Geblättert: „Qualitative Längsschnittforschung“ von Sven Thiersch

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Qualitative Längsschnittforschung. Bestimmungen, Forschungspraxis und Reflexionen

Sven Thiersch (Hrsg.)

 

Zum Buch:

Obwohl in den letzten Jahren immer mehr qualitative Studien auch in einem Längsschnittdesign durchgeführt werden, stellen sie in der empirischen Sozial- und Bildungsforschung nach wie vor eine Ausnahme dar. Qualitative Längsschnittforschung von Sven Thiersch bietet eine erste systematische und differenzierte Zusammenführung der unterschiedlichen theoretischen und methodischen Perspektiven sowie forschungspraktischen Erfahrungen bei der Umsetzung von qualitativen Längsschnittstudien. Erkenntnispotentiale und offene Fragen zentraler Ansätze und Ergebnisse aus ausgewählten Forschungsfeldern werden diskutiert und reflektiert.

Leseprobe: S. 9-16

 

Qualitative Längsschnittforschung. Eine Einleitung

In der sozialen und pädagogischen Alltagswelt werden Ereignisse und Erfahrungen aus unterschiedlichen Lebens- und Entwicklungsphasen medial festgehalten: In Videodokumentationen, Fotoalben oder Leporellos, in Tagebüchern, Portfolios und Chronologien – unabhängig davon, ob analog oder zunehmend digital und ob aus Optimierungs- oder Idealisierungsgründen – zeigt sich, dass wir alltägliche Methoden entwickelt haben, das Leben über mehrere Zeitpunkte hinweg zu dokumentieren. Ein Motiv für dieses handlungspraktische Vorgehen ist sicherlich darin zu sehen, die Entwicklungen, Veränderungen und Wandlungen im Leben nachzeichnen, deuten und bewerten zu können. Wir machen uns damit ein Bild, welche Transformationsprozesse in der Genese von Einzelnen und Gruppen, im Zuge institutioneller Übergänge (z.B. vom Kindergarten zur Schule) und des kollektiven Gedächtnisses in gesellschaftlichen Umbruchphasen durchlaufen worden sind und verstehen dabei Zusammenhänge, die zu Erkenntnissen des Gewordenseins führen.

Qualitative Längsschnittforschung schließt, wie die qualitative Forschung im Allgemeinen, an diese Methoden der Alltagswirklichkeit an. Sie geht davon aus, dass sich erkenntnislogisch die Konstruktionen der Lebenswelt nicht von denen ihrer wissenschaftlichen Erschließung durch Interpretation und Rekonstruktion unterscheiden. Alltagswissen und -erkenntnisse sind bereits „auf unterschiedlichen Ebenen durch sinnhafte Konstruktionen, durch Typenbildungen und Methoden vorstrukturiert“ (Bohnsack 2010: 23). Begründet durch ihren Gegenstandsbereich der expliziten und impliziten Praxis und Theorien handelnder Akteure ist ein zentrales Kennzeichen qualitativer Forschung deren methodologische und methodische Reflexivität. Gegenstand, Methode und Theorie stehen – anders als in standardisierten Vorgehensweisen – in einem unmittelbaren Verweisungszusammenhang. Vor diesem Hintergrund und auf dem Weg zu einer gegenstandsbezogenen Theoriegenerierung orientiert sich qualitative Forschung an ihrem Untersuchungsgegenstand und entwickelt in der Erhebung und Auswertung von Fällen ein, gegenüber dem Alltagshandeln, offenes und angemessenes Vorgehen. Die dem Gegenstand angepassten und mehr oder weniger modifizierten Verfahren der Interpretation werden im Forschungsprozess hinsichtlich ihrer Aufschluss- und Erkenntniskraft selbst rekonstruiert und reflektiert. Aus den daraus abgeleiteten Erkenntnissen gehen Impulse für den allgemeinen Diskurs zu methodischen Prinzipien und Standards qualitativer Forschung hervor.

Obwohl wir im Alltag längsschnittliche Zugänge und Konstruktionen zum Deuten und Verstehen sozialer und pädagogischer Wirklichkeit anwenden, sozial- und erziehungswissenschaftliche Forschung ein besonderes Erkenntnisinteresse an Transformations- bzw. Reproduktionsprozessen aufweist und in der qualitativen Forschung bereits seit ihren Ursprüngen qualitative Längsschnittstudien disziplinübergreifend durchgeführt werden, steht, bis auf einzelne das Feld systematisierende Überblickartikel (z.B. Witzel 2010; Dreier/Leuthold-Wergin/Lüdemann 2018) sowie methodisch fokussierte Themenhefte (vgl. Asbrand/Pfaff/Bohnsack 2013), der wissenschaftliche Diskurs zum Erkenntnispotential und zu den methodologischen und methodischen Implikationen des qualitativen Forschens im Längsschnitt (noch) am Anfang (vgl. Lüders 2000; Witzel 2010). Im Anschluss an die in den letzten Jahren nun vermehrt längsschnittlich angelegten qualitativen Studien, auf die sich einige Autor* innen in diesem Band unmittelbar beziehen, versteht sich dieser Sammelband als eine erste Zusammenführung der Erfahrungen, Reflexionen und Erkenntnisse bei der Umsetzung qualitativer Längsschnittstudien auf der Grundlage unterschiedlicher theoretischer Perspektiven und methodischer Ansätze. Insofern stellt er kein einführendes Lehrbuch mit Basiswissen zur Durchführung qualitativer Längsschnittstudien dar. Konzeptionelles Ansinnen in den Beiträgen ist es, in der Darstellung und Reflexion des eigenen forschungspraktischen Tuns sowie in der Diskussion und Einordnung der zentralen Ergebnisse, einen Beitrag zur Frage des erkenntnistheoretischen Potentials qualitativer Längsschnittansätze zu leisten. An einzelnen Studien aus ausgewählten Gegenstandsfeldern der Familien-, Schul-, Jugend- und Religionsforschung werden folgende Fragestellungen, die sich mit einem qualitativen Längsschnitt stellen, exemplarisch bearbeitet: Worin liegt der Erkenntniswert qualitativen Forschens im Längsschnitt im Kontrast zu anderen Zugängen und angesichts der damit verbundenen Komplexitätssteigerung und forschungspraktischen Herausforderungen? Welche grundlegenden methodologischen und methodischen Probleme werden virulent, wenn individuelle und kollektive Sozialisations-, Bildungs- und Lernprozesse, aber auch Entwicklungsprozesse von Organisationen und gesellschaftliche Wandlungsprozesse zu mehreren Zeitpunkten und nicht einmalig und retrospektiv erhoben und ausgewertet werden? Was bedeutet ein derartiges Längsschnittdesign für die Entwicklung von Gegenstandskonzeptionen bzw. -konstruktionen und die Kategorienbildung, zuvorderst mit dem Fokus auf das Spannungsfeld von Transformation und Reproduktion? Wie werden die etablierten und kodifizierten Verfahren qualitativer Sozialforschung hier angewendet und welchen Modifikationen unterliegen die Arbeitsschritte dieser Methoden in qualitativen Längsschnittstudien? Zur Diskussion dieser Fragen werden in den Beiträgen dieses Sammelbandes theoretische Positionen, zentrale Begriffe und konkrete Forschungspraxis einer derartigen Forschung perspektiviert und reflektiert.

In dieser Einleitung soll qualitative Längsschnittforschung zunächst in das Feld der qualitativen Sozialforschung eingebettet werden. Skizziert werden historische und aktuelle Entwicklungen des qualitativen Erhebens und Auswertens. Des Weiteren werden Gegenstandsannahmen einer qualitativen Längsschnittforschung umrissen und die damit verbundenen methodologischen und methodischen Implikationen (an)diskutiert.

 

1. Einbettung längsschnittlicher Forschungsansätze in den Entstehungskontext der qualitativen Forschung

Qualitatives Forschen im Längsschnitt ist innerhalb der qualitativen Forschung kein neuer Ansatz. In den verschiedenen Phasen und Stadien der Ausdifferenzierung und Etablierung wurden schon immer qualitative Studien mit Mehrfacherhebungen und -auswertungen durchgeführt. Bereits in zwei Ursprungszusammenhängen der qualitativen Forschung, der soziologisch ausgerichteten Chicagoer Schule und der entwicklungspsychologisch orientierten Tagebuchforschung, die hier nur exemplarisch und in der gebotenen Kürze vorgestellt werden können, werden Zugänge gewählt, die Perspektiven von Individuen und Gruppen zu mehreren Zeitpunkten in den Blick zu nehmen.

Einige der Chicago-Studien entwickelten einen Zugang, die alltagsweltlichen Integrationsprozesse sozialer Gruppen und Akteure und die lebensgeschichtlichen Verläufe in delinquenten Karrieren von Jugendlichen im gesellschaftlichen Wandel von der traditionalen zur modernen industriellen Gesellschaft im Kontext des sozialen Gemeindemilieus oder der Migrationserfahrung über mehrere Erhebungszeiträume zu erforschen (vgl. Asbrand/Pfaff/Bohnsack 2013: 3). Die ersten Untersuchungsanlagen im Längsschnitt wurden dabei, (noch) ohne Bezug auf einen gemeinsamen methodologischen und methodischen Diskurs qualitativer Forschung, gegenstandsbezogen entwickelt und richteten sich schon damals daran aus, Lebenswelten und -verläufe in ihrer Ganzheitlichkeit und Komplexität in den Fokus zu bekommen. Im Bemühen eine empirisch begründete und verstehende Soziologie einzurichten, teilten die Forschergruppen um Thomas, Znaniecki, Park und Burgess grundlegend die Überzeugung einer Gegenstandsnähe, um die milieuspezifischen Handlungsmuster und Wirklichkeitskonstruktionen der Akteure in teilnehmenden Beobachtungen, offenen Interviews und Dokumentenanalysen festzuhalten. Die Studien der Chicagoer Schule fokussierten, über die ideographische Analyse der Perspektiven und Handlungsmuster von Akteuren und Gruppen, individuelle und gesellschaftliche Transformationsprozesse. Um diese zu erschließen, erhob man nicht nur offene biographische Interviews, die Interviews und Beobachtungen wurden zugleich in zeitlichen Abständen wiederholt durchgeführt.

Im Kontext der Chicagoer Schule ist sicher die Einzelfallstudie von Clifford Shaw „The Jack Roller“ die bekannteste qualitative Längsschnittstudie, in der ein jugendlicher Straftäter, dem Shaw den Namen „Stanley“ gab, über sechs Jahre zwischen dessen 16. und 22. Lebensjahr in autobiografisch orientierten narrativen Interviews befragt wurde (vgl. Shaw 1966). Um die Lebensgeschichte und die darin zum Ausdruck kommende Veränderung des Selbst und der Selbstpositionierung im Rahmen sich verändernder sozialer Bedingungen möglichst dicht nachzeichnen zu können, führte Shaw mehrere Interviews über einen längeren Zeitraum: „The task of securing complete and useful documents by this technique [of interviews, S.T.] usually necessitates a series of interviews, which in some cases extend over a relatively long period of time“ (Shaw 1966: 21). Zusätzlich zog Shaw Tagebuchaufzeichnungen, medizinische und psychologische Akten und andere Dokumente und Aussagen (z.B. des Bewährungshelfers), sowie in einer komparativen Analyse die Ergebnisse anderer Fälle zur Auswertung heran. Shaw wählte eine Darstellungsform des Eigenberichts, um die Welt- und Selbstinterpretationen und die sozialen Handlungsprobleme Stanleys über die Zeitspanne in den Mittelpunkt der Analyse zu rücken und daraus eine Theorie der Genese des delinquenten Verhaltens zu entwickeln, die die Relevanz institutioneller Ordnungen (z.B. Erziehungsheim, Polizei), persönlichkeitsrelevanter Dimensionen und sozialökologischer Kontexte wie familiale Konstellationen und Peer-Beziehungen berücksichtigt. Seine Studie steht damit exemplarisch dafür, wie im Längsschnitt das krisenhafte Aufbrechen von Handlungsroutinen und die Entstehungsdynamiken abweichenden Verhaltens im Zuge biographischer und gesellschaftlicher Transformationsprozesse fremdverstehend nachvollzogen werden können.

Fast zeitgleich finden sich auch in der frühen Tagebuchforschung Ansätze, die Daten eines von den Akteuren selbst durchgeführten qualitativen Längsschnitts auszuwerten. Tagebücher aber auch weitere para-literarische Dokumente wie Briefe stellten und stellen zeitlich strukturierte empirische Protokolle par excellence dar und wurden lange Zeit in der Entwicklungspsychologie – bei aller disziplinärer Kritik an den qualitativen Ansätzen – als eine „Längsschnittmethode“ wahrgenommen (vgl. Mey 2010: 753). Mit den längsschnittlichen Tagebuchprotokollen entwickelte man so einen methodischen Zugang zu den Entwicklungs- und Selbstfindungsphänomen bzw. -verläufen, sowie der Selbstreflexivität von adoleszenten Jungen und Mädchen und damit verbundener Transformationsprozesse in der Jugendphase, nicht zuletzt in der Neuordnung sozialer Beziehungen (vgl. auch Bernfeld 1931; Bühler 1922, 1925, 1932, 1934). Aber auch Forscher*innen selbst, wie Clara und William Stern, nutzen in den Anfängen der Entwicklungspsychologie den Tagebuchlängsschnitt, um die Entwicklungsprozesse (z.B. der Sprache) ihrer eigenen Kinder zu dokumentieren und zu analysieren (vgl. Mey 2010: 753). Im Anschluss daran werden in einer Renaissance qualitativer Forschung ab den 1960er Jahren zur psychologischen Untersuchung von Entwicklungsphasen über die Lebensspanne und der individuellen Bewältigung von Krisen qualitative Längsschnittansätze gewählt (z.B. Lehr/Thomae 1986). Auch die bekannten entwicklungspsychologischen Stufenmodelle Piagets und Kohlbergs basieren auf durchgeführte Längsschnitte. Kohlbergs Konzept moralischer Entwicklung arbeiteten er und seine Mitarbeiter*innen in einem über 25 Jahre durchgeführten Längsschnitt aus, in dem Jugendliche zu moralischen Dilemmata- Situationen befragt wurden (vgl. Garz 2006: 106). Und auch Piaget beobachtete zur Ausarbeitung seines Stufenkonzepts der kognitiven Entwicklung der Denkprozesse die teilnehmenden Kinder über einige Jahre (ebd.: 53).

 

2. Qualitative Längsschnittforschung im Kontext der Ausdifferenzierung qualitativer Forschung

Qualitative Forschung hat nach wie vor Konjunktur und ist nach wie vor erfolgreich (vgl. Reichertz 2016: 17). Zu beobachten ist seit einigen Jahren dabei eine paradoxe Entwicklung: Zum einen wird über das Problem ihrer „Institutionalisierung“, „Kanonisierung“ und „strategischen Standardisierung“ im Zuge der Internationalisierung und Modularisierung (Knoblauch 2014: 76), die in einer „Versäulung in methodischen Schulen“ (Kreitz 2018: 60) auch im Zuge zahlreicher Methoden(lehr)bücher in den 2000er Jahren zum Ausdruck kommen, diskutiert. Zum anderen hat die methodische Ausdifferenzierung mittlerweile einen Grad erreicht, dass die Verzweigung und Heterogenität qualitativer Forschung kaum mehr überschaubar erscheint (vgl. Knoblauch 2014: 73f.; Reichertz 2014: 90). Die verstärkte und vielseitige Anwendung von qualitativen Längsschnittansätzen scheint in dieser Gemengelage eine weitere Ausformung bzw. -differenzierung zu sein.

In der permanenten Fortentwicklung der Methoden durch die Anwendung auf konkrete Gegenstände und entsprechend abgestimmten Forschungsdesigns ist für qualitative Längsschnittforschung konstitutiv was für qualitative Forschung schon immer gilt: Es gibt nicht die qualitative Forschung und der Bestimmungsversuch eines einheitlichen Kerns kann nur scheitern. Dies zeigt sich jüngst in neuen Systematisierungsversuchen und der Unterscheidung von deskriptiv-qualitativer, verstehend-interpretativer und tiefenstrukturell-rekonstruktiver Forschung sowie Methoden der Diskursforschung (vgl. Reichertz 2016: 22ff.). Irritiert werden diese Bestimmungen wiederum durch eine mannigfaltige Ausdifferenzierung zu integrativen, verzahnten und kombinierten Ansätzen. Diese sind in der Verschränkung mit quantitativen Methoden bspw. in Mixed-Methods-Ansätzen (z.B. Kuckartz 2014), in der Triangulation von qualitativen Methoden in Mehrebenenanalysen (Hummrich/Kramer 2018), in der Zusammenführung rekonstruktiver Ansätze bspw. in der sequenzanalytischen Habitusrekonstruktion (Kramer 2017) sowie Habitushermeneutik (Bremer/ Teiwes-Kügler 2013) oder in der Bezugnahme auf neue Heuristiken in den Spielarten der Diskursanalyse (z.B. Keller 2005; Fegter et al. 2015), der Adressierungsanalyse (Rose/Ricken 2017) oder der Positionierungsanalyse (Lucius- Hoene/Deppermann 2004) zu beobachten. Zugleich kommt es auch innerhalb etablierter Methoden zu einer methodologischen und methodischen Weiterentwicklung, wie sie bspw. in der Konzeption einer relationalen Typenbildung in der Dokumentarischen Methode deutlich wird (vgl. Nohl 2013). Quer zur forschungsmethodischen Weiterentwicklung setzte eine verstärkte Diskussion zur Nutzung von Daten für Sekundäranalysen und zur Datenerhebung, -aufbereitung und -auswertung angesichts zunehmender digitaler Hilfstechniken ein. Gerade diese digitalen Möglichkeiten neuer Programme der Datensystematisierung (z.B. Kodierprogramme) und des Datenmanagements versprechen die Durchführung der aufwendigen qualitativen Längsschnittstudien in den letzten Jahren zu erleichtern.

In diesem Gesamtzusammenhang scheint auch mit der Nutzung qualitativer Längsschnittansätze ein Entwicklungsbeispiel dafür gegeben zu sein, dass „jenseits des Methodendualismus“ von quantitativer und qualitativer Methodologie und Methodik sowie jenseits der Ausdifferenzierung innerhalb der qualitativen Forschung Grundlagen der empirischen Erschließung sozialer Wirklichkeiten diskutiert werden können (Kelle 2008: 293). Ins Zentrum sind der Beobachtung nach (wieder) mehr der sozialwissenschaftliche Gegenstandsbereich und Konstrukte gestellt, „mit deren Hilfe theoretische, empirische und methodologische Diskurse aufeinander bezogen und füreinander anschlussfähig gemacht werden können“ (ebd.: 293f.). Qualitative Längsschnittforschung kann hier als ein Zugang gedeutet werden, den sozial- und erziehungswissenschaftlichen Gegenstandsbereich von individuellen und kollektiven Entwicklungen und Veränderungen im Spannungsfeld von Transformation und Reproduktion gerecht zu werden. Ein Problem qualitativer Längsschnittforschung besteht bis heute nun aber in dem nur ansatzweise geführten Diskurs, wie in qualitativen Längsschnittstudien der Gegenstandsbereich sowohl grundlagentheoretisch als auch gegenstandstheoretisch in konkreten Studien zu bestimmen sei. Wie sind in Längsschnittstudien basale Konzepte (z.B. Habitus, Identität etc.) anzuwenden und weiterzuentwickeln und wie können diese mit den gewählten gegenstandstheoretischen Perspektiven vermittelt werden?

 

3. Anmerkungen zum Gegenstandsbereich qualitativer Längsschnittforschung

Ein Ausgangspunkt und zentrales Paradigma des qualitativen Denkens stützt sich seit jeher auf der Annahme einer Historizität der Gegenstände. Das historische Verstehen in der qualitativen Forschung zielt auf den Nachvollzug der Genese und Veränderung sozialer Phänomene. Diese Prozesse nachzeichnen zu können, ist in allen Methoden der qualitativen Forschung in gewisser Weise als Anspruch formuliert. Sie geht davon aus, dass Akteure und Gruppen der sozialen Welt eine Geschichte haben und diese Geschichte ihrer Entstehung zu jedem Zeitpunkt des Lebens zum Ausdruck bringen. Insofern rücken Transformationen von Selbst- und Weltperspektiven und soziokulturellen Praktiken durch die Erfahrungen in neuen Gesellschafts- und Entwicklungskontexten ins Erkenntniszentrum. In diesem Zusammenhang ist der „Stelle in der Linie der Zeit“ genauso Rechnung zu tragen, wie dem „Ort im Raum“ und der „Stellung im Zusammenwirken der Kultursysteme und der Gemeinschaften“ (Dilthey 1970: 135). In Relation zu den Veränderungen historischer Individuen und Gruppen unterliegt gleichsam der historische Kontext selbst Transformationsprozessen, die in die Analyse mit einzubeziehen sind. Für Fragestellungen, die diese historische Kontextualisierung zentral bearbeiten, sind qualitative Längsschnittstudien naheliegend und zwingend.

Die auch international zu beobachtende Entwicklung zu mehr qualitativen Längsschnittstudien, insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Kriminologie, Migration, Entwicklungspsychologie, Kindheit, Jugend und Alter (vgl. Holland 2006; Elliott/Holland/Thomson 2008: 231; Winiarska 2017), ist nicht nur mit der Etablierung qualitativer Forschung und damit einhergehender Finanzierung solcher Studien zu begründen, sie stützt sich gleichsam auf ein gesteigertes erkenntnistheoretisches Interesse. Epistemisch betrachtet haben historische, kulturelle, soziale und politische Entwicklungen neue Perspektiven im wissenschaftlichen Feld angestoßen und hervorgebracht. Gesellschaftlicher Wandel in der Postmoderne, der unter den zeitdiagnostischen Stichwörtern der Pluralisierung, Entstrukturierung und -grenzung, Mobilität, Flexibilität und Beschleunigung im Zuge von Globalisierung und Digitalisierung verhandelt wird, lenkt das Interesse verstärkt auf individuelle, kollektive und gesellschaftliche Transformationsprozesse, womit, wie der Exkurs zur Entstehung der Chicagoer Schule gezeigt hat, zentrale sozialwissenschaftliche Erkenntnisfragen in den Blick kommen.

Fragestellungen und Konzepte zu Transformationen, Veränderungen und Entwicklungen sind gleichermaßen Kategorien wie Stabilität, Kontinuität bzw. Reproduktion gegenüberzustellen. Qualitative Längsschnittstudien richten ihren Blick auf dieses Spannungsfeld von Transformations- und Reproduktionsprozessen in ihrer kontext- und zeitspezifischen Dimensionalität und stellen damit Wissen zur sozialwissenschaftlichen Reflexion bereit.

Ein prominentes Beispiel ist die Etablierung qualitativer Längsschnitte in Untersuchungen zum lebenslangen Lernen (Kraus 2000; Hof/Kade/Fischer 2010; Fischer/Kade 2012; Kade 2018). Gerade auf Akteursebene zeigen sich in Übergängen und in Brüchen im Lebenslauf die gesteigerten Mehrdeutigkeiten, Paradoxien und Inkonsistenzen biographischer Orientierungs- und Handlungsmuster des Subjekts (vgl. Witzel 2010: 291; Schmidt-Lauff/von Felden/ Pätzold 2015). Lebensläufe stellen zwar nach wie vor durch ihre Institutionalisierung (z.B. im Bildungssystem) eine „gesellschaftliche Strukturdimension“ zur Ordnung des Lebens dar (Kohli 1985). Sie unterliegen in der Postmoderne (z.B. in Familie und Beruf) aber zugleich einer „Destandardisierung und Deregulierung“ (Kohli 2003). In einem qualitativen Längsschnittansatz ist gegenüber einem einmaligen retrospektiven Interview der Lebenslauf nicht mehr „nur“ Inhalt, sondern wird selbst zum Ort bildungsbiographischer Erzählungen (vgl. Kade/Hof/Fischer 2010: 333). Hierin liegt ein Längsschnittpotential darin, die fallimmanente Zeitlichkeit auf objektive Zeitregime beziehen zu können. Ein qualitativer Längsschnittansatz bietet einen methodischen Zugang zur Gegenüberstellung und Kontrastierung der Deutungen, Praktiken und Bewertungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten und damit Möglichkeiten, die Veränderungen in der Wahrnehmung dieser Passagen und Pfade sichtbar zu machen. „Den Hintergrund bilden Überlegungen, dass die über lebensgeschichtliche Erzählungen rekonstruierbaren Biographisierungsprozesse immer aus einer spezifischen Gegenwart heraus produziert sind, die sich auf die Darstellung auswirkt. Biographien sind demnach keine zeitstabilen Formationen, sondern gegenwartsabhängige Momentaufnahmen (…)“ (Maier-Gutheil 2015: 18).

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Erschienen bei Budrich/utb:

3D Cover ThierschSven Thiersch: Qualitative Längsschnittforschung. Bestimmungen, Forschungspraxis und Reflexionen

 

 

© Pixabay 2020 / Foto: mohamed_hassan