfahren den Zusammenhang von Bildung und Fremdenfeindlichkeit jenseits bekannter Zusammenhänge über soziales Milieu zu erklären. Dabei wird sichtbar, dass qualitative und quantitative Ansätze einander bedürfen, um soziales Handeln in seinen Sinnstrukturen umfassend zu erhellen.

Jochen Kade und Christiane Hof attestieren einleitend der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung ein „tiefgreifendes Zeitdefizit“ und unternehmen den Versuch, deren „Zeitpotenzial“ herauszuarbeiten, indem sie „Biographie“ als nur eine spezifische Ausprägung der Möglichkeit von Beschreibung individuellen Lebens fassen. Dieser zeitspezifischen Form stellen sie andere „differente Lebensgestalten“ gegenüber und entwickeln eine zeitbezogene Matrix von Selbstbeschreibungsschemata, die zwischen „Biographie“ (die man „hat“), „Karriere“ (die man „macht“), „Lebensverlauf“ (der „geschieht“), und „Bricolage“ (die das Leben „ist“) unterscheidet. Ausgehend von der Frage inwiefern Lernprozesse im Verlauf des Lebens von derartigen Schemata abhängen, gehen sie im zweiten Teil auf ihr Projekt einer qualitativen biographischen Längsschnittuntersuchung ein. Hier fragen sie nach der zeitlichen Indexikalität von Selbstbeschreibungen und diskutieren die methodisch-methodologischen Konsequenzen einer stärkeren Betonung der Zeitlichkeit von Lebensbeschreibungen im Hinblick auf a) die Frage des Untersuchungszeitraums, b) auf Konsequenzen für die Auswertung und c) auf die Möglichkeiten einer zeitbezogenen Erweiterung der Typisierung im Hinblick auf die Bildung empirischer Vergleichshorizonte nicht nur zwischen verschiedenen Personen, sondern auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten bei einer Person.

Thorsten Fuchs beschäftigt sich mit den „Problemen und Perspektiven einer qualitativen Bildungsforschung mit bildungstheoretischem Zuschnitt“. Zentraler Kritikpunkt an der bisherigen Biographieforschung mit bildungstheoretischem Zugang – er bezieht sich hierbei auf Winfried Marotzki, Hans-Christoph Koller, Heide von Felden und Arnd-Michael Nohl – ist die Feststellung, dass sie bildungstheoretisch gesprochen die Selbstverhältnisse zu sehr und die Weltverhältnisse zu wenig beleuchteten. Dies habe auch mit der von Fuchs als problematisch angesehenen Gleichsetzung von Bildungsprozessen mit Wandlungsprozessen im Sinne von Fritz Schütze zu tun. Der Autor schlägt demgegenüber eine Orientierung an Jörg Ruhloffs Konzept einer „Pädagogik des problematisierenden Vernunftgebrauchs“ vor und exemplifiziert dieses Konzept anhand einer exemplarischen Einzelfallanalyse des biographischen Interviews eines 18-jährigen Abiturienten. Fuchs arbeitet heraus, dass es sich bei der Biographie um keinen emergenten Wandlungsprozess handelt, sondern „aus dem Befragen persönlicher und sozialer Leitbilder eine kritische Sicht erwächst, die sich sukzessiv entwickelt“.

 

C  Theoriegenerierung und Typenbildung in qualitativer Bildungs- und Biographieforschung

Burkhard Schäffer präsentiert in seinem Beitrag methodisch-methodologische Überlegungen zur Analyse von Altersbildern im Kontext eines Forschungsprojekts zum Zusammenhang von Altersbildern und Weiterbildungsorientierungen der (zwischen 1954 und 1964 geborenen) Generation der „Babyboomer“. Neben einer Differenzierung des Altersbildbegriffs – Schäffer unterscheidet zwischen Erfahrungs-, Denk- und Abbildern von Alten, vom Alter sowie vom Altern – werden grundlagentheoretische Überlegungen zu einer Verständi­gung im Medium von Altersbildern diskutiert. Hierbei spielen die mediale Codierung und Decodierung von Altersbildern in unterschiedlichen Teilöffentlichkeiten eine wichtige Rolle. Vor diesem Hintergrund wird eine exemplarische empirische Analyse durchgeführt, bei der zunächst ein Foto einer intergenerationellen Lehr-Lernsituation mittels dokumentarischer Bildanalyse interpretiert und in einem zweiten Schritt eine Fotogruppendiskussion zu dieser Photographie exemplarisch ausgewertet wird.

Im Rahmen der Habitus- und Milieuforschung diskutieren Helmut Bremer und Christel Teiwes-Kügler methodologisch den Weg zur Typenbildung. In einer Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten von Weber zur Typenbildung und den theoretisch-methodologischen Überlegungen von Bourdieu zu Habitus und Feld sowie von Durkheim über Milieu wird ein theoretischer Bezugsrahmen für eine Habitustypenbildung eröffnet. Im Rahmen von hermeneutischen Interpretationsverfahren werden Klassifikationsschemata auf methodologischer Ebene in Auseinandersetzung mit der dokumentarischen Methode und der Objektiven Hermeneutik vorgestellt, wobei auch auf theoretische Überlegungen von Mannheim eingegangen wird. Die analytischen Elementarkategorien für eine Habitus- und Milieuanalyse werden in eine empirische Typenbildung überführt, wobei explizit die Auswertungsschritte der Habitustypenbildung diskutiert werden und sich über ein Beispiel von Akteuren in kirchlich-religiösen Feldern konkretisieren. Auch hier werden die Begrifflichkeiten Idealtypen und Realtypen kritisch durchleuchtet.

Auch Florian von Rosenberg thematisiert vor dem Hintergrund der bourdieuschen Feldtheorie die Kompatibilität zum praxeologischen Ansatz der dokumentarischen Methode. Hierbei verweist er neben dem Habitusbegriff besonders auf den Feldbegriff, die Standortgebundenheit des Subjektes, innerhalb dessen das Subjekt einen Habitus ausbildet und sich auf unterschiedliche in einem Feld enthaltene soziale Konstruktionen verhält. Herausgearbeitet werden die theoretische Nähe und die damit verbundenen methodologischen Implikationen der bourdieuschen Feldtheorie zur dokumentarischen Methode. Fokussiert werden das Passungs- und Strategieverhältnis von Feld bzw. von Feldern und Habitusformen und die daraus entstehenden Dynamiken. Illustriert wird dieser Ansatz anhand einer empirischen Untersuchung über Jugendlichen in der Schule, die sich im Feld Schule auf eine Hinter- und Vorderbühne beziehen und es dadurch in den Habituslogiken zu Differenzen kommt.

Ausgeleuchtet wird zudem die Verwendung unterschiedlicher methodischer Zugänge innerhalb der qualitativen Forschung. Maren Zschach und Sina Köhler gehen der Frage nach, wie eine Typenbildung entwickelt werden kann, die unterschiedliche qualitative Forschungsmethoden und damit verschiedene empirische Felder in sich aufnimmt. Anhand der Fragestellung, wie sich bei Heranwachsenden der Zusammenhang von Peergroup- Orientierung und schulischer Selektion erklären lässt, wird das methodische Vorgehen einer mehrdimensionalen Typenbildung nachgezeichnet. Ethnographische Beobachtungen, Videografien von gruppenspezifischen Freizeitaktivitäten und Gruppendiskussionen mit Kindern, die Triangulation von qualitativen Verfahrensweisen, wird hier in Bezug auf eine Typenbildung in Anlehnung an Bohnsack ausdifferenziert. Die Typenbildung erfasst in anspruchsvoller Weise die Rekonstruktion sowohl individueller als auch kollektiver Orientierungen von Peers und Heranwachsenden und fragt nach den unterschiedlichen Passungsverhältnissen in Bezug auf soziales Milieu und Selektion. In der Typenbildung werden theoretisch unterschiedliche Bereiche kombiniert und methodisch sowie methodologisch begründet.

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Erschienen bei Budrich:

3D Cover Ecarius SchäfferJutta Ecarius, Burkhard Schäffer (Hrsg.): Typenbildung und Theoriegenerierung. Methoden und Methodologien qualitativer Bildungs- und Biographieforschung

2., überarbeitete Auflage

 

© Pixabay 2019 / Foto: markmags